Gerüchte, Operationspläne und Diplomatie

Am gestrigen Mittwoch gab es keinerlei Nachrichten über Fortschritte der syrischen Armee, dafür jedoch eine inoffizielle und unbestätigte Nachricht, dass die syrischen Offensivoperationen gegen Al Kaida und Konsorten bei Abu Dhuhur anlässlich der am 28./29. Januar in Sochi anstehenden Gespräche erstmal eingestellt werden.

Die handfestete Nachricht über Fortschritte im Kampf gegen den Terror kam am Mittwoch aus Deir Ezzor, wo es US-gestützten YPG-Kräften im Kampf gegen die Terrorgruppe ISIS nach mehreren Wochen sehr blutiger Bemühungen nun gelungen sein soll, ein weiteres Dorf einzunehmen.

Aus Afrin ganz im Nordwesten Syriens gab es gestern keine Nachrichten von größeren Offensiven der türkischen Armee und ihrem offenbar für 300 Dollar monatlich angeheuerten Jihadi-Kanonenfutter. Stattdessen gab es Nachrichten, dass die YPG wieder ein paar kleinere Gebiete und einen Hügel in Afrin von der türkischen Armee und ihren Jihadi-Proxies zurückerobert habe, womit die Türkei nach dem fünften Tag ihrer Aggression gegen Afrin wieder ziemlich genau da zu stehen scheint, wo sie am ersten Tag auch schon stand.

Obwohl die Aggression gegen Afrin einem hin und her zu gleichen scheint, hat es beim Krieg um Afrin natürlich auf beiden Seiten wieder Tote und Verletzte gegeben.

Ansonsten gab es am Mittwoch zahlreiche Gerüchte, aber wenig belastbare Fakten. Den Auftakt für die Gerüchteküche machte die Türkei schon am Dienstag, als sie das angebliche Ziel ihrer „Operation Olivenzweig“ genannten Aggression gegen Syrien auf einer Karte präsentierte:

Zum Hintergrund der Karte muss man wissen, dass sich die kurdisch geprägten Hochburgen der YPG beinahe allesamt innerhalb dieser angedachten oder geplanten grenznahen Pufferzone befinden, und weite Teile der auf gängigen Karten anonsten kurdisch-gelb markierten Gebiete zwar von US-kurdisch geführten SDF-Kräften beherrscht werden, aber eher nicht oder kaum kurdisch geprägt sind. So eine Pufferzone liefe also, wenn sie realisiert wird, darauf hinaus, beinahe sämtliche kurdisch geprägte Hochburgen der YPG durch arabische Jihadi-Proxies der Türkei zu besetzen, was eine absolute Horrovorstellung für die YPG, und die lokale Bevölkerung, der sie entspringt, sein dürfte. Was den Horror der YPG komplettieren könnte, ist, dass praktisch alle NATO-Staaten, von denen die YPG bislang dachte, sie würden sie unterstützen, in den letzten Tagen so eine türkische Pufferzone zu einem legitimen Sicherheitsinteresse ihres NATO-Partners Türkei erklärt haben, vermutlich aus Angst, die Türkei könnte die NATO verlassen und sich stattdessen einem russischen Sicherheitsbündnis anschließen, wenn wesentliche NATO-Staaten sich bezüglich der Pufferzone gegen die Türkei stellen.

Dass auf der türksichen Karte auch die von der syrischen Armee beherrschte Qamishli-Tasche als Pufferzone ausgewiesen wird, darf man dabei vermutlich als Kartengrobheit vernachlässigen, denn die Türkei dürfte kein Interesse haben, gegen die syrische Armee um die Tasche zu kämpfen. Andersherum wird ein Schuh daraus: wenn die YPG sich mit der syrischen Armee einigen würde, dass die syrische Armee im ganzen Gebiet oder in Teilgebieten der angedachten Pufferzone wie vor dem Krieg für Sicherheit sorgt und die Grenzen schützt, würde die Türkei auf die Einrichtung einer solchen Pufferzone verzichten. Oder anders gesagt: wo immer die YPG die syrische Armee einlädt, die Kontrolle zu übernehmen, wird es keine türkische Militäroffensive in Syrien geben. Das schafft natürlich einen starken Anreiz für die YPG, darüber nachzudenken, ob sie sich nicht anstatt eines Bündnisses mit den USA und anderen NATO-Staaten, die am Ende doch wieder die Türkei unterstützen, nicht unter den Schutz der syrischen Armee begeben sollte.

