Wer anderen eine Grube gräbt

„Wartet noch ein paar Tage und dann habt ihr die Antwort“ Ahmet Davutoglu am 12. Februar 2016, auf die Frage, ob die Türkei etwas unternehmen werde, um den von der syrischen Armee und der YPG geschlossenen „Rebellen-Korridor“ aus der Türkei via Azaz nach Aleppo wieder zu öffnen. (Quelle)

Eine Theorie zum Anschlag in Ankara.

Am 7. Februar erklärte der türkische Machthaber Erdogan, die USA müssten sich entscheiden, wer ihr Verbündeter ist: die Türkei oder die PYD.

Am 10. Februar meldete CNN:

Die Syrien-Strategie der Türkei liegt in Trümmern wo das von Rebellen kontrollierte Aleppo wankt

Der Alptraum der Türkei wird wahr.

Nicht nur, dass der Kampf um Aleppo Zehntausende verzweifelte Menschen in Richtung Türkei fliehen lässt, sondern der Fall der Rebellen gehaltenen Stadt wäre auch ein schwerer Schlag für die Syrien-Politik von Ankara.

Syrische Regierungstruppen, unterstützt von russischen Luftstreitkräften, haben die letzte große Versorgungsroute zu den Rebellen in Aleppo abgeschnitten. Der Weg, bekannt als Azaz-Korridor, verbindet das von Rebellen kontrollierte Ost-Aleppo mit der Türkei.

Wenn der Korridor fällt, könnten die Rebellen Aleppo verlieren – und die gesamte türkisch-syrische Grenze könnte unter Kontrolle von Kräften fallen, die Ankara hasst: die Streitkräfte des von Russland unterstützten Regimes von Präsident Bashar al-Assad, und die Kurden.

… Der russische Präsident Wladimir Putin bot den Kurden an, ihnen zu helfen, ihre Gebietsgewinne in Nordsyrien durch die Verknüpfung der kurdisch beherrschten Stadt Kobane mit Afrin zu konsolidieren.

Die russische Zusammenarbeit mit der syrisch-kurdischen Gruppe Partei der Demokratischen Union, oder PYD, kam vor der Kulisse einer engen Partnerschaft zwischen der PYD und den USA in Syrien.

US-Unterstützung für die Kurden in ihrem Kampf gegen den ISIS hat die Ängste der Türkei vor einer autonomen Kurdenregion entlang der südlichen Grenze gesteigert und Spannungen zwischen Ankara und Washington eskalieren lassen.

Die Türkei bestellte vor kurzem den US-Botschafter ein, um ihr Missfallen zum Ausdruck zu bringen, nachdem ein Sprecher des Außenministeriums sagte, dass Washington die PYD nicht als terroristische Organisation betrachtet.

… So verlockend es für Präsident Recep Tayyip Erdogan sein kann, und er hat vor kurzem den Gedanken angedeutet, so ist eine einseitige oder saudisch-türkische Militäraktion in Syrien doch höchst unwahrscheinlich.

Es ist politisch und militärisch zu riskant.

Das türkische Militär ist strikt gegen eine Intervention ohne internationale Legitimität und Unterstützung der USA. …

Kurz zusammengefasst hatte Erdogan also bezüglich der Fortschritte der syrischen Armee und der PYD, bzw ihren bewaffneten Arm YPG, drei wesentliche Probleme: die USA betrachten die YPG nicht wie von Erdogan gewünscht als Terrorgruppe sondern als Verbündete im Kampf gegen Takfiri-Terror, die USA wollen in Syrien nicht gegen die YPG und die syrische Armee intervenieren und die türkische Armee will nicht gegen die YPG, die syrische Armee und Russland in Syrien einmarschieren, solange die USA das nicht tun.

