Shaddadi ist befreit

Kräfte der kurdischen YPG und ihre Partner in den SDF haben – unterstützt durch die US-Luftwaffe – in den letzten Tagen signifikante Fortschritte im östlichen und westlichen Umland der Stadt Shaddadi ganz im Osten von Syrien gegen ISIS gemacht. Am heutigen Freitag sieht es so aus, dass die bereits annoncierte finale Offensive zur Befreiung der Stadt Shaddadi selbst nun jeden Augenblick beginnen kann. Nachtrag: Kaum war dieser Artikel geschrieben, meldete SANA, dass Stammesleute und National Defence Forces die Kontrolle über Shaddadi errungen haben. Das ging ja schnell.

Wie bereits gemeldet, berichtete Sputnik am Donnerstag auf deutsch, den Syrischen Demokratischen Kräften, kurz SDF, sei es Al Mayadeen zufolge beim Vormarsch auf Shaddadi gelungen, eine wichtige Verbindung von ISIS-Terrorirsten zwischen Mossul und Shaddadi zu unterbrechen und ein Ölfeld sowie eine Gasaufbereitungsanlage unter Kontrolle zu bringen. Am heutigen Freitag meldete Sputnik auf englisch, den auch von der russischen Luftwaffe unterstützten Kräften der SDF sei es Al Mayadeen zufolge in letzter Zeit gelungen, 47 Dörfer beim Vormarsch auf Shaddadi zu befreien. Dabei fliegt die US-Luftwaffe zur Unterstützung des Vormarsches Luftangriffe, von die die Londoner Terrorpropagandastelle SOHR behauptet, sie hätten in den letzten Tagen unter anderem eine Bäckerei und andere zivile Ziele getroffen, wodurch 38 Zivilisten ums Leben gekommen seien – was allerdings im Unterschied zur angeblichen Bombardierung eines „geheimen MSF-Krankenhauses“ – oder Geheimdienst- und Terrorstützpunktes – in Westsyrien durch die russische Luftwaffe von den westlichen Medien kaum thematisiert wird.

Obgleich es nicht ganz einfach ist, zuverlässige Informationen zur militärischen Lage in der Umgebung von Shadadi zu bekommen, gibt es nachfolgend einige Karten, mit denen versucht werden soll, die Lage in Shaddadi und Umgebung nachzuzeichnen. Hier ist ein aktueller Screenshot aus Wikimapia, auf dem die Frontlinie um Shadadi in rot eingezeichnet ist, wobei die SDF natürlich nördlich der Frontlinie und ISIS südlich davon sind. Die Staatsgrenze zum Irak ist in weiß eingezeichnet.

Gut erkennbar ist ein Zangenangriff der SDF durch die Wüste von Ost-Nordost sowie von Nordwest auf die von ISIS gehaltene Stadt Shadadi, wobei es den Kräften der SDF der Karte zufolge östlich von Shadadi auch gelungen ist, auf der Shadadi-Straße bis hinunter zur Kreuzung mit der Khwaibyra-Straße vorzustoßen und damit ISIS den kürzesten Nachschubweg von Mossul nach Shaddadi abzuschneiden. Ebenfalls zu sehen ist, dass es den SDF der Karte zufolge von Nordwesten her kommend gelungen ist, durch die Wüste bis zum Dorf Al-Sabaa wa Arbain rund fünf Kilometer vor Shaddadi vorzustoßen. Der Anmarsch durch die Wüste bietet den SDF aufgrund der US-Luftunterstützung einen großen Vorteil, denn da ist es schwer für ISIS, Deckung zu finden. Zur Erstürmung von Shaddadi können die SDF somit ISIS über zwei Achsen angreifen. Nördlich von Shaddadi ist hingegen dichter besiedeltes von ISIS gehaltenes Gebiet, dass die SDF einfach nur auf halbem Weg zur Stadt Hasakah blockiert haben, anstatt sich da in Kämpfen in dichtbesiedeltem Gebiet aufzureiben.

Auf der Karte von Wikimapia sind allerdings weniger Siedlungen zu sehen, als es sie da in der Gegend tatsächlich gibt. Hier mag eine Karte von Wikipedia hilfreich sein, von der @MoqawamaTR freundlicherweise einen aktuellen Screenshot gemacht hat:

Gut zu sehen auf der Karte, wie wenig besiedeltes Gebiet es östlich von Shaddadi gibt, wo stattdessen Öl- und Gasanlagen zu finden sind. Im Nordwesten von Shaddadi scheint es der Wikipedia-Karte zufolge dagegen durchaus noch eine erhebliche Präsenz von ISIS geben. Auf der Karte sieht es deshalb so aus, dass die Hauptsstoßrichtung des Angriffes der SDF gegen Shaddadi aus dem Osten kommt, wo die SDF inzwischen die ganze Straße von Shaddadi bis zum Grenzübergang Makhfar Umm Jaris mit dem Irak unter Kontrolle haben. Ein Video von der kurdischen ANHA News Agency zeigt, dass die SDF von Osten schon so nah an Shaddadi dran sind, dass sie die Stadt bereits im Blick haben:

Schön zu sehen ist auf dem Kartenausschnitt der Wikipedia auch, dass es in der Stadt Hasakah und Umgebung auch noch eine Präsenz der syrischen Armee gibt, die offenbar recht gut mit den Kräften der YPG/SDF auskommt, und außerdem ist da düdlich von Shaddadi auch schon die Präsenz der syrischen Armee im Sichtfeld. Gelingt es, eine Verbindung zwischen den Kräften der SDF bei Shaddadi und den Kräften der syrischen Armee in Deir Ezzor zu schaffen, und gleichzeitig Deir Ezzor von Westen her wieder über Palmyra an Homs anzubinden, und das ist, weil das meiste Gebiet da Wüste ist, gar nicht so unrealistisch, dann wäre das ISIS-Gebiet in zwei Teile zerhackt, die untereinander keine Verbindung mehr hätten: Raqqa wäre von Mossul getrennt. Das ist, außer dass Shaddadi wichtig für die Ölversorgung und zentral für die Gasversorgung von Syrien ist, und der Verlust schon daher ein schwerer Schlag für ISIS, die strategische Dimension des Vormarsches der SDF auf Shaddadi. Natürlich setzt das voraus, dass die SDF und die syrische Armee und ihre jeweiligen internationalen Unterstützer wie die USA und Russland miteinander auskommen und gemeinsam daran arbeiten, den Terrorismus von ISIS zu besiegen. Die Partnerschaft mit der syrischen Armee ist dabei ebenso wichtig wie die mit der YPG in Hasakah; SANA meldete aus Deir Ezzor auch am Freitag wieder, dass die syrische Armee dort zahlreiche Terroristen eliminiert hat – und es außer der syrischen Armee und ihren Partnern gibt niemand sonst, der in Deir Ezzor gegen ISIS kämpfen könnte.

Aus diesem Grund hat der Kampf der SDF gegen ISIS in Shaddadi und Umgebung auch Auswirkungen für den Anti-Terror-Kampf im Nordwesten Syriens, denn da bekämpfen die von den USA und Russland unterstützten Kräfte der YPG und SDF ebenfalls den Takfiri-Terrorismus, während der nominell mit den USA und anderen westlichen Staaten verbündete NATO-Staat Türkei den Takfiri-Terrorismus unterstützt und sowohl die syrische Armee als auch die SDF von türkischem Territorium aus in Syrien angreift. Die Türkei fordert bei dieser Aggression gegen Syrien und der Bekämpfung der YPG/SDF die Unterstützung der USA und anderer NATO-Staaten, doch diese wollen die Aggression der Türkei gegen Syrien und die YPG nicht unterstützen, unter anderem eben deswegen, weil die YPG/SDF in der Provinz Hasakah, siehe shaddadi, sehr erfolgreich gegen ISIS kämpft, und die USA und westliche NATO-Staaten ISIS als Bedrohung für ihre nationale Sicherheit betrachten.

Was das Kampfgeschehn am heutigen Freitag in der Provinz Aleppo angeht, so hat die syrische Armee da, wie gestern schon erwartet, aufgrund des Freitags als traditionell besinnlichem Tag, bei ihren Offensiven weitgehend Pause gemacht. Westlich des Kraftwerks im östlichen Umland von Aleppo soll aber trotzdem eine weitere Siedlung von ISIS befreit worden sein. Im Westen von Aleppo haben Takfiri-Terroristen versucht, die Stellungen der syrischen Armee im „Family House Freizeitpark“ anzugreifen, was zu nichts weiter als hohen Verlusten unter den Terroristen geführt hat. Für ihre Niederlagen gerächt haben sich Terroristen, indem sie Wohnviertel von Aleppo wahllos mit selbstgebauten Granaten vom Typ Hell-Canon beschossen haben, wodurch einige Zivilisten starben.

In der Gegend von Azaz und Marea gab es auch wieder Kämpfe zwischen SDF und Takfiri-Terroristen, konkret etwa in Kafr Khashir und zwischen Sheikh Issa und Marea, wo jeweils auch die russische Luftwaffe zur Unterstützung der SDF im Einsatz war. Die Türkei schießt unterdessen in dem Gebiet von Azaz und Afrin weiter von türkischem Boden aus mit Artillerie auf mutmaßliche Positionen der SDF. Zum Hintergrund der Kämpfe gibt es unterschiedliche Gerüchte, aber wenig zuverlässige Informationen.

