China verfehlt Wachstumsziel sehr deutlich

Wie das offizielle Nationale Bureau für Statistik von China am gestrigen Dienstag Morgen mitteilte, betrug das Bruttoinlandsprodukt Chinas vorläufigen Schätzungen zufolge 67.670,8 Milliarden Yuan im Jahr 2015, was „eine Steigerung von 6,9% bei vergleichbaren Preisen“ sei. Diese Meldung ist brisanter als sie auf den ersten Blick erscheint.

Staatliche chinesische Medien gaben der Nachricht die Zahl 6,9% in den Vordergrund rückend den Spin, das Wachstum in China habe sich 2015 verlangsamt, sei aber in einem „vernünftigen“ Bereich. Westliche Medien übernahmen den Spin oft, und betonten dazu häufig, 6,9% Wachstum sei das langsamste Wachstum in China seit 25 Jahren.

Die wirkliche Brisanz der Meldung des chinesischen Statitikbureaus wird deutlich, wenn man die gestrige Jahresmeldung mit der Jahresmeldung vom letzten Jahr vergleicht, sich dabei auf die BIP-Zahl in Yuan konzentriert und dazu ein ganz kleines bisschen rechnet. Vor einem Jahr meldete das Nationale Bureau für Statistik von China nämlich, dass das BIP des Jahres 2014 vorläufigen Schätzungen zufolge 63.646,3 Milliarden Yuan betragen habe. Teilt man nun die 67.670,8 Milliarden Yuan im Jahr 2015 durch die 63.646,3 Milliarden Yuan im Jahr 2014 kommt man auf die ohne das Abziehen der Inflationsrate betrachtete nominelle Wachstumrate in absoluten Yuan im Jahr 2015, und das sind dann nach Adam Riese: 6,3%.

Von diesen 6,3% muss man nun also nur noch die Inflationsrate abziehen, um auf die tatsächliche Wachstumsrate zu kommen. Um von der errechneten nominellen Wachstumsrate in Yuan von 6,3% ohne Inflationsausgleich zu der vom Nationalen Bureau für Statistik von China mitgeteilten Wachstumsrate von 6,9% „bei vergleichbaren Preisen“ zu kommen, müsste die Inflation in China im Jahr 2015 also nach Adam Riese -0,6% betragen haben. Mit anderen Worten, wenn die BIP-Zahlen des offiziellen Nationalen Bureaus für Statistik von China stimmen, dann hat es in China im Jahr 2015 keine Inflation, sondern eine kräftige Deflation in Höhe von 0,6% gegeben, und das, obwohl der chinesische Yuan 2015 gegenüber der Weltleitwährung US-Dollar um 4,4% gesunken ist, was wegen deshalb – in Yuan gerechnet – tendenziell verteuerter Importe die Inflation begünstigt hat. Das grundsätzliche Problem mit Deflationen fasst Wikipedia mit folgendem simplen Satz zusammen: „Deflation tritt üblicherweise zusammen mit einer Depression auf.“ Mit Depression ist dabei in der Wirtschaftssprache so etwas wie eine Abschwungphase mit einem langen, hartnäckigen Tief gemeint, aus dem es schwer ist, herauszukommen. Ginge man anstelle der vorläufigen Schätzung von vor einem Jahr von in Höhe von 63.646,3 Milliarden Yuan von der letzten Abwärtskorrektur des BIP für 2014 auf 63.591,0 Milliarden Yuan im Januar 2016 aus, etwa weil man daran glaubt, dieses Jahr werde es keine Abwärtskorrektur des BIP 2015 mehr geben, ändert sich an der Perspektive insgesamt übrigens auch kaum etwas, außer dass das Wachstum vor Preisausgleich dann leicht, nämlich auf 6,4% steigen, und die Deflation dann etwas, nämlich auf 0,5%, sinken würde.

