Eroberung von Mossul durch ISIS ein „direkter Angriff auf die Türkei“

Zu der bemerkenswerten Leistung der sogenannten „westlichen Wertegemeinschaft“ und ihrer Partner, im Zuge des im August 2010 von Obama angeordneten „arabischen Frühlings“ die irakische Millionenstadt Mossul in die Hände der Al-Kaida-Gruppe ISIS zu bringen, möge in nachfolgendem Artikel angesichts der Erstürmung des türkischen Konsulates in Mossul und der damit einhergehenden Gefangennahme des türkischen Konsuls sowie Dutzender weiterer Türken durch ISIS der türkische Aspekt des Desasters im Nordirak noch etwas näher beleuchtet werden.

Der Ökonom Cemil Ertem schrieb am Freitag in der dem Erdogan-Regime nahestehenden türkischen Gazette Daily Sabah:

Was im Irak geschah, war ein direkter Angriff auf die Türkei

Um die jüngsten Ereignisse in Mossul zu bewerten, müssen wir zuerst verstehen, was in der Region von Mossul und Kirkuk vonstatten gegangen ist. Die Entführungen, die in Mossul in der türkischen Botschaft stattgefunden haben, waren ein direkter und klarer internationaler Angriff auf die Türkei…

Die Triebkraft solcher Organisationen von Al Kaida über ISIS bis zu allen ähnlichen nationalistischen Terrororganisationen im Kaukasus sind immer die jungen Generationen, die durch Armut und Teilung gelitten haben, und die Zeugen der Invasionen der ganzen Region geworden sind. Das ist es, warum die ISIS genannte paramilitärische Organisation sehr schnell und in einer organisierten Weise aufgetaucht ist und sich nach dem syrischen Bürgerkrieg über riesiege Gebiete ausgebreitet hat. ISIS ist eine politische Realität, und eine ökonomische und soziologische Realität in der Region.

Ohne diesen Fakt zuzugeben, kann man nicht verstehen, was im Nordirak geschehen ist und noch geschehen wird. Wir müssen weiter schauen als die einfache Behauptung, dass der ganze Konflikt in der Region, aus sektierischen Spannungen herrührt. Es ist ein Krieg, der erklärt wurde, um die Kontrolle über Energieressourcen und den Energiemarkt zu erlangen. Und dieser Krieg wurde ausgelöst und gestartet durch die Ausnutzung der zuvorgenannten paramilitärischen Organisationen. Die Türkei liegt im Zentrum dieses Krieges. Sie ist sein größtes Ziel. … paramilitärische Organisationen wie ISIS attackieren die ökonomischen und politischen Basen der Türkei im Irak. Ja, die Energiezentren, Ölfelder in Mossul und Kirkuk, sind, und waren in der Geschichte, ökonomische Zentren der Türkei. Die Botschaft der Türkei in Mossul ist die offizielle politische Basis des Landes und nun hat ISIS beide Basen direkt attackiert. Das ist eine offene, direkte Kriegserklärung gegen die Türkei. … (Selektiv zitiert und aus dem Englischen übersetzt durch das Parteibuch

Vom Parteibuch in dieser Übersetzung weggelassen wurden etwa von Cemil Ertem verstreute Behauptungen, wie sinngemäß, dass Al Kaida und ähnliche Terrorgruppen Geheimdienstoperationen von Amerikanern, Briten und ihren Partnern seien, um die wirtschaftlichen Interessen der Türkei in der Region zu schädigen, und natürlich auch andere wichtige Mächte, wie etwa Russland und Iran, die Türkei kleinhalten wollten. Behauptungen in diese Richtung werden von Cemil Ertem nicht durch Fakten untermauert. Was dem Parteibuch in dem Artikel wichtig erscheint, ist die Behauptung von Cemil Ertem, es gehe bei der Eroberung von Mossul durch ISIS nicht um Ideologie oder Religion, sondern um Öl und um wirtschaftliche und politische Macht, und insbesondere die Türkei habe in Mossul einen schweren Schlag versetzt bekommen. Das deckt sich mit Fakten. So berichtete Daily Sabah in einer weiteren Meldung am Freitag beispielsweise, dass die Kurse an der türkischen Börse „wegen der Unruhen im Irak“ ins Taumeln geraten sind.

