Die Ruhe vor dem Sturm

Nachdem die syrische Armee und ihre Partner in den letzten Tagen und Wochen wesentliche strategische Höhen an der Peripherie der von Terroristen beherrschten Stadtbezirke von Aleppo eingenommen hat, zuletzt gestern die Höhe Sheikh Saeed, bereiten sie sich nun, da die Terroristen trotz aussichtsloser Position partout nicht aus Aleppo abziehen wollen, auf die Erstürmung großer Bezirke vor.

Am gestrigen Freitag Abend gab die syrische Armee den noch in den Bezirken Bustan Basha, Sheikh Kheder, Haydaria, Bayadin und Karm Al Jabal verbliebenen Terroristen nochmals 24 Stunden, um aus den großen, aber von den Einwohnern schon vor Jahren weitestgehend verlassenen Bezirken im Osten Aleppos abzuziehen.

Es handelt sich hierbei um folgende Gebiete in Ost-Aleppo:

Man wird sehen, ob die Terroristen die Chance nutzen, um aus den Bezirken abzuziehen, oder ob sie die Zeit zum Heranführen von Verstärkung aus anderen Bezirken nutzen, was dann dazu führen könnte, dass die syrische Armee und ihre Partner sich dann um diese anderen Bezirke zuerst kümmern.

Wesentlich für das Verständnis der Lage in Ost-Aleppo, ist es zu verstehen, dass die Terroristen dort nur in der Altstadt ganz im Zentrum wirklich gut eingegraben sind, während in den großen Wohnbezirken drumheran zumeist recht kleine Häufchen an Terroristen über riesige, nahezu völlig menschenleere Steinwüsten herrschen. Die offiziell von der UNO und anderen Stellen verlautbarten Zahlen zum Verhältnis von Terroristen, „moderaten mit Al Kaida verbündeten Rebellen“ und Zivilisten in den umzingelten Gebieten Aleppos sind ganz offensichtlich großer Unfug.

So werden da gegenwärtig an Zahlen etwa drei bis acht Tausend Terroristen und Rebellen in Ost-Aleppo genannt, von denen einige Hundert bis 2000 direkt zu Al Kaida gehören, und gleichzeitig sollen da 250.000 bis 300.000 Zivilisten sein. Das Verhältnis ist völlig unrealistisch. In den zuletzt anderswo in Syrien evakuierten Gebieten war es eher so, dass das Verhältnis von Terroristen und Rebellen zu Zivilisten eher bei etwa eins zu eins lag. Die verbliebenen Zivilisten waren praktisch ausschließlich nahe Angehörige von kämpfenden Rebellen oder Terroristen, und im Durchschnitt hatte jeder Rebell oder Terroristen einen Angehörigen, der mit ihm verbleiben war. Anders ausgedrückt haben viele Terroristen ihre Familien längst aus dem Kessel evakuiert, während einige Terroristen ihre Familien immer noch bei sich haben und wieder andere überhaupt keine Familie haben, was im Durchschnitt auf etwa einen Angehörigen pro Terroristen hinausläuft. Es mögen in Aleppo im Durchschnitt auch zwei Angehörige pro Terroristen sein, aber das tut nichts zur Sache, es kommt hier nur auf realistische Größenverhältnisse an. Gäbe es etwa 20 oder gar 100 mal mehr Zivilisten als Rebellen und Terroristen, hätten die unter arger Personalnot leidenden Rebellen und Terroristen in Aleppo daraus längst mehr Kämpfer rekruitiert, so dass sich das Verhältnis zwischen Kämpfern und Zivilisten in Richtung eins zu eins verschoben hätte.

Terroristen und Rebellen sind in Ost-Aleppo, wie ihre laufenden Niederlagen an allen Fronten da zeigen, wirklich nicht mehr sonderlich viele, da stimmen die offiziellen Zahlen in Höhe von einigen Tausend also wohl grob. Aber die offiziellen Zahlen zur Anzahl der Zivilisten in Ost-Aleppo sind eine dicke Lüge, die 275.000 von der UNO genannten ebenso wie die etwa 40.000 anderswo genannten. Realistischer ist eine Zahl von deutlich weniger als 10.000 noch in Ost-Aleppo verbliebenen Zivilisten. Und die sind in wenigen Stadtbezirken wie die Altstadt, Bustan Qasr und Tareq Al Bab konzentriert, während andere der von Terroristen beherrschten Aleppiner Stadtbezirke bis auf die Kämpfer an der Frontlinie völlige Geisterstädte sind. Nur dadurch ist es möglich gewesen, dass die syrische Armee in den letzten Tagen und Wochen große Stadtbezirke wie Bani Zaid und Mahim Handarat, nachdem die Frontlinien durchbrochen waren, binnen Stunden überrennen konnte.

