Saudi Arabien nach Charlie-Hebdo-Attacke unter Druck

Das saudische Regime, seine Menschenrechte verhöhnenden Untaten und die wahhabitische Staats-Ideologie der Saudis, die die Grundlage für den globalen Takfiri-Terror von den Taliban über Boko Haram bis hin zu Al Kaida und ISIS bildet, geraten seit den Charlie-Hebdo-Terroranschlägen von Paris vorletzte Woche zunehmend in ein grelles Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.

Am gestrigen Freitag sollte der liberale saudische Blogger Raif Badawi aus Jeddah, der vom saudischen Regime wegen Online-Äußerungen wie der, dass Menschen aller Religionen und ebenso Atheisten gleichwertig seien, was das saudische Regime als eine kriminelle Herabwürdigung des Islam betrachtet, zu 10 Jahren Haft, 250.000 Dollar Geldstrafe und 20 mal 50, also insgesamt 1000, harten Stockhieben jeweils freitags verurteilt wurde, eigentlich den zweiten Teil seiner Prügelstrafe erhalten. Kurz vor der Ausführung der Strafe entschied sich Saudi Arabien auf Anraten eines Arztes jedoch, die heutige Prügelstrafe zu verschieben, da sich Raif Badawi für die Verabreichung der heutigen Schläge noch nicht ausreichend von der Prügelstrafe am vorherigen Freitag erholt habe.

Mit dem einstweiligen Aufschub des zweiten Satzes der Prügelstrafe zeigt die saudische Justiz im Inneren ihr Bemühen darum, dass Raif Badawi nicht gleich zu Beginn der Durchführung der Strafe totgeprügelt wird, sondern nach Möglichkeit die vollen 1000 Hiebe vollstreckt werden können. In Richtung Ausland erlaubt der vorübergehende Aufschub es dem saudischen Wahhabiten-Regime, das in den letzten Tagen wegen der gegen Raif Badawi verhängten Prügelstrafe zunehmend in das Blickfeld westlicher Massenmedien und Menschenrechtsorganisationen geraten ist, sich in Bezug auf das Thema Menschenrechte genau wie beim Anti-Terror-Kampf wenigstens als ansatzweise kooperativ darzustellen, und sei es nur vorübergehend, bis das mediale Feuer sich ausgebrannt hat und von den Medien eine andere Sau durch das mediale Dorf getrieben wird. Fraglich ist jedoch, ob das den Saudis auch diesmal wie gewohnt gelingen wird.

Als zum Beispiel die britische Gazette „The Independent“ am Freitag darüber berichtete, dass das weitere Auspeitschen von Raif Badawi aus medizinischen Gründen verschoben wurde, brachte sie in der Überschrift gleichzeitig zum Ausdruck, dass die Saudis unterdessen eine Frau öffentlich geköpft haben. Im Artikel selbst berichtete der Independent, dass die aus Myanmar stammende Frau Laila Bint Abdul Muttalib Basim, die wegen sexuellem Missbrauch und der Ermordung ihrer siebenjährigen Stieftochter verurteilt worden war, am Montag in Mekka geköpft worden sei. Ein Online aufgetauchtes Video von der öffentlichen Exekution habe gezeigt, dass der Scharfrichter dreimal zuschlug, bis es ihm gelang, ihr den Kopf abzuhacken, und die Frau bei ihrer Exekution „Ich habe nicht getötet, ich habe nicht getötet,“ geschrieen hat. Ein Menschenrechtsaktivist habe bezüglich zu dem Video gesagt, es gebe zwei Arten, einen Menschen zu köpfen. Eine Art sei es, die zu köpfende Person vor der Exekution mit Schmerzmitteln vollzustopfen, um den Schmerz zu betäuben, und die andere Art sei es, das Köpfen ohne Schmerzmittel durchzuführen. Die Frau sei offenbar ohne Schmerzmittel geköpft worden, weil die saudischen Behörden wollten, dass der Schmerz für die Frau stärker ist. Das saudische Innenministerium habe zu der Exekution in einer Mitteilung erklärt, die Strafe sei aufgrund der schwere des von ihr begangenen Verbrechens gerechtfertigt gewesen.

So wird es den Saudis sicherlich nicht gelingen, dass die Empörung der westlichen Welt über das Auspeitschen von Raif Badawi nachlässt. Im Gegenteil, die öffentliche Kritik am unmenschlichen Verhalten des saudischen Regimes wächst im Westen, und sie ist nicht nur im westlichen Mainstream angekommen, sondern nimmt da einen zunehmend prominenten Platz ein. In der letzten Woche etwa ist der doppelbödige saudische Umgang mit Meinungsfreiheit und Menschenrechten anlässlich der Ermordung der Zeichner von Charlie Hebdo durch Al-Kaida und dem anschließenden Auspeitschen des liberalen saudischen Bloggers Raif Badawi durch Saudi Arabien insbesondere von Amnesty International und von als links oder liberal geltenden Mainstreammedien zionistischer Machtstrukturen wie einem deftigen Editorial im britischen Guradian, durch Personen wie Nicholas Kristof in der US-amerikanischen New York Times und von der deutschen „Zeit“ mit einem trockenen Artikel attackiert worden.