Besonders bemerkenswert ist, dass der Propagandist des dem Erdogan-Regime nahestehenden Blättchen Daily Sabah Ölfelder in Mossul und Kirkuk zu Energiezentren der Türkei erklärt. Fast scheint es, er wisse nicht, dass Mossul und Kirkuk nicht Teil der Türkei sind, sondern zum Staatsgebiet des Irak gehören. Doch mit seinem Hinweis darauf, dass in der Geschichte Mossul und Kirkuk immer wirtschaftliche Zentren der Türkei waren, räumt er daran jeden Zweifel aus. Und das ist eines der wesentlichen Probleme nicht nur des Kolumnisten von Daily Sabah, sondern der türkischen AKP-Regierung insgesamt: sie wissen zwar, dass Mossul und Kirkuk seit numehr fast Hundert Jahren nicht mehr zum von Istanbul oder Ankara regierten Staatsgebiet gehören, sondern inzwischen zum Irak, doch sie akzeptieren das nicht und betrachten die Ölvorkommen im Nordirak als Eigentum des NATO-Staates Türkei, welche die Regierung in Bagdad nichts angehen.

Historisch gesehen wurde diese Sichtweise der Türkei durch den Angriff des führenden NATO-Staates USA auf den Irak im Jahr 2003 ermöglicht. Zwar hat die Türkei beim US-Angriffskrieg gegen den Irak nicht mitgemacht und den USA auch nicht gestattet, den Feldzug von türkischem Boden aus zu führen, doch nach dem durch den US-Angriffskrieg verursachten Zusammenbruch des irakischen Staates hat die Türkei direkt oder indirekt das Management des Nordirak übernommen. Der Türkei gelang es in Folge der US-Invasion, sowohl die kurdisch geprägten Gebiete im Nordosten des Irak als auch die sunnitisch geprägten Gebiete im Nordwesten und Westen des Irak wirtschaftlich und politisch an sich zu binden. Nachdem die USA in ihrer durch den irakischen Aufstand gegen die Besatzung bedingten Not dem iran- und syrienfreundlichen schiitischen Politiker und Milizenführer Nuri Al-Maliki die Übernahme der Regierung im Irak erlaubten, verstanden sich die Türkei und ihre Partner in den GCC-Staaten, allen voran Saudi Arabien, als von den USA protegiertes politisches Gegengewicht zum iranischen und syrischen Einfluss im Irak. Noch bevor die USA ihre Truppen auf Druck von Maliki und seinen Partnern aus dem Irak abzogen, versuchten die regionalen Gegner und Konkurrenten Irans, insbesondere die Türkei im Verbund mit Saudi Arabien und Katar, in den von ihren Lakaien dominierten Gebieten des Irak einen Aufstand gegen Maliki und den iranischen Einfluss im Irak anzuheizen, der zum Ziel hatte, entweder Maliki und andere iran-freundliche Politiker zu entmachten oder den Irak zu zerlegen, den Nordirak vom Irak abzutrennen und zu selbstständigen Staaten unter türkischem Protektorat zu machen.

Doch das gelang nicht. Der von massivem Terror begleitete Aufstand führte weder zum Sturz von Maliki noch zur Zerteilung des Irak. Und als die US-Truppen weg waren, ließ die von Maliki geprägte irakische Justiz so ziemlich als erste Maßnahme im nunmehr unabhängigen Irak Haftbefehle gegen die höchstrangigen Lakaien der Türkei und Saudi Arabiens, den irakischen Vizepräsidenten Tariq Al Hashimi voran, wegen Terrorverdachts ausstellen. Tariq Al Hashimi und einige seiner unter Terrorverdacht stehenden pro-türkischen Kameraden flüchteten daraufhin in Staaten wie Saudi Arabien oder die Türkei.

