Feuerpause in Syrien hält weitgehend – schon 20 Stunden

Syrien erlebt gegenwärtig den vermutlich ruhigsten Morgen seit fast fünf Jahren. Die von den USA und Russland vermittelte Feuerpause, die um Mitternacht begann, hält bislang einigermaßen, und das auch noch am Morgen.

Die Feuerpause läuft offenbar nach einem genau vorgebenen Zeitplan. Am Freitag Abend syrischer Zeit wurde bekanntgegeben, dass an der Feuerpause die syrische Regierung und die mit ihr verbündeten Kräfte, die Kräfte der YPG und SDF sowie 97 Gruppen bewaffneter Regierungsgegner teilnehmen, und auch das in Riad gebildete HNC der Feuerpause mit einer Befristung auf zwei Wochen zugestimmt hat, während ISIS, Nusra Front und andere von der UN offiziell als Terroristen eingestufte Gruppierungen davon ausgeschlossen sind. Etwa eine Stunde vor dem geplanten Inkrafttreten der Feuerpause um Mitternacht syrischer Zeit hat der UN-Sicherheitsrat die Feuerpause in der Resolution 2268 offiziell und einstimmig unterstützt, allerdings erst, nachdem Frankreich sich eine halbe Stunde zierte, wie Inner City Press berichtete.

Kurz nach Mitternacht gab es in Homs und Aleppo zwar einige kleinere Provokationen von vereinzelten Al-Kaida-Terroristen, die ebenso demonstrativ wie ziellos durch die Gegend geballert haben, um die Feuerpause zu durchkreuzen, aber insgesamt war es eine ziemlich ruhige Nacht und es ist auch ein ziemlich ruhiger Morgen. Die syrische Armee hat diese Provokationen durch Al Kaida jedoch nicht zum Anlass genommen, eine größere Offensive gegen Al Kaida zu starten, und auch die russische Luftwaffe ist seit dem Inkrafttreten der Feuerpause nicht gegen Al Kaida vorgegangen. Die YPG und SDF meldeten aus dem Kanton Afrin im Nordwesten der Provinz Aleppo ebenfalls, es habe keine Angriffe von Rebellen gegen das von ihnen gehaltene Territorium gegeben, und auch das türkische Militär scheint nicht aus der Türkei nach Syrien geschossen worden zu haben.

Nicht zu Ende waren mit dem Beginn der Feuerpause hingegen die Kämpfe gegen Al Kaida in der Provinz Latakia. Dort hat es nahe der Grenze zur Türkei eine größere Attacke von Al Kaida und Co gegeben, die da zu schweren Gefechten führte. Ebenfalls weiter ging der Kampf gegen ISIS. Diesbezüglich wurden Kämpfe zwischen Khanasser und Ithriya gemeldet, was bedeutet, dass die Straße nach Aleppo doch noch nicht ganz frei ist, sowie später morgens ein tödlicher Selbstmordanschlag von ISIS-Terroristen nahe der Stadt Salamiyah.

Insgesamt hält die Feuerpause damit schon länger als die Sekunden oder Minuten, die viele Skeptiker vermutet hatten, dass es dauern würde, bis die Feuerpause komplett zusammenbricht.

Nachtrag 16:00h Berlin/17:00h Damaskus: Die Feuerpause scheint im Großen und Ganzen zu halten, womit es nun schon 17 Stunden Feuerpause gibt. Und, wie das russische Militär berichtet, gibt es dazu prima zivile Entwicklungen: so sollen sich beispielsweise allein in den letzten 24 Stunden schon drei Siedlungen in der Provinz Hama freiwillig der Regierungskontrolle unterstellt haben.

