Pekinger Stadtverwaltung möchte eine Eisenbahn bauen

Die Pekinger Stadtverwaltung möchte dann mal eine Eisenbahn bauen. Als mir die Nachricht kürzlich auf einer Webseite mit alternativen Nachrichten ohne Quellenangabe begegnete, habe ich die Information ohne zu zögern für eine Ente oder einen Witz gehalten und weggeklickt. Doch jetzt steht die Nachricht auf der Webseite des staatlichen chinesischen Fernsehsenders CCTV: Die Stadtverwaltung von Peking hat um Erlaubnis gebeten, zum Preis von umgerechnet rund 250 Milliarden US-Dollar eine Hochgeschwindigkeitseisenbahnstrecke nach Moskau bauen zu dürfen.

Das ist ohne Zweifel das bisher größte einzelne Infrastrukturvorhaben des 21. Jahrhunderts. Zum Vergleich: das Jahrhundertprojekt des Nicaragua-Kanals, dessen Spatenstich vor wenigen Wochen war, soll umgerechnet rund 50 Milliarden Dollar kosten, also gerade mal ein Fünftel dessen, was die Stadtverwaltung von Peking für die neue durch Kasachstan verlaufende Hi-Speed-Eisenbahn nach Moskau ausgeben möchte, und die Investitionssumme der Gaspipelines Southstream und Nabucco, um die geopolitisch seit einem ganzen Jahrzehnt erbittert gerungen wird, würde sich auf gerade mal etwa 20 Milliarden Dollar belaufen.

Eine Bitte um Erlaubnis, mit Planungen und Vorbereitungen fortfahren zu dürfen, bedeutet natürlich mitnichten, dass das Projekt auch wirklich realisiert wird, und wenn es realisiert wird, dann werden noch Jahre bis zum ersten Spatenstich vergehen. Auch sind natürlich noch keinerlei technische Einzelheiten festgelegt, doch anzunehmen ist, dass so ein Projekt, wenn es realisiert wird, sowohl Personen- als auch Güterverkehr und eine Datenschnellbahn beinhaltet, und am Rande der Strecke außerdem jede Menge zusätzliche Einrichtungen wie Drehkreuze für den Personen-, Daten- und Güterverkehr, Eisenbahnzuführungen, Straßen und Kraftwerke gebaut würden. Man kann dieses Projekt deshalb durchaus als Industrialisierungsplan für den gesamten Raum zwischen Moskau und Peking betrachten. Und selbstverständlich ist auch anzunehmen, dass diese Schnellzugverbindung, wenn sie denn kommt, weiter nach Westeuropa gebaut wird. Sanktionen gegen Russland hin oder her, die wirtschaftlichen Verlockungen würden sicherlich dafür sorgen, dass eine solche Erweiterung früher oder später kommt.

Das Projekt klingt geradezu phantastisch, aber China hat genug Geld und kann Maßnahmen zur Stabilisierung seines Wirtschaftswachstums sowie seiner unter Überkapazitäten leidenden Bau- und Stahlindustrie sicher ebensogut gebrauchen wie neue Entwicklungschancen für das unterentwickelte Westchina durch bessere Verbindungen mit seiner Nachbarschaft und eine von Ölpreisen unabhängige wirtschaftliche Stabilisierung seines geostrategischen Partners Russland im chineischen Interesse sind. Und China ist bekannt dafür, Großprojekte zügig zu realisieren und nicht in den Sand zu setzen. Der rasante Aufbau des chinesischen Hi-Speed-Bahnnetzes in den letzten Jahren spricht diesbezüglich eine eindeutige Sprache. Dass China das Riesenprojekt einer Hi-Speed-Bahn von Peking nach Moskau ins Auge fasst, zeigt jedenfalls, wie ernst es China damit ist, durch die Integration des eurasischen Kontinents eine neue geopolitische Realität zu schaffen, in der das Zentrum der Welt nicht mehr Washington ist.

2 Gedanken zu “Pekinger Stadtverwaltung möchte eine Eisenbahn bauen

    1. Ja, natürlich, das Vorhaben eines Schnellbahnbaus von Peking nach Moskau passt bestens in die Seidenstraßenstrategie. Aber das Vorhaben ist um einige Größenordnungen teurer als Alles, was sonst noch so im Rahmen der Seidenstraßenstrategie von China angedacht ist. Die schiere Größe des Investitionsvorhabens ist es, die das Vorhaben dieses Bahnbaus so phantastisch macht und aus dem Rest der Seidenstraßenprojekte herausragen lässt.

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