Das türkische Erdogan-Regime machte ein Riesentheater, erklärte Tariq Al Hashimi zum unschuldig verfolgten und beschuldigte die schiitisch geprägte irakische Regierung von Maliki, den Sunniten Tariq Al Hashimi und seine Kumpane aus religiösen Gründen – oder geopolitischen, zur Stärkung des Iran zu Lasten der Türkei – durch die von Maliki gesteuerte irakische Justiz verfolgen zu lassen. Da die Anschuldigung sich letztlich gegen den aus anderen Gründen wie seiner Ablehnung von Israel und Wahhabismus und seiner Unterstützung für die syrische Regierung von Assad missliebigen Iran richtete, stimmte die Propaganda-Maschine der westlichen und GCC-Staaten sofort in die türkische Behauptung ein. Der vom schiitischen Iran gesteuerte irakisch-schiitische Regierungschef Maliki mache sich der Verfolgung von irakischen Sunniten aus sektiererischen Gründen und zur Ausweitig iranischen Einflusses schuldig, heißt es seitdem in der Propaganda der NATO- und der GCC-Staaten mit Verweis auf Hashimi und seine Kumpane. Die Wahrheit ist viel komplizierter.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es für die Anklage gegen Hashimi, seinen hochrangigen Status im Irak dazu missbraucht zu haben, um Bombenanschläge im schwerbewachten Bagdader Regierungsviertel „Grüne Zone“ zu begehen, gewichtige Indizien gab und gibt. Seine eigenen Leibwächter haben ihn als Zeugen der irakischen Justiz dieses Verbrechens beschuldigt. Natürlich heißt eine auf Zeugen basierende Anklage nicht, dass Tariq Al Hashimi schuldig ist, und auch die anschließend in Abwesenheit erfolgte Verurteilung ist kein endgültiger Beweis. Aber als glaubwürdiger als andere, von der westlichen Wertegemeinschaft unterstützte, Anklagen wie etwa das Sondertribunal für den Libanon, das sich immer noch auf Syrien und Hisbollah kozentriert, obwohl die wesentlichen verfügbaren Beweise wohl eher auf Israel hindeuten, ist der Vorwurf gegen Hashimi allemal – von den teilweise gar nicht stattfindenen Gerichtsprozessen in Guantanamo ganz zu schweigen. Festzuhalten ist auch, dass mit der Flucht von Hashimi und seinen Kumpanen die Serie von Bombenanschlägen in der schwerbewachten grünen Zone endete.

Ebenso ins Reich der Märchen und Propagandalügen zu verweisen ist die von der westlichen Propaganda immer wiederholte Behauptung, der schiitische Regierungschef Nuri Al-Maliki würde Sunniten von der Politik ausschließen oder eine anti-sunnitische Politik verfolgen. Tatsächlich versucht Maliki etwa gemeinsame Gottesdienste von Schiiten und Sunniten zu organisieren, und auch bindet Maliki Sunniten durchaus in die Politik ein, etwa als Minister, wobei er sunnitischen Ministern jedoch wie anderen Ministern häufig als Assistent, Vizeminister oder Staatssekretär, wie man auf deutsch sagen würde, einen „Aufpasser“ zur Seite stellt, der dafür sorgen soll, dass Maliki als gewählter und letztlich für alle Ministerien verantwortlicher Regierungschef über bemerkenswerte Vorgänge in den einzelnen Ministerien, etwa Inkompentenz, Korruption, Plots und ähnliche Dinge, stets auf dem Laufenden ist. Solch ein Vorgehen von Maliki wird von seinen Gegnern etwa als mangelndes Vertrauen kritisiert, ähnelt tatsächlich aber stark üblichen und sinnvollen politischen Gepflogenheiten auch westlicher Regierungschefs, insbesondere in Koalitionsregierungen.