Es gibt aber auch weitere ernste Verletzungen der Feuerpause. So wurden etwa Stadtteile von Damaskus von Jobar und Duma aus mit Granaten beschossen, obwohl die in Jobar und Duma herrschenden Banden erklärt hatten, an der Feuerpause teilzunehmen. Außerdem haben Terroristen von ISIS unter anderem von der Türkei aus einen Großangriff auf die von YPG/SDF-Kräften gehaltene Grenzstadt Tell Abyad in der Provinz Raqqa gestartet, womit die Türkei die Feuerpause und ihre völkerrechtlichen Pflichten grob verletzt hat. Außerdem wurden am heutigen Samstag in den Provinzen Hama, Deir Ezzor und Aleppo bereits zehn Zivilisten durch Terroranschläge und Granatbeschuss getötet, wobei insbesondere die in der Stadt Aleppo durch Terrorakte umgebrachten Menschen demonstrieren, dass sich da nicht alle Banden an die Feuerpause halten, oder, wie die Nusra Front, erst gar nicht daran teilnehmen.

@Sayed_Ridha meldet, dass die ganze Straße von Aleppo nach Salamiya nun wirklich frei ist, und, hoffentlich, schon morgen wieder für den zivilen Verkehr geöffnet werden kann.

Nachtrag 20:50h: Die Feuerpause scheint, trotz einiger weiterer Scharmützel in der Gegend von Sheikh Maqsud in der Stadt Aleppo, auch nach über 20 Stunden weiterhin erstaunlich gut zu halten, was auch von Lavrov und Kerry gelobt wurde, aber @IvanSidorenko1 meldet, dass die Straße nach Aleppo anderslautenden Informationen zum Trotz noch nicht frei ist. In der Gegend von Al-Hammam – zwischen Khanasser und Ithriya – soll es nach wie vor heftige Kämpfe zwischen der syrischen Armee und ISIS-Terroristen geben, die soeben einen Selbstmordattentäter eingesetzt haben sollen.

11 Gedanken zu “Feuerpause in Syrien hält weitgehend – schon 20 Stunden

  1. Im Grunde, wenn der Waffenstillstand einige Zeit hält, würde das doch bedeuten, dass die SAA und Verbündete Ressourcen frei bekommen werden um den Schwarzen Richtung Palmyra und Raqqa richtig dampf zu machen. Oder freue ich mich zu früh.

    1. Ob man so viele Kräfte frei bekommt, vor allem mit schweren Gerät ist fraglich.
      Man kann ja nicht mal so, wegen eines wackligen nicht mal unterschriebenen „Vertrag“ sich voll entblösen. Sicher gibt es in der Nähe von Waffenstillstandsgebieten paar Aufgaben, wie die Befreiung der Fernstraße 7 östlich von Hama angehen, aber in den wichtigen Gebieten, wie Aleppo, Richtung Raqqa oder Nordlatakia wird man die Kräfte wohl nicht bringen können, vor allem haben diese Truppen die Stellung gehalten, Angriff ist eine ganz andere Liga.
      Ein weiteres Problem hat man in der Provinz Aleppo. Die Straße Hama-Aleppo kann wohl morgen wieder genutzt werden, aber der Korridor ist jetzt noch kleiner wie vor dem Angriff und somit noch angreifbarer wie vor 2 Wochen. Ideal wäre eine Zweite Verbindung, das ist aber derzeit noch utopisch. Was möglich wäre, ist wohl die 2. Straße Khanasser-Aleppo zu holen, die weiter westlich verläuft und derzeit von Rebellen gehalten wird. Und man muss die ISIS weiter zurück zum Euphrat drängen, nur versucht man das an 2 Stellen (bei Aleppo und beim Staudamm, bisher mit wenig Erfolg.
      Das eigentlich Ziel, in Nordaleppo entlang der türkischen Grenze zusammen mit der YPG einen Korridor zu erhalten und somit den Nachschub ab zu schneiden, muss wohl da etwas.
      Da noch damit zu rechnen ist, das der ISIS weitere Nadelstiche setzen wird, werden wohl die Tiger noch einige Zeit an der Lebensader gebunden sein, also schrauben wir die Erwartungen nicht all zu hoch. Wenn die gesamte Provinz Latakia befreit wird und wenn weitere Gebiete überlaufen, dann sollten wir das ruhig als Erfolg feiern…