Damit sollte nun auch für diejenigen, die mit Wirtschaftsdaten und Wirtschafttheorien ansonsten nicht viel anzufangen wissen, erkennbar sein, welche Brisanz in den am gestrigen Dienstag Morgen vom offiziellen Nationalen Bureau für Statistik von China liegt. China hat den offiziellen Zahlen zufolge nicht nur sein Wachstumsziel von 7% knapp verfehlt, aber mit 6,9% immer noch ein hervorragendes Wachstum erreicht, sondern viel weitergehende Probleme mit dem Wachstum. Wie man es auch dreht, hat China da gravierende Probleme. Wenn die Zahlen stimmen, dann hat China eine Deflation, die das Risiko einer Depression bergen könnte, was ein gravierendes Wachstumsproblem ist, und wenn die Zahlen nicht stimmen, weil das Wachstum tatsächlich viel geringer als die angegebenen 6,9% gewesen ist, dann ist das natürlich auch ein Problem mit dem Wachstum. Wenn die Wirtschaftsgroßmacht China gravierende Wachstumsprobleme hat, dann ist das nicht nur ein Problem für CHina, sondern hat auch, da China sich in den letzten Jahren zur Wirtschaftslokomotive der Welt entwickelt hat, erhebliche globale Auswirkungen, einschließlich geopolitischer Folgen, weil China natürlich das wirtschaftliche Kraftzentrum von SCO und BRICS ist. Vor diesem Hintergrund sollen nun die offiziellen chinesischen Zahlen und die Lage betrachtet werden. Was dazu vorab nochmal klargestellt werden soll, ist, dass offizielle Zahlen zum Wirtschaftswachstum ebenso wie andere offizielle Statistiken selbstverständlich „menschengemacht“ sind, und gerade weil sie erhebliche wirtschaftliche und politische Auswirkungen haben, sie natürlich sowohl in der westlichen Welt – man denke nur etwa an die Monat für Monat um in die sinnlosen „Maßnahmen“ verweilenden Alg-II-Empfänger schöngerechneten deutschen Arbeitslosenzahlen – als auch in China der politischen Einflussnahme unterliegen.

Weil in der Rechnung oben eine Deflation von 0,6% in China 2015 herauskommt, liegt es nahe, sich anzuschauen, was das offizielle China zur Inflation 2015 sagt. Die staatliche chinesische Nachrichtenagentur meldete am 9.1.2016, das Nationale Bureau für Statistik habe am Samstag mitgeteilt, dass im Jahr 2015 die Verbraucherpreise in China um 1,4% gestiegen seien, womit sie die von der Regierung vorgegebene Zielmarke von 3% deutlich unterschritten haben, während die Erzeugerpreise um 5,2% gefallen seien, was auf „hauptsächlich“ auf globale Preisrückgänge bei Öl, Gas, Kohle und Eisen zurückzuführen sei. Das macht das Gesamtbild aber kaum besser. Es stimmt zwar, dass die Preise für diese Energieträger und Rohstoffe 2015 drastisch gesunken sind, und der Preisverfall dieser Rohstoffe bringt sicherlich tendenziell deflationären Druck mit sich, aber China ist der größte Importeur dieser Energieträger und Rohstoffe der Welt, der als solcher von den sinkenden Energie- und Rohstoffpreisen insgesamt massiv profitieren müsste, und doch sind die Daten zum Wirtschaftswachstum eher schwach.

Und da lohnt es sich, sich das gestern veröffentlichte BIP von 67.670,8 Milliarden Yuan genauer anzuschauen. Noch im Oktober 2015 wurde vom IWF als Planmarke diesbezüglich für 2015 ein BIP von 69.238,049 Milliarden Yuan veröffentlicht, was eine Korrektur nach oben von der im April vom IWF veröffentlichten Planmarke von 68.985,591 Milliarden Yuan darstellte. Zwar waren das IWF-Schätzungen, doch ist vom internen Prozedere des IWF bekannt, dass der IWF bei seinen Schätzungen die von der betreffenden nationalen Regierung vorgelegten Plandaten zu verweden, sofern da nicht gewichtigen Gründe gegensprechen, was im Fall von China nicht der Fall ist. Man kann diese IWF-Daten deshalb getrost als offizielle chinesische Plandaten betrachten. Was also passiert ist, ist, dass im Januar 2016 in den ersten Ist-Zahlen zum chinesischen BIP mehr als 1500 Milliarden Yuan, umgerechnet fast 250 Milliarden Dollar, von dem BIP-Ziel fehlt, was noch im Oktober geplant gewesen sein soll. Anders ausgedrückt wurde im Oktober 2015 für das Gesamtjahr 2015 noch eine BIP-Steigerung in Yuan vor Inflationsbereinigung von 8,8% geplant, aber im Januar 2016 wurden dann nur 6,3% in den vorläufigen Ist-Daten für 2015 vorgelegt. Da fehlt grob gesagt mehr als ein Viertel des noch im Oktober angestrebten Plan-Wachstums in Yuan, nicht nur ein siebzigstel des Wachstums, wie es die offiziellen Verlautbarungen mit der Notierung, das angestrebe Wachstum von 7,0% sei mit 6,9% leicht verfehlt worden, nahelegen.

