Al Kaida greift im Norden der syrischen Provinz Hama an

Am gestrigen Dienstag hat die von Al Kaida geführte Terrorgruppe Hayat Tahrir Al-Sham im Norden der zentralsyrischen Provinz Hama eine offenbar groß angelegte Offensive gestartet, deren erstes wichtiges Ziel die Eroberung der Ortschaft Soran war.

Auf einer Karte sieht die Lage in der Gegend etwa wie folgt aus:

Im Laufe des gestrigen Tages gab es eine ganze Reihe von Meldungen, dass die Terroristen im Norden der Provinz Hama Fortschritte im Gelände gemacht und Erfolge gehabt hätten. Unter anderem wurde auch von Syrien-freundlichen Medien berichtet, den Terroristen sei die Eroberung der Ortschaft Soran gelungen.

Ob das so stimmt, darf aber bezweifelt werden. Seit langem durfte erwartet werden, dass die unverbesserlichen Al-Kaida-Terroristen und ihre vorgeblich modreaten Kameraden in der Tasche West-Aleppo-Idlib-Nord-Hama „demnächst“ wieder eine große Offensive durchführen würden. Klar ist auch, dass die syrische Armee zur Abwehr von Großoffensiven eine elastische Verteidigungstaktik einsetzt, sie sich zur Minimierung eigener Verluste in den vordersten Reihen ein wenig zurückzieht und sie die Terroristen etwas kommen lässt, um sie dann um so besser ohne möglicherweise im Weg stehende Zivilisten eliminieren zu können und dann, wenn die Terroristen aufgrund hoher Verluste geschwächt sind, sie die ursprünglichen Positionen nach Möglichkeit wieder zurückholt. Wenn Terroristen mit einer Großoffensive anfänglich etwas vorankommen, bedeutet das also mitnichten, dass sie auch wirklich Erfolg haben. So scheint es auch bei der neuen Offensive von Al Kaida im Norden von Hama sein. Und wichtige Punkte wie die Ortschaft Soran hat die syrische Armee anderslautenden Gerüchten zum Trotz offenbar eben gerade nicht aufgegeben, wie unter anderem Ivan Sidorenko in der Nacht zum heutigen Mittwoch mitteilte.

Trotzdem dürfte die Offensive der Terroristen im Norden von Hama noch eine Weile weitergehen und einfach ist die Situation für die syrische Armee nicht. The Inside Source macht etwa darauf aufmerksam, dass die syrische Armee mit sieben gleichzeitig offenen heißen Fronten ziemlich überlastet ist. Die sieben Fronten, von denen die Rede ist, dürften folgende sein: im Osten der Provinz Aleppo, in Deir Ezzor, im Osten der Provinz Hama am Nachschubweg nach Aleppo und in Palmyra gegen ISIS und im Norden der Provinz Hama, im Osten von Damaskus bei Jobar und Qabon sowie in Daraa jeweils gegen Al Kaida und Konsorten. Und aus Sicht der Terroristen ist die Überlastung der syrischen Armee durch die Bearbeitung zu vieler heißer Fronten gleichzeitig selbstverständlich genau das, was sie letztlich alle gemeinsam erreichen wollen. Für die syrische Armee und ihre Partner gilt es also aufzupassen, zumal die Terroristen in Palmyra von Israel, die in Daraa von Israel und Jordanien und die in Nord-Hama anscheinend wieder von der Türkei unterstützt werden.

Bislang scheint die syrische Armee mit der vielen Arbeit gerade jedoch zurechtzukommen. Östlich der nordsyrischen Metropole Aleppo hat die syrische Armee gestern beispielsweise wieder drei Dörfer aus der Hand von ISIS befreit:

Auch in Qabon und Jobar im Osten von Damaskus war die syrische Armee gestern durchaus zu erfolgversprechenden Gegenangriffen in der Lage.

Ebenso läuft es in Deir Ezzor, Palmyra und Daraa offenbar recht planmäßig für die Armee. Doch im Osten von Hama, an der einzigen Versorgungsstraße nach Aleppo, lief der Kampf gegen ISIS anscheinend nicht ganz so gut. Zwar gelang es der syrischen Armee gestern Vormittag, die Straße wieder frei zu bekommen, doch schon am Nachmittag wurde sie durch einen erneuten Angriff von ISIS-Terroristen wieder blockiert.