Dann wartete die Welt ein paar Tage. Währenddessen ließ Erdogan die türkische Armee Artilleriegranaten auf mutmaßliche Positionen von Kurden und der syrischen Armee von der Türkei aus auf Syrien abschießen und organisierte den Transfer von Tausenden Al-Kaida-Mitgliedern und anderen Terroristen aus Westsyrien zur Verteidigung von Al Kaida in den syrischen Städten Azaz und Marea gegen die Kräfte der YPG, der syrischen Armee und der russischen Luftwaffe durch die Türkei. Das reichte jedoch nicht, um die militärische Lage in Azaz zu drehen. Tel Rifaat, eine Hochburg von von der Türkei unterstützten Terroristen wenige Kilometer nördlich von Azaz, wurde am 15. Februar von kurdische Kräften der YPG und ihren Partnern befreit.

Am Abend des 17. Februar knallte es dann in Ankara. Wikipedia beschreibt das Ereignis wie folgt:

Am 17. Februar 2016 fand laut Meldung der türkischen Nachrichtenagentur Doğan ein Autobombenanschlag neben einem vorbeifahrenden Konvoi von Militärfahrzeugen im Regierungsviertel Çankaya von Ankara vor einem Gebäude der türkischen Luftstreitkräfte in der Nähe des Parlaments statt. Es gab eine große Detonation mit mindestens 28 Toten und mindestens 62 Verletzten. In den Fernsehübertragungen war ein großes Feuer zu sehen.

Wenige Stunden später hat die türkische Regierung erklärt, der Täter sei syrischer Kurde und PYD-Mitglied, anhand seines Fingerabdrucks eindeutig idenifiziert, und die PYD habe der Türkei den Krieg erklärt, wozu auch gleich passend ein Video vom angeblichen Täter in Syrien und ein paar anderen Leutchen hervorgezaubert wurde. Das war sehr praktisch für die türkische Regierung: der USA wurde vor Augen geführt, dass die von ihr unterstützte YPG/PYD eine Terrororganisation ist, die nicht nur gegen ISIS kämpft, sondern auch Bombenattentate gegen den NATO-Verbündeten Türkei verübt, der USA, dass sie nun was gegen den aus Syrien kommenden PYD-Terror unternehmen muss und der türksichen Armee wurde vor Augen geführt, dass sie, ob sie will oder nicht, wie von Erogan gewünscht gegen die PYD/YPG in Syrien kämpfen muss, weil die YPG/PYD sie in der Türkei angreift. Dass die PYD gesagt hat, sie kenne den angeblichen Täter nicht, und sie hat auch keine Absicht, die Türkei anzugreifen, zählte dank des angeblichen „Video-Beweises“ nimmer. Besser hätte es für Erdogan gar nicht laufen können: dank des Anschlags waren seine grotesken politischen Vorstellungen zur Erschaffung eines großtürkischen Reiches einschließlich der Herrschaft über Syrien mittels US-Militär wieder Top und Obama unter Druck. Das Ziel der türkischen Regierung nach dem Anschlag war klar: Hysterie, Panik, der Westen muss nun ganz schnell, ganz ganz schnell, die PYD/YPG als Terrorgruppe einstufen und zur Unterstützung von Al Kaida in Syrien Seite an Seite mit der türkischen Armee einmarschieren und dabei einen nuklearen Krieg riskieren, so wie von Terrorpate Erdogan schon lange gefordert.

Doch das Ding flog nicht. Zu viele verstehen inzwischen, dass mit Terror manipuliert wird, und der türkische Geheimdienst darin durchaus bewandert ist. Sevim Dagdelen, Abgeordente der Linken, roch den Braten zum Beispiel. Sie schrieb in der jungen Welt:

Schauen Sie, General, ich schicke vier Männer auf die andere Seite und lasse sie acht Stück (gemeint sind Granaten oder Raketen, jW) auf ein leeres Feld schießen. Das ist kein Problem. Ein Vorwand lässt sich konstruieren.« Mit diesem Vorschlag hatte sich 2014 der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan an den Vizegeneralstabschef Yasar Güler gewandt. Der Dialog ist Teil eines geleakten Gesprächs im Außenministerium in Ankara zwischen dem damaligen Außenminister Ahmet Davutoglu, Hakan Fidan, Yasar Güler und Feridun Sinirlioglu, Staatssekretär im Außenministerium. Thema: Wie lässt sich ein Grund für einen türkischen Einmarsch in Syrien konstruieren.

