Die Idlib-Tasche rückt in den Fokus

Während die syrische Armee und ihre Partner im Nordwesten und Südosten der Stadt Deir Ezzor sowie in Zentralsyrien auch am heutigen Donnerstag im Kampf gegen die Terrorgruppe ISIS weiter vorangekommen sind, konzentrieren sich internationale Gespräche in Kasachstan bereits auf die Beseitigung des Terrors in der sogenannten Idlib-Tasche in Nordwestsyrien.

Vor einer Woche gab es aus der Türkei eine – hier im Parteibuch schon einmal veröffentlichte – Karte, die die Situation in der Idlib-Tasche wie folgt sieht:

Gut zu erkennen ist darauf, dass der allergrößte Teil der Tasche zwar von HTS-Kräften, wie Al Kaida in Syrien sich inzwischen nennt, beherrscht wird, es daneben jedoch auch noch andere Kräfte in der sogenannten Idlib-Tasche gibt. Mit dem Austritt des saudischen Terroristenchefs Abdullah Al-Muhaysni aus der Terrorgruppe HTS vor drei Tagen zeichnen sich dabei innerhalb der Al-Kaida-Allianz Bruchlinien ab, die im Kampf gegen den Terror in der Idlib-Tasche möglicherweise ausgenutzt werden können.

Obwohl über letzte Details in der kasachischen Hauptstadt Astana noch verhandelt wird, wird bereits berichtet, dass Russland, die Türkei und Iran sich einig sind, dass die einzurichtende Deeskalationszone Idlib am Boden von Kräften aller drei dieser Staaten überwacht werden soll. Aus der Türkei gab es zu den Verhandlungen in Astana heute eine Karte, auf der die Idlib-Tasche in drei Zonen aufgeteilt wurde: eine Zone östlich der Eisenbahnlinie Hamah-Aleppo, eine westlich davon befindliche Zone zwischen der Eisenbahnlinie und der Autobahn Hamah-Aleppo und eine Zone westlich der Autobahn.

Denkbar wäre es da zum Beispiel, dass sich die drei Mächte Türkei, Russland und Iran in je einer Zone jeweils federführend um die Eliminierung des Terrorismus und Befriedung der Tasche kümmern, etwa die Türkei im Westen, Iran im Osten, und Russland sich um die Bahn- und Straßenverbindung und das Gebiet dazwischen kümmert. Bis zur Stunde scheint da aber noch nichts unterschrieben zu sein. Aber es ist auch noch etwas Zeit, denn die Konferenz in Astana geht schließlich morgen noch weiter.

PS: Hier ist noch eine frische Karte von @miladvisor zur Lage in Deir Ezzor:

Noch ein Nachtrag: Israel ist der erste – und bislang einzige – Staat, der das geplante Referendum zur kurdischen Unabhängigkeit im Irak am 25. September unterstützt. Der US-Sondergesandte Brett McGurk war soeben mit einer UN-UK-Delegation in Erbil, um Barzani klarzumachen, dass er das Referendum absagen soll, das türkische Außenministerium warnte nochmal vor einem Preis, den das Referendum kosten wird, und der legendäre iranische General Qassem Suleimani soll gerade in Bagdad gewesen sein, um Bagdad bei der Verhinderung des Referendums zu unterstützen.

Haaretz meint, das geplante Refendum könne zu Chaos in der Region und einer türkisch-iranischen Invasion in den Nordirak führen, was genau der Grund zu sein scheint, dass Netanjahu seine Unterstützung für das Referendum als Verhandlungsmasse bezüglich der türkischen Unterstützung von Hamas betrachtet. Kurzum: Israel versucht seine Unterstützung für das kurdische Referendum, das zu Chaos und noch mehr Krieg in der Region führen soll, als Druckmittel zu benutzen, um andere Staaten zur Aufgabe der Unterstützung des palästinensischen Widerstandes gegen die israelische Besatzung zu zwingen.