Und Anzeichen dafür gab es am Mittwoch. Gegen Mittag gab es etwa die Mitteilung, dass russische und syrische Truppen sich aus der Gegend westlich von Manbij in Erwartung einer türkischen Offensive überraschend zurückgezogen haben, nur um dann wenige Stunden später genauso überraschend wieder zurückzukommen. Das riecht danach, als ob das mit lebhaften Verhandlungen zwischen der syrischen Regierung und der YPG über den Status der syrischen Armeekräfte in der Gegend zu tun haben könnte. Am Abend erfolgte türkische Luftangriffe auf zwei Positionen nordwestlich von Manbij widersprechen der Vermutung nicht, sondern deuten eher darauf hin, dass genau dort YPG-Kräfte stehen, die keinen Schutz durch die syrische Armee akzeptieren wollten.

Ein ähnlicher Prozess der Annäherung zwischen YPG und syrischer Regierung scheint am Mittwoch auch in Afrin in Gang gekommen zu sein. Ein erster zaghafter Hinweis darauf war, dass plötzlich ein Fernsehkanal aus Damaskus mit einem TV-Team vor Ort in Afrin über die türkische Aggression gegen den Bezirk Afrin berichten durte. Am Nachmittag berichtete der libanesische TV-Kanal Al Mayadeen dann, dass ein namentlich nicht genannter Kommandeur der YPG in Afrin erklärt habe, dass die YPG die syrische Armee in Afrin „selbstverständlich“ willkommen heißt. Das wurde zwar von einer „gut informierten Quelle“ des iranischen TV-Senders Al Alam „in Afrin“ kurz darauf dementiert, deutet aber darauf hin, dass es inzwischen auch in der YPG in Afrin eine Diskussion gibt, lieber den Schutz der syrischen Armee zu suchen als an einem angesichts der türkischen Aggression wertlosen Bündnis mit den USA festzuhalten.

Noch schwieriger scheint es zu sein, eine Diskussion unter lokalen Jihadisten in der Provinz Idlib über eine Einigung mit der syrischen Regierung in Gang zu bringen. Da sind nihct nur zahlreiche ausländische Terroristen aktiv, sondern auch unter der noch verbliebenen lokalen Bevölkerung so viele von radikalen Takfiri-Ideologien geprägte extremistische lokale Anhänger von Terrorgruppen wie Al Kaida und ISIS aktiv, dass nichtmal die ausgesprochen Jihadisten-freundliche Türkei da zurechtkommt. Allerdings stehen die Zeichen ihrer Niederlage auch für diese Jihadisten schon an der Wand. 24 Resistance Axis veröffentlichte gestern eine Karte, wie die syrisch-iranische Operation zur Befreiung von Abu Dhuhur in einer zweiten Phase mit der Einname der Autobahn von Hama nach Aleppo weitergehen könnte.

Durch Kampf verhindern können werden die in der Provinz Idlib aktiven Jihadisten diese Entwicklung nicht. Und nach der zweiten Phase würde natürlich eine dritte Phase folgen, wo dann die komplette Provinz Idlib unter Kontrolle der syrischen Armee käme. Die einzige Chance, ihre totale Niederlage zu verhindern, besteht für die zur lokalen Bevölkerung von Idlib gehörenden Jihadis in Verhandlungen mit der syrischen Regierung. Auch dabei wird die syrische Armee natürlich darauf bestehen, dass es in Idlib keine Terrorgruppen wie Al Kaida mehr geben darf. Aber wer von den noch verbliebenen Einwohnern der Provinz Idlib sich dem Kampf der syrischen Armee gegen Al Kaida anschließt anstatt gemeinsam mit Al Kaida Krieg gegen die syrische Armee zu führen, der wird am Ende nicht auf der Verliererseite, sondern auf der Gewinnerseite stehen und darf selbstverständlich erwarten, dass er anschließend sein Leben wie vor dem Krieg in seinem Dorf weiterführen kann. Vielleicht kann diese Perspektive eben doch den einen oder anderen bislang radikalen Einwohner der Provinz Idlib, allein oder in einer Gruppe, davon überzeugen, sich mit der syrischen Armee zu versöhnen, und gemeinsam mit der syrischen Armee gegen den Terror vorzugehen.