Spätestens seit dem heutigen Freitag ist der Fall Raif Badawi in praktisch allen westlichen Massenmedien präsent. Selbst die staatliche deutsche Tagesschau kam trotz aller offiziellen Bemühungen Deutschlands, die lukrativen deutsch-saudischen Beziehungen durch Schweigen und Äußerungsarmut zur dortigen Menschenrechtslage zu schützen, nicht mehr umhin, über den Fall Raif Badawi zu berichten. Wo das medialen Tabu des Schweigens zu den grotesken Menschenrechtsverletzungen der mit dem Westen verbündeten Ölgroßmacht Saudi Arabien nun einmal gebrochen ist, da beginnen westliche Massenmedien sich auch für weitere Fälle zu interessieren. Und da hat dann beispielsweise Ben Hubbard in der New York Times etwa sehr schnell den Fall des Anwaltes und Schwagers von Raif Badawi, Walid Abu al-Khair (auch als Waleed Abul-Khair transskribiert) gefunden, der kürzlich wegen „Kritik am saudischen Regime“ zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Die Schwester des vom saudischen Regime zu wöchentlichem Auspeitschen verurteilten liberalen Bloggers Raif Badawi und Ehefrau seines Anwaltes Waleed Abul-Khair ist schließlich die Aktivistin Samar Badawi, die von Hillary Clinton 2012 mit dem International Women of Courage Award des US-Außenministeriums ausgezeichnet wurde.

CNN hat nun neben Raif Badawi auch den Fall der inhaftierten saudischen Autofahr-Aktivistin Lujain al-Hathloul sowie den Fall des wegen Dissenz zum Tod verurteilten saudisch-schiitischen Geistlichen Sheikh Nimr Al Nimr aus Awamiyah entdeckt und wirft anhand dieser Beispiele grundsätzliche Fragen dazu auf, wie es um die Justiz, die Menschenrechte und die Gerechtigkeit in der mit dem Westen verbündeten Ölgroßmacht Saudi Arabien bestellt ist.

Wenn westliche Massenmedien sich einmal entschlossen haben, die Menschenrechtslage in Saudi Arabien zu beleuchten, dann gibt es da noch reichlich, was sie in dieser grotesken mittelalterlichen Dikatur an Kritikwürdigem finden können. So liegt da beispielsweise Kritik an der Verhaftung der ersten saudischen Anwältin, Souad Al-Shammary, nahe, und ebenso die Verurteilung der Anwälte Abdulrahman Al-Subaihi, Bander Alnogaithan und Abdulrahman Al-Rumaih zu langjährigen Haftstrafen und hohen Geldstrafen wegen ihrer Äußerung von Kritik an Justiz und Regierung im letzten November. Auch an zahlreichen saudischen Hinrichtungen, wie etwa der Hinrichtung von Hadi bin Saleh Abdullah al-Mutlaq, Awad bin Saleh Abdullah al-Mutlaq, Mufrih bin Jaber Zayd al-Yami und Ali bin Jaber Zayd al-Yami wegen angeblichen Haschischbesitzes im August letzten Jahres und weiteren Hnrichtungen, die unter anderem aufgrund von Vorwürfen wie „Hexerei“ und „Zauberei“ vollstreckt wurden, gibt es sicher aus westlich-liberaler Sicht einiges zu kritisieren. Der ständige Nachschub an Menschenrechtsverstößen durch das saudische Wahhabi-Regime und seine Justiz ist so groß, dass liberalen Medien, wenn sie denn berichten wollen, praktisch nie der Stoff ausgeht. Hinzu kommen Grotesken wie gemacht für die Boulevardpresse, etwa, dass kürzlich in Saudi Arabien vom staatstragenden saudischen Kleriker Muhammad Salih al-Munajjid ausgesprochene Verbot des Baus von Schneemännern.

Der selbstgestellten Falle, sich durch das wöchentliche Auspeitschen von Raif Badawi und anderen grotesken Menschenrechtsverletzungen zum internationalen Pariah menschenrechtsorientierter linksliberaler Westler zu machen, kann das saudische Regime möglicherweise entkommen, etwa indem der saudische König sich, wie schon zu früheren Gelegenheiten, als Güte in Person inszeniert, und Strafen wie Auspeitschen und Kopfabhacken, an denen Westler sich besonders stören, gegen andere Strafen austauscht, an denen Westler sich nicht so sehr stören, etwa langjährige Haftstrafen. Das kann für das saudische Regime intern schwierig zu verkaufen sein, aber schwieriger noch könnte es für das Regime werden, der Kritik zu entkommen, dass die saudische Staatsphilosophie, sei sie nun Salafismus, Wahhabismus oder Takfirismus genant, die wesentliche ideologische Grundlage für den globalen Jihadi-Terrorismus bildet, und es einen klaren Zusammenhang zwischen der Verbreitung saudischen Wahhabismus und der Ausbreitung des globalen Terrors gibt, von den Taliban in Afghanistan und Pakistan, über Boko Haram in Nigeria und Abu Sayyaf in Ostasien bis hin zu ISIS und Al Kaida in Irak, Syrien, Jemen, weiten Teilen Nordafrikas sowie in Europa und Nordamerika. Diese Kritik kommt zwar auch von linksliberalen Westlern, aber genauso kommt sie auch aus dem eher rechten politischen Spektrum, das in vielen westlichen Staaten traditionell Sicherheitsorganen wie Polizei, Geheimdiensten und Militär nahesteht, und sie kommt auch von westlichen Wissenschaftlern.

