Southstream-Poker in der Endphase

Mit der bei seinem Besuch in der Türkei abgegebenen Erklärung, dass Russland aus der im Bau befindlichen Gaspipeline Southstream aussteige, setzt der russische Präsident Putin der EU und Bulgarien die Pistole auf die Brust. Die Botschaft lautet: bewegt euch, oder das Projekt ist erledigt.

Ganz offensichtlich ist die von Wladimir Putin in der Türkei zu Southstream abgebene Erklärung noch nicht das letzte Wort. Die Erklärung war keine offizielle Mitteilung der russischen Seite an die Konsortialpartner, sondern lediglich eine Medienbotschaft. In Russland laufen die Arbeiten zum Bau des Überlandteils der Pipeline weiter, und von Bulgarien abgesehen, dass die Arbeiten vor einigen Monaten gestoppt hat, erfolgte auch in Serbien und den am Projekt beteiligten EU-Staaten bislang kein Baustop. Auch die EU selbst wird sich in der nächsten Wochen planmäßig ihre Sitzung zum Umgang mit Southstream abhalten. Was einstweilen nicht gemacht wird, ist die Verlegung der Rohre im Schwarzen Meer.

Letztlich ist die öffentliche Ankündigung von Putin eine weitere Reaktion Russlands auf das 3. Energiemarktrichtline der EU. Darin hatte die EU, nachdem sich Southstream wirtschaftlich gegen das von Transatlantikern in der EU in Erwartung eines militärischen Sieges über den Irak vorangetriebene Pipelineprojekt Nabucco durchgesetzt hatte, die Regelung beschlossen, dass Gasnetze nicht in der Hand von Gasproduzenten sein dürfen, eben um Gasprom den Bau von Pipelines in der EU zu verbieten. Ob sich die neue Richtlinie auch auf Southstream beziehen würde, war dabei strittig. Southstream war bereits in Staatsverträgen zwischen Russland und den Pipelinestaaten verankert, und da Gesetze üblicherweise keine rückwirkende Wirkung entfalten dürfen, konnte man es durchaus so sehen, dass die Richtlinie für Southstream nicht gilt.

Da die EU das Gas braucht, das Russland über Southstream liefern will, hat Russland die Southstream-Pipeline weiter vorangetrieben und vor einiger Zeit auch mit dem Bau begonnen. Im Jahr 2014 hat die EU sich dann – im Zuge der Sanktionierung Russlands wegen des russischen Widerstands gegen den US-geführten Putsch in der Ukraine – auf Druck der USA eindeutig darauf festegelgt, dass die neue Energierichtlinie auch Southstream betrifft. Nachdem EU und USA einen Bankrun in Bulgarien orchestriert haben und der als Russlandhasser und Israellobbyist bekannte Senator John McCain Bulgarien besucht hat, hat Bulgarien einen Baustop verhängt, da nun plötzlich auch Bulgarien der Meinung war, der Betrieb der Pipeline Southstream durch den Gasproduzenten Gasprom stehe im Widerspruch zu der neuen Richtlinie und breche damit EU-Recht. Wahlen in Bulgarien brachten keine Änderung der bulgarischen Haltung.

Nachdem nun eine neue EU-Kommission bestimmt worden ist, stellt Russland mit der Ankündigung von Putin die EU vor die Entscheidung, ob die EU die Pipeline will oder nicht. Den am Bau und Betrieb der Pipeline beteiligten Staaten entgehen bei einer Nichtrealisierung von Southstream jede Menge Einnahmen aus Transitgebühren und bau- und betriebsbedingten Wirtschaftsleistungen. Insbesondere Bulgarien, das ärmste Land der EU, hat mit dem Stop von Southstream ein grandioses Eigentor geschossen, aber natürlich verlieren auch Serbien, Ungarn und Österreich, sowie Deutschland, wo nach dem Baustop die Aktien des für den Röhrenbau vorgesehenen Stahlkonzerns Salzgitter AG abgestürzt sind, viel Geld. Entsprechend erbost sind insbesondere Serbien und Ungarn über die Sabotage der Pipeline durch die EU, aber auch in Bulgarien fragen sich viele Leute, ob der Sinn der bulgarischen EU-Mitgliedschaft darin besteht, die Entwicklung von Bulgarien durch zerschießen wesentlicher bulgarischer Wirtschaftsprokte zu verhindern.