Auch in Bezug auf Wirtschaft und Finanzen ist Maliki bereit, zu teilen. So verteigt Maliki etwa das im Verfassungsrang stehende irakische Ölgesetz, welches vorsieht, dass allein dem irakischen Staat es zusteht, Ölverträge über die Bodenschätze des Irak abzuschließen, und der irakische Staat die aus den irakischen Ölressourcen erzielten Öleinnahmen allen Bürgern des Irak, gleich welcher Religion oder Ethnie sie sich zugehörig fühlen und in welcher Provinz sie leben, zukommen lassen muss. Im Ergebnis bringt es das irakische Ölgesetz mit sich, dass sehr viel Geld aus den besonders ölreichen, schiitischen Gegenden des Süd- und Ost-Iraks umverteilt wird in Richtung der nördlichen und westlichen Gegenden des Irak, deren Bevölkerungen eher sunnitische oder kurdische Identitäten als die ihren betrachten. Geschickt gemacht ist auch, dass das irakische Ölgesetz es vorschreibt, dass sämtliche Ölverträge des Irak Hebeverträge sein müssen, die in öffentlichen Versteigerungen vergeben werden und heftige Vertragsabschlussgebühren sowie Strafen für die Unterschreitung von Mindestfördermengen beinhalten. Hebeverträge bedeuten anders als Ertragsteilungsverträge, dass im Irak tätige Ölfirmen lediglich Dienstleister sein dürfen, die eine vertraglich feste Gebühr pro gefördertem Fass erhalten, und wer sich als Ölfirma auf den niedrigsten Hebepreis pro gefördetem Fass bei dem jeweilig zu vergebenden Feld einlässt, erhält den Zuschlag. Gewinne aus ungeplanten Preiserhöhungen von Öl bleiben bei diesen Verträgen beim irakischen Staat, und auch obliegt es allein dem irakischen Staat, über die maximal zu fördernden Öl-Mengen zu bestimmen, was etwa für Kartell-Absprachen im Rahmen der OPEC wichtig ist. Im Irak unter Maliki gewannen zudem oft Konsortien die Ölförderausschreibungen, die von russischen oder chinesischen Firmen geführt werden, und bei denen westliche Ölkonzerne lediglich „Technologiepartner“ als Minderheitsgesellschafter sind, und westliche Ölkonzerne nur selten als Konsortiumsführer überhaupt bieten wollten. Westliche Ölkonzerne hassen solche Hebeverträge, eben weil sie ihnen die Möglichkeit nehmen, in gewohnter Manier ihre Regierungen kriegerische Spannungen anstacheln zu lassen, um davon über gestiegene Ölpreise außergewöhnlich zu profitieren, wie das bei den üblichen Ertragsteilungsverträgen die Regel ist. Anders als bei Ertragsteilungsverträgen, wo Ölfirmen von gestiegenen Ölpreisen aufgrund von Krieg in ölreichen Regionen profitieren, haben Ölfirmen bei den vom Irak versteigerten Hebeverträgen ein kommerzielles Friedensinteresse, da sich Krieg eher negativ auf die Fördermenge auswirkt, und die Ölfirmen nach geförderter Menge bezahlt werden, und sie von kriegsbedingten Steigerungen des Ölpreises bei Hebeverträgen nicht profitieren. Westliche Ölkonzerne hassen solche Hebeverträge, eben weil sie ihnen die Möglichkeit nehmen, in gewohnter Manier ihre Regierungen kriegerische Spannungen anstacheln zu lassen, um davon über gestiegene Ölpreise außergewöhnlich zu profitieren, wie das bei den üblichen Ertragsteilungsverträgen die Regel ist. Westliche Ölkonzerne hassen solche Hebeverträge, eben weil sie ihnen die Möglichkeit nehmen, in gewohnter Manier ihre Regierungen kriegerische Spannungen anstacheln zu lassen, um davon über gestiegene Ölpreise außergewöhnlich zu profitieren, wie das bei den üblichen Ertragsteilungsverträgen die Regel ist.

Natürlich versuchen westliche Ölkonzerne und die hinter ihnen stehenden Regimes, das ihnen äußerst missliebige irakische Ölgesetz abzuschaffen, auszuhöhlen oder sonstwie zu knacken. Eine Strategie westlicher Ölkonzerne dazu ist es, Ölverträge, und zwar die von ihnen geliebten Ertragsteilungsverträge, mit Regionalregierungen im Nordirak zu machen. Dies betrifft zwar insbesondere das kurdische Autonomiegiet im Nordirak, von wo trotz Protestes der Zentralregierung in Bagdad eine Pipeline in die Türkei gebaut wurde, aber auch das nahegelegene kommerzielle Zentrum des Nordirak: Mossul. Maliki hat sich dagegen zwar gesträubt, aber regierungsnahe türkische Journalisten haben hingegen keinen Zweifel daran gelassen, dass die Türkei das trotzdem machen sollte, weil der Westen ein Interesse daran habe, durch die Ausbeutung irakischer Energievorkommen und den Abtransport dieser Energie durch die Türkei die Stellung Russlands und des Iran auf dem Energiemarkt zu schwächen.

Anfang 2012 hat der türkische Regierungschef Erdogan dem irakischen Regierungschef Maliki in einem Telefonat sehr deutlich gemacht, was er von ihm hält: er sei Yazid, also seinem Verständnis nach so etwas wie die Ausgeburt eines schiitischen Teufels, erklärte Erdogan da Maliki inzwischen gelöschten Medienberichten zufolge. Was jenseits von Meinungsverschiedenheiten über Syrien dahinter steckte, erklärten türkische Regierungspolitiker und angeschlossene Journalisten der Öffentlichkeit in den letzten Jahren immer wieder mit den Worten: die Türkei kann das Öl im Nordirak nicht ignorieren. Gemeint war damit, die Türkei wird die Wünsche der irakischen Regierung, das irakische Ölgesetz und selbst Einwände der USA gegen die von der Regierung in Bagdad nicht gewollte türkische Ausbeutung nordirakischer Ölvorkommen ignorieren, weil die Türkei der Ansicht ist, nordirkische Ölvorkommen liegen im historischen und gegenwärtigen Machtgebiet der Türkei und gehören damit der Türkei. Das türkische Selbstverständnis machte unter anderem der türkische Außenminister Davutoglu deutlich, der den Nordirak besuchte, obwohl er von der Regierung in Bagdad überhaupt nicht eingeladen war. Die Botschaft Anakaras an Bagdad war damit klar: wir regieren hier im Nordirak, und ihr in Bagdad habt uns diesbezüglich überhaupt nichts zu sagen. Anschließend hat das türkische Regime, bis hinauf zum türkischen Präsidenten Gül, sich lustig gemacht ob der militärischen Unfähigkeit des Irak, den NATO-Staat Türkei wegen des Verfassungsbruchs zugunsten türkischer und westlicher Ölkonzerne aus dem Land zu werfen, und dreist erklärt, der Bruch des irakischen Ölgesetzes sei von der irakischen Verfassung gedeckt.