So haben in Frankreich etwa die populäre Rechtsaußen-Politikerin Marine Le Pen und der einflussreiche Gaullist Bruno Le Maire nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen Konsequenzen in Bezug auf das französische Verhältnis zu Saudi Arabien und Katar gefordert, weil von diesen Staaten globaler Terror ausgehe. Die einflussreiche zionistische Kolumnistin Trudy Rubin rief unterdessen zur weltweiten Bekämpfung der von Saudi Arabien ausgehenden Terrorideologie auf und Thomas Friedman, Starkolumnist der New York Times, forderte nichts weniger als eine Revolution in Saudi Arabien, um dem Spuk der von dort ausgehenden Terrorideologie ein Ende zu setzen. Zuvor hatte der US-Politikwissenschaftler Reza Aslan wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass Saudi Arabien seine extremistische Staatsideologie des Wahhabismus von Hundert Milliarden Dollar an Ölgeldern finanziert über die Welt ausbreitet und dies eine Gefahr darstellt, und ganz ähnlich hat sich auch der frühere Geheimdienstausschussvorsitzende des US-Senats, Bob Graham, in einer Pressekonferenz zur Aufdeckung der saudischen Verwicklung in 9/11 geäußert. Die Einschläge, was die Identifizierung der saudischen Staatsideologie des Wahhabismus als wesentlich für die globale Verbreitung von Extremismus und Terror angeht, werden jedenfalls häufiger.

Bislang war es immer so, dass Saudi Arabien diese Kritik damit abbügeln konnte, dass Saudi Arabien als Partner des Westens im Kampf gegen den Terror mit dem Westen kooperiert. Ausgesprochen hilfreich war dabei, dass Saudi Arabien als Ölgroßmacht eine der wesentlichen Stützen des westlichen Wirtschaftssystems ist. Das betrifft insbesondere die FUnktion des US-Dollars als Weltreservewährung, die mit seiner Funktion als Ölhandelswährung eng verknüpft ist, sowie die saudische Fähigkeit, auf Bitten der USA für einen Ölpreis zu sorgen, der den USA genehm ist. Außerdem ist Saudi Arabien Großkunde der westlichen Waffenindustrie, Großanleger in den USA und der EU, ein lukrativer Absatzmarkt für die westliche Industrie sowie strategischer Partner des westens bei der Bekämpfung iranischen und russischen Einflusses in der weiteren Region des mittleren Ostens. Aus diesen Gründen war ernsthafte Kritik an Saudi Arabien bisher politisch tabu, und die Lobbyisten der Wirtschaft des Westens standen jederzeit geschlossen hinter Saudi Arabien, wenn es Kritik an Saudi Arabien gab.

Mit dem jüngst begonnenen Ölpreiskrieg könnte das diesmal anders sein. Die inzwischen Multimilliarden Dollar schwere US-Frackingindustrie betrachtet die Ölschwemme nicht zuletzt als Maßnahme Saudi Arabiens zur Eliminierung der unkonventionellen Ölförderung in den USA, wobei es für die Frackingindustrie um die nackte Existenz geht. Aus Richtung der US-Frackingindustrie wird es deshalb mit Sicherheit eine große Motivation geben, medial mit allem, was verfügbar ist, gegen Saudi Arabien zu feuern, um im Überlebenskampf gegen Saudi Arabien Vorteile zu erlangen. Dass manche Analysten eher glauben, Saudi Arabien möchte mit der Ölpreisschwemme vor allem Russland und Iran treffen, dürfte die aufgrund des Ölpreisverfalls um ihr Überleben kämpfende US-Frackingindustrie nicht im Mindesten beruhigen, oder davon absehen lassen, Gegenmaßnahmen gegen Saudi Arabien auch im Bereich der verdeckten Öffentlichkeitsarbeit zu ergreifen. Das Beste, auf was die Frackingbranche hoffen kann, wären Anti-Terror-Sanktionen gegen Saudi Arabien, die den saudischen Ölexport treffen, und durch das so verringerte globale Ölangebot der Ölpreis wieder auf ein Niveau gehoben wird, bei dem Fracking lukrativ ist. Bewaffnete Auseinandersetzungen in Saudi Arabien, etwa so etwas wie eine saudische Revolution, durch die ein Teil der saudischen Ölförderung lahmgelegt wird, hätten im Prinzip natürlich eine ähnliche Wirkung. Sollten die US-Fracker so eine Kampagne hinbekommen, dann müssen sie das natürlich nciht durchziehen: es würde reichen, es soweit zu treiben, dass die Saudis kalte Füße bekommen, und entweder ihre Förderung drosseln um höhere Ölpreise zu schaffen, oder den Frackern mit reichlich Geld zur Überwindung vorübergehend niedriger Ölpreise aushelfen. Tendenziell ähnlich wie den Frackern geht es auch den Ölmajors, und zwar insbesondere europäischen. Diese haben zwar aufgrund ihrer finanziellen Reserven mehr Standfestigkeit als die teils eher dünn mit Kapital ausgestattete Frackingindustrie, aber in der Richtung führen niedrige Ölpreise auch bei den Ölmajors der USA und Europas zu weniger Profit und zur Unrentabilität technisch anspruchsvoller Großprojekte wie etwa in der Tiefseeförderung oder Nordsee. Anders als früher, wo Saudi Arabien praktisch die ganze Wirtschaft des Westens stets hinter sich hatte, muss Saudi Arabien also diesmal mit Gegenwind von mächtigen Gruppen rechnen, die auch eine ganze Menge von Medienschlachten und Lobbyismus verstehen.