Der größte Witz an der transatlantischen Sabotage von Southstream aber ist, dass die EU das Gas, was durch Southstream geliefert werden soll, tatsächlich braucht. Russland hat nun mit der Türkei vereinbart, eine Vorstudie dazu zu machen, ob die Southstream-Pipeline statt nach Bulgarien in die Türkei geführt werden kann. Zwar möchte die Türkei nur 15 Mrd Kubikmeter, aber trotzdem ist angedacht die Pipeline in die Türkei wie Southstream auf 63 Mrd Kubikmeter auszulegen, denn wenn Southstream nicht gebaut wird, dann könnte der Rest des Gases über eine Pipeline nach Griechenland in die EU verkauft werden, eben weil in der EU beim Nichtbau von Southstream einen ungedeckten Gasbedarf gibt. Politisch gesehen dürfte eine Pipeline in die Türkei einfacher sein, weil in der Türkei die neue EU-Energierichtlinie natürlich nicht gilt und Erdogan mit den Transatlantikern und der Israellobby sowieso über Kreuz liegt und sich von ihnen nichts vorschreiben lässt.

Für die EU würde das bedeuten, dass sie dann am Ende doch wieder das für Southstream russische Gas kauft, nur anstatt das Gas direkt vom Erzeuger zu kaufen mit der Türkei als Transitland oder Zwischenhändler, wobei die Türkei vermutlich zu Lasten von EU-Staaten wie Ungarn und Österreich, des EU-Beitrittskandidaten Serbien und Russlands einen saftigen Schnitt machen würde. Das ursprünglich zum Ausbooten von Russland gestartete Konkurrenzprojekt Nabucco ist schließlich nach wie vor nicht machbar, weil nach dem misslungenen Krieg gegen Irak auch die Projekte „Grüne Revolution“ in Iran und Regime Change in Syrien gescheitert sind und es Nabucco damit immer noch an Gas fehlt. Und obendrein dürfte die Türkei, wenn die Pipeline in die Türkei geht und sie irgendwann mal selbst mehr Gas braucht, wohl auch mehr von dem Gas für sich verwenden können, und die EU müsste sich dann erneut auf die Suche nach preiswerter und konkurrenzfähiger Energie machen. Geopolitisch würde Russland durch das Ersetzen von Southstream mit dem Bau einer Pipeline in die Türkei anstelle von Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich die Türkei durch Gas näher an sich binden, was für Russland nicht unvorteilhaft ist.

Die Sabotage von Southstream durch die Russlandhasser in der EU ist insgesamt also ein Schildbürgerstreich, der geradezu lächerlich wäre, wenn er nicht so ernst für Länder wie Serbien und Ungarn wäre. Trotzdem fällt es den EU-Bürokraten natürlich schwer, von ihrem hohen Ross herunterzusteigen, auf das sie zur Bestrafung Russlands geklettert sind. Die neue italienische EU-Außenbeauftragte hat nach der Ankündigung Putins, Southstream zu stoppen und die Pipeline stattdessen in die Türkei zu bauen, prompt erklärt, für die EU ändere das nichts und die EU bleibe bei ihrer Position in Bezug auf Southstream. Es bleibt also abzuwarten, ob es mit Southstream doch noch weitergeht, oder ob die EU das gleiche Gas lieber über die Zwischenstation Türkei einkaufen möchte, nur damit die transatlantischen Russlandhasser in der EU sich damit brüsten können, Southstream erfolgreich verhindert zu haben. Die zionistischen und transatlantischen Marionetten in der Ukraine, die mit Southstream umgangen werden sollen genau wie die zionistischen und transatlantischen Marionetten in Polen mit Nordstream umgangen wurden, jubeln schon.

Soweit ist es aber noch nicht. Erst wenn der Vertrag für den Bau der Pipeline in die Türkei unterschrieben ist, ist Southstream defintiv Geschichte. Vielleicht wird bis dahin auch noch ein ganz anderes Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Möglicherweise könnte etwa E.ON die Anteile von Gazprom an der Southstream-Pipeline übernehmen, was nach der gerade angekündigten Abspaltung der Energieerzeuger von den Netzen von E.ON mit der neuen EU-Energierichtlinie vereinbar wäre. Im Laufe des Jahres 2015 darf damit gerechnet werden, dass die Option einer neuen dicken Pipeline von Russland in die Türkei, gebaut mit den für Southstream vorgesehenen Röhren und gefüllt mit dem für Southstream vorgesehenen Gas, ausverhandelt sein wird. Solange wird der Poker um Southstream vermutlich noch weitergehen. Aber das, was wir gegenwärtig sehen, ist nun wohl die Endphase des teuren Pokerspiels der Transatlantiker, Russland durch die Sabotage von Southstream auf Kosten der EU schaden zu wollen, koste es, was es wolle.