Keine zwei Jahre später braucht es kein »leeres Feld« mehr. Bereits wenige Stunden nach dem Anschlag in Ankara am Mittwoch abend stand für die türkische Regierung der Täter fest: ein kurdischer Syrer, der den Volksverteidigungseinheiten YPG angehören soll. Die distanzierten sich sogleich von jeder Urheberschaft. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan aber nahm das blitzschnelle »Ermittlungsergebnis« zum Anlass, den Einmarsch seiner Truppen gegen die Kurden in Syrien zu rechtfertigen. …

Was Sevim Dagdelen versteht, dürften die US-Geheimdienste schon lange verstehen. Schließlich dürften sie es gewesen sein, die das Gespräch von Hakan Fidan geleakt hatten. Und die USA hatten vor dem Anschlag in Ankara klargemacht, an der Seite der PYD/YPG zu stehen, und einen türkischen Einmarsch nach Syrien abzulehnen.

Und nun gibt es die Selbstbezichtigung der TAK, einer obskuren türkischen Gruppe, die vor mehr als zehn Jahren mal zur PKK gehört haben soll, aber seitdem eine lose Kanone ist, die macht, was ihr passt. Die hat nun angeblich die Urheberschaft für den Anschlag in Ankara übernommen, und obendrein noch die Verantwortung für eine verünglückte Minenräumung durch Einheiten zur Entminung die türkischen Armee, bei der kurz darauf im Südosten der Türkei sieben türkische Soldaten ums Leben kamen. Die Behauptung der türkischen Regierung, ein Mitglied der syrischen YPG habe den Selbstmordanschlag auf einen türkischen Armeekonvoi in Ankara verübt, durch den 28 Menschen starben und zahlreiche weitere verletzt wurden, hat durch die Selbstbezichtigung der türkischen Terrorgruppe TAK einen schweren Schlag abbekommen. Die Selbstbezichtigung ist zwar genauso wenig glaubwürdig wie die Anschuldigung der türkischen Regierung gegen die PYD, aber sie reicht aus, dass die USA und westliche Staaten darauf verweisen können, und sagen können, es gebe da untershciedliche Meinungen zur Urheberschaft und die Türkei möge den Terroranschlag in Anakara erstmal gründlich aufklären, und dann, nach ein paar Monaten oder Jahren, könne man über Konsequenzen reden. Der Krieg in Syrien dürfte dann freilich längst gelaufen sein – zu Ungunsten der Türkei ausgegangen.

Solange darf Erdogan sich nun wohl vom Westen anhören, die TAK habe gesagt, der Anschlag sei Rache für das türkische Massaker in Cizre im Südosten der Türkei, und der Anschlag in Ankara unterstreiche nur, wie dringend es sei, dass Erdogan seine Militäraktionen gegen kurdische Aufständische in der Türkei und Syrien einstelle und stattdessen auf den Weg zum Frieden zurückkehre. Da hat er nun zum Schaden noch Ei im Gesicht.

Dumm gelaufen für Erdogan. Selbst Schuld. Dass die Zeiten seit 9/11 sich geändert haben, und False-Flag-Terror heutzutage immer weniger Erfolg verspricht, hätte er sich eigentlich schon denken können, seitdem der von seinem Schützling Alloush verbrochene Chemiewaffen-False-Flag-Anschlag in Ghouta nach hinten los gegangen ist.

20 Gedanken zu “Wer anderen eine Grube gräbt

  1. Da waren die US-Geheimdienste aber fix – und ziemlich findig. Denn dass TAK (nie gehört) so einen prominenten Anschlag verübt, glaube ich genau so wenig wie die türkische Beschuldigung der PDY.
    Ich hab mir fett eins gegrinst!
    Denn jetzt steht Erdogan am Pranger. Und die sicher schon geplant nächste False-flag-Aktion, dass ein paar angebliche Russen die Türkei beschießen, kann er sich abschminken, solange ein anderer Geheimdienst seine Pläne so intelligent durchkreuzt.