Anstatt dem kleinen Häufchen von im Osten umzingelten Terroristen und ihren Angehörigen aufgrund ihrer Chancenlosigkeit zu bedeuten, endlich aufzugeben, versucht die sogenannte westliche Wertegemeinschaft der Freunde von Al Kaida, sie zum Durchhalten, und Warten auf was auch immer, zu motivieren. Frankreich beispielsweise wird heute im UNO-Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf zur Abstimmung vorlegen lassen, in dem der UNO-Sicherheitsrat Wut über das Verhalten Russlands erklären und eine gegen Russland und Syrien Flugverbotszone über Aleppo verhängen soll. Durch die Vorlage zur Abstimmung eines solchen selbstverständlich mit einem russischen Veto bedachten Entwurf wird vom Westen gar nicht versucht, eine Lösung für das Terrorproblem in Aleppo zu finden, sondern es wird versucht, Propagandapunkte für die Terroristen zu machen. Russland hat deshalb nun einen eigenen Resolutionsentwurf für einen Waffenstillstand in Aleppo im UNO-Sicherheitsrat eingebracht, über den heute ebenfalls abgestimmt werden soll.

Da der russische Entwurf genausowenig mit dem Westen abgestimmt wurde wie der westliche mit Russland, wird im UNO-Sicherheitsrat heute Abend keinerlei Beschluss erwartet, sodass der militärische Anti-Terror-Kampf in Aleppo ungebrochen weitergehen wird. Eine direkt nach, oder noch während der UNO-Sicherheitsratssitzung startende Großoperation zur Befreiung der Bezirke Bustan Basha, Sheikh Kheder, Haydaria, Bayadin und Karm Al Jabal liegt dabei durchaus im Möglichen. Anschließend könnte es dann eine neue Runde UNO-Verhandlungen geben, bevor, wenn die auch gescheitert sind, der Geisterbezirk Sheikh Saeed im Süden ALeppos vollständig befreit wird.

Nachtrag 13:30h: Wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA soeben mitteilte, haben die syrische Armee und ihre Partner soeben den Aleppiner Bezirk Owaija vollständig unter Kontrolle gebracht und damit auch den Verkehrsknotenpunkt Jandoul erreicht. Das ging ja wieder mal schnell. So ergibt die Auswahl der Bezirke, in denen Terroristen gestern ein Ultimatum bekommen haben, auch viel mehr Sinn. Die Terroristen im nördlich davon gelegenen Bezirk Owaija haben kein 24-stündiges Ultimatum bekommen, weil da die Erstürmung bereits unmittelbar bevorstand.

Von Zivilisten ist wohl in Owaija wieder nichts zu sehen. Auch diese Gegend war – abgesehen von einem kleinen Häufchen Terroristen – eine menschenleere Geisterstadt. Anders ist der plötzliche rapide Fortschritt der Armee und der Quds-Brigade heute dort auch gar nicht zu erklären.

Es tut sich im Anti-Terror-Kampf in Aleppo heute offenbar doch einiges. Weitere Updates aus Aleppo von heute gibt es deshalb im neuen Parteibuch-Artikel: Aleppiner Bezirk Owaija und Knotenpunkt Jandoul unter Kontrolle der Armee.

16 Gedanken zu “Die Ruhe vor dem Sturm

  1. Und kaum ist ein kurzer Stillstand verkündet, gibt es eine Gegenoffensive; aber so ein zwei Schritt vor einen zurück ist ja nicht schlecht, man bindet feindliche Kräfte und kann gut die Luftwaffe und andere schwere Waffen einsetzen.

    Die Hama-Gegenoffensive hat einige Dörfer zurückerobert, mal sehen, wie es da weitergeht.

    Wenn ich so die Berichte lese über Bekenntnisse pro und contra Ahrar al Sham/Jund al Aqsa, habe ich den Eindruck, es geht manchen um eine Neuordnung der „Rebellenszene“, hin in Richtung „sauber“ und terroristenfrei.

    Jund al Aqsa ist nun offiziell nicht tragbar, also versucht man die Kämpfer zur Umflaggung zu bewegen, ein paar ideologisierte Führer müssen dabei über de Klinge springen.

    Und manche wollen das offenbar nicht mitmachen.

    >>>Hassan Ridha ‏@sayed_ridha 33 Min.Vor 33 Minuten
    This guy & his 145 akhis are also against fighting Jund al-Aqsa, says he doesn’t take orders from foreign (countries)
    >>>

  2. >>>>
    Hassan Ridha ‏@sayed_ridha 15 Min.Vor 15 Minuten
    Al-Hamah town is now under SAA/Gov control after rebels announced surrender following days of clashes, dialogue & demonstrations, Damascus
    >>>>

    Wo ist denn diese damaszener Vorstadt Al-Hama?

    1. Jetzt bei liveuamap zu finden; eine natürlich voll antirussische und proamerikanische, also pro“rebellische“ Seite, aber mit dem Vorteil, dass sie (ihre ausgewählten) retweets immer gleich auf der Karte lokalisieren.

    2. Steht doch da, bei Damaskus, wohl nordwestlich davon.
      Bei den vielen Gegenden, wo die SAA (hier wohl wieder mal die Hizbolla) gerade aktiv ist, kommt man mal durcheinander…

    3. Entschuldige Andreas, ich hatte bei Dir aleppiner Vorstadt gelesen, macht wohl das Alter:
      Die Karte, die ich gesehen habe ist AL-Hamah eine Stadt am nördlichsten Rand einer Terroristenhochburg nordwestlich von Damaskus. Es ist wohl dabei die östlichste Hochburg.
      Trotzdem verliert man den Überblick, wo die SAA gerade Erfolge einfährt.

  3. >>>>>>>
    Hassan Ridha ‏@sayed_ridha 15 Min.Vor 15 Minuten
    Ahrar al-Sham have besieged Sarmin which is Jund al-Aqsa’s largest base in Idlib countryside and Ahrar calls for them to surrender
    >>>>>>>

    Jund al Aqsa wurden schätzungsweise 5.000 Mann bescheinigt, Ahrar al Sham über 10.000.

    Wobei JA als „richtige“ Terroristen in den Berichten doch als die härteren Kämpfer erscheinen.

    Sicherlich werden Berater der westlichen Wertegemeinschaft ihre Finger im Spiel haben. Schon seit Jahren soll Ahrar al Sham reingewaschen werden, deutsche Politiker in Talkshows entdecken ihr Herz für die „nichtdschihadistischen Islamisten“.

    Das ist natürlich Dünnschi.., man muss sich ja nur die „Zivilgesellschaft“ anschauen in Orten, wo sie die Macht haben; das soll nun die Gruppe sein, die man unterstützt in Syrien. (Bilder von Frauen und Mädchen)

    Aber es geht ja nicht um Fakten, sondern um Narrative; die guten kämpfen bei Eufrat Shild gegen ISIS, und Jund al Aqsa weigert sich, sich vom IS deutlich zu distanzieren.

    Es wird sich zeigen, wie viele der JA-Kommandeure hintenrum überzeugt wurden und werden; die meisten dürften ja hauptsächlich daran interessiert sein, ihre Kohle und Waffen zu kriegen und weiterhin gegen das böse nichtsalafistische Regime zu kämpfen, die Fahne ist eher unwichtig.

    Sollten das nicht viele sein, könnte es ein ziemliches Gemetzel geben; hoffen wir mal das beste.

    Jolani, AL Nusra Chef, hat seine persönlche Entourage zur Verhandlung geschickt, hört man; so ein Treffen mit einem Drohneschlag zu bedenken, da könnte ich meine grundsätzliche Ablehnung von Drohnenschlägen mal im EInzelfall aufgeben.

    1. @andreas #Ahrar al-Sham

      „Sicherlich werden Berater der westlichen Wertegemeinschaft ihre Finger im Spiel haben. Schon seit Jahren soll Ahrar al Sham reingewaschen werden, deutsche Politiker in Talkshows entdecken ihr Herz für die ’nichtdschihadistischen Islamisten‘.“

      Gestern in der Bundespressekonferenz war – wie zuvor schon hier bei Einparteibuch – Ahrar al-Sham auch Thema, insbesondere auch im Zusammenhang mit dem Prozess in Stuttgart: https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2016/10/2016-10-07-regpk.html

      Ich deute die Aussagen, insbesondere vom BMI („Nur ganz kurz die versprochene Nachlieferung: Die von Ihnen genannte Organisation ist weder in der EU noch bei den VN als Terrororganisation gelistet, wie von uns schon vermutet.“) als den Versuch, ein Angebot zum Ausstieg zu machen, vergleichbar mit Assads Amnestie-Angebot oder mit De Misturas Angebot hinsichtlich Aleppo. Und wer diese Angebote nimmt annimmt, der steht zunehmend auch aus westlicher Perspektive moralisch im Abseits und bekommt dann eben auf die Mütze.

      1. H. Meier

        Danke. Herrlich, die Nachfrage auf der Pressekonferenz. Und dann diese Antwort der Bundesregierung:

        „Eine Verknüpfung von Dingen, die von der deutschen unabhängigen Justiz entschieden werden, und außenpolitischen Fragen beim Umgang mit der Lage in Syrien verbietet sich, glaube ich; ich glaube, das eine ist das eine und das andere ist das andere.“

        Dieser offenkundige Doppelstandard war die Essenz der Antwort der Bundesregierung auf die Frage, ob die Bundesregierung Ahrar Al Sham als Terrororganisation betrachtet. Während die Bundesregierung und ihre Verbündeten, die Türkei wurde auf der Pressekonferenz explizit angesprochen, Ahrar Al Sham zum Zwecke des Regime Changes in Syrien unterstützen, werden Bürger in Deutschland, die exakt das gleiche tun wie die Bundesregierung und ihre Verbündeten, nämlich Ahrar Al Sham unterstützen, deswegen mit einer expliziten Verfolgungsermächtigung der Bundesregierung ins Gefängnis gesperrt, eben weil die von der Bundesregeriung und ihren Verbündeten unterstützte Gruppierung Ahrar Al Sham eine Terrororganisation ist.

        Und als Erklärung dafür behauptet die Bundesregierung dann singemäß einfach, die Bundesregierung und ihre Verbündeten dürfen Terrororganisationen im Ausland unterstützen, nur einfache Bürger in Deutschland müssen für die Unterstützung ausländischer Terrororganisationen ins Gefängnis.

        Soviel zum deutschen Rechtsstaat und Selbstverständnis der Bundesregierung.

      2. @Parteibuch

        „Soviel zum deutschen Rechtsstaat und Selbstverständnis der Bundesregierung.“

        Ich weiß. Mir stinkt das auch gewaltig.

        Eigentlich müsste ein Untersuchungsausschuss im BT her – aber den beantragt ja keine (ehemals friedensbewegte) Partei. Ich frage mich immer wieder, wovor die alle einknicken. Es ist doch absurd, hier in Deutschland den Fremdenfreund zu mimen – vor allem in Abgrenzung zu den Fremdenfeinden von der AfD – und gleichzeitig Terrororganisationen im Ausland zu unterstützen, die Fremde umbringen.

        Aber wie gesagt: Ich deute es als Angebot. (Nebenbei: Ich käme mir als „Rebell“ erst einmal ziemlich vera.scht vor, wenn meine ehemaligen Unterstützer mir nun solch tollen Angebote unterbreiten. Angesichts der Ausweglosigkeit würde ich aber darauf eingehen.)

  4. Während hier durch die SAA und ihre russischen Verbündeten Fakten geschaffen werden, wird derweil weiter an der Eskalationsspirale gedreht….unter anderem steht die „noch“ diplomatische Korrespondenz zur Debatte

    ….http://tass.com/politics/905021…..

    darüberhinaus haben die USA vor weitere Sanktionen gegen Russland zu verhängen, wegen angeblicher Cyberattacken (selbstverständlich ohne jede Beweise, wie üblich), unter Aufforderung, dass die Eu diesen folgen sollte.

    …..Die Executive Order vom 1. April 2015 gibt den USA eine rechtliche Grundlage für eine Militär-Operation gegen Russland……

    Gemäß dieser Order, kommt die Beschuldigung m.E. einer Kriegserklärung sehr nahe….

    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/10/08/us-regierung-schafft-grundlage-fuer-neue-sanktionen-gegen-russland/

  5. Das ging dann doch schnell.

    >>>
    Hassan Ridha ‏@sayed_ridha 36 Min.Vor 36 Minuten
    SAA & Liwa al-Quds liberate the rubber factory & Garage

    Hassan Ridha ‏@sayed_ridha 39 Min.Vor 39 Minuten
    Liwa al-Quds declares full control of Owaija district in northern Aleppo
    >>>

    Owaja district ist in wikimapia recht groß eingezeichnet.

    http://wikimapia.org/#lang=de&lat=36.253583&lon=37.181071&z=15&m=h&search=owaija

    Mal sehen, ob schon alles eingenommen wurde, oder nur das Wohngebiet.

    Aber letztlich nur eine Frage kürzerer Zeit, bis der ganze Bereich „Rebellen“-frei ist.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.