Einerseits heißt es, Terroristen unter dem Banner von Ahrar Al Sham würden versuchen, von Marea aus Sheikh Issa zu erobern. Andererseits heißt es, SDF-Kräfte würden versuchen, von Sheikh Issa aus Marea zu erobern. Weiterhin heißt es, die Terroristen in Marea hätten sich ISIS angeschlossen, um so trotz der eingekesselten Lage eine Kriegslogistik aufrecht erhalten zu können, und dann beschlossen, für ihre Offensive gegen die SDF das Banner von Ahrar Al Sham zu nutzen, weil sich das international besser macht. Andererseits wird behauptet, die syrische Armee würde in der Gegend auch unter dem Banner der SDF kämpfen. Überprüfen lassen sich solche Behauptungen nicht, obgleich sie militärisch durchaus logisch wären. Folgt man dieser Logik, kämpfen im Raum nördlich von Aleppo nun von der Türkei unterstützte Takfiri-Terroristen von ISIS, Al Kaida, Ahrar Al Sham und so fort auf der einen Seite und die von Russland und den USA unterstützten Kräfte von YPG, Hisbollah und syrischer Armee auf der anderen Seite.

@BtwlatAljyshAls hat solcher Logik folgend eine interessante Karte von der Front nördlich von Aleppo veröffentlicht, wo die unterschiedlichen Takfiri-Terroristen nicht mehr gesondert ausgewiesen werden, und große Gebiete, die ansonsten YPG und SDF zugeschrieben werden, tatsächlich unter Kontrolle der Armee sein sollen:

Die Karte mag auf den ersten Blick etwas spaßig aussehen, könnte auf den zweiten Blick jedoch auch unkonventionelle Denkanstöße geben.

Nachtrag 20:15h: SANA meldete vor wenigen Minuten in einer Einmeldung, dass Stammesleute und National Defence Forces die Kontrolle über Shaddadi errungen haben.

11 Gedanken zu “Shaddadi ist befreit

  1. „Westlich des Kraftwerks im östlichen Umland von Aleppo soll aber trotzdem eine weitere Siedlung von ISIS befreit worden sein.“

    Mit Za’lanah wäre die letzte Straße zu.
    Aber erst mal abwarten.

  2. Glaubt ihr an den angeblichen (kleinen) Differenzen zwischen Putin/Assad bzgl. der sog. Waffenruhe ist was dran oder eher Show? Die Argumentation Assads kann ich natürlich voll nachvollziehen aber es ist auch nicht immer einfach alles korrekt einzuordnen wie da Strippen gezogen werden. Kann ja sein, dass Russland nach den milit. Erfolgen nochmal mehr einen dipl. Ansatz starten will. Derweil: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-02/frankreich-francois-hollande-krieg-tuerkei-russland

    1. Alberich

      Das gemeinsame russisch-iranisch-syrische Ziel ist es, eine politische Lösung auszuverhandeln, die Syrien natürlich in der Achse des Widerstandes hält – womit dann das geopolitische Ziel des Regime-Change-Versuches in Syrien konterkariert ist. US-Oberbefehlshaber Obama scheint das schon lange akzeptiert zu haben, aber der zionistisch dominierte US-Kongress, Israel, die Türkei und Saudi Arabien wollen das unbedingt verhindern.

      Dadurch, dass Assad nun gesagt – oder besser: angedeutet – hat, er will das Problem militärisch lösen, und Russland Assad nun da in die Parade fährt, kann Russland zu den USA sagen: seht: wir haben unseren Klienten Assad diszipliniert, nun seid ihr dran, das gleiche mit euren Klienten Türkei und Saudi Arabien zu machen. Obama bekommt dadurch Deckung – gegen Angriffe von Israel-Lobby und Kongress, der Türkei und Saudi Arabien in die Parade zu fahren.

      Also insgesamt: Recht geschicktes russisch-syrisches Diplomatie-Manöver würde ich sagen, und vermutlich mit Obama abgesprochen.

      1. „Dadurch, dass Assad nun gesagt – oder besser: angedeutet – hat, er will das Problem militärisch lösen, und Russland Assad nun da in die Parade fährt, kann Russland zu den USA sagen: seht: wir haben unseren Klienten Assad diszipliniert, nun seid ihr dran, das gleiche mit euren Klienten Türkei und Saudi Arabien zu machen. Obama bekommt dadurch Deckung – gegen Angriffe von Israel-Lobby und Kongress, der Türkei und Saudi Arabien in die Parade zu fahren.“

        Klingt einleuchtend. Danke für die Antwort. Kann mir auch nicht vorstellen, dass Assad da schwer Alleingänge starten würde. Ohne Russlands Unterstützung sähe es eh eher düster aus.

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