Vor dem Sturm

Die Hinweise auf eine große Gegenoffensive der syrischen Armee und ihrer Partner im Raum Aleppo verdichten sich weiter, doch der wirkliche Beginn der Operation lässt nach wie vor auf sich warten.

Spätestens seit der vorgestern von Tass veröffentlichten Ankündigung des syrischen Regierungschefs Wael al Halqi, dass die syrische Armee und ihre Partner mit einer Großoperation zur Befreiung von Aleppo auf die anhaltenden schweren Waffenstillstandsverletzungen durch Terroristen und Rebellen reagieren wird, gibt es haufenweise Meldungen dazu, dass die syrische Armee und ihre Partner im Raum Aleppo starke Kräfte zusammenziehen.

Generalleutnant Sergei Rudskoy vom russischen Generalstab machte bei seiner Ansprache am gestrigen Montag in Moskau auch kein Geheimnis darum, dass im Raum Aleppo eine größere Anti-Terror-Operation gegen den syrischen Al-Kaida-Ableger Nusra Front ansteht. Er führte dazu aus, dass die Terroristen ihre Angriffe gegen Sheikh Maqsud, al-Zagra und Handarat am Rande von Aleppo fortsetzen. Weiter erklärte er, dass die Terrorgruppe Nusra Front plane, den Norden Syriens zu blcokieren und die Straße von Damaskus nach Aleppo zu durchtrennen, und dazu bis zu 10.000 Terroristen im Raum Aleppo, nämlich etwa 8000 südwestlich von Aleppo und bis zu 1500 nördlich von Aleppo, zusammengezogen habe. Trotz der Fortschritte bei der Implementierung des Waffenstillstandes dauert der Nachschub von Waffen und Kämpfern für die Nusra Front von der türkischen Seite an, und er geht dabei auch durch Gebiete, die von von den USA unterstützten Oppositionsgruppen kontrolliert werden. Im Laufe der letzten 24 Stunden seien bewaffnete Gruppen mit insgesamt bis zu 200 Mann in Tell Khadiyah und Banes angekommen. Zwei Einheiten mit mehr als 100 Bewaffneten seien im Camp Handarat aus al-Khalifa angekommen. Diese Gruppen seien mit einem Panzer und 22 geländegängigen Fahrzeugen mit schweren Maschinengewehren ausgestattet. Die USA seien kontaktiert worden mit der Bitte, so etwas zu verhindern, weil das die Situation destabilisiere. Jabhat al-Nusra führe aktive Militäraktionen im Süden und Norden von Aleppo durch. Die illegalen bewaffneten Gruppen hätten dabei die Orte al-Ais und Zerba erobert, die zuvor unter Kontrolle von Regierungstruppen standen. Alle Aktionen der syrischen Armee und der russischen Luftwaffe richten sich nun darauf, die Pläne der Nusra Front zu durchkreuzen. Eine Erstürmung der Stadt Aleppo sei nicht geplant. Abschließend erklärte Generalleutnant Rudskoy, Russland erfülle alle Verpflichtungen der Vereinbarung mit den USA zum Waffenstillstand in Syrien und die russische Luftwaffe führen keine Luftangriffe gegen bewaffnete Formationen durch, die die Vereinbarung zum Waffenstillstand unterschrieben haben. Kreml-Sprecher Dmitry Peskov erklärte derweil zum Thema, dass Russland unablässig mit den USA daran arbeite, Brüche der Waffenruhe zu verhindern und der Kreml sich der fragilen Natur der Waffenruhe bewusst sei. Inoffiziellen Informationen von Al Mayadeen zufolge wird es noch etwa 10 Tage dauern, bis die Großoperation der syrischen Armee und ihrer Partner in der Provinz Aleppo beginnt.