  2. Bleibt noch die Frage woher hatten die den Finger?
    Danke für diese erhellenden Gedanken. Die NATO hat verkündet der Türkei nicht bedingungslos beizustehen.

    1. Tom

      Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie ein Geheimdienst so etwas organisieren und drehen kann.

      Eine Möglichkeit wäre etwa, dass der Selbstmordattentäter gar nichts davon weiß, dass er ein Selbstmordattentäter ist – die Bombe wird stattdessen heimlich versteckt und ferngezündet und überrascht auch den angeblichen Selbstmord-Attentäter. Sowas wurde in Irak viel gemacht, aber auch in Syrien ist sowas dokumentiert.

      Eine andere Möglichkeit wäre etwa, gezielt einen selbstmordwilligen Takfiri -Kurden etwa gibt es bei ISIS reichlich – zum Infiltrieren der Gruppe (hier PYD) einzuschleusen, den sich dann ein paar Stufen hochdienen zu lassen und ihn anschließend als Selbstmordattentäter aktivieren – wodurch die Zielgruppe als terroristisch diskreditiert wird. So hätte ein Infiltrant viel mehr im Kampf gegen die Gruppe erreicht als Hundertschaften von ISIS-Selbstmordattentätern im Kampf um Kobane es erreicht haben.

      Natürlich besteht auch die Möglichkeit, einfach jemanden von der Zielgruppe (hier PYD) anderswo zu ermorden, und dann passende Leichenteile an den Tatort zu verbringen und in die Untersuchung einzubringen – was aber riskant ist, da es vergleichsweise einfach auffliegen kann, etwa wenn Polizei oder Staatsanwaltschaft was merken, und nicht dichthalten.

      War es so? Wir vom Parteibuch wissen da nicht mehr als der Rest der Welt. Ist Erdogan sowas zuzutrauen und hatte er ein Motiv? Allemal.

  3. Das CDU-Regime in Berlin hat sich so abhängig von der Türkei als Türsteher gemacht, dass sie jetzt ihre ökonomische Macht nutzt um die EU dazu zu nötigen, auch eine Schutzzone für Zivilisten zu fordern. Also eine Schutzzone, aus welcher türkisch unterstützen Milizen dann die Umgebung terrorisieren darf.

  4. Die politische Einschätzung teile ich. Was ich nicht verstehe ist, warum es nicht in Prinzip einfach ein Angriff der PKK gewesen sein soll. Oder ein der Abspaltungen der PKK. Die Türkei führt Krieg gegen die PKK in der Türkei und die PKK wehrt sich auch militärisch. Das ist ja nicht das erste Mal in diesem jüngeren Krieg, dass türkische Soldaten durch die PKK gezieht getötet werden. Mich nervt, dass in Deutschland solche Kiregsakte der PKK immer als Terror bezeichnet werden, während der Krieg der türkischen Armee offenbar irgendwie normal ist. Ob solche Guerrilaaktionen aus taktischer oder strategischer Sicht gerade gut für die in der internationalen Politik gerade recht günstig stehende kurdische Sache ist, wäre nochmal eine andere Frage.

    Mich würde eh interessieren, was das Parteibuch über den türkischen Bürgerkrieg denkt, vor allem auch über die militärischen Kräfteverhältnisse. Kommt mir manchmal wie ein heißer Kireg der Türken gegen die Kurden vor und dann wieder wie ein Scheinkrieg. Und dann behauptet die PKK manchmal, dass die Kurden im Grunde gewinnen.

    1. Peter Kuger

      Das ist ja im Grunde genommen, was Erdogan behauptet: Die Türkei führt Luftschläge gegen die PKK in der Türkei und und Artillerieschläge gegen den angeblichen syrischen PKK-Ableger PYD in Syrien, und die PKK bzw ihr syrischer Arm PYD/YPG hat darauf mit einem Bodenschlag (Autobombe) gegen türkisches Militär in Ankara geantwortet. Wie du mir so ich dir. So ist das im Krieg. Da sich die Autobombe in Ankara klar gegen ein militärisches Ziel richtete, und zivile Kollateralschäden eher gering waren – fast alle dabei Getöteten waren Soldaten – wäre das nach Genfer Konvention vermutlich nicht mal ein Kriegsverbrechen, sondern einfach ein kriegerischer AKt in einem Krieg.