Es ist natürlich nicht anzunehmen, dass plötzlich im vierten Quartal das Wachstum ausgeblieben ist, und deshalb das nicht um Inflation bereinigte absolute Wachstum in Yuan für 2015 in den Ist-Zahlen vom Januar 2016 um mehr als ein Viertel niedriger liegt als noch im Oktober 2015 geplant, und China behauptet das auch gar nicht, denn in den offiziellen chinesischen Mitteilungen heißt es schließlich, das Wachstum des vierten Quartals hätte im Jahresvergleich bei 6,8% gelegen, also fast so hoch soll es gewesen sein wie die für das ganze Jahr angegebenen 6,9%. Dabei hatte die im Oktober veröffentlichte BIP-Planzahl für 2015 von 69.238,049 Milliarden Yuan, was 8,8% nicht inflationsbereinigtes Wachstum bedeutet hätte, eigentlich durchaus Sinn ergeben: das politisch vorgebene Ziel von 7,0% inflationsbereinigtem Wachstum wird fast erreicht werden und dazu wird es rund 1,8% Inflation geben, konnte man diese Zahl etwa lesen. Mit der gestern veröffentlichten BIP-Zahl von 67.670,8 Milliarden Yuan für 2015 wird offenbar, dass das ganze chinesische Wirtschaftszahlensystem für 2015 nicht mal grob hinhauen kann.

Um trotzdem etwas über die aktuelle Situation der chinesischen Wirtschaft zu erfahren, liegt es nahe, sich an realwirtschaftlichen Indikatoren zu orientieren, etwa Größen wie die vom gegenwärtigen chinesischen Regierungschef Li Keqiang stammende und später von Wikileaks geleakte diskrete Empfehlung, sich bei der Frage nach dem tatsächlichen Wirtschaftswachstum in China anstatt an den offziellen BIP-Zahlen lieber an den Indikatoren Elektrizitätskonsum, Bahnfrachtmenge und ausgereichte Kredite zu orientieren. An den Zahlen des BIP könne beliebig gedreht werden, aber bei den von Li empfohlenen Größen gehe es um Leistungen, die bezahlt werden müssten, weshalb sie schwierier zu manipulieren sein, hieß es dazu erklärend. Aus dieser geleakten Empfehlung von Li bastelte der Economist im Jahr 2010 spaßeshalber einen „Keqiang-Index“ zum Wirtschaftswachstum in China, aus dem sich damals ergab, dass die chinesische Wirtschaft zwar tatsächlich kräftig wuchs, jedoch viel volatiler war als es in den offizellen BIP-Zahlen zum Ausdruck kam, also China in einigen Jahren noch schneller wuchs als öffentlich verlautbart, in anderen Jahren jedoch hart an der Rezession stand. Wo stehen diese Werte in China also gegenwärtig?