Sicherlich gibt es noch eine Menge mächtiger Einflussgruppen im Westen, die hinter den Saudis stehen. Aber die Saudis könnten sich nun einer Gruppe von westlichen Kräften gegenübersehen, die etwa so aussieht:
– linksliberale Menschenrechtler
– eher rechte mit dem Antiterrorkampf befasste Sicherheitskräfte wie Polizisten und Soldaten
– Teile der US-Administration
– die US-Frackigindustrie
– europäische Ölmajors
– zumindest Teile der Opposition in Frankreich und Britannien

Das gab es noch nie. Hinzu kommen externe Kräfte, denen sich die Saudis aufgrund ihrer aggressiven Terrorpolitik schon länger gegenübersehen:
– Rechte Islamhasser im Westen
– Syrien, Iran und Russland als deren Unterstützer
– BRICS und SCO im weiteren Sinn
– Muslimbrüder
– IS im Irak und Teile von Al Kaida sowie die Houthis im Jemen

Dabei stützt das saudische Regime sich intern auf alles andere als eine geeinte Gesellschaft. Rund eine Million ISIS-Anhänger soll es in Saudi Arabien geben, dazu nochmal viele Anhänger von Al Kaida, noch mehr Muslimbrüder, zudem sind 10% der Saudis vom wahhabitischen Saudi-Regime diskriminierte Schiiten und es gibt eine Menge unterschiedlicher Stämme, deren Fehden untereinander teils nur grob mit Geld zugekleistert wurden.

Die Gretchenfrage: Wird der US-gemachte „arabische Frühling“ nun auch zu einem Sturz des saudischen Regimes führen? Solch eine Entwicklung hätte gewaltige Konsequenzen für die Region und auch für die ganze Weltordnung. Das US-Empire wäre damit vermutlich Toast, mit ihm das zionistische Regime und der dritte Weltkrieg wäre zu Gunsten einer multipolaren Weltordnung unter Führung von China entschieden.

15 Gedanken zu “Saudi Arabien nach Charlie-Hebdo-Attacke unter Druck

  1. Sehr interessante Analyse. Was mir nicht klar ist, warum können die Amerikaner nicht Druck auf das Regime in Saudi Arabien ausüben, dass ja praktisch nur durch die militärische Schutzmacht USA existiert? Gibt es nicht liberalere, „tolerantere“ Familienmitglieder in der saudischen Königsfamilie, die bereit wären, kosmetische Veränderungen vorzunehmen, Todesurteile auszusetzen, Ölförderung zu drosseln und so das saudische Regime am Leben zu halten? Sind es nicht die USA, die über Existenz oder Fall des saudischen Regimes entscheiden können? Oder ist da nichts mehr zu retten und man überlässt den engsten Verbündeten seinem unausweichlichen Schicksal, sprich den Kräften der gesellschaftlichen Veränderungen, eine Revolution aus dem Volk heraus, die sich endlich anbahnt und die nichts auf der Welt aufhalten kann? Dann ist der Weltkrieg, wie im Artikel geschrieben, tatsächlich für US und Vasallen verloren. Und noch kurz zu den internen Fakten. Viele ISIS Anhänger sind ja, dachte ich, im Interesse Saudi Arabiens. Schließlich führt IS ja den Stellvertreterkrieg in Syrien und Irak. Aber ISIS im Ausland ist ja keine homogene Truppe. Das sind Söldner aus aller Herren Länder, mit privaten Interessen und keiner Moral im Sinne von vaterlandsverteidigung. Das hieße, dass diese Söldner, wenn sie nicht weiterhin finanziert werden (was angesichts der immer deutlicher werdenden Hintermänner schwieriger wird) und sogar zum Teil von ihren eigentlichen Herren bekämpft werden, sich gegen die Hand, die sie füttert wenden werden. Dazu noch die Moslembrüder und die Schiiten im eigenen Land, damit ist der Tod bringende Cocktail für die saudische Herrscherfamilie zubereitet. Das saudische Regime hätte damit bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, mit der Entwicklung der Welt Schritt zu halten, sich zu modernisieren und anzupassen. Genau, wie das Regime in Israel. Beide sind zum Untergang verurteilt, zu dem sie selbst kräftig beitragen.