    2. RussianMuslim

      „Im Grunde, wenn der Waffenstillstand einige Zeit hält, würde das doch bedeuten, dass die SAA und Verbündete Ressourcen frei bekommen werden um den Schwarzen Richtung Palmyra und Raqqa richtig dampf zu machen. Oder freue ich mich zu früh.“

      Ja, und auch richtig Dampf Richtung Befreiung von Deir Ezzor. Der Vorstoß der Armee nach Osten gegen ISIS – wo auch immer, am Besten auf der ganzen Linie von Jarabulus bis Al Bukamal – ist der nächste logische Zug, wenn mit nahezu allen anderen Gruppen außer ISIS Waffenstillstand ist. Das würde dann auch die Landkarte in Syrien drastisch zu Gunsten der Regierung ändern.

      ISIS ist schwach geworden, da sollte was gehen. Aber zusätzliche Kräfte werden erst frei, wenn der Waffenstillstand im Westen wirklich weitgehend hält und Einheiten der sogenannten Rebellen tatsächlich auf die Seite der Armee überlaufen. Das kann also noch eine Weile dauern, so dass man da etwas Geduld haben sollte.

  2. Allen Erfahrungen mit bisher von Kapitalinteressen eingesetzten größenwahnsinnigen Möchtegernweltherrschern zufolge, wird die Feuerpause auch noch länger halten, wohl genau solange nämlich, bis die Vorbereitungen für Plan B abgeschlossen sind, „Modell Bosnien“:

    „Syrien: Scheitert das Waffenstillstandsabkommen,
    dann kommt „Plan B“ von Zbigniew Brzezinski zur Ausführung – das eigentliche US-Ziel?“

    „Es scheint so zu sein, dass Kerrys „Plan B“ in Wirklichkeit der „Plan A“ einer Reihe von mächtigen politischen Strategen von Brzezinski bis zu irgendwelchen „Arbeitsbienen“ am Brookings Institut ist. Während Syrien jeden Tag Boden im Kampf gegen die vom Westen unterstützten Proxy-Terroristen gewinnt, denkt der Westen nicht einmal im Ansatz daran seinen Plan der Beseitigung eines geopolitischen Hindernisses (Syrien) auf seinem Weg zur Schaffung einer Welthegemonie zu beenden. Syrien ist und bleibt (neben der Ukraine) der Schlüssel für das Überleben der Menschheit. Punkt. Und wir sollten alles dafür tun, dass sowohl die Ukraine als auch Syrien nicht vollständig unter die Kontrolle des Westens gelangen.“

    Quelle: http://www.konjunktion.info/2016/02/syrien-scheitert-das-waffenstillstandsabkommen-dann-kommt-plan-b-von-zbigniew-brzezinski-zur-ausfuehrung-das-eigentliche-us-ziel

  3. @Lutz

    Wunder erwarte ich nicht, ich hoffe auf überlegte Taten; und die syrische Regierung bzw. die SAA hat in den letzten Jahren bewiesen das sie einiges auf den Kasten haben.

    Sollten die Waffen länger ruhen, werden sicher einige Fronten eingefroren, gut befestigt werden diese von weniger Mann im Ernstfall verteidigt werden können.

    Desweiteren hat die Waffenruhe einen positiven Effekt auf den Versöhnungsprozess, so ist es auch nicht unwahrscheinlich das die ein oder andere Gruppierung auf Seiten der Armee wechselt, natürlich nur wenn nicht Al Kaida.

    Die russische Luftwaffe könnte noch härter gegen ISIS vorgehen, weil eben mehr Ressourcen weil anderswo nicht mehr gebombt wird…

    Sicher gibt es noch andere positve Effekte… aufjedenfall könnten schon erhebliche Ressourcen frei werden, wenn es eben klug gemacht wird.