Nachdem die am heutigen Donnerstag auf Einladung der UNO startenden formellen Wiener Gespräche wie erwartet scheitern, bestünde bei den informellen Gesprächen in Sochi dann die Möglichkeit, dass die Regierung und die separatistische YPG, und die Regierung und die „Jihadisten-Opposition“ sich zumindest informell in Teilen näher kommen. Der Druck auf die YPG und die Jihadis ist jedenfalls groß. Verweigern sie sich weiter jeder Einigung und Versöhnung mit der Regierung eines geeinten Syriens, stehen sie vermutlich schon sehr bald vor katastrophalen militärischen Niederlagen.

Auf der wichtigen geopolitischen Ebene im Hintergrund gibt es übrigens leichte Anzeichen dafür, dass US-Präsident Trump es mit seinem unnachahmlichen diplomatischen Fingerspitzengefühlt trotz der devoten Haltung seiner Kollegen aus den anderen NATO-Staaten am Mittwoch in einem Telefongespräch mit dem türkischen Präsidenten Erdogan geschafft hat, die Türkei weiter zu verärgern. Ein möglicher NATO-Austritt der Türkei dürfte damit nach wie vor nicht vom Tisch sein.

22 Gedanken zu “Gerüchte, Operationspläne und Diplomatie

  1. In Bamberg stehen übrigens gerade zwei junge Männer vor Gericht, die aus Syrien nach Deutschland geflüchtet sind – per Spon/dpa:

    Syrer wegen Mordes in Asylunterkunft vor Gericht

    … Die 20 und 23 Jahren alten Männer sollen ihr Opfer gefesselt und geknebelt haben. Dann versuchten sie den Ermittlern zufolge, dem 26-Jährigen mit Küchenmessern Hände und Füße abzutrennen, ehe sie ihn umbrachten. …

    … Wodka getrunken und Joints geraucht …

    … schilderte der jüngere Verdächtige, dass er in Syrien im Straßenkampf unter Drogeneinfluss Menschen getötet habe – dies habe ihm Spaß gemacht …

    Nach Erkenntnissen der Polizei soll der 26-Jährige mitbekommen haben, dass die beiden einen anderen Mann töten und ausrauben wollten.

    Das Gericht hat noch neun weitere Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil wird am 1. März erwartet.

    Zum Hintergrund der Täter in Syrien gibt es nichts, aber das klingt nach einigen der zahlreichen extrem moderaten syrischen FSA-Rebellen, die von der westlichen Wertegemeinschaft mit Waffen und Geld unterstützt wurden, dann aber aufgrund politischer Verfolgung in Syrien plötzlich nach Bamberg flüchten mussten.

    Bamberg passt natürlich gut, denn Bamberg scheint ja auch sonst ein recht gefährliches Pflaster zu sein:

    http://www.polizei.bayern.de/oberfranken/news/presse/aktuell/index.html/257202

  2. Der deutsche Kartoffel wird da eher gesotten und gebraten, bevor er sich bewusst wird, ins wes Teufels Küche er steckt. Zeigt sich an der letzten Wahl, wo wiederum diese alte Falte aus der Uckermark gewählt worden ist.

  3. ……die „alte Falte aus der Uckermark“ ist übrigens keine gebürtige Uckermärkerin, noch nicht mal eine gebürtige Ostdeutsche, geboren wurde sie in Hamburg !

    …und in ihrer langjährigen Heimatstadt Templin/Uckermark wurde gerade ein linker Bürgermeister für seine 2. 8 jährige Amtszeit wiedergewählt, mit immerhin komfortablen 61,3 % der abgegebenen Stimmen , seine CDU-Herausforderin erreichte keine 19 % .

    Also, nicht mal in Templin glauben ihr die Leute !

    1. „Also, nicht mal in Templin glauben ihr die Leute !“

      klingt aber gut wenn die Ossis an –>allem<– dranschuld sind
      Dieses Marschlied höre ich übrigens schon seit fast 30 Jahren. Insbesondere von der von der Deut.Bank gesponserten Regierung und ihren Medien

      Man muss aber auch dazu sagen, wir Ossis müssen zurecht bestraft werden, für das was wir vor fast 30 Jahren angerichtet haben.