    1. Demeter
      „Was mir nicht klar ist, warum können die Amerikaner nicht Druck auf das Regime in Saudi Arabien ausüben, dass ja praktisch nur durch die militärische Schutzmacht USA existiert?“

      Die Amerikaner – genauer gesagt die US-amerikanischen einflussreichen Kreise – sind in der Frage ihrer Außenpolitik, insbesondere der Außenpolitik Westasien und Asien generell gegenüber, sehr gespalten. Dies lässt sich besonders deutlich am Atomstreit mit dem Iran erkennen, wo das weiße Haus für den Deal mit dem Iran ist, der Kongress jedoch dagegen. Hinter den Pro-Iran-Deal- und den Anti-Iran-Deal-Kräften in den USA reihen sich sowohl innenpolitisch als auch international jeweils große Kräfte auf. Innenpolitisch Pro-Deal sind vor allem Liberale, Demokraten und diejenigen, die aus Westasien wegwollen, um sich Ostasien zuzuwenden, unterfüttert von wesentlichen Teilen der Exportwirtschaft und großen Teilen des US-Sicherheitsapparates, die die Nase voll haben von „Krieg führen für Israel“. Anti-Deal sind innenpolitisch in den USA insbesondere die Neocons und die Israel-Lobby, eine mächtige Kraft. Außerhalb der USA reihen sich hinter den Anti-Deal-Kräften in den USA insbesondere Israel und Saudi-Arabien auf. Zusätzlich eingespannt haben die Anti-Deal-Kräfte Frankreich, das seit Sarkozy Israel sehr nahe steht und dessen Kurs Hollande fortsetzt. Gut zu sehen war das etwa daran, dass Hollandes Außenminister Fabius den ersten Versuch des Iran-Deal platzen lassen hat. Was jetzt geschieht, kann man durchaus als Versuch der Pro-Iran-Deal-Kräfte interpretieren, eben solchen Druck auf das Regime in Saudi Arabien auszuüben, von dem du sprichst.

      „Gibt es nicht liberalere, “tolerantere” Familienmitglieder in der saudischen Königsfamilie…?“
      Ja, da gibt es Nuancen. Aber die Nuancen sind nicht groß genug als dass sie einen wirklichen Unterschied machen würde, und diese Familienmitglieder in der saudischen Königsfamilie stehen unter großem Druck des saudisch-wahhabitischen Klerus, der die Speerspitze der Radikalen bildet und durchaus eigene Macht hat. Geht die saudische Königsfamilie ungeschickt gegen den saudischen Klerus vor, dann würde das wohl Bürgerkrieg bedeuten. Der radikale saudisch-wahhabitische Klerus hat seine Anhänger in allen Ebenen Saudi-Arabiens, einschließlich der Sicherheitskräfte.

      „Sind es nicht die USA, die über Existenz oder Fall des saudischen Regimes entscheiden können?“

      Nicht ganz. Einerseits bedarf es zur klaren Machtausübung in den USA Geschlossenheit, die aufgrund des Splits zwischen weißem Haus und Kongress nicht da ist, und zum Anderen versuchen die Saudis, sich in einer Achse Israel-Saudi-Arabien-Frankreich unabhängig von den USA zu machen. Hinzu kommen saudische Pläne, die Nuklearmacht Pakistan als bevölkerungsstarken und preiswerten Truppenlieferanten in diese Achse miteinzubeziehen. Ägypten hätten die Saudis auch gern als bevölkerungsstarken und preiswerten Truppenlieferanten in dieser Achse, aber Sisi will nicht, obwohl Ägypten finanziell am saudischen Tropf hängt.

      „Oder ist da nichts mehr zu retten und man überlässt den engsten Verbündeten seinem unausweichlichen Schicksal…?“

      Die große Frage dürfte eher sein, ob die USA – oder wer in den USA – Saudi Arabien überhaupt noch als Verbündeten der USA betrachtet. Zu den Gründen, siehe oben.

      „Viele ISIS Anhänger sind ja, dachte ich, im Interesse Saudi Arabiens.“

      ISIS wurde zwar von Saudi Arabien mit saudischer Ideologie vollgestopft, gefördert und groß gemacht, woraus sich die relativ große Unterstützung für ISIS in Saudi Arabien ergibt. Doch, oh Schreck, die puritanisch-wahhabitische ISIS betrachtet die saudische Königsfamilie als abgewichen von der puritanischen Lehre Wahhabs, als dekadent und korrupt, damit unrein und des Todes würdig – eine Meinung, die von vielen Saudis, gerade auch im saudisch-wahhabitischen Klerus, geteilt wird.

      „Das saudische Regime hätte damit bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, mit der Entwicklung der Welt Schritt zu halten, sich zu modernisieren und anzupassen. Genau, wie das Regime in Israel. Beide sind zum Untergang verurteilt, zu dem sie selbst kräftig beitragen.“

      ich bin mir noch nicht sicher, ob das, was die Pro-Iran-Deal-Fraktion und die angeschlossenen Medien gegenwärtig machen, nur ein Schuss vor den saudischen Bug sein soll, um die Saudis zum Einlenken in der Iran-Frage (was dann seinerseits Auswirkungen auf die Konfliktgebiete Syrien, Irak, Libanon, Jemen udn Afghanistan haben dürfte) und zur erneuerten Unterwerfung unter das US-Diktat bewegen soll, ob ob dies die ersten Salven eines vollen US-geführten Angriffes mit dem Ziel der Vernichtung des saudischen Regimes sind. Wir werden sehen, wie es weitergeht.

  2. Geschäft geht über Menschen Rechte. siehe auch Katar wo Deutsche Baufirmen, Siemens und co. dort Bomben Geschäfte machen und die „Schwarzen Kassen“ auch rund um Steinmeier immer wieder gefüllt werden

    1. navy

      Menschenrechte interessieren das US-zionistische Empire und die sogenannte „westliche Wertegemeinschaft“ nur dann, wenn sich dazu instrumentalisieren lassen, geopolitischen Gegnern eins auszuwischen. Geopolitik geht oft auch vor Geschäft, siehe etwa die unsinnigen Sanktionen gegen Russland und Iran.

