Ein paar Anmerkungen zu Jemen und Aden

Die Berichterstattung zur Lage im Jemen ist extrem verwirrend. Dies liegt, abgesehen von der üblichen Ahnungslosigkeit der Journaille, unter anderem daran, dass die Seite der saudischen Koalition haufenweise Lügen zur Verschleierung des Charakters eines verbrecherischen Angriffskriegs ihrer „Militäroperation im Jemen“ verstreut, und dass die Seite von Ansarullah offenbar nicht breittreten will, was sie macht und unter Kontrolle hat, um nicht durch eigene Nachrichten saudische Luftangriffe auf eigene erfolgreich gewonnene Positionen zu ziehen und so den Erfolg der Operationen zu gefährden.

Was man insgesamt wohl trotzdem sagen kann, ist, dass die Intensität der quer über den Jemen verteilten saudisch geführten Luftangriffe in den letzten Tagen etwas nachgelassen zu haben scheint. Ob das eher daran liegt, dass der saudischen Kriegskoalition die Ziele ausgegangen sind, oder eher daran, dass die Saudis sich nun aus Angst vor weiteren Anschuldigungen von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen durch die Bombardierung von Zivilisten etwas zurückhalten, lässt sich nicht so ohne Weiteres sagen. Vielleicht ist es auch die Kombination dieser Faktoren.

Was sich hingegen mit ziemlicher Gewissheit sagen lässt, ist, dass die Kämpfe um die südjemenitische Hafenstadt Aden die, zumindest bis jetzt, wichtigste Schlacht dieses Krieges zu sein scheint. Klar ist auch, dass es bei den Kämpfen in und um Aden bereits zahlreiche Tote und Verletzte gegeben hat und dass die humanitäre Lage in Aden schlecht ist. Schon bei der Identifizierung der Kriegsparteien in Aden fängt aber das Verwirrspiel an, das von praktisch allen Massenmedien mit nahezu durchgehender Falschberichterstattung erzeugt wird. Das zionistische Hetzblättchen „Die Zeit“ meldete etwa gerade unter Verwendung von afp:

Besonders in der südlichen Hafenstadt Aden gab es heftige Gefechte zwischen den schiitischen Huthi-Rebellen und Anhängern von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi, der durch Luftangriffe der arabischen Militärkoalition unter Führung Saudi-Arabiens unterstützt wird.

Das ist völlig falsch. Zunächst einmal gibt es in Aden, wie im Parteibuch unter Berufung auf „Präsident Hadis“ Außenminister Riyadh Yassin Abdullah bereits ausgiebig erläutert wurde, keine Huthi-Rebellen. Auf der Seite von Ansarullah kämpfen in Aden ihm zufolge die republikanische Garde und lokale Einheiten der jemenitischen Streitkräfte. Unterstützt werden die jemenitischen Streitkräfte dabei von einigen lokalen Freiwilligenverbänden. Und, was wichtig ist, weil das Gerede von einem sunnitisch-schiitischen Religionskrieg das Potenzial zu einer selbsterfüllenden Prophezeihung innehat, das sind, genau wie die in der Gegend von Aden stationierten jemenitischen Armeeeinheiten, auch keine Schiiten oder Zaiditen, die etwas flapsig auch als 5er-Schiiten bezeichnet werden, sondern überwiegend Sunniten, die da in Aden auf der Seite von Ansarullah kämpfen.

Auf der anderen Seite kämpfen in Aden auch keine „Anhänger von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi,“ zumindest nicht in erster Linie. In erster Linie kämpfen da auf der Seite der Gegner von Ansarullah in Aden Anhänger der südjemenitischen Separatistenbewegung Al-Hirak Al-Janubi, wie die von dieser Seite immer wieder gezeigte und überall gehisste Flagge der Bewegung zeigt. Nominell gilt die Hirak Al-Janubi aufgrund ihres Ursprunges in der mit der UdSSR verbündeten südjemenitischen Demokratischen Volksrepublik Jemen zwar als säkular oder sozialistisch, praktisch jedoch hat Saudi Arabien in den letzten Jahrzehnten mit viel Geld einige teilweise wirksamen Versuche unternommen, in der südjemenitischen Separationsbewegung Einfluss zu gewinnen und dort Wahhabismus, so religiösen Hass auf Schiiten und die überwiegend im Nordjemen ansässigen Zaiditen zu schüren und die sektiererische Aufstachelung gegen Schiiten als Kampfinstrument gegen den Norden wegen des dort überwiegend anzutreffenden Zaiditentums einsetzen zu können. Zwar gelang das nicht soweit, dass die Hirak Al-Janubi offen Al Kaida unterstützt, aber bis zum wahhabitisch motivierten Jihad unter der Flagge von sozialistischem Separatismus reicht es in dieser seltsamen Konstellation saudisch-wahhabitischen Einflusses auf eine ehemalig sozialistische Bewegung wohl schon. Praktisch sieht die Situation wohl ohnehin so aus, dass Ideologie bei zumindest einigen bewaffneten Teilen dieser Bewegung eine eher geringe Rolle spielt, und dafür Banditentum und organisierte Kriminalität eine eher größere Rolle. Dass eine bewaffnete Separatistenbewegung in Teilen Züge einer lokalen Mafia hat, ist dabei nichts besonderes, es ist in anderen Teilen der Welt auch oft so.