      Trotzdem wäre das ausgesprochen dumm von der PKK/PYD (falls sie denn wie von der türksichen Regierung behauptet, eine Einheit wären), so zu handeln, wie die türkische Regierung es behauptet. Die PYD hat gerade einen gewaltigen politischen Sieg gegen die Türkei errungen, indem sie Verbündeter von den USA und Russland geworden ist und aufgrund dieser US-amerikanisch-russischen Unterstützung weite Gebiete von Syrien beherrschen darf.

      Die Kriegsmethode „Autobombe“ hat politisch immer den Geruch von Terrorismus, auch wenn das Kriegsrecht eine solche Unterscheidung nach der im Krieg verwendeten Waffe nicht macht. Und dafür dann ausgerechnet einen syrischen Kurden der PYD einzusetzen, wäre dann nochmal extradumm. Die PYD würde damit geradezu um ein politisch motiviertes US-Terrorlabel und eine von den USA unterstützte türkische Militärinvasion gegen sich selbst in Syrien betteln. Die Anname, dass die PYD so dumm ist, ist ziemlich weltfremd – die haben sich diplomatisch und militärisch in den letzten Jahren nämlich sehr zum Ärger der Türkei als ausgesprochen clever und geschickt erwiesen.

      1. Das das die PYD war glaube ich auch keine Sekunde. Aber die PKK hat ja schon länger Krieg mit der türkischen Armee. Und sie wehrt sich auch, wenn sie angegriffen wird, hält sich aber auch mal taktisch zurück. Aber bei der gegenwärtigen türkischen Offensive wäre es ja auch seltsam, wenn die PKK einfach still halten würde, in der Hoffnung, dass der Lösungsprozeß weitergeht. Und dann gibt es eben radikale Splittergruppen und Abspaltungen, wie eben die TAK. Die kann im Einklang mit der PKK handeln, die sich trotzdem offiziell distanziert, um Verhandlungsbereitschaft zu signaliseren. Diese kann aber auch von irgendeinem Dienst gedreht worden sein. Oder aber, es kann einfach eine dieser linkradikalistischen Splittergruppen sein, die es m.W. in der Türkei sehr oft gibt und die kein besonderes Verhältnis zu Taktik und schon gar nicht Strategie haben. Ähnlich dem deutschen Linksradikalismus, nur gewalttätiger und fanatischer.

        Naja, das ändert natürlich alles nichts an der politischen Einschätzung.

        Fehlt mir aber ein wenig die Einschätzung des innertürkischen Krieges zwischen türkischer Armee und PKK. Diese Schlacht geht ja auch unabhängig von Syrien und dient wahrscheinlich der Zurückdrängung und/oder der Zähming der HDP. Es gibt da ja auch regelrechte Massaker wie in Cizre und wenn sich eine Splittergruppe oder sogar die PKK dagegen wehrt, indem sie den Schrecken in die türkische Armee bringt, dann ist das eventuell nicht taktisch, aber verständlich. Und wie gesagt: in einer solchen Situation sich gar nicht militärisch zu wehren, scheint mir auch fatal. Aber klar vor dem Hintergrund der gesteigerten politischen internationalen Anerkennung der PKK-Kurden, können diese sich eigentlich militärisch zurücknehmen bzw. müssen aufpassen, dass sie nicht weiter als Terrorgruppe gelten.

  5. „Terrorismus“ ist ja schon lange ein „Totschlagsargument“, um eigenen Terror zu legitimieren. Die Hamas, „anerkannte“ Terrorgruppe gegen Israel, hat ihr Hauptquartier in Istanbul und wurde auf Parteiversammlungen der AKP von Erdogan und Konsorten gefeiert.