  3. Ich denke, eine solche Kräftekonstellation gab es schon einmal, und zwar ca. ein Jahr vor Beginn des Irakkriegs 2003. Damals wandte sich sogar die Öllobby gegen den Krieg, konnte sich aber nicht gegen den Likud-Block in der US-Regierung durchsetzen. Eric Lynn, Matt Nosanchuk, David Cohen und David Plouffe werden keine Politikveränderung zulassen.

    1. g_h
      Naja, damals war die Kräftekonstellation zwar in gewisser Weise ähnlich, aber auch anders. 2002 brannten US-Bevölkerung und US-Militär auf Krieg, heute haben sie eher die Nase voll davon, gerade weil die letzten Kriege so desaströse Ergebnisse gebracht haben. Damals waren die USA finanziell und wirtschaftlich sehr stark, heute sind sie ziemlich angeschlagen. Heute gehört Frankreich zur Likud-Achse, doch dafür hat die Gegenseite mit China und den BRICS extrem starke Partner bekommen.

      Es bleibt abzuwarten, wer sich diesmal durchsetzt.

  4. Danke für die ausführliche Antwort. Es ist alles sehr kompliziert und bleibt auf jeden Fall spannend. Hollande hatte kürzlich Israel verärgert und auch die USA mit seiner Haltung zu den Sanktionen gegen Russland. Ich hatte gedacht, dass die Aktion gegen Charlie Hebdo Frankreich wieder auf Linie bringen sollte. Israel hat auf jeden Fall wieder die Antisemitismus Welle losgetreten und fordert alle Juden Frankreichs ungeniert auf, nach Israel zu kommen. Könnte es sein, dass Frankreich einen Ausbruchversuch gestartet hatte? Die Frage bleibt natürlich auch noch, was kommt nach der Vernichtung des saudischen Regimes.

    1. Demeter

      „Könnte es sein, dass Frankreich einen Ausbruchversuch gestartet hatte?“

      Frankreich hat schon letztes Jahr, nach anfänglichem Widerstand, den vorläufigen Iran-Deal passieren lassen müssen. So sehr Sarkozy und Hallande auch auf eine Achse mit Israel, Saudi Arabien und Katar gebaut haben, so mussten sie später einsehen, dass die Achse mit Israel, Saudi Arabien und Katar die Achse mit Berlin, Washington, Moskau und Peking nicht ersetzen kann. Insofern muss Hollande bei den Sanktionen gegen Russland oheninh zwangsläufig zurückrudern.

      Durch den Terroranschlag gegen Charlie Hebdo sind die französischen Bindungen zu Saudi Arabien, Katar und Israel weiter unter Druck gekommen. Logisch, denn die Achse unterstützt Terror gegen Syrien, Frankreich ist jedoch selbst verwundbar gegen eben jenen Terror, den es in Syrien fördert.

      Der Zionismus versuchte in seiner Geschichte immer schon, Antisemitismus anzuheizen, um daraus Kapital in Form von Auswanderern nach Palästina zu erzeugen. Genau das macht nun auch Netanjahu: er benutzt den von den Zionisten von Charlie Hebdo selbst angefachten Antisemitismus und die verbrecherische Gewaltreaktion dagegen, um daraus Kapital zu schlagen in der Form, dass er Einwanderung nach Palästina propagiert. Das ist ein altes, und typisches, zionistisches Verhaltensmuster. Netanjahu kennt dieses zionistische Erfolgsrezept nur zu genau, während diejenigen, die die zionistische Geschichte weniger kennen, kaum begreifen, was Netanjahu da macht.

      Lesetipp: Ben-Gurion’s Scandals: How the Haganah and the Mossad Eliminated Jews

      http://www.amazon.com/Ben-Gurions-Scandals-Haganah-Mossad-Eliminated/dp/1893302407

      Findet sich online im Volltext gegenwärtig wohl hier:

      https://archive.org/details/Ben-gurionScandals–HowTheHagannahAndTheMossadEliminatedJews

      Der Autor Naeim Giladi war früher Zionist und später ein Linker, und er beschreibt, wie die zionistische Bewegung – mit einigem Erfolg – gezielt mit Terror und ähnlichen Maßnahmen Antisemitismus gegen Juden im Irak geschürt hat, um Juden zur Ausreise nach Israel zu bewegen. Naeim Giladi weiß es genau, denn er war einer der zionistischen Täter, der, als ihn Gewissensbisse plagten, die Sache öffentlich machte.

      1. Vielen Dank für den Lesetipp und die Erklärungen. Die Gegenwart ist tatsächlich charakterisiert durch unklare Konturen und es ist aufgrund der Fülle an Informationen eigentlich schwieriger geworden der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Alles muss hinterfragt werden, jede Äußerung hat einen doppelten Boden und nichts ist wie es scheint. Ich schätze die Arbeit auf diesem Blog daher sehr.

      2. Demeter
        Ja, es wird gelogen auf Teufel komm raus, die Menschen irren in der mediengemachten Realität umher wie in einem Spiegelkabinett.

        Fast alle Dinge sind obendrein doppelbödig, und hat man einmal einen doppelten Boden erkannt, so lässt sich nach einigem Weitersuchen möglicherweise auch noch ein dritter und vierter Boden dahinter finden.