Chinesische Medien, die sich natürlich sehr bewusst sind, dass die diskreten Empfehlungen von Li aus dem 2007 der Öffentlichkeit aufgrund des späteren Leaks bestens bekannt sind und deshalb als Ersatzindikator für Wirtschaftswachstum herangezogen werden, berichteten gestern, der Ausstoß der chinesischen Industrie habe im Dezember 5,9% über dem Vorjahresmonat gelegen und sei im Jahresvergleich um 6,1% gewachsen. Das stimmt überein mit der Linie des letzten Jahres, wo zu vergleichsweise schwachen Zahlen bezüglich des Ausstoßes der chinesischen Industrie erklärt wurde, der Ausstoß der Industrie wachse nur langsam, aber dafür sei es durch die politischen Maßnahmen zur Umstellung der chinesischen Wirtschaft gelungen, einen schnell wachsenden Dienstleistungssektor zu erschaffen, der das ausgleiche. In der gestrigen Meldung zum Industrie-Ausstoß hieß es weiter, der industrielle Ausstoß der staatlichen Unternehmen sei letztes Jahr um 1,4% gewachsen, während der von Aktienunternehmen im Schnitt um 7,3% und der von Unternehmen, die durch ausländische Investoren finanziert wurden, um 3,7% zugelegt hätte. Der Ausstoß von Hi-Tech-Unternehmen habe mit 10,2% jedoch überdurchschnittlich zugelegt. Weiter hieß es, der Ausstoß von Wasser, Gas und Strom sei laut dem Nationalen Bureau für Statistik im letzten Jahr um 1,4% gewachsen, was eine Verlangsamung gegenüber dem Vorjehareswachstum von 3,2% diesbezüglich gewesen sei. Da ist also schon mal ein Teil des Keqiang-Indikators drin, und mit 1,4% Wachstum sieht das nicht besonders gut aus. Doch auf der Webseite des Nationalen Bureaus für Statistik sieht die Originalzahl zum „Keqiang-Indikator“ Stromverbrauch noch schlechter aus: da heißt es nämlich unscheinbar in der Tabelle unten, die Stromproduktion habe im Jahr 2015 in China 5618,4 Milliarden KWh betragen, was ein Rückgang von 0,2% gegenüber dem Vorjahr sei. Im Dezember sei gegenüber dem Vorjahr bei der Stromproduktion sogar ein Rückgang von 3,7% zu verzeichnen gewesen, lässt sich außerdem aus der Tabelle entnehmen. Dem „Keqiang-Indikator“ Stromverbrauch zufolge könnte China also nicht nur ein geringeres Wachstum als offiziell angegeben aufweisen, sondern gegenwärtig bereits in einer richtigen Rezession stecken. Zu den anderen „Keqiang-Indikatoren“ Bahnfrachtmenge und Kreditausreichungen gibt es keine aktuellen Zahlen. Letztes Jahr kamen die Jahreszahlen des Bureaus für Statistik für 2014 zur Bahnfrachtmenge Ende Februar, und da war für die Bahnfracht in Tonnen ein Rückgang von 3,9% und in Tonnenkilometern ein Rückgang von 5,6% zu verzeichnen, während die Stromproduktion um 4,0% gewachsen war, womit also ein zwiespältiges Bild für 2014 gezeichnet wurde, das aber auf alle Fälle deutlich schlechter aussah als die offiziell verlautbarte Wachstumsrate für 2014 von über 7%. In der Statistik des Bureaus für Statistik zum Ausstoß gibt es jedoch noch einige andere harte Werte in Stück und Tonnen, die Anhaltspunkte zur Wirtschaftslage geben können. Demzufolge 2347,96 Millionen Tonnen Zement produziert, was einen Rückgang von 4,9% bedeutet und auf eine Bauwirtschaft in der Rezession hindeutet. Autos wurden in China 24,838 Millionen im Jahr 2015 produziert, was ein Zuwachs von 2,7% ist und darauf hindeutet, dass die Anzahl der Menschen, die sich ein Auto leisten können, in China langsam wächst, zwar langsam, aber da scheint etwas Wachstum zu sein. Stahl lag in China 2015 mit einem Minus von 3,5% bei der Roheisenerzeugung, einem Minus von 2,3% bei der Rohstahlerzeugung in Tonnen und einem Plus von 0,6% bei Stahlprodukten in Tonnen praktisch flach, was im internationalen Kontext wichtig ist, weil China beinahe 50% der Weltstahlproduktion erzeugt, und fast ebensoviel verbraucht, wodurch die Überproduktion von Stahl in China einen enormen Einfluss auf den Stahlmarkt in der ganzen Welt hat. Die Rohöl- und Erdgaserzeugung wuchs in China 2015 trotz globaler Überproduktion um 3,8% in Tonnen Rohöl beziehungsweise um 2,9% in Kubikmeter Gas gerechnet, was ein Grund für den Preisdruck nach unten auf dem globalen Rohölmarkt gewesen sein dürfte. Die Erzeugung von Kohle und Koks in Tonnen gerechnet gingen in China 2015 jedoch deutlich zurück, nämlich um 3,5 bzw 6,5%, was allerdings nicht so sehr auf eine rückläufige Stromproduktion wie auf Fortschritte bei der Umstellung Chinas auf weniger luftverschmutzende Energiequellen. Bezüglich exportlastiger Produkte meldet das Nationale Bureau für Statistik für 2015 tendenziell in der Menge leichte Zuwächse, etwa die Produktion von 71 Milliarden Metern Kleidungsstoff (ein Zuwachs von 3,1%, Lo-Tech, beschäftigungsintensiv), 17,15 Millionen Tonnen Ethylen (ein Zuwachs von 1,6%, chemische Industrie, Plastik), 108,7 Milliarden integrierte Schaltungen (ein Zuwachs von 6,8%, Hi-Tech, Elektronikindustrie), 1,81914 Milliarden Mobiltelefonen (ein Zuwachs von 3,9%, Hi-Tech, Smartphones – aktuelle Technik) und 314,19 Millionen Mikrocomputer-Sets (ein Rückgang von 12,9%, PCs – globale Popularität der Technik sinkt zugunsten von Smartphones). Insgesamt sieht das mengenmäßig nach einem kleinen Zuwachs in der Produktion aus, sowohl im Hi-Tech-Bereich als auch im Low-Tech-Bereich, allerdings weit entfernt bezüglich der offziell noch recht starken Zahlen zum Industrie-Ausstoß.