Doch damit nicht genug. Noch grotesker war die insbesondere Situation in Mossul. Nachdem der türkische Regierungschef Erdogan die Verbindungen zu Bagdad mit wüsten Beschimpfungen gegen den irakischen Regierungschef Maliki abgebrochen hatte, verkündete Atheel al Nujaifi, der Gouverneur von Mossul, über türkische Medien, die Türkei sei Mossuls Tor zur Welt, obwohl, oder weil, dabei das Vorhaben von Exxon Mobil besprochen wurde, Öl aus der zu Mossul gehörenden irakischen Provinz Ninwe an Bagdad vorbei in die Türkei zu exportieren. Der irakische Gouverneur von Mossul, dessen Bruder Parlamentspräsident in Bagdad ist, ist also Maliki bezüglich des Ölgesetzes wie so oft in den Rücken gefallen, indem er Exxon Mobil und der Türkei trotz Erdogans Beleidungen gegen den irakischen Regierungschef Rückendeckung dafür gegeben hat, Bagdad und Maliki an der Erfüllung des irakischen Verfassungsauftrages zu hindern, dass das Öl im Irak für alle Iraker da zu sein hat und nur von Bagdad versteigerte Hebeverträge vergeben werden dürfen. Es liegt nicht fern zu sagen, dass in Mossul nicht Bagdad, sondern Leute aus der Türkei regiert haben, die den Einfluss der Türkei im Nordirak dazu ausnutzten, die Rohstoffe des Irak auszuplündern. Insgesamt lässt sich also sagen, dass die türkische Regierung die Energiequellen im Nordirak als ihre betrachtet, die Souveränität des Irak über den nördlichen Landesteil nicht akzeptiert und die dortige Bevölkerung aus einem ökonomischen Motiv heraus sektierisch gegen Schiiten im Allgemeinen und die von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit des Irak getragene irakische Regierung und Armee im Besonderen aufhetzt.

Die türkische Hetze gegen die irakische Regierung hat mit dazubeigetragen, dass es in Mossul bis vor einer Woche eine ganz besondere Situation gab. In den Machtzentren herrschte ein ausgesprochen Türkei-freundlicher Gouverneur und das türkische Konsulat in Mossul bildete eine Art Schattenregierung, auf den Straßen von Mossul hatte nicht zuletzt bedingt durch die unter anderem von der Türkei ausgehende permenente Hetze gegen Schiiten die Terrororganisation Al Kaida seit Jahren dominierenden Einfluss, und die Türkei-freundlichen Herrschaftsorgane in Mossul ließen sich gleichzeitig von der von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit geprägten irakischen Armee vor Unruhen schützen. Kurz vor dem Angriff von ISIS auf Mossul traf sich der Bruder des Gouverneurs von Mossul, der von oppositionellen sunnitischen Kräften getragener irakischer Parlamentssprecher in Bagdad ist, zur politischen Abstimmung mit dem türkischen Außenminister Davutoglu.

Vor dem Hintergrund, dass die Türkei sich in Mossul als Defacto-Regierung aufspielt, gegen die schiitisch-geprägte irakische Armee agitiert und nennenswerte Bevölkerungsteile von Mossul die Machtübernahme durch Al Kaida begrüßen, ist es durchaus verständlich, dass die Soldaten der von der Türkei geschmähten schiitisch dominierten Regierung in Bagdad sich beim ISIS-Angriff recht schnell aus Mossul zurückgezogen haben, anstatt bis zum Äußersten gegen Al Kaida – und nennenswerte Teile der unter anderem von der Türkei gegen sie aufgestachelten Bevölkerung Mossuls – zu kämpfen, um die Defacto-Herrschaft der Türkei über Mossul durch heroischen Einsatz vor Ungemach zu schützen. Die türkische Regierung hat zu dieser Entwicklung durch ihr eigenes Verhalten erheblich mit beigetragen. Hinzu kommt, dass die Türkei ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zu Al Kaida hat.