        In der global vernetzten Welt von heute ist es ungemein schwer abzuschätzen, wie bestimmte politische Handlungen und Maßnahmen insgesamt wirken werden. Da fast Alles irgendwie miteinander wirtschaftlich vernetzt ist, hat beinahe jede politische Handlung ungeplante Nebenwirkungen an Stellen, wo nur wenige Leute damit rechnen. Die ungeplanten Nebenwirkungen können dabei die geplante Hauptwirkung um Größenordnungen übertreffen. Hinzu kommen noch nicht zu unterschätzende Faktoren wie schlichte Dummheit, die sich etwa aus Größenwahn, Verantwortungslosigkeit und Ignoranz zusammensetzen kann. Das Hintergrundbild dieses Blogs, die Costa Concordia, zeigt, dass unglaubliche Dummheit gepaart mit Größenwahn, Verantwortungslosigkeit und Ignoranz aus der Kapitänsbrücke auch im 21. Jahrhundert keine vernachlässigbaren Faktoren, sondern immer noch sehr real sind.

  5. Die meisten der Petrodollars auf sofort einzufrierenden FED-Konten, in US-Firmenbeteiligungen und US-Immobilien, abhängig von US-Ersatzteilen für eigene US-Waffen, ab mittlerer Befehlsebene alle Militärs unter US-Kontrolle, Klerus ohne Washingtons Zustimmung ohne Geld und Waffen, Fracking auf Anweisung, also weiter fördern oder alles verlieren für fünf Jahre, Flugzeugträger vor der Haustür, reichlich schnell aufzustockendes US-Militär im Land, Regime kann somit jederzeit entfernt werden. Selbst der gehorsamste Kettenhund knurrt manchmal in Richtung seines Herrn, mehr ist nicht drin.

    Neue Rheinsche Zeitung

    „Saudi Arabien hat versprochen 40 000 bis 50 000 wahhabitische Söldner zu rekrutieren und zu finanzieren, die USA sorgen für die Bewaffnung.“

    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19999

    CIA-Operation: Ölschwemme soll Putin und Maduro stürzen

    Auszug:

    Salzwasser wird in ältere Bohrlöcher gepumpt, wovon einige 1–2 Kilometer tief sind, wodurch ein außergewöhnlich hoher Druck aufgebaut wird. Die Implantate der CIA in der Ölindustrie wussten genau, was passieren würde, als das Fracking begann. Durch den gefährlich hohen Wasserdruck waren die Saudis gezwungen, ununterbrochen Öl zu fördern, bis der Druck ausgeglichen war. Dieser Prozeß dauert an. Wenn die Saudis damit aufhörten Öl zu fördern, würden sie diese Quellen für immer verlieren – wegen der hohen Salzwasserbelastung. In der derzeitigen »Fördere-oder-verliere-es«-Situation sind die Saudis gezwungen, eine Menge zu fördern, bei der es bis zu fünf Jahre dauern kann, die Fördermenge zu verringern.

    Das Nettoergebnis der CIA-inspirierten Fracking-Operationen, vor denen die Saudis von Erdölingenieuren ausländischer Firmen, etwa Schlumberger, eindringlich gewarnt worden waren, ist eine Ölschwemme für die nächsten fünf Jahre. Der Schwemme wird eine Abnahme der saudischen Ölproduktion folgen, es sei denn, neue Ölfelder sind bis dahin erschlossen. Zur Zeit drängen US-amerikanische und kanadische Ölfirmen auf die Fertigstellung der Keystone XL-Pipeline von Kanada in die USA, um den in fünf Jahren zu erwartenden scharfen Ölpreisanstieg abzufedern.

    Die CIA-Operation um das Fracking nahöstlicher Ölfelder war jedoch nicht nur auf Saudi-Arabien beschränkt. Nach Quellen in der Ölindustrie, gibt es ähnliche Fracking-verursachte Überproduktionsprobleme in Kuwait und im Irak.

    http://www.vineyardsaker.de/analyse/cia-oelschwemme-madsen

    1. clearly
      Die USA können Maßnahmen bis hin zum militärischen Regime Change gegen Saudi Arabien vergleichsweise einfach ergreifen, wenn die US-Eliten sich einig sind. Das Problem ist: sie sind sich nicht einig. Es gibt gegenwärtig einen recht scharfen Machtkampf zwischen Präsident und Kongress und den hinter ihnen jeweils sich aufreihenden Kapitalfraktionen, gerade was die Nahostpolitik betrifft.

      Der Artikel von Wayne Madsen ist mir bekannt. Ich finde es wichtig, dass diese Theorie bekannt ist. Ich würde aber nicht jedes Wort für bare Münze nehmen. Möglicherweise gab es beispielweise eine Geheimdienstoperation, um die Ölproduktion in Saudi Arabien aus geopolitischen Gründen anzukurbeln, aber vielleicht war es gar nicht so sehr die CIA, die dahinterstand, sondern eher der Mossad und die Israel-Lobby in den USA. Und möglicherweise haben diese Leute dann auch die Folgen mal wieder – wie schon beim US-Krieg gegen den Irak 2003 – nicht richtig bis zum Ende durchdacht. Nur als Beispiel, was die Saudis und ihre Kumpane beim Ölpreiskrieg möglicherweise nicht bedacht haben: Wenn Ölgroßimporteur China einen Teil seiner sich aus den niedrigeren Ölpreisen ergebenden Minderausgabens dazu einsetzt, um seinen Verbündeten Russland, Iran und Venezuela aus der Patsche der niedrigen Ölpreise zu helfen, dann funktioniert der Ölpreiskrieg vermutlich nicht wie gewünscht, und geht möglicherweise stattdessen nach hinten los, nämlich gegen Saudi Arabien und die GCC-Staaten.