Die große Frage ist, wie diese Sekundärindikatoren zu interpretieren sind. Das ist selbst beim Stromverbrauch, der über Jahrzehnte in beinahe der ganzen Welt immer recht zuverlässig im Gleichschritt gegangen ist, nicht klar, denn seit ein paar Jahren verscuht die chinesische Regierung auch das Energiesparen gezielt zu fördern, etwa durch die Förderung von Energiesparlampen, stromsparenden Haushaltsgeräten und energiesparenden Produktionsprozessen, sodass weniger Stromverbrauch auch einfach nur bedeuten könnte, dass diese Maßnahmen greifen. Und wenn etwa der Übergang zu mehr Dienstleistungen etwa bedeutet, dass mehr Stromsparberater tätig sind, dann könnte das durchaus sein, dass auch das chinesische Wachstum sich vom Energieverbrauch entkoppelt, etwa wie das in Deutschland und anderen europäischen Ländern im Rahmen der politischen Bemühungen um eine umweltfreundliche Niedrig-Energie-Wirtschaft bereits geschehen ist. Das Wall Street Journal meldete kürzlich etwa, der „Keqiang-Index“ habe Ende November 2015 bei einem Wachstum von 2,38% im Jahresvergleich gestanden, während die offizielle Wachstumszahl bei 6,9% gelegen habe. Gleichzeitig sei es durchaus plausibel, dass der Dienstleistungssektor trotzdem auf die Beine kommt und schneller wächst. Wenn das so sei, dann müsse sich das nicht im „Keqiang-Index“ widerspiegeln, denn Dienstleistungen verbrauchen keinen Strom, und auch nicht unbedingt Bahnfrachttonnen und keine Kreditausreichungen. Insgesamt sei man ziemlich blind da, weil es für den Dienstleistungsbereich keine aussagekräftigen Sekundärindikatoren gebe, hieß es da weiter, aber selbst wenn das so sei, dass man das Wachstum des chinesischen Dienstleistungssektors nicht in global relevanten chinesischen Indikatoren wie dem Verbrauch von Stahl, Energie und Rohstoffen wiederfinde, dann stelle sich die Frage, ob ein Wachstum des chinesischen Dienstleistungssektors für den Rest der Welt überhaupt relevant sei. Da ist sicher etwas dran. Nur müsste man eigentlich, wenn schon nicht beim Stromverbrauch, bei anderen Sekundärindikatoren gute Werte sehen, wenn der Dienstleistungssektor brummt, etwa bei Kreditausreichungen, die nicht nur für die Produktion, sondern auch für den Aufbau von Dienstleistungsgeschäften gebraucht werden, oder bei den PKW-Verkäufen, wo sich die Einkommen der vielen Dienstleister positiv zeigen müssten.

Das ist aber nicht der Fall. Und auch bei den Exporten zeigen sich Probleme, denn was die Exporte vom Wert her angeht, so sanken die chinesischen Exporte im Jahr 2015 kürzlichen offiziellen Medienberichten zufolge im Jahr 2015 um 1,8%. Die Importe nach China sind demzufolge 2015 vom Wert her sogar um 13,2% gefallen, und das Alles dürfte, auch wenn das nicht explizit dabei steht, in Yuan gerechnet sein, der seinerseits ja selbst nochmal 4,4% gegenüber dem US-Dollar gefallen ist, sodass eine Rechnung in US-Dollar, die nicht für China, aber für den Rest der Welt wichtiger ist, einen noch weit größeren Rückgang von Ex- und Importen ausweisen würde. Die chinesischen Medien erklärten das starke wertmäßige Sinken der Importe mit den gesunkenen Energie- und Rohstoffpreisen, und das wertmäßige Sinken der Exporte mit der schwachen globalen Nachfrage. Das ist im Grunde schon zutreffend, nur ist es fraglich, ob dem nicht auch eine gegenwärtige chinesische Schwäche zugrunde liegt. Von daher sieht es insgesamt eher danach aus, dass China entweder bereits in der Rezession steckt, oder knapp davor steht, und das mit gewaltigen globalen Auswirkungen, die bis hin zu einem globalen Crash reichen können. Und was einen wertmäßigen Rückgang der chinesischen Exporte aufgrund global schwacher Nachfrage angeht, so bedeutet das kaum weniger als dass China die ganze Welt an der Schwelle zur Rezession sieht. Der IWF scheint da eine ähnliche Vorahnung zu haben, hat seine globale Wachstumsprognose für 2016 mit Hinweis auf die gegenwärtige Schwäche der Wachstumslokomotive China gestern nach unten korrigiert und dazu gewarnt, es könne auch alles noch viel schlimmer kommen, falls China in noch größere Probleme komme. Das riecht geradezu nach einem von China ausgehenden globalen Crash im Jahr 2016.