      Also passt schon "Playgirl aus der Uckermark", mit dem ein oder anderen Fältchen

    2. Das Merkel wurde durch ihren Vater 1954 in die DDR ausgereist. Der war ev. Pastor und wollte den Sozialismus mit aufbauen. Er wurde in Templin der rote Kasner genannt. Das Merkel hat sich ihre Mitarbeit aber nicht nehmen lassen, hat auf der EOS stramme Reden im Blauhemd gehalten.

      1. Merkels Vater war eine zwielichtige Figur. Man sollte nicht wieder und wieder (und faktenlos) das Mem vom „roten Kasner“ kolportieren.

  4. So jetzt ist es scheinbar offiziell. Die Kurden bitten die syrische Armee um Schutz.

    Die syrische Regierung wird aufgefordert die Region und seine Menschen vor dem Angriff durch türkische Kräfte zu beschützen.

    Die syrische Regierung soll, laut der Selbstverwaltungsbehörde in Afrin, ihrer Verpflichtung nachkommen und die Region als Teil des souveränen syrischen Staatsgebiets vor der türkischen Invasion schützen und sein Militär stationieren.

    Die Stellungnahme unterstreicht, dass die Kurden Afrin in den letzten 6 Jahren vor Terroristen und Invasoren beschützt haben und dies auch weiterhin tun werden, auch wenn die syrische Armee eingreift.

    BEIRUT, LEBANON (6:07 P.M.) – The official Kurdish administrative bureaucracy that runs Syria’s Afrin region has called on the government in Damascus to protect the region and its people from the ongoing assault against it by Turkey-led forces.

    Moments ago, the Afrin Self-Administration Office (a regional extension of the Kurdish Democratic Union Party) posted a statement (seen below) officially calling on the Syrian government to fulfill its duty to protect the region – a part of sovereign Syrian soil – from Turkish invasion by deploying its military.

    The statement did make the effort to point out that Kurdish forces had protected Afrin from terrorists and invaders for the last six years and that they would continue to do so even once the Syrian Armed Forces stepped in.

    A key part of the statement reads:

    “We call out for the Syrian government to protect Afrin and Syria’s borders by deploying the Syrian Armed Forces to protect Afrin borders.”

    https://www.almasdarnews.com/article/breaking-kurdish-government-officially-calls-syrian-army-protect-afrin-turkey/

    1. Demeter

      Nein, das glaube ich so nicht. Das scheint ein Fortschritt, aber immer noch nicht ganz ausverhandelt zu sein. Da gibt es offenbar noch Hindernisse. Fertig verhandelt ist das erst, wenn syrische Truppen tatsächlich in Afrin sind.

      Dem Statement aus Afrin ging übrigens ein Statement der Türkei voraus, dass die Türkei keine Pläne habe, die syrische Armee zu attackieren:

      http://tass.com/world/986957

      Ich würde deshalb mal vermuten wollen, dass da koordinierte internationale Diplomatie am Werk ist, aber dass das bis zu einer tatsächlichen Einigung noch etwas dauert.

  5. @ Parteibuch

    Kannst Du Trumps Aussagen schildern, die zu Erdogans Verärgerung geführt haben? Hast Du darüber genauere Infos?

    Zu den *****lanten will ich mich nicht äußern – da geht mir einfach nur die Galle hoch!!!

    1. Johanniskraut

      Anlass für die jüngste Verärgerung Erdogans scheint das Telefonat vom Trump mit Erdogan gewesen zu sein. Nach dem Telefonat haben die USA und die Türkei sich darum gestritten, was bei dem Telefonat tatsächlich gesagt wurde.

      Tagesspeigel schrieb zum Inhalt des Telefonats etwa:

      Trump warnte Erdogan dem Weißen Haus zufolge vor einer Konfrontation. Erdogan müsse jegliche Aktionen unterlassen, durch die es zu einem direkten Konflikt mit US-Soldaten kommen könnte.

      So Dinge wie „warnte“ und „müssen“ scheinen bei Erdogan nicht gut anzukommen.

      1. Letzte Meldung: es ist bereits soweit, dass in Afrin 2 US Militärberater erwischt wurden.

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