    Al Kaida, immerhin die Attentäter von New York, sind dagegen irgendwie zu gemäßigten Rebellen mutiert. Ob die Täter posthum noch Ehrenmedaillen erhalten, fragt man sich.

    Natürlich kann auch die Erklärung von TAK ‚getürkt‘ sein. Aber zumindest hat sie die türkische Regierung in Erklärungsnot gebracht. Die immer sofort Täter zur Hand hat, die ihr merkwürdigerweise gerade passen! Ein Regime, in dem der Rechtsstaat abgeschafft wurde. Zugunsten der Lynchjustiz.

    Die vielen verschiedenen Interessen rund um Syrien verwirren, aber es gibt zumindest die Differenz zwischen den islamistischen, sunnitischen Kopf-Abhackern und ihren türkischen Unterstützern auf der einen Seite und ihren unterschiedlichen Gegnern auf der anderen Seite.

    Die syrischen Kurden haben meine Sympathie, im Gegensatz zum korrupten kurdischen Barzani-Regime im Irak. Es gilt, Kopf-Abhackern ein Ende zu bereiten. Offenbar ist das nun auch eine Strategie bei Herrn Obama. Die allergrößte Schande, das ist jedoch die derzeitige deutsche Politik. Kopflose Demut vor dem türkischen Menschenschlächter Erdogan im Zustand absoluter Flüchtlingspanik!

  6. Vielen Dank für die erhellenden Analysen auf dieser Seite !

    Es gibt immer neue Stimmen aus dem diplomatischen Lager, die die westliche Politik der Einmischung
    diesen „regimechange-Akrobaten“ gehörig die Leviten lesen :

    Former UK Ambassador to Syria: U.S./UK Policy on Syria Is Doomed, Even Corrupt

    http://rinf.com/alt-news/breaking-news/former-uk-ambassador-to-syria-u-s-uk-policy-on-syria-is-doomed-even-corrupt/

    Aber uns Ursula wird nicht müde herumzuplärren wie schlimm Assad ist , und dass Alles seine Schuld sei , na ja fast alles – für den Rest , natürlich : Putin.

      1. Wen sonst ?
        Bei maybritt Illner hat sie versucht bei jeder passenden Gelegenheit ihre Abscheu gegen
        Assad und Putin in die Debatte reinzustreuen.

        Weitere Stellen, in denen sie das nochmal widerholte 22:30 und 34:55

        Dabei geht es um um das Recht auf Selbstverteidigung
        eines Staates oder sollte ich besser sagen das Existenzrecht Syriens, das hier verteidigt wird.

        Wenn man sich anschaut was ihr Parteikollege Mappus aufführte, als das Existenzrecht von
        Stuttgart 21, durch den Besuch einer Schulklasse im Stadtpark als so brisant eingestuft wurde,
        dass nur massiver Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas, das verhindern konnte, dann
        kann man diese Person doch nicht für voll nehmen.

      2. Was’n das für eine komische verschwörungstheoretische Veranstaltung (Illner?) aus der allerletzten Schmuddelecke (ZDF?) des Internets?

        „dann kann man diese Person doch nicht für voll nehmen.“

        Eben.

  7. Hallo noch ein Parteibuch,

    ich kann leider die Zuversicht, welche dein Artikel zeigt, nicht vollends teilen.

    Der Sicherheitsrat hat das dauernde Bombardement der Türken auf einen souverän Staat bisher nicht verurteilt auch die massive Unterstützung der Türken und der wahhabitischen Diktaturen für den al Kaida Ableger al Nusra und dessen Verbündete wurden vom Sicherheitsrat bisher nicht konkret verurteilt. Stattdessen sieht (bzw bezeichnet) sowohl Obama als auch die EU und die deutsche Regierung die dortigen Terroristen als moderate Opposition.