Erfreulich entwickelten sich hingegen die Fortschritte der unter anderem von den USA unterstützten kurdisch geprägten SDF-Kräfte nahe Raqqa. Dort gelang es den SDF-Kräften rund 25 Kilometer östlich der Stadt Raqqa auf einem weiteren mehrere Kilometer langen Streifen bei der Ortschaft Jarqa von Nordosten her zum Fluss Euphrat vorzurücken. Die SDF-Kräfte beherrschen damit nun bereits nahezu 50 Kilometer des nordöstlichen Euphrat-Ufers zwischen Raqqa und Deir Ezzor, was es der Terrorgruppe ISIS zunehmend schwerer machen dürfte, das von ihr beherrschte südwestliche Ufer des Euphrat zwischen Raqqa und Deir Ezzor auf der ganzen Linie zu halten.

Ebenfalls erfreulich entwickelt sich die Lage im Kampf gegen die Terrorgruppe ISIS in der irakischen Millionenstadt Mossul. Nachdem Volksmobilisierungseinheiten in den letzten Wochen die ISIS-Hochburg Badush nordwestlich von Mossul weitgehend unter Kontrolle gebracht hatten, konnte am Montag von Westen her eine neue Front gegen ISIS in Mossul eröffnet werden.

Die Terrorgruppe ISIS zerbröselt in ihrer wichtigsten Stadt Mossul zunehmend und die Eröffnung der neuen Front von Westen her dürfte diesen Prozess bloß noch beschleunigen. Nach der Befreiung von Mossul ist es durchaus möglich, dass einige kräftige irakische Volksmobilisierungseinheiten im Osten von Syrien der syrischen Armee beim Kampf gegen ISIS etwas unter die Armee greifen, was der syrischen Armee eine Menge Entlastung bringen könnte. Aber bis es soweit ist, wird die syrische Armee trotz der hohen Belastung vermutlich mit den vorhandenen Kräften im Anti-Terror-Kampf auskommen müssen.

Advertisements

21 Gedanken zu “Al Kaida greift im Norden der syrischen Provinz Hama an

  1. Jober, Soran, Raqqa, Palmyra, Deir Ezzor… in Syrien geht es nach einer relativen Phase der Ruhe wieder rund. Die Spekulationen reichen von beabsichtigter Druckentlastung auf die kämpfenden Verbände in/um Damaskus bis hin zu fein orchestrierter flächiger Offensive (unter Mitberücksichtigung des israelischen Luftschlags).

    Wahrscheinlich spielen all` diese Gründe eine gewisse Rolle, jedoch erkenne ich als wichtigsten Grund den irgendwann erwarteten fatalistischen Gegenschlag. Überall im Land verbliebene Terrorinseln, meist komplett umzingelt, entweder im Begriff weiter zugeschnürt zu werden oder anderweitig der Gefaht ausgesetzt, zersetzt zu werden (Flucht, Aussöhnungsvereinbarung), intensiveres aneinander geraten der verschiedenen Gruppen durch die aufgezwungene lokale Verschmelzung, das alles konnte und wird auch in Zukunft nur zu Erruptionen nach vorne führen.
    Wie in einem Dampfgarer entweicht der immense Druck über kleine Fissuren, damit es den Deckel nicht sprengt. Die vielen Selbstmordattentate in den letzten Wochen waren eine Vorhut.
    Irgendwann, über kurz oder nicht mehr so lang, wird die Idlib-Insel ähnliche Entwicklungen erleben.
    Am Ende des Tages, eben so wie es sich in einem Dampfgarer immer entwickelt, wird das Gemüse weich und verzehrfertig sein. Dampf hin, Dampf her…

  2. Sind die Amerikaner dort in der Nähe von Raqqa nicht eine Gefahr?
    Was wollen die überhaupt in Syrien? Wie wird Syrien die wieder los?

  3. Esoterisch maskierter Faschismus, islamisch maskierter Wahhabismus; die private Kredit- und Kriegsindustrie benutzt mit Vorliebe Selbstmordsekten für die Durchsetzung ihrer Interessen.