Das muss natürlich nicht so kommen. China hat Billionen Dollar an Devisenreserven, und die wertmäßig im Vergleich zu den Exporten deutlich stärker gefallenen Importe bedeuten, dass China im Jahr 2015 einen Handelsbilanzüberschuss von sage und schreibe 3,69 Billionen Yuan erzielt hat, was auch nach dem zuletzt gefallenen Kurs des Yuan noch über 550 Milliarden Dollar sind. Auch der gefallene Kurs des Yuan muss dabei nicht unbedingt eine chinesische Schwäche sein, denn angesichts des riesigen Handelsbilanzüberschusses liegt es nahe, dass China, wenn es das wirtschaftlich für richtig hält, etwa weil der Deflationsdruck nachlässt, den Kurs auch ohne weiteres wieder steigen lassen könnte. Geopolitisch gesehen, ist der riesige chinesische Handelsbilanzüberschuss zudem nicht schlecht für die BRICS, denn wenn China das Geld nicht ausgibt, muss China das Geld anlegen, und da hat China schon klargemacht, dass China sich weg vom Dollar diversifizieren möchte, etwa indem China die AIIB aufgebaut hat, das Seidenstraßenprojekt betreibt und russisches und iranisches Öl Gas in großem Stil kauft.

Anders als früher, wo der Westen immer die chinesische Wirtschaft schlecht geredet hat, und einen Crash in China geradezu herbeisehnte, scheinen geopolitisch die Vorzeichen diesmal allerdings etwas anders zu sein. Diesmal sieht es so aus, als würde der Westen versuchen, China schön zu reden, ganz so, als ob der Westen nun mehr Angst vor einem Crash oder einer Rezession in China hat als China selbst. Und da ist in gewisser Weise auch was dran. Aufgrund des gesunkenen Yuan-Kurses ist das chinesische BIP in Dollar gerechnet im Jahr 2015 leicht gesunken, was wiederum bedeutet, dass der chinesische Markt in Dollar gerechnet etwas kleiner geworden ist, womit westliche Konzerne mit Exporten nach China insgesamt weniger Dollar verdienen können. Da die westlichen Staaten chinesische Industrie-Investitionen in ihren Ländern weitgehend blockieren, um sich vor chinesischem Einfluss abzuschirmen, können sie das, anders als die BRICS und SCO-Staaten, auch nicht durch mehr chinesische Investitionen ausgleichen, was die Frage aufwirft, wie der Westen aus einer möglichen Krise herauskommen will, von der der Westen durch China angesteckt wurde. China hingegen hat genügend finanzielle Reserven, um jederzeit wieder kräftig Feuer unter dem chinesischen Wachstum zu machen und die chinesische Konjunktur in Schwung zu bringen, wenn China das für richtig hält. Nur, möglicherweise will die chinesische Führung das im Moment gar nicht, etwa weil China meint, eine kleine Rezession wäre gegenwärtig beim Entschlacken, Abbau von Balast und der Umstellung auf eine China-zentrierte Wirtschaft durchaus hilfreich, oder auch, dass ein bisschen Schlittenfahren heute der chinesischen Wirtschaft langfristige Vorteile im Konkurrenzkampf mit dem Westen verspricht.

Nachtrag 26.1.2016: Da ist die Zahl zum Bahnfrachtvolumen in China 2015: Minus 11,9%.

14 Gedanken zu “China verfehlt Wachstumsziel sehr deutlich

  1. Was ist das Einfache?
    Der einfache Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist der, daß im Kapitalismus ausschließlich für den Profit der Kapitalisten produziert wird, während es im Sozialismus um die immer bessere Befriedigung der Bedürfnisse des Volkes geht. Im Sozialismus steht eben der Mensch im Mittelpunkt, während für den kapitalistischen Staat die Sozialausgaben nur ein notwendiges Übel sind, um die Bevölkerung ruhig zu stellen und Proteste zu vermeiden…

    1. ‘Was ist das Einfache?
      Die einfache Gemeinsamkeit von Sozialismus und Kapitalismus ist die, dass im Kapitalismus ausschliesslich für den PRofit der Homo sapiens produziert wird, während es im Sozialismus um die immer bessere Befriedigung der Bedürfnisse des Homo sapiens geht.’

      Die Konstante ist der Homo sapiens und der kommt mit dem Sozialismus vielleicht unter der Randbedingung zurecht, dass er kein fremdes Wirtschaftssystem beobachten kann, in dem der Einzelne mehr KRIEGt als der andere. Sobald er es nämlich sieht, will er nicht länger nur SEIN, er will auch KRIEGen.

      Nebenbei bemerkt gibt es keine Garantie, dass ein unsichtbarer Kapitalismus darauf verzichtet, den Sozialismus von nebenan einfach zu überwältigen, um noch mehr zu KRIEGen, was – wenig überraschend – von kapitalistischen MASSEn bislang sogar unterstützt wurde.

      Tatsächlich existieren Gesellschaften, die man als sozialistisch bezeichnen könnte, aber die leben sehr isoliert und meist unter extremen Bedingungen. Dass sie noch existieren geht darauf zurück, dass sie weder für grosse kapitalistische noch sozialistische MASSEn von Bedeutung sind. Deshalb werden sie meistens in Ruhe gelassen und dürfen ihren in Generationen mühsam entwickelten und sorgsam gepflegten Sozialismus leben, ohne dass sie es als Sozialismus bezeichnen würden. In diesen Gesellschaften braucht es weder Marx noch Lenin.