      Das ganze Geschehen ist sehr komplex, es gibt sehr viele Möglichkeiten, wer was aus welchem Kalkül gemacht haben könnte, und noch schwieriger ist es dann, zu erkennen, wessen Kalkül wohl aufgehen wird, wessen Kalkül nicht aufgehen wird, und wessen Handlungen sich als Bumerang erweisen werden.

  6. Meinungsverschiedenheiten auch bei den Eliten sind wirklich keine Seltenheit, warum also nicht auch beim Ölpreis oder der Fördermenge oder bei der Haltung zum Iran.
    Dennoch dürfte die höchste Dringlichkeit bei der Eindämmung des aufkommenden Rivalen China sein. China hilft ein niedriger Ölpreis, Russland (und Venezuele/Ecuador/Brasilien) schadet er. Ich denke, dass das Gespann China-Russland schwächer ist, wenn der Teil Russland stark geschwächt
    ist, also China überproportional profitiert und dominiert.
    Dazu kommt (wie schon vor 1 1/2 Jahren zu lesen war) dass die Bilanzen des Frackings schlechter als erwartet ausfallen, also die Investitionskosten den Erträgen davonlaufen. Wenn man sich nun die Entwicklung der Finanzmärkte anschaut meine ich, dass die USA 2 Fliegen mit einer Klappe schlagen können : die nächste Finanzkrise kommt ohnehin, die Börsen sind überbewertet, die Fracking-Schulden von ca. 500-600 Milliarden Dollar könnten ähnlich der subprime-Krise 2008 aus „Gründen der nationalen Energie-Sicherheit“ verstaatlicht, also auf den 17-Billionen-Schuldenberg draufgesattelt werden.(siehe „Sanierung“ von General motors) Ein dauerhaft niedriger Ölpreis hätte auch zur Folge, dass USA und EU etc. konjunkturell leichter aus der kommenden Krise wieder herauskommen, die Zinsen bleiben ohnehin bei 0, da spielt die Höhe der Schulden nur noch eine untergeordnete Rolle.
    Aber für den Kampf gegen China-Russland braucht man die Waffe der muslimischen Kämpfer – an allen Fronten – und damit sind die USA mit Saudi-Arabien wieder Zweck-Partner, ob das nun Obama passt oder nicht.

    1. ka49mich
      Ja, genau darum geht es letztlich: eine Meinungsverschiedenheit der US-Eliten.

      Ein Teil der Eliten möchte dem projekt Vorrang geben und die meisten Ressourcen dafür einsetzen, Iran, Syrien und Hisbollah niederzuringen, ein anderer Teil der US-Eliten sieht es hingegen dringlicher an und will mehr Ressourcen dafür einsetzen, um China niederzuringen.

      Die Frage, ob Saudi Arabien den USA hilfreich dabei ist, China niederzuringen, scheint dabei aber umstritten zu sein. Mit seiner schlechten Menschenrechtsbilanz ist der US-Verbündete Saudi Arabien im ideellen Konkurrenzkampf mit China auf jeden Fall PR-mäßig eine Belastung für das Image der USA und der westlichen Welt. Und auch die „Waffe der muslimischen Kämpfer“ Saudi Arabiens bringt jede Menge Probleme für die USA mit sich. So war das US-Militär in den letzten zehn Jahren stark damit beschäftigt, von der saudischen Wahhabismus-Ideologie motivierte und später außer Kontrolle geratene Proxy-Kämpfer zu bekämpfen, Taliban in Afghanistan, Al Kaida in Irak, und nun ISIS in Irak und Syrien. Die Bekämpfung dieser außer Kontrolle geratenen saudisch inspirierten wahhabitischen Proxy-Kräfte kostete die USA bereits Tausende Milliarden an Dollar und sie bindet beim US-Militär und in den USA generell Kräfte, die andere Teile der US-Elite lieber für den Konkurrenzkampf gegen China einsetzen würden.

      Was das US-Fracking angeht, stimmt es, dass die US-Regierung da einfach wie bei GM und Krisenbanken mit ein paar Hundert Mrd Dollar die durch die niedrigen Ölpreise vollends den Bach runtergehenden Bilanzen glattstellen könnte, aber auch das hätte negative Auswirkungen auf Wirtschaft und Wachstum in den USA, insbesondere wenn die Frackingbranche dauerhaft unrentabel wird, wenn der Ölpreis lange unten bleibt. Ausweg könnte dann für die US-Regierung sein, für ein Steigen der Ölpreise zu sorgen, beispielsweise in dem ein Konkurrent wie Saudi Arabien teilweise vom Markt geschossen wird.

      Aber wie schon gesagt, die Perspektiven und Kalküle sind nicht so eindeutig bestimmbar, eben weil die Wechselwirkungen überaus komplex sein können.

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