  4. Ist doch wirklich kein Wunder, sind doch den TerrorHaufen, in der Tasche West-Aleppo-Idlib-Nord-Hama, durch die permanente Auffüllung ihrer Reihen, durch die Buslieferungen, Zehntausende Kämpfer zugeführt worden, das Die, nach dem sie aus den Bussen stiegen, sich nur noch dem Studium des Korans und Mildtätiger Taten beschäftigen, konnte keiner Erwarten. Also musste man, auf die Grenzen dieser Tasche, besonders Augenmerk legen.

  5. „…alle gemeinsam erreichen wollen“, also offenbar noch immer unter einem gemeinsamen wertewestlichen Nato-Zentralkommando.

    1. clearly

      Ein einheitliches und durchgriffsfähiges Kommando von ISIS, Israel, MOM und Al Kaida sehe ich nicht. Für eine funktionierende übergreifende Planung agieren diese Kräfte zusammen betrachtet strategisch zu ungeschickt. Aber was es ganz sicher gibt, ist, dass die jeweiligen Kräfte die Situation der syrischen Armee jeweils beobachten, und wenn sie sehen, dass die Armee in anderen Gegenden schwer beschäftigt ist, sie daraus schließen, dass die Zeit für einen lokalen Angriff günstig ist. Weiterhin spricht auch vieles dafür, dass es zwischen verschiedenen Terror- und Angriffskräften Absprachen gibt, etwa zwischen Al Kaida und ISIS-Gruppen, und vermutlich auch mit Israel und dem MOM.

      1. Kurze Lernfrage, liebes Parteibuch, zu MOM:

        Dieses „Müşterek Operasyon Merkezi“ (MOM), ist nach meinem bisherigen Wissen von den Amerikanern, den Briten, Franzosen, Qatarern, Saudis … und Türken einst geschaffen worden. Besteht MOM nur noch aus den Türken? Die Quelle, die Du unter „anscheinend wieder von der Türkei unterstützt“ spricht auch von MOM und nicht nur von den Türken. Besteht MOM nur noch aus den Türken bzw. war es immer eine reine türkische Veranstaltung?

      2. Meier

        Das MOM befindet sich in der Türkei, läuft unter türkischer Hoheit und befindet über Waffenlieferungen aus der Türkei an Terroristen in Syrien. Die Türkei hat die Geheimdienste anderer Staaten, vor allem CIA, Briten, Franzosen, Saudis und Kataris eingeladen, da mitzumachen und die tun das auch, aber die Türkei – Erdogans Geheimdienst MIT – ist da im MOM ganz eindeutig am Drücker und diejenige Partei, die letztlich die wichtigsten Entscheidungen da trifft. Andere Staaten im MOM können Erdogan bloß bitten, andere Entscheidungen zu treffen, und ansonsten mit ihrem Rückzug aus dem MOM oder anderen politischen Konsequenzen für die Türkei drohen, wenn ihnen im MOM was nicht passt, aber die wesentlichen Entscheidungen trifft Erdogan. Und so wie es seit einiger Zeit aussieht, nimmt Erdogan sein Recht auf eigene Entscheidungen auch weitgehend wahr, das heißt, er lässt sich von anderen Ländern, egal ob USA, EU oder GCC, nichts mehr vorschreiben.

  6. Der Ring um Deir Hafr wird anscheinend recht eng geschlossen; mal sehen, wie viel ISIS-Kämpfer sich einfach zurückziehen, kleine Wege sind noch offen.

    Offensive der HTS und Freunde in Nordhama geht weiter, Tiger sollen vor Ort sein? Aber die Hauptkräfte sind ja in Ostaleppo, und die Straße sogar wieder mal unterbrochen.

    Eine konzertierte Aktion der „Rebellen“; und sollte Erdogan bzw. türkische Führungsoffiziere mitgemischt haben, ein herber Rückschlag für die Einigung Russland/Türkei/Iran.

    Derweil kommt diese Meldung.
    >>>
    Sound and Picture‏ @soundandpic 2 Std.Vor 2 Stunden

    #Raqqa
    Local sources speaking about an air landing by coalition in Abu Hurayrah village in western countryside
    #ISIS #Sou_and_Pic
    >>>

    Das ist hier.
    http://wikimapia.org/#lang=de&lat=35.838968&lon=38.364944&z=13&m=b&show=/36112994/Abu-Horaira&search=aleppo

    Eine Luftlandeoperation über den Stausee?
    Und dann, mit Booten Verstärkung bringen?

    Sollte dies stimmen, sehe ich nur zwei logisch klingende Möglichkeiten:
    A) die Amis und SDF schätzen ISIS um Tabqa so schwach ein, dass sie sehr schnell den Ort einnehmen und eine Verbindung herstellen können
    B) das wird jetzt mit sehr viel Mitteleinsatz ein Brückenkopf geschaffen, der nicht mehr von ISIS zu überrennen sein soll.

    Da es nur eine Frage von Wochen sein sollte, bis dort ohnehin die SAA steht, ist so ein Risiko eher erstaunlich.

    Spekulation über die Beweggründe.

    Wenn es klappt, gewinnt „gelb“ mehr Gebiet auf der Karte.
    Da für die Aktionen im sunnitischen Gebiet zunehmend sunnitische Gruppen für die SDF aktiviert werden, bietet das möglicherweise Raum, doch noch weitgehend Assad-feindliche Gruppen in großen Gebieten zu installieren.

    Bedingung für die SDF-Zugehörigkeit dürfte formal weiterhin der Verzicht auf den Kampf gegen Damaskus sein, aber das gilt ja dann auch umgekehrt.

  7. Es ist im Raum Idlib leider verabsäumt worden die Grenze zur Türkei dicht zu machen. Solange das nicht geschieht, werden die Terroristen wohl weiter Nachschub bekommen.

  8. Immer mehr Berichte über Luftlandeoperation, die Amis wohl selber stark involviert.

    Verbindungsstraße nach Maskhanah unterbrochen.

    Für ISIS dürfte das bedeuten, dass sie ihre Truppen jetzt wohl weitgehend aus der Provinz Aleppo abziehen, um zu retten, was noch zu retten ist.

    Oder sie sind eh schon in der Auflösung und die einzelnen Gruppen sehen, wo sie bleiben, untertauchen, umflaggen etc.

    Man beobachtet des Geschehen schon länger recht intensiv; aber es gibt immer noch totale Überraschungen, wer hätte so etwas erwartet?

    1. In Hama sind die Dschihadisten wohl komplett durchgebrochen und stehen 4 km vor der Stadt. Der dortige Flughafen wurde nun auch evakuiert. Die Tiger Forces wurden vom Osten Aleppos abgezogen und sollen die Stadt sichern. Wenn möglich auch die Terroristen zurück treiben. Im Osten vom Damaskus werden sie ich bereits zurück getrieben. Allerdings gibt es Gerüchte, dass ein massiver Angriff auf Latakia bevorsteht und die dortigen Verteidigungs Kräfte befinden sich in erhöhter Alarmbereitschaft. So wurde bereits der russische Stützpunkt mit Grad Werfern beschossen. Gottseidank ohne Verluste.

  9. Was die „elastische Verteidigung“ angeht. Das ist wohl Mumpiz. Es waren mal wieder die NDF, die den Abschnitt verteidigen. Also die selbe Truppe, die sich in Palmyra vom IS im Januar hat überrumpeln lassen. Die setzten scheinbar ihre ganzen Kräfte in 2 vordere Linien ohne grosse Reserven im Hinterland. Als es den Terroristen gelang an einer Stelle mit Selbstmordvehikel und Panzern durchzubrechen stießen sie durch und rieben die NDF auf. Es ist ja schön, dass die sich gegen den Terrorismus in ihrem Heimatland einsetzen. Aber scheinbar haben die NDF Offiziere keinerlei Sinn von taktischen Verständnis. Der 1 Weltkrieg ist vorbei. Traurig, dass es ihre Truppen audzubaden haben.

    1. “ dortigen Verteidigungs Kräfte befinden sich in erhöhter Alarmbereitschaft.“

      das kann ja nicht schaden.

      Es ist leicht, auf die NDF einzuschlagen, die Frage ist, ob die es denn wirklich besser könnten.

      Erhöhte Alarmbereitschaft bedeutet ja auch, dass mehr Leute direkt vor Ort sind, das könnte bei den NDF auch ein Problem sein, die haben doch wohl oft noch ein anderes Leben, oder sind das alles Berufsmilitärs?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.