Während der Irak wie der größte Teil der Welt Al Kaida spätestens seit den Anschlägen von 9/11 ohne wenn und aber als gefährliche Terrororganisation betrachtet, ist das Verhältnis der türkischen Regierung zu Al Kaida komplizierter. So erklärte ein Diplomat des türkischen Erdogan-Regimes dem staunenden Publikum Anfang 2013 über Twitter, Al Kaida sei etwas anderes als Terror. Als Konsequenz aus der Bemerkung wurde der Diplomat vom Erdogan-Regime nicht etwa von seinen Aufgaben entbunden und entlassen, sondern er darf seitdem bloß die Positionen der türkischen Politik nicht mehr über Twitter darstellen.

Des Weiteren unterstützt die türkische Regierung bewaffnete Gruppen, die gegen die syrische Regierung und die syrische Armee kämpfen. Es ist bestens bekannt, dass in Syrien gegen die Regierung kämpfende bewaffnete Gruppen wie etwa die FSA, ebenso wie die sich als politische Führung dieser bewaffneten Gruppen verstehende Organisation „Syrische Nationale Koalition“ SNC, Kommandozentralen, Ausbildungseinrichtungen und Logistikzentren in der Türkei unterhalten. Es ist bestens bekannt, dass wesentliche Angriffe dieser bewaffneten Gruppen von türkischem Boden ausgehen. Zwar bestreitet die türkische Regierung formal den mannigfaltigen Rechtsbruch, in Syrien aktive bewaffnete Gruppen zum von der Türkei aus grenzüberschreitend geführten Krieg gegen die syrische Regierung mit Waffen zu beliefern, doch ist das formale Dementi aufgrund der zahlreichen gegenteiligen glaubwürdigen Informationen in den Medien diesbezüglich völlig unglaubwürdig. Aber selbst wenn man davon absieht, so ist die Türkei ein führendes Mitglied der auf den Sturz der syrischen Regierung abzielenden Staatengruppe „Freunde des syrischen Volkes.“ Außerdem solidarisiert die türkische Regierung sich offen und öffentlich mit dem bewaffneten Kampf zum Sturz der syrischen Regierung, etwa in der Weise, dass hohe türkische Regierungsmitglieder bis hin zum Regierungschef mit Fanartikeln der bewaffneten Anti-Regierungsgruppe „FSA“ geschmückt öffentlich auftreten und den Sturz des syrischen Präsidenten Assad fordern.

Selbst wenn man den unglaubwürdigen türkischen Behauptungen Glauben schenken würde, dass die Türkei in Syrien aktiven bewaffneten Anti-Regierungsgruppen keine Waffen für den grenzüberschreitenden Kampf bereitstellt, und dass die türkische Regierung sich ansonsten ausschließlich den nicht zu Al Kaida gehörenden Gruppen der FSA und ihrer politischen Führung im SNC gegenüber solidarisch verhält, so würde bereits das eine erhebliche Mitverantwortung der türkischen Regierung für die Machtübernahme von ISIS in Mossul bedeuten. Der diesbezügliche Zusammenhang ist der, dass die syrische Armee durch die Angriffe der von der Türkei und den sogenannten „Freunden Sytriens“ unterstützten bewaffneten Gruppen im dicht besiedelten und für die syrische Regierung strategisch wichtigen Westen Syriens stark beschäftigt ist, und dementsprechend wenig militärische Ressourcen bereitstellen kann, um das Ausbreiten und Erstarken von ISIS im dünner besiedelten und für die syrische Regierung strategisch weniger wichtigen Osten Syriens mit militärischen Mitteln zu verhindern. Durch ihre Unterstützung für die unter dem Dach des SNC gegen die syrische Regierung kämpfenden Gruppen haben die türkische Regierung und ihre Partner durch die dadurch verursachte Beschäftigung der syrischen Armee mit unter anderem von der Türkei unterstützten bewaffneten Gruppen also erheblich zur Schaffung der Bedingungen beigetragen, dass ISIS stärker wurde und nun die irakischen Millionenstadt Mossul einnehmen konnte.