    > http://www.tagesschau.de/ausland/eu-gipfel-205.html

    Die EU fordert sogar die Einrichtung von Schutzzonen in dem Gebiet nördlich von Aleppo, gerichtet an Terroristen welche der al Nusra angehören oder damit verbunden sind, rein faktisch wäre das nur eine Stärkung der Terroristen und eine Zementierung der Aufteilung von Teilen Syriens. Merkel will sogar zur Unterstützung der Terroristen eine Einstellung der Luftangriffe. Auch wenn aus der NATO Stimmen kamen dies nicht selbst militärisch zu bewerkstelligen oder zu unterstützen, hört es sich doch nach einer politischen Unterstützung für die Türkei und den wahhabitischen Diktaturen an derartiges einzurichten.

    Und was sagt Obama?

    > https://www.rt.com/news/333066-obama-support-erdogan-kurds/

    „In a long phone conversation that lasted an hour and twenty minutes, Obama told his Turkish counterpart Recep Tayyip Erdogan that the US has an “unwavering commitment” to Turkey’s national security.

    Obama said he is “concerned” about the Syrian Army’s and Kurdish fighters’ gains in northern Syria as he “urgently called for a halt to actions that heighten tensions with Turkey and with moderate opposition forces in northern Syria,” according to a statement from the White House.

    The US president stressed that the ongoing advance of Syrian armed forces and Kurdish militia, with support from the Russian Air Force, could “undermine our collective efforts in northern Syria to degrade and defeat ISIL.”

    While advising Erdogan to show “reciprocal restraint” and avoid shelling northern Syria where Ankara is engaging Kurds, Obama stressed that “YPG forces should not seek to exploit circumstances in this area to seize additional territory. At the same time both leaders called on Moscow and Damascus to halt airstrikes against what they call “moderate opposition forces.””

    Die Kurden sollen nicht gegen al Nusra und deren verbündete kämpfen und das Gebiet zwischen Afrin und Euphrat soll nicht von den Kurden oder den syrischen Streitkräften befreit werden. Stattdessen sollen die Russen aufhören zu bomben.

    Die Bezeichnung für mit al Nusra verbündete Terroristen als moderate Rebellen in der westlichen Politik und den Medien und deren Unterstützung sowie die Betrachtung der Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte als „legitime“ Vertretung Syriens, in deren Folge die Sanktionen gegen Syrien kamen, sind doch schreiende skandalöse Verbrechen.

    1. dirk

      Zum Telefonat von Obama mit Erdogan

      Möglicherweise haben Putin und Obama sich geeinigt, die Azaz-Terroranklave einstweilen stehenzulassen,um es Erdogan schwieriger zu machen, einen Einmarschgrund nach Syrien, den er gegenüber seiner eigenen Armee braucht, zu finden. Obama kann so zu Erdogan sagen, schau, ich habe das mit Druck auf Putin in deinem Sinne gelöst, dass deine Azaz-Rebellen-Enklave – in welchen Grenzen auch immer – erstmal bestehen bleibt, und nun halt du, Erdogan, dich auch mal zurück.

      Für die syrische Armee und die YPG wäre das eigentlich gar nicht so schlimm. Erstaml gibt es in der Gegend von Azaz tatsächlich eine Menge Flüchtlinge (IDP), auch wenn viele davon wohl „Rebellen-Kämpfer“ oder „Ex-Rebellen-Kämpfer“ sind, und zum anderen könnte die syrische Armee von Kuwaris aus gegen Al Bab, oder sogar westlich an Al Bab vorbei nach Norden vorrücken und damit die Marea-Azaz-Tasche von Osten umzingeln. So würde der Azaz-Marea-Tasche die militärische und geopolitische Signifikanz völlig genommen. Wenn die YPG dabei unter der Flagge der NDF mitmachen und anschließend unter der NDF-Flagge die Verwaltung der von ISIS eroberten Gebiete östlich von Marea organisieren, hätte die YPG den Streifen von Afrin nach Kobane dann auch defacto, wenn auch nicht dem Namen nach.

      So könnte die YPG vergleichsweise gesichtswahrend für Erdogan gewinnen – die Niederlage wäre Erdogan ohnehin erstmal Strafe genug. Ob das so läuft, weiß ich natürlich nicht, aber denkbar wäre das.

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