      Bis heute standen alle sozialistischen Experimente mit dem Kapitalismus oder dessen Vorläufern in sichtbarer Konkurrenz. Die meisten wurden von ihren MASSEn zerrieben, besonders bereitwillig wenn Anschubfinanzierungen von aussen den PRozess am Laufen hielten. Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.

      Nach meiner Erfahrung sind Homo sapiens austauschbar: Nimm einen Reichen und ersetze ihn durch einen Armen. Aller Wahrscheinlichkeit nach verhält sich dieser innert Kürze wie ein Reicher, falls er das Vermögen halten kann, denn sooooo einfach ist das nicht. Das System Homo sapiens ist in beide Richtungen durchlässig, nur dass der gefallene Reiche nicht besonders auffällt, weil er fortan keine Möglichkeiten mehr hat, sich zu inszenieren.

      Die Wunschvorstellung sozialistisch geprägter Idealisten ist also ein Homo, der sehenden Auges trotz Kapitalismus den Sozialismus leben will. In der Form liegt die Gattung Homo aber nicht vor. Sicher, einige Homo sapiens werden ihren eigenen Ansprüchen gerecht, kommen aber über die Vorbildfunktion für andere nicht hinaus, die sich an PRivilegien orientieren genauso wie sie es in jedem Wirtschaftssystem tun würden. Der sozialistische Homo ist Idealismus, nicht Realismus. Der kapitalistische Homo ist dagegen Realismus. Darüber kann man lamentieren, wegdiskutieren lässt sich das nicht.

      Es gibt aber noch einfachere Hinweise für ein Konkurrenzsystem wie den Kapitalismus: Die Evolution hat über Milliarden von Jahren Lebewesen erhalten, deren Überleben durch erfolgreiche Konkurrenz zu anderen Lebewesen bestimmt wurde. Es ging immer um PRivilegien, z.B. das PRivileg mehr zu fressen als andere um damit mehr Nachkommen mit PRivilegierten Genen zu PRoduzieren.

      Wie soll also vonstatten gehen, dass der Homo sapiens mit seit Äonen auf Konkurrenz getrimmten Genen urplötzlich nicht sich selbst, sondern alle seine Mitmenschen in den Mittelpunkt stellt? Die Evolution frisst ihre eigenen Kinder? Dafür sind diese Kinder zu sehr “Animal” als “rationale”.

      Viele in jungen Jahren sozialistisch geprägte VIPs findest Du übrigens heute in konservativen Lagern, z.B. den Neo©ons. M.a.W. deren wie auch immer geartete Lebenserfahrung führte dazu, dass sie reihenweise umgekippten. Mal mehr mal weniger intensiv. Innerhalb des chinesischen Sozialismus ist das mithin gewaltigste Experiment umgekippt und bedient nunmehr in einem quasi-sozialistischen Korsett chinesische Milliardäre, die häufig aus den eigenen Reihen stammen und schon jetzt die zu erwartenden, dynastischen Gepflogenheiten generieren. Der Aufstieg vom Tellerwäscher ist eher die Ausnahme – errare humanum est – die Ausnahme bestätigt die Regel.

      Die Amis auf Kurs
      Grüsse
      kosh

      PS: Man tut was man kann und man kann was man tut.

    2. Der bisherige, mehr oder weniger kollektivistisch-diktatorische Sozialismus unter der Knute des dominierenden kapitalistischen Westens konnte aber keine wirkliche Alternative sein und war von vornherein zum Untergang verurteilt, auch wenn er für die dort lebenden Menschen als eine wie auch immer geartete Erfahrung und Wirklichkeit zunächst sehr wohl berechtigt war.

      Der Kapitalismus muß erst einmal so richtig in die Knie gehen, damit ein Sozialismus, der wirklich den wahrhaft integralen bzw. beziehungsfähigen und verantwortungsvollen und konkreten Menschen in den Mittelpunkt stellt, überhaupt eine Chance hat. Leider birgt das zunächst anstehende Ende des Kapitals auch große Gefahren in der Art von Verwerfungen, Verelendungen, geistigen Niedergängen, Terror, Kriegen etc. in sich. Es müssen erst viele Menschen real begreifen, gerade hier im Westen, das der Kapitalismus in jederlei Hinsicht, sowohl in seinem Aufstieg als auch in seinem Niedergang, ausgesprochen menschenverachtend ist, weshalb er letztlich auch nicht absolut durchsetzbar ist.