Das ist für sich schon schlimm genug und Zeugnis einer unverantwortlich aggressiven Politik von Seiten der türkischen Regierung, die nun sich auch gegen türkische Interessen richtende katastrophale Auswirkungen zeigt. Doch tatsächlich ging und geht die direkte oder indirekte Kollaboration der türkischen Regierung mit Gruppen aus dem Spektrum von Al Kaida und ähnlichen Ideologien anhängenden wahhabitischen Jihadisten noch viel weiter. Der prominente Damaszener FSA/IF-Führer Zahran Alloush etwa strebt wie Al Kaida die Einrichtung eines wahhabitischen Kalifats in Syrien an und befürwortet wie Al Kaida die Vertreibung und Ausrottung von Alawiten und Schiiten in Syrien sowie Folter und die Ermordung von gefangenen Zivilisten ihm missliebiger Glaubensrichtungen. Wesentliche Teile von vorgeblich gemäßigten bewaffneten Gruppierungen wie der FSA sind also in Wirklichkeit gar nicht gemäßigt, sondern hängen der gleichen Ideologie wie Al Kaida an und tragen zur Verbreitung und Stärkung dieser Ideologie bei. Trotzdem sind wahhabitische Extremisten wie Zahran Alloush in der Türkei herzlich willkommen und durfen dort unter anderem Pressekonferenzen organisieren, als Starredner auf öffentlichen Demonstrationen auftreten und um Spenden für den bewaffneten Kampf gegen die syrische Regierung sowie gegen Schiiten und Alawiten werben. Die Türkei begründet diese bemerkenswerte Gastfreundschaft für gegen die syrische Regierung kämpfende Extremisten mit einer Politik der offenen Tür, die bedeutet, dass die Türkei die Grenzen zu Syrien bewusst in beide Richtungen durchlässig hält und alle Syrer willkommen heißt. Obwohl die beiden in Syrien aktiven Al-Kaida-Ableger Nusra Front und ISIS sich bereits im Frühjahr 2013 offen zur Zugehörigkeit zu Al Kaida bekannt haben, hat es noch bis tief ins Jahr 2014 gedauert, bis die türkische Regierung diese Organisationen als Terrororganisation einstufen und juristisch verfolgen ließ. Die USA hingegen haben die Nusra Front bereits Ende 2012, unter Protest der Türkei, als mit Al Kaida in Irak, ISI und später ISIS identische Terrororganisation eingestuft und die Mitgliedschaft und Unterstützung in diesen Organisationen damit zur Straftat gemacht. Eine Folge dieser der Ideologie von Al Kaida gegenüber vergeleichsweise offenen türkischen Politik ist, dass Ideologien wie der von Al Kaida anhängende Extremisten in Syrien stärker sind als sie es wären, wenn die Türkei ihnen nicht soviel Raum zur Entfaltung auf türkischem Boden geben würde. Auch insofern hat die türkische Regierung also zu der Erstarkung von Al Kaida beigetragen, die nun die Eroberung der irakischen Millionenstadt Mossul möglich gemacht hat.

Außerdem haben führende Kader der von der Türkei und ihren Partnern im Kampf gegen die syrische Regierung unterstützten bewaffneten Gruppierungen sich ganz offen mit Jihadisten von Nusra Front und ISIS verpartnert und die in Syrien aktiven Kämpfer von Al Kaida öffentlich in höchsten Tönen gelobt. Unvergessen ist beispielsweise die Rede, mit der der von der Türkei aus agierende Aleppiner FSA-Führer Abdul Jabbar al-Oqaidi ISIS im Sommer 2013 anlässlich der Eroberung eines syrischen Luftwaffenstützpunktes nördlich von Aleppo in einer gemeinsam mit einem Anführern von ISIS aufgezeichneten Videobotschaft ob des erfolgreichen gemeinsamen Kampfes öffentlich lobpries. Die türkische Regierung zog daraus keine Konsequenzen: weder musste FSA-Führer Oqaidi ob seines Lobs für Al Kaida zurücktreten oder sich auch nur öffentlich dafür entschuldigen, noch wurde von Seiten der türkischen Regierung die Unterstützung für die FSA oder das SNC eingestellt. Im Gegenteil, auch in Ankara freute man sich über den großartigen gemeinsamen Sieg in der langen Schlacht gegen die syrische Armee. Natürlich ist es lebensfern, anzunehmen, dass die FSA-Gruppen im gemeinsamen Kampf gegen das syrische Militär nicht ihre ihnen reichlich von ausländischen Sponsoren gelieferten Waffen mit ihren Kampfgefährten von ISIS geteilt haben. Auch mit diesem kritiklosen Verhalten an der öffentlichen Lobpreisung und Unterstützung von Al Kaida durch von der Türkei aus operierende FSA-Gruppen trug die türkische Regierung natürlich dazu bei, Al Kaida zu stärken und Al Kaida hoffähig zu machen.