Die Leute der Hirak Al-Janubi sind jedoch mitnichten Anhänger von „Präsident Hadi.“ Zwar kommt Hadi aus Aden und gehört insofern zum Süden, doch Hadi war es, der im Bürgerkrieg 1994 höchstpersönlich im Auftrag von Sanaa den Krieg gegen Aden und die dortige Separatistenbewegung führte. Das haben ihm die meisten Anhänger der südlichen Separationsbewegung bis heute nicht verziehen, und als er nun Aden im Auftrag seiner saudischen Schutzherren zur temporären Hauptstadt des Jemen ausrief, mit dem Ziel der möglichst baldigen Rückverlegung der jemenitischen Hauptstaft nach Sanaa, anstatt den Südjemen für unabhängig zu erklären, lebte die Feindlichkeit der Separationsbewegung ihm gegenüber in Aden schnell wieder auf. Das, und nicht der Vormarsch der jemenitischen Armee, erklärt, warum Hadi, trotz Unterstützung durch saudische Kommandotruppen, so schnell aus Aden flüchtete, sein bei den Separatisten nicht ganz so unpopulärer „Regierungschef“ es hingegen noch über eine Woche länger – bis die jemenitische Armee vorgestern erstmals nach Tawahi gelangte – in Aden aushielt: Hadi ist selbst bei den als Hadi-Anhänger bezeichneten „Volksmilizen“ verhasst, die von der saudischen Kriegskoalition in Aden unterstützt werden. Von Milizen, die tatsächlich bewaffnete „Hadi-Anhänger“ sind, ist in Aden hingegen keine Spur zu sehen. Dass es in Aden und Umgebung keine Hadi gegenüber loyalen jemenitischen Armeeeinheiten gibt, hatte Hadis „Außenminister“ bereits öffentlich beklagt. Um das noch mal in einem Satz zusammenzufassen:

In Aden kämpft die jemenitische Armee im Namen von Ansarullah gegen die aus sozialistischen Wurzeln hervorgegangene Separatistenbewegung Hirak Al-Janubi, die von einer saudisch-wahhabitisch geführten internationalen Kriegskoalition unterstützt wird.

Einer im Iran gehosteten Lagekarte sieht die Lage in Aden dabei mit Stand 5. April wie folgt aus:

Zum Vergleich ist hier eine Lagekarte zu Aden vom 2. April aus gleicher Quelle:

Zwischen dem 2. und 5. April bestand der Fortschritt der jemenitischen Armee in Aden im Wesentlichen in der Eroberung des Stadtteils Mualla sowie des zu diesem Stadtteil gehörenden Hafens.

Sichtbar ist der Fortschritt der Armee auch darin, dass der die Hirak unterstützende TV-Sender TV Aden zwischenzeitlich abgeschaltet werden konnte. Gerüchte, die jemenitsiche Armee hätte sich nach der Eroberung von Krater und dem südlich davon liegenden Präsidentenpalast nach saudisch geführten Luftangriffen von dort zurückgezogen, entkräftigte Ruptly am Ostermontag mit einem frischen Video vom Präsidentenpalast südlich von Krater.

Die vorangegangenen Meldungen, Ansarullah hätte sich vom Präsidentenpalast zurückgezogen, darf man damit getrost als gezielte Desinformation abtun, die den Zweck hatten, die Saudis zu verwirren und saudische Luftangriffe auf die Stellungen der Armee dort abzuwenden. Am Montag Morgen wurde gemeldet, in Tawahi habe es Gefechte gegeben. Kommt die Armee da auch so schnell wie in Krater und Mualla voran, dürfte die Schlacht um Aden trotz der saudisch geführten Luftangriffe bald vorbei sein und Aden vollständig unter Kontrolle der Armee stehen, womit die Saudis ein wesentliches Kriegsziel, nämlich aus Aden einen saudischen Brückenkopf zu machen, verfehlt hätten.