  2. Teils sehr interessanter Artikel, aber leider auch langatmig, doch wichtige Informationen. Was mir allerdings fehlte, daß nicht auf die Schulden eingegangen wurde. Ich hatte irgendwo im Internet gelesen, daß China zwar viele Währungsreserven hat, allerdings aber auch sehr viele Schulden.

    Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, ob es 250% oder gar 350% waren. Genauso gut kann es auch eine Ente gewesen sein, aber es gibt das Gerücht, daß die Banken der Rothschilds den Wachstum von China massiv unterstützt haben sollen. Keine Ahnung, habt ihr vielleicht dazu aktualisierte und brauchbare Informationen?

    Eine andere interessante Sache fände ich zu erfahren, wie erfolgreich China mit den Investitionen im recht unterentwickeltem westlichen Binnenland in den letzten Jahren war, welches eines der großen Ziele war, um die Menschenflucht vom Binnenland zu den Küstenstädten zumindest stark abzuschwächen.

    1. Das wäre ja noch langatmiger. Nun eine kurze Antowrt.

      Schulden in China: Anders als praktisch alle anderen Staaten auf der Welt hat China das Problem, zuwenig Staatsschulden zu haben. Hintergrund ist, dass China gern den Yuan zu einer Weltreserverwährung machen will, und es dazu eines Bond-Marktes für chinesische Staatsschulden braucht. Den kann es aber nur geben, wenn China genug Staatsschulden hat. Also braucht China mehr Staatsschulden, selbstverständlich in Bond-Form in Yuan, und genau daran arbeitet China. Staatsschuldenstand 2014: 41%. Zahlen für 2015 gibt es noch nicht, kommen sicherlich in ein paar Wochen.

      Der Aufbau von Westchina geht weiter, ob das schnell oder nicht ist, liegt im Auge des Betrachters.

  3. Sehr geehrter daopan, wenn in Ländern, wie unserem Hegemon oder bei uns, Privatfirmen Schulden haben, dann sind es gleich die Schulden der gesamten Bevölkerung, denn bei uns, gehört der Staat, den Besitzern der Unternehmen, siehe die „Bankenkrise“ , wo innerhalb von Minuten, der Staat/ WIR, die Banken mit Hunderten Milliarden Subventionierte. Ganz anders in Ländern, wie China oder auch Russland, die sich aus der Sklaverei der FED befreien wollen und wo die Besitzer der Unternehmen, den Staat NICHT Besitzen, dort sind Unternehmen Privatsache und sollte ein Unternehmen, schlecht gewirtschaftet haben, weil sie zB. im Westen zu hoch Verschuldet sind, dann gehen sie in letzter Konsequenz eben Pleite, denn es sind private Schulden und daraus werden keine Staatlichen Schulden. Sowohl der Chinesische als auch der Russische Staat, sind UNVERSCHULDET und besitzen riesige Guthaben.

  4. Hätte, wäre, könnte usw.
    Was zeigt das Ganze???Eigentlich nicht viel, ausser etwas beweisen zu wollen was bei einer so großen Volkswirtschaft und entsprechenden Wirkungsmechanismen nicht unbedingt ein Problem darstellt.
    Um das mal deutlich zu sagen, jede aber auch jede Beurteilung der der Volkswirtschaft der VC aus westlicher Feder ist gefärbt und lastig.
    Zum kleine Ausgleich des ellenlangen Artikels empfehle ich mal das Interviews v. Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, der sehr oft auch auf Cashkurs, neben sehr bekannten Wirtschafts- und Politikfachleuten, fundeierte Einschätzungen abgibt.
    Interviews DWN 2016/01/10

  5. @kosh
    Danke für die Blumen….der Link ist das Interview was ich ansprach jedoch nicht verlinkte….Hellmeyer ist einer der wenigen wo man klare und nicht idiologisch verbrämte Einschätzungen bekommt….seine Darstellungen der Schwerpunkte der Seidenstrassenthematik und dessen Einordnung in die weltpolitische Lage insbesondere für Deutschland, sind politisch übergreifend…..

  6. Rechnet man die P l a n u n g s g r ö ß e n für Asylverfahren von Österreich umschlagsmäßig auf die EU hoch, kommt man zu folgendem Ergebnis: Österreich hat heuer 125000 Asylanträge und bis 2019 sollen als Obergrenze nocheinmal 125000 dazukommen. Das würde 250000 Asylanträge in Österreich bis 2019 bedeuten. Nimmt man diese Zahlen ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in der EU (10 Mill. zu 500) ergibt sich ein Faktor 50. Hochgerechnet auf die gesamte EU würde sich die Zahl von 12,5 Millionen Asylanträgen in der EU bis 2019 ergeben. Be z o g e n a u f S y r i e n würde dies bedeuten, die EU plant zumindest damit, Asylanträge von 50% der Bevölkerung Syriens (25 Mill.) stemmen zu können.

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