Zum Bruch zwischen der Türkei und ISIS kam es erst im Vorfeld zur zweiten Genfer Konferenz zwischen der syrischen Regierung und dem SNC zu Beginn des Jahres 2014. In den Vorbereitungen zu dieser Konferenz bemerkten unter anderem die FSA, das SNC und die Türkei, dass die FSA, trotz der zahlreichen Siege gegen die syrische Armee und dem Rückzug oder der Flucht der syrischen Armee aus weiten Gebieten Syriens, praktisch keinerlei Territorium in Syrien beherrschte. Während die FSA beinahe ausschließlich damit beschäftigt war, gegen die syrische Armee zu kämpfen, hatte ISIS nahezu überall, wo die syrische Armee nicht mehr präsent war, die Herrschaft übernommen und islamische Emirate eingerichtet. Da ISIS von SNC, FSA und ihren ausländischen Unterstützern wie der Türkei keinerlei Befehle entgegennahm und ISIS von ISIS beherrschate Gebiete rabiat gegen Machtansprüche von anderen Gruppen, wie etwa der FSA, verteidigte, hatten der SNC und seine ausländischen Unterstützer vor den Verhandlungen mit der syrischen Regierung somit praktisch keinerlei Verhandlungsgewicht. Um dies zu ändern, ermutigten die Türkei und andere Unterstützer der FSA sämtliche von ihnen unterstützte Gruppierungen zum offenen Krieg gegen ISIS.

Der offene Krieg der von der Türkei unterstützten bewaffneten Anti-Regierungsgruppen in Syrien gegen ISIS begann Anfang Januar 2014. Seitdem führen von der Türkei unterstützte bewaffnete Gruppen wie FSA, SRF, JAM, IF sowie die mit ihnen zusammenarbeitende Al-Kaida-Gruppe Jabhat Al Nusra in Syrien einen brutalen Vernichtungskrieg gegen ISIS, in dessen Verlauf von den von der Türkei aus agierenden Gruppen auch Familienangehörige von ISIS-Kämpfern gezielt angegriffen, gefangen genommen und massakriert wurden. Tausende Menschen auf beiden Seiten sowie nochmal so viele Zivilisten kamen durch diesen Krieg von FSA, IF und Jabhat Al Nusra gegen ISIS seit Anfang Januar ums Leben. Die militärischen Ergebnisse dieses Krieges sind aus Sicht der Türkei und ihrer Partner jedoch dürftig. Zwar gelang es den Partnern der Türkei ISIS in der Provinz Idlib auszulöschen und ISIS aus Aleppo und den Gebieten westlich und nördlich von Aleppo zu vertreiben, doch im Gebiet östlich von Aleppo, in der Provinz Raqqa und in den ölreichen ostsyrischen Provinzen Deir Ezzor und Hasaka hat ISIS sich in brutalen Gemetzeln gegen die von der Türkei unterstützten Gruppierungen durchgesetzt, die ISIS-Herrschaft über diese Gebiete verteidigt und sogar gefestigt. Genug syrisches Territorium zu erobern, um bei den Genf-II-Verhandlungen mit der syrischen Regierung entscheidend Gewicht auf die Waage bringen zu können, gelang den von der Türkei und ihren Partnern unterstützten Gruppen durch den Angriff auf ISIS nicht. Im Gegenteil, durch den Krieg zwischen FSA und ISIS wurde die Position der syrischen Armee gestärkt, die nun in der vorteilhaften Situation ist, dass ihre Gegner sich gegenseitig durch anhaltenden Krieg untereinander schwächen. Die syrische Armee betrachtet die von der Türkei und anderen NATO-Staaten unterstützten bewaffneten Gruppierungen eben aufgrund der Unterstützung durch NATO-Staaten selbstverständlich als ihren gefährlichsten Feind, und so ist es leicht nachvollziehbar, dass die syrische Armee sich auf den Kampf gegen FSA und Co konzentriert, während die Stärkung von FSA und Co durch die Eleminierung von Feinden der FSA wie ISIS vorläufig nicht zu den Prioritäten bei der auch anderweitig reichlich ausgelasteten syrischen Armee gehört.

Diese Situation, die bedingt ist durch den Versuch der Türkei und ihrer Partner, die syrische Regierung zu stürzen, hat dazu geführt, dass ISIS im Osten Syriens in den letzten Monaten sehr stark geworden ist, wodurch nun die Eroberung von Mossul durch ISIS möglich wurde. Die auf den Regierungssturz in Syrien zielende Politik der Türkei zur Unterstützung in Syrien aktiver bewaffneter Gruