Schreibt Dershowitz für den Semit?

In Melzers Semit ist vorgestern im Nachgang zu einer interessanten Kulturveranstaltung in Berlin ein mit Ludwig Watzal gezeichneter Artikel erschienen, mit dem insbesondere der dort aufgetretene Musiker Gilad Atzmon attackiert wird.

Im Nachfolgenden soll es nicht darum gehen, ob Gilad Atzmon ein sympathischer Mensch ist oder nicht. Sicherlich kann man Gilad Atzmon aus vielfältigen Gründen kritisieren, und andere Menschen wie etwa seinen Kritiker Max Blumenthal übrigens auch.

Vorab sei zu nachfolgenden Ausführungen noch gesagt, dass die Methode, jemanden mit alten Zitaten und früheren Ansichten zu kritisieren, an sich schon etwas fraglich ist, denn Menschen können ihre Meinungen und Ansichten im Laufe der Zeit ändern, und das ist auch gut so. Hier soll es aber um etwas anderes gehen, nämlich die Verwendung einiger ganz spezieller „Zitate“ zur Attacke auf Gilad Atzmon im Semit. Damit Leser verstehen, worum es geht, soll es hier zunächst ein längeres Zitat aus dem Artikel des Semits geben:

… Der Saxophonist stammt aus Israel und lebst seit Jahren in Großbritannien. Sein Buch „The Wandering Who?“ und mehr noch seine unterirdischen Aussagen zum Holocaust haben ihn völlig diskreditiert. Gleichwohl wurde er eingeladen, woraufhin auch andere renommierte Teilnehmer nicht erschienen sind. wie zum Beispiel Daniele Ganser.

In Parenthese einige Zitate aus Atzmons „The Wandering Who?“: If Iran and Israel fight a nuclear war that kills tens of millions of people, „some may be bold enough to argue that `Hitler might have been right after all’“ (179). Children should be allowed to question, as he did, „how the teacher could know that these accusations of Jews making Matza out of young Goyim’s blood were indeed empty or groundless“ (185).“The Holocaust religion is probably as old as the Jews themselves“ (153). The history of Jewish persecution is a myth, and if there was any persecution the Jews brought it on themselves (175, 182). The „Judaic God“ described in Deuteronomy 6:10-12 „is an evil deity, who leads his people to plunder, robbery and theft“ (120). Atzmon explains that „Israel and Zionism … have instituted the plunder promised by the Hebrew God in the Judaic holy scriptures“ (121). The moral of the Book of Esther is that Jews „had better infiltrate the corridors of power“ if they wish to survive (158).

Übersetzung: Wenn der Iran und Israel einen Atomkrieg führen, der zig Millionen Menschen tötet, „könnten einige mutig genug sein zu argumentieren, dass „Hitler doch recht gehabt haben könnte“ (179). Den Kindern sollte erlaubt werden, zu fragen, „wie der Lehrer wissen konnte, dass diese Anschuldigungen, dass Juden Mazza aus Goyims Blut machen, tatsächlich leer oder grundlos waren“ (185). „Die Holocaust-Religion ist wahrscheinlich so alt wie die Juden selbst“ (153). Die Geschichte der jüdischen Verfolgung ist ein Mythos, und wenn es irgendeine Verfolgung gab, brachten es die Juden selbst auf (175, 182). Der in 5. Mose 6: 10-12 beschriebene „jüdische Gott“ ist eine böse Gottheit, die sein Volk zur Ausplünderung, Raub und Diebstahl führt (120). Atzmon erklärt, dass „Israel und der Zionismus … die vom hebräischen Gott versprochene Plünderung in den heiligen Schriften des Judaismus eingeführt haben“ (121). Die Moral des Buches Esther ist, dass Juden „die Korridore der Macht besser infiltrieren“, wenn sie überleben wollen (158).

Evelyn Hecht-Galinski und Gilad Atzmon sind sehr gute Bekannte, um es vorsichtig auszudrücken. …

Besonders dieses Zitat ist interessant: The history of Jewish persecution is a myth, and if there was any persecution the Jews brought it on themselves (175, 182). Die fehlenden Anführungszeichnen und die Angabe zweier Seiten als Quelle ist kein Zufall. Es ist nämlich überhaupt kein Zitat, oder besser gesagt, keines von Gilad Atzmon. Von wem dieses Zitat stammt, sollte eigentlich jedem, der die lebhaften Debatten der letzten Jahre über und mit Gilad Atzmon verfolgt hat, klar sein, nämlich vom notorischen Hasbaristen Alan Dershowitz. Und auch die anderen nun im Semit veröffentlichten „Gilad-Zitate“ stammen aus demselben nunmehr über sechs Jahre alten Artikel von Alan Dershowitz.

Und Gilad Atzmon hat sich zu den von Dershowitz schlecht zusammengefälschten Atzmon-Zitaten auch schon vor über sechs Jahren geäußert. Ludwig Watzal erwähnt das im Semit-Artikel genausowenig wie dass seine „Zitate-Sammlung“ von Alan Dershowitz stammt. Übrigens, weil ungekennzeichnete Dershowitz-Zitate so beliebt sind, hat Atzmon sich nun zu Ludwig Watzal und den von ihm verwendeten „Zitaten“ jetzt auch nochmal separat geäußert.

Nun die Preisfrage: wie sind die Dershowitz-Zitate in den Semit gekommen?

10 Gedanken zu “Schreibt Dershowitz für den Semit?

  1. OT

    https://rfsmediaoffice.com/en/2017/12/18/hts-decides-withdraw-eastern-ghouta/

    Von „Quelle“ kann man bei dem Ding nicht ansatzweise reden; aber es scheint ja ein Sprachrohr der „Rebellen“- Terroristen zu sein.

    200 Kämpfer von Al Nusra (unter HTS-Label) wollen sich Grünbussen lassen nach Idlib.
    Juckt wohl in den Fingern. Außerdem gibt es ja ohnehin oft Infight gegen JaI.

    Das soll die Hälfte der HTS-ler in Ghouta sein, also 200 wollen da bleiben.

    400 insgesamt sind nicht sonderlich viel?
    Auch wenn man da Verluste aus dem Infight berücksichtigt.

    An vielen Stellen der Deeskalationszone ist es ja relativ ruhig in letzter Zeit, die Strategie, Terroristen von Moderaten Terroristen, mit denen man (erst mal) zusammenarbeitet, hat sich ja auch an anderen Stellen bewährt.

  2. Hallo PB, hiermit möchte ich für die interessierte Leserschaft eine kleine Korrektur der Seitenzahlen bezüglich der deutschen Übersetzung des Buchs von G. Atzmon sowie die daraus oben angeführten vermeintlichen oder wirklichen Zitate im Kontext anbringen.

    Das Erstzitat ist im Kontext selbsterklärend:
    Die Gegenwart sollte als kreativer dynamischer Modus verstanden werden, in dem die Vergangenheit ihre Zukunft vorausdenkt. Noch entscheidender ist aber, dass die imaginäre Zukunft auch ihre Vergangenheit umschreiben kann. … Wir können uns zum Beispiel eine furchtbare Situation vorstellen, in der ein israelischer sogenannter „präventiver“ Nuklearangriff auf den Iran zu einem katastrophalen Atomkrieg eskaliert … Ich vermute, dass unter den Überlebenden eines solchen Albtraumszenarios einige eventuell so kühn sein werden, zu sagen, dass „Hitler letztlich doch recht gehabt haben könnte“.
    Dieses Szenario ist offensichtlich fiktiv und auf keinen Fall ein erwünschtes … Wie wir wissen, drohen israelische Offizielle nur zu oft, Iran dem Erdboden gleich zu machen. In der Praxis machen die Prä-TSS-Israelis
    [Anm. d. Zitierenden: Prä-TSS – Abkürzung für prä-traumatisches Stresssyndrom] dieses verheerende Szenario zu einer möglichen Realität.“ (215 ff)

    Im Epilog des Buches steht ohne Forderung irgendeiner Erlaubnis als rückblickende Erinnerung:
    … als wir die mittelalterlichen Ritualmordvorwürfe studierten, stellte ich laut die verwunderte Frage, wie der Lehrer denn wissen könnte, dass diese Anschuldigungen, wonach Juden Matze aus dem Blut junger Gojim herstellten, tatsächlich gegenstandslos oder grundlos waren. Wieder einmal wurde ich für eine Woche nach Hause geschickt.“ (223)
    Keineswegs als faktische Tatsache, sondern als argumentative Stütze für den darauf folgenden Abschnitt (über im voraus vermittelte Angst, für die Atzmon wie eingangs schon angerissen den Ausdruck „Prä-TSS“ verwendet) soll im Buch diese Passage fungieren:
    … keiner dieser Erforscher [Anm. d. Zitierenden: Wissenschaftler, die den Holocaust als Religion (als Theologie, Ideologie und Historizität) studieren] der Holocaust-Religion verwendet jedoch irgendwelche Energien auf das Studium der Rolle des Holocaust innerhalb des langwährenden jüdischen Kontinuums. Ab diesem Punkte werde ich die Behauptung vertreten, dass die Holocaust-Religion lange vor der Endlösung (1942), noch vor der Kristallnacht (1938), vor den Nürnberger Gesetzen (1936) und sogar noch vor Hitlers Geburt (1889) etabliert war. Die Holocaust-Religion ist wahrscheinlich so alt wie Juden selbst.“ (188)

    Das angebliche Zitat, das in der englischen Originalfassung auf Seite 175 bzw. 182 und in der deutschen Übersetzung wohl etwa so zwischen Seite 209 und 220 auftauchen sollte, existiert schlicht nicht. Zumindest nicht so komplett sinnentstellend verkürzt was das auf diesen Seiten zu Lesende tatsächlich aussagt sowie den simplen Fakt verkennend, dass das Wort ‚Mythos‘ auf diesen Seiten nicht ein einziges Mal zu finden ist.

    Und ja dann, gibt’s denn sowas … Atzmon schreibt doch wirklich der „jüdische Gott“ und zieht einen Bogen zwischen dem/n erwähnten Bibelvers(en) und der heutigen Situation:
    Der folgende Vers aus dem fünften Buch Mose, 6:10-12, ist Teil einer Ansprache des Mose an sein Volk auf seinem Weg in das „verheißene Land“:
    [Anm. d. Zitierenden: Auslassung von Mose, 6:10-12 lt. Luther-Übersetzung]
    Der jüdische Gott, wie er von Mose in der obigen Passage geschildert wird, ist eine böse Gottheit, die ihr Volk zu Plünderei, Raub und Diebstahl führt.
    “ (152)
    Der nie endende Diebstahl Palästinas im Namen des jüdischen Volkes ist Teil eines spirituellen, ideologischen, kulturellen und praktischen Kontinuums zwischen der Bibel, zionistischer Ideologie und dem Staat Israel (zusammen mit seinen überseeischen Unterstützern). Israel und Zionismus, beide erfolgreiche politische Systeme, haben die von dem hebräischen Gott in den jüdischen heiligen Schriften verheißene Plünderung in die Praxis umgesetzt.“ (153)

    Nach zusammenfassender Schilderung der Erzählung um König Ashasveros, Haman sowie Mordechai und Königin Esther, einem versuchten Judäozid & dessen Verhinderung (durch Esther) wird diese biblische Episode auf Auswirkungen in die jüngere Historie hinterfragt:
    Die Moral der Geschichte ist klar. Wenn Juden überleben wollen, dann infiltrieren sie besser die Korridore der Macht. Im Lichte des Buches Esther erscheinen Mordechai und Purim, AIPAC und die Idee „jüdischer Macht“ als Verkörperung einer tiefen biblischen und kulturellen Ideologie.
    Hier gibt es jedoch eine interessante Wendung. … Die fehlende klare Bestätigung irgendeines der Details des Buches durch das, was aus klassischen Quellen persischer Geschichte bekannt ist, führte die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Geschichte überwiegend oder sogar gänzlich fiktiv ist. Anders gesagt, ungeachtet der Moral der Erzählung ist der Genozidversuch fiktiv. Anscheinend ermutigt das Buch Esther seine (jüdischen) Anhänger zu kollektivem Prä-TSS, indem es eine „Vernichtungs“-Phantasie zu einer „Überlebensideologie“ macht.
    “ (193)

    1. Klean

      Auf diese Dinge kommt es mir hier überhaupt nicht an. Ich meine, es ist klar, dass „The Wandering Who“ ein kontroverses und provokatives Buch ist, wo vieles dran kritisierbar ist. Ich glaube, das hat der Autor Gilad Atzmon beim Schreiben auch so beabsichtigt. Insofern finde ich Kritik daran völlig selbstverständlich.

      Worauf ich jedoch aufmerksam machen möchte, ist, dass im Semit wortwörtlich ein sechs Jahre altes, von Dershowitz „gefälschtes“ Atzmon-Zitat aufgetaucht ist, ohne dass es als solches gekennzeichnet wurde, und Ludwig Watzal es stattdessen als Teil seiner eigenen Sammlung von Atzmon-Zitaten ausgegeben hat. Das hat mich überrascht. Wo er schon seinerzeit eine Rezension zu „The Wandering Who“ veröffentlicht hat, müsste Autor Ludwig Watzal sich in der Materie eigentlich auskennen.

      Dass da insbesondere heftige grundsätzliche Kritik von links kommt, halte ich angesichts des Buchinhalts für logisch. Gilad Atzmon schiene mir insofern auch eher auf rechteren Veranstaltungen als der Verleihung eines – wenn auch nur scherzhaft – nach Karl Marx benannten Preises vermutlich weniger umstritten zu sein als bei Peter Kleinerts Karlspreis. Aber wie gesagt, darum geht es mir hier gar nicht. Von mir aus mag von Gilad Atzmon und vom Karlspreis jeder halten was er will, auch wenn ich den Kölner Karlspreis als interessante Kulturveranstaltung betrachte. Worauf ich hier aufmerksam machen möchte, ist die ungekennzeichnete Dershowitz-Zitatfälschung im Semit. Warum ist die da erschienen, und wie ist sie da hineingekommen?

      1. War mir schon bewusst in welcher Frage dein Artikel hier gipfelte. Da ich zur Beantwortung dieser im Raum stehenden Frage nix faktisch konstruktives beitragen kann, weil mir der zugrundeliegende Vorgang bisher unbekannt war, ist mein Kommentar eher von der eigenen Wissbegierde inwieweit die Bestandteile der angeführten Zitatesammlung im Kontext sinnverzerrt oder gänzlich erfunden sind, motiviert gewesen.

  3. Ohje, da rappelt es aber ordentlich. Gut so! Aber wenn man sich mit sich selbst streitet, dann kann man glatt aus den Augen verlieren, dass man sich eigentlich mit den politisch Verantwortlichen streiten sollte, denn das sind die Entscheider. Aber einen solchen ablenkenden Streit zu erzeugen, ist ja wohl auch Sinn und Zweck von sog. U-Booten.

    Zum Iran und dem Esther-Buch habe ich hier schön öfter meine Sicht kundgetan, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Esther nur mit gewisser Schläue den persischen König ins Bett und damit hinter die Fichte geführt hat. Was spricht dagegen, in der Esther-Ahasveros-Geschichte eine große Liebesgeschichte zu sehen? Leider wissen wir nichts über den Fortgang dieser Geschichte. Wie viele Nachkommen hatten sie wohl und wer ist das jetzt? Und ich erinnere noch einmal an den LKW-Anschlag von Jerusalem, von dem Bibi sofort wusste, dass ISIS dafür verantwortlich ist, die IDF aber eigenartigerweise untätig blieb – und dass es jetzt Iraner sind, die Juden vor ISIS schützten, weil sie an der Seite Syriens gegen ISIS sehr erfolgreich vorgingen.

    Und zum Thema Holocaust frage ich mich, was die knallharten Juden/Israelis/Zionisten eigentlich mehr fürchten: Eine Ein-Staat-Lösung mit gleichen Rechten und Pflichten für Juden und Araber und mit dem Ende aller weiterer Landnahmenbestrebungen – auch gegen andere Staaten – oder das Platzen der Blase der Überhöhung des Holocaust? Verifizierung ist keine Relativierung und erst recht keine Negierung. Ist die Überhöhung des Holocaust eigentlich auch eine Form der Holocaustleugnung?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.