12 Gedanken zu “Southstream-Poker in der Endphase

  1. Da North Stream nur maximal zwei Drittel des Bedarfs decken kann, ist für den Fall des Gasraubs durch die Ukies Mangel angesagt. Die Russen handeln nur konsequent.

  2. Es wundert mich doch ein wenig, daß Russland und die Türkei auf einmal so dicke Freunde sind.
    Wir wissen inzwischen ganz genau, daß der Nachschub für IS über die Türkei im großen Stil abgewickelt wird, sichere Rückzugsräume inklusive.
    Würde Russland Druck ausüben oder wie oben zu lesen ist, gute Geschäfte anbieten, und würde die Türkei sich dann entschließen, die Grenze dicht zu machen, da wäre der Krieg in Syrien schnell vorbei.
    Warum nur hört man diesbezüglich nichts von Russland?
    Das muß mir mal einer erklären.
    Sind nicht auch Syrien und Russland eng miteinander verbunden?
    Ich sags mal vulgär: Hier läuft ein echter Scheißfilm.

    1. Hunsrücker

      Erdogan wäre gern Weltmacht, Sultan oder Kalif eines sunnitisch-islamischen Großreiches, wie es das von Istanbul aus regiert in vergangenen Jahrhunderten gab. Deshalb macht er seine Attacken auf Syrien, Ägypten, den Irak und so weiter. In seinem Wahn benimmt Erdogan sich bereits wie der Sultan eines sunnitisch-islamischen Großreiches, betrachtet die südlichen Nachbarländer der Türkei als Inland, in dem er die gottgewollte Ordnung wiederherstellt und bemerkt nicht, dass er tatsächlich nur Regierungs- oder Staatschef eines zweitklassigen Vasallenstaates des US-Empires ist. So erklärt sich das, dass Erdogan gute Beziehungen zu Iran und Russland sucht, die betrachtet er als Ausland, mit dem ein Sultan traditionell gute Beziehungen pflegen sollte.

      Erdogan von seinen wahnhaften Attacken auf die südlichen Nachbarländer der Türkei, die mal Teil des Kalifats waren, abhalten kann Russland nicht, weder mit Sanktionen noch mit Belohnungen. Was Russland mit guten Beziehungen zur Türkei aber kann, ist einen Keil zwischen die Türkei und den Rest der NATO zu treiben, eben weil das zionistische US-Empire und Erdogan so unterschiedliche Interessen haben. Perspektivisch könnte das, neben den Geschäften zum beiderseitigen türksich-russischen Vorteil, darauf hinauslaufen, dass die Türkei irgendwann in der Zukunft die NATO verlässt und sich der SCO anschließt. Der Westen ist deshalb regelrecht wütend über die guten türkisch-russischen Beziehungen, aber dem Westen fehlen die Mittel, dagegen vorzugehen, weil jede westliche Sanktion gegen die Türkei bloß die Türkei in die Arme Russlands und China treiben würde.

      ISIS ist nicht das größte Problem in Syrien. Das größte Problem sind die Terrorsöldner von Israel, NATO und GCC, FSA genannt, oder neuerdings, der letzte Schrei der CIA: die Terroristen des Revolutionary Command Council. Das sitzt auch in der Türkei, aber Russland hat eben bis jetzt leider nicht die Mittel, Erdogan davon abzubringen, die US-geführten Terrorlakaien zu unterstützen. Die russische und iranische Politik, den türkischen Wahn dazu zu nuetzen, mit der Türkei trotz des Proxy-Krieges in Syrien gute Beziehungen zu pflegen, ist klug und hilft auch Syrien. Sie spaltet Syriens Feinde.

  3. Immer wieder erfreut, hier bei dir intelligenten Optimismus zu finden! Für jemanden, der so tief in die Grauen der Welt zu blicken weiß, wie du, ist es oft nicht so leicht, die subtil aufblitzenden Hoffnungsschimmer zu sehen und auch auf sie hinzuweisen – auch, wenn diese Hoffnungsschimmer eher aus einem glücklichen ‚Zufall‘ entstehen und nicht durch tatsächlich allgemeinwohl-orientiertes Handeln der direkt beteiligten Vordergrund- oder Hintergrundakteure …

    Peace, und weider so!

  4. Russland betreibt schon die neue Politik, eines neuen Zeitalter der Menschheit, bei der man Allen Gespräche anbietet, Handel anbietet, Projekte anbietet, wenn andere nicht wollen, auch gut, sie haben die Chance bekommen, dann arbeitet Russland eben mit anderen, die diese Chance Ergreifen. Diese neue Politik, gilt auch im Sicherheitsbereich, wenn der andere, nicht an einer Sicherheit für alle Mitwirken will, was soll es, dann unternimmt Russland, halt alles, um seine Sicherheit, zu gewährleisten. Es ist die Philosophie, der Angebote, des Erfahrungsaustausch, der Ratschläge, der Vorschläge, des Miteinander und nicht die Philosophie, der Bevormundung, des Zwangs, der Gewallt, des Gegeneinander. Jetzt kann jeder für sich einschätzen, welche Herangehensweise, wohl Erfolgreicher sein wird.

  5. Southstream-Poker in der Endphase…ich denke man hier kann nicht gepokert werden, Die USA wollten es so und Europa hat mitgespielt.
    Damit, wurde Russland gezwungen sich neue Partner aufzusuchen…siehe auch diese idiotische Sanktionen, dass manche europäische Länder wirtschaftlich schädigen, aber die USA sich wünschen um Russland zu destabilisieren…und die europäische-Vasallen trotz Geld-Verluste machen mit.

    – Und so weit ich mich erinnern kann, ich habe Berichte übersetzt wo stand, dass diese EU-Verordnungen wurden auf Wunsch der USA absichtlich von EU-Gremien erlassen um Russland zu verhindern die Pipeline zu bauen. Um die Pipeline weiter bauen zu können, Russland musste ein westliche Partner an das Projekt beteiligen, was bedeutet, die Gazprom hätte an ausländische Firmen Anteile verkaufen müssen, und damit freiwillig „Troyaner“ in ihre Reihe eingeholt, und das Staat-Monopol verloren, dieses Spielchen sind ein Teil der US-Ukraine-Sanktionen.
    http://mundderwahrheit.wordpress.com

  6. mundderwahrheit

    Das Spiel des US-Imperialismus, die EU und Russland zu schwächen und so ihre Unterjochung sicherzustellen, indem sie sie auseinanderdiviert und die EU abhängig von US-kontrollierten Energielieferungen zu machen, läuft schon viel länger.

    Southstream war die russische Antwort auf die geplante Nabucco-Piepline. Die Nabucco-Piepline wurde geplant, kurz bevor der Krieg gegen den Irak begann, direkt nachdem der Irak-krieg beschlossen war. Woher sollte das Gas für Nabucco kommen? Entweder, wie offiziell verlautbart, durch das kaspische Meer, was aber schwer gewesen wäre wegen der russisch-iranischen Vorherrschaft im kaspischen Meer. Oder aber, und daraus ergibt sich der Zeitpunkt des Starts des Nabucco-Projekts, aus dem Irak, beziehungsweise durch den Irak und Saudi Arabien, nämlich Röhrengas geliefert von Katar, das sich mit Iran das größte Gasfeld der Welt teilt. Doch mit dem verlorenen Krieg der USA gegen den Irak wurde das nichts, und Nabucco wurde aufgegeben, nachdem auch Pläne zum US-geführten Regime Change in Iran (Grüne Revolution) und Syrien (Arab Spring) nicht erfolgreich waren. Eben weil es aufgrund der misslungenen Regime Changes – anders als bei der Gründung des Nabucco-konsortiums geplant – doch kein Gas für Nabucco gibt.

    1. mundderwahrheit
      Ja, so war das, nachdem der Krieg der USA gegen Irak gescheitert war. Da sich Iran und Katar das große Gasfeld teilen, wäre ein Sieg über Iran natürlich eine Alternative zu einem Sieg über Irak gewesen, um an das gleiche Gas für Nabucco heranzukommen.

      Und prompt haben Israel und die USA dann auch 2009 einen „Regime Change“ in Iran versucht, diesmal mit der Methode Farbenrevolution, die sogenannte „Grüne Revolution.“ Nachdem das auch nicht geklappt hat, haben die USA und ihre kriminellen Partner dann 2011 noch Regime Change in Syrien versucht, womit auch eine Pipeline von Katar zu Nabucco hätte gebaut werden können, und als klar war, dass auch dieser Regime Change nicht funktioniert, wurde das Projekt Nabucco aufgegeben.

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