Aber ob die israelische Rechnung aufgeht, ist sehr fraglich, denn dabei scheint nun praktisch die ganze Welt, von den USA über die Türkei bis zum Iran, vereint gegen Israel zu sein.

4 Gedanken zu “Die Idlib-Tasche rückt in den Fokus

  1. Prinzipiell soll doch dadurch nur Zeit gewonnen werden, denn Idlib wird erst drankommen, wenn der IS beseitigt ist und die syrische Armee im Süden aufgeräumt hat.

  2. Es geht weiter voran, militärisch wie diplomatisch. Was mich zur Zeit neben der Situation in und um Deir ez-Zor und Idlib beschäftigt, ist die Frage, wie die zusätzliche Verlegung russischer MIG 31 und MIG 29 SMT nach Syrien zu interpretieren ist. Die Verlegung wurde offen über Portale wie etwa South Front kommuniziert, es steht also eine Botschaft dahinter. Doch wer ist der Adressat?

    Die MIG 31 ist ein Abfangjäger, die MIG 29 SMT ein Mehrzweckkampgfkugzeug, das Bodenziele bekämpfen kann, dessen Kernkkompetenz jedoch im Luftkampf liegt. Damit steht sie also ergänzend den bislang schonnin Syrien stationierten SU 27, die ein reiner Luftkämpfer ist, ergänzend zur Seite. Russland stockt also die Kapazitäten zum Luftkampf über Syrien auf und kommuniziert dies offen. Wer ist der Adressat?

    Die USA, auf deren illegale Aktivitäten in Syrien Lawrow gerade wieder hingewiesen hat, die man aber solange zu tolerieren bereit sei, solange die USA gegen den IS agiere? Oder Israel, dessen zunehmend panisch agierender Staatschef mit Luftangriffen auf Damaskus gedroht hat, dessen Luftwaffe jüngst aus der Deckung des ohne Luftverteidigung dastehenden Libanons einen Angriff auf das syrische Masyaf geflogen hat und dessen Medien zunehmend hysterisch nach einem direkten Kriegseintritt Israels in Syrien kreischen, nachdem Israels slamistisch-djihadistischen Proxis von al-Quaida und Co. auf der Verliererstrasse sind?

    1. @Jörn
      „Die MIG 31 ist ein Abfangjäger, die MIG 29 SMT ein Mehrzweckkampgfkugzeug, das Bodenziele bekämpfen kann, dessen Kernkkompetenz jedoch im Luftkampf liegt. Damit steht sie also ergänzend den bislang schonnin Syrien stationierten SU 27, die ein reiner Luftkämpfer ist, ergänzend zur Seite. Russland stockt also die Kapazitäten zum Luftkampf über Syrien auf und kommuniziert dies offen. Wer ist der Adressat?“

      .

      Du stellst in meinen Augen die richtigen Fragen. Allerdings denke ich dass Du die Antwort auf Deine Fragen selber findest.
      Danke für Deinen Kommentar.

    2. Jörn

      Die Stationierung moderner russischer Luftkampftechnik in Syrien dürfte sich vornehmlich gegen größere US-Ambitionen richten. Wenn ISIS bezwungen und der Landkorridor Damaskus-Teheran damit Realität ist, dann kann Trump so angesichts solcher russischer Militärtechnik in Syrien überzeugender darauf verweisen, vorsichtig und klug gewesen zu sein, in Syrien keine größeren Ambitionen als, wie er sagt, ISIS-Terroristen umzubringen, verfolgt zu haben.

      Besonders relevant kann das werden, falls die Türkei den USA demnächst einen Zugang nach Syrien verwehrt, oder damit droht. Dann werden sicher viele Stimmen laut, die fordern, die USA mögen von Jordanien aus Nachschubwege für ihre kurdischen Stützpunkte freikämpfen und -bomben anstatt abzuziehen. Moderne russische Luftkampftechnik vor Ort in Syrien könnte dann ein gewichtiges und überzeugendes Argument des US-Militärs für einen Abzug anstelle eines weiteren Kampfes sein, auch wenn die Israel-Lobby da vor Wut schäumt.

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