    Ich bin kein Militärstratege aber ich sehe da großes Potential

    1. Sehr geehrter Herr Lutz, Die Russische Luftwaffe, ist schon im Waffenstillstand Modus. Jetzt wird nicht mehr Bombardiert, jetzt werden die Höllenkreaturen, von Obama, wieder Aufgepäppelt, Organisiert und frisch Bewaffnet. Der Kampfköter der Herren”menschen” Dynastien, die USA/NATO, geht NIEMALS ein Abkommen ein, das seinen Herren, zum Nachteil gereichen würde. Nur Abkommen, die für ihre Globalen Pläne, for the Greater Middel East, von Vorteil sind.

      1. Wenn die Welt doch so einfach wäre. Ich habe ja schon geschrieben, das die USA, Saudi-Arabien usw. im Augenblick diplomatisch draußen sind und unbedingt die Verhandlungen brauchen um in Syrien offiziell mitreden zu können, deshalb haben wohl auch Rebellen zugestimmt, die eigentlich nicht wollten.
        Der Waffenstillstand trifft nicht auf Al Kaida zu, die teilweise jetzt unter anderer Fahne auftreten.
        Es gibt bisher keine Übersicht, in welchen Gebiet der Waffenstillstand ist, d.h. wo Al Kaida nicht ist.
        Wie sollen die kleinen Gebiete überleben, wo jetzt einzelne Truppen Frieden machen. Wer sich nicht ergibt, ist immer umzingelt. Sollen dann immer UNO-Hilfslieferungen kommen, wo doch das Geld jetzt schon knapp ist.
        Die Türkei führt weiter Krieg gegen Syrien.
        Der Nachbar Libanon ist instabil, im anderen Nachbarland Irak ist noch Krieg.
        Syrien ist total zerstört, es muss aufgebaut werden. Viele Fachleute sind tot oder im Ausland.
        Wie soll also ein Plan für Syrien aussehen. Der einzige der wohl landesweit akzeptiert würde (Assad) soll immer noch abgesetzt werden, also wie soll die Lösung aussehen.
        Großteile der Rebellen sind Söldner, die beim Kämpfen Geld verdienen, Frieden nutzt denen nichts.
        Also wie soll eine Lösung aussehen, wo doch die militärische – im Gegensatz zum Gefasel westlicher Politiker, die scheinbar einfache Lösung ist.

        Also warum soll ich jetzt über einen langen Waffenstillstand nachdenken?

  4. Nach militarymaps.info ist die Trasse erneut unterbrochen – diesmal wie gehabt bei AL AZIB:

    блок-пост Аль-Азиб был оставлен под контролем ИГ. Освобождение ожидается в ближайшее время. (местоположение указано приблизительно)
    („checkpoint Al Azib wurde unter der Kontrolle des IG gelassen. Die Befreiung wird in naher Zukunft erwartet. (Die Lage ist annähernd)“)

    Wie schrieb ich doch neulich? Katz- und Maus-Spiel; wegen Raqqa, nehme ich mal an.

  5. Der Waffenstillstand nützt der syrischen Armee, um Ausbildung und Ausrüstung weiter zu verbessern. Southfront bringt einen Bericht über den desaströsen Zustand (Ausbildung, Kampftechnik) der SAA Mitte 2015 und das russische Ausbildungsprogramm für Spezialisten und Soldaten der SAA sowie über die materielle Hilfe seit Oktober 2015. Seit Januar kommen nun erste Einheiten aus dem russischen Ausbildungsprogramm. Es ist zu erwarten, dass die Kampkraft des syrischen Militärs nun deutlich steigt.
    Auf Englisch:
    http://southfront.org/russia-defense-report-feb-27-2016-russian-military-advisers-in-syria/

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