PS: Im schiitisch geprägten Osten Saudi Arabiens, da wo die meisten Ölfelder sind, laufen die vom saudisch-wahhabitischen Klerus zum Hass auf Schiiten aufgestachelten saudischen „Sicherheitskräfte“ unterdessen Amok. Hier ist ein Video aus Awamiya

RT meldet, ein saudischer Polizist sei bei dem Amoklauf der saudischen „Sicherheitskräfte“ getötet worden, und vier verletzt.

7 Gedanken zu “Ein paar Anmerkungen zu Jemen und Aden

  1. Danke für diesen höchst informativen Beitrag. Mich würde in diesem Zusammenhang noch der Status des ehemaligen Südjemen-Präsidenten Ali Salim al-Beidh interessieren. Zu ihm las ich in der Vergangenheit einiges, jedoch war nichts davon wirklich glaubwürdig oder verifizierbar. Einerseits soll er sich im libanesischen Exil befinden und dort Kontakte zur Hisbollah und Ansarullah unterhalten, die nach einer Eroberung des Südens noch Pläne mit ihm haben sollen. Andererseits ist al-Beidh aber auch einer der Führer und Symbolfigur der (ehemals?) sozialistischen südjemenitischen Abspaltungsbewegung Hirak, die jetzt jedoch leider mit den Saudis zu kooperieren scheint.

    1. TaxiMan
      Ja. Bestätigen kann ich, dass auch meinen Informationen zufolge Ali Salim al-Beidh in Südbeirut in einem von Hisbollah-Anhängern dominierten Bezirk lebt, seitdem sein Haus in Aden von pro-saudischen Kräften beschlagnahmt wurde. Die Wahl des Exilortes ist ein politisches Statement wie es klarer nicht sein könnte.

      Ali Salim al-Beidh ist nicht nur Führer des Südjemen im Krieg 1994 gewesen, sondern auch derjenige, der zuvor maßgeblich die Vereinigung mit dem Norden vorangetrieben hatte. Eine Rückkehr von Ali Salim al-Beidh nach Aden und eine Kooperation von ihm mit Ansarullah wäre logisch, wenn der jemenitischen Armee die Befreiung von Aden gelingen sollte.

      Insofern kann man den Krieg in Aden auch als Krieg zwischen dem pro-saudischen Flügel in der Hirak und dem sozialistischen oder pro-Hisbollah-Flügel in der Hirak betrachten, bei dem ersterer von der saudischen Kriegsallianz und letzterer von der jemenitischen Armee und Ansarullah unterstützt wird. Definitiv bestätigen kann ich die Pläne zur Rückkehr von Ali Salim al-Beidh jedoch nicht, und erst recht nicht, dass Ali Salim al-Beidh dann auch wieder eine Position, etwa Governeur von Aden oder so, übernehmen würde.

      Hier sind noch zwei englischsprachige Links zu Ali Salim al-Beidh:

      Interview mit Ali Salim al-Beidh in Al Monitor, Mai 2013

      http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2013/05/ali-salim-beidh-president-south-yemen-secession.html

      Yemen Times 25.2.2015: Popular committees reclaim house of former southern president

      http://www.yementimes.com/en/1863/news/4926/Popular-committees-reclaim-house-of-former-southern-president.htm

  2. Du/Ihr sagte(s)t es ja in der Überschrift: die Lage ist verwirrend. Jetzt allerdings wird es noch besser: die USA begründen verstärkte Waffenlieferungen an Saudoof Arabien jetzt mit der verstärkten Aktivität der Al-Kaida, und das obwohl diese auf Seiten der Saudies kämpfen. Aber das Schlagwort sollte wohl reichen die heimische Bevölkerung darüber hinwegzutäuschen das man die Waffen zugunsten Al-Kaidas einsetzen wird.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/jemen-krieg-usa-beschleunigen-waffenlieferungen-an-saudi-arabien-a-1027434.html

    Bleibt nur zu hoffen das Saudi Arabien bald einen Blowback erlebt, genug gezündelt haben die jetzt ja seit Jahren.

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