Die syrische Seite ist sich des Sieges bei den bevorstehenden Kämpfen im Raum Aleppo gewiss und kann es kaum erwarten, dass es endlich richtig losgeht. Typisch für die Stimmung ist etwa ein am Montag abgegebener Kommentar des syrischen Journalisten Shadi Halwe, der oft mit der als „Tiger-Kräfte“ bekannten syrischen Armeeeinheit unterwegs ist, worin er mitteilte: „Große Militäroperationen in Regionen, wo die Leute für eine lange Zeit unter Kriminellen gelitten haben. Bald werden wir den großartigen Sieg feiern.“

Ganz anders ist die Stimmung beim türkischen Regime. Der türkische Regierungschef Davutoglu erklärte der Hürriyet zufolge am Montag bei einer Ansprache in Sanliurfa, dass Aleppo, Homs, Damaskus und Raqqa, so Gott will, eines Tages befreit werden. Er sagte der Hürriyet zufolge dazu weiterhin, der Grund warum es heute „Blut und Tränen“ in Aleppo, Raqqa, Hasakeh, Deir Ezzor und Homs, die „außerhalb des Heimatlandes“ gelassen worden seien, gebe, sei, dass sie ihre „Liebe zur Unabhängigkeit vor 100 Jahren“ nicht ausleben konnten. Und weiter erklärte er dazu: „Unsere Städte wurden geteilt, Tel Abyad wurde von Akcakale separiert, Suruc von Kobane und Ras al Ayn von Ceylanpilar.“ Dass Aleppo, Damaskus und andere syrische Städte nun Davutoglu zufolge nicht mehr, wie noch vor vier Jahren, sehr bald, sondern nur noch „eines Tages“ von von der Türkei unterstützten Kämpfern erobert werden sollen, kann man durchaus so verstehen, dass Davutoglu die Anhänger des türkischen Regimes darauf einstimmt, dass die anstehende Schlacht um Aleppo wohl verloren geht und sie ihren Traum zur gewaltsamen Wiedererrichtung des großottomanischen Reiches deshalb auf unbestimmte Zeit in die Zukunft verschieben müssen. Unmittelbare Siegeszuversicht hört sich jedenfalls anders an.

Die USA spielen dazu dummer August. Der stellvertretende Sprecher des US-Außenministeriums Mark Toner tat so, als ob er nicht wüsste, dass die geplanten russisch-syrischen Militäroperationen im Raum Aleppo sich erklärtermaßen gegen den Al-Kaida-Ableger Nusra Front richten sollen und erklärte am Montag zu den anstehenden syrisch-russischen Militäroperationen öffentlich: „Falls Russland Schläge in Unterstützung unserer Bemühungen, ISIS oder Daesh zu zerstören oder zu schwächen durchführen möchte, so würden wir das begrüßen. Was Aleppo angeht, so denke ich, da brauchen wir größere Klarheit dazu, was tatsächlich geplant ist und auf wen sie zielen.“

Das tatsächliche Kampfgeschehen am Montag in der Provinz Aleppo war derweil geprägt von Auseindersetzungen zwischen ISIS und anderen Terroristen und Rebellen ganz im Norden der Provinz Aleppo nahe der türkischen Grenze, in deren Verlauf die ISIS-Flagge unter anderem wieder in der Grenzstadt Al-Rai gehisst wurde, die erst am Samstag die ausgesprochen türkische Sultan Murad Brigade für sich reklamiert hatte.

Im Verlauf dieser Auseindersetzungen soll es zu weiteren Waffentransfers an ISIS gekommen sein.

Nachtrag 06:00h: Es gibt gegenwärtig Gerüchte, dass die syrische Armee und ihre Partner am heutigen frühen Dienstag Morgen die von Al Kaida vor ein paar Tagen eroberte Ortschaft Al Eis und den Hügel Al Eis dazu gestürmt und bereits unter Kontrolle gebracht haben.

Nachtrag 07:15h: RT meldet auf arabisch, dass die syrische Luftwaffe Angriffe gegen Stellungen von ISIS in Al Bab und Umgebung östlich von Aleppo fliegt. Die Gerüchte, dass die syrische Armee und ihre Partner Al Eis gestürmt haben, haben sich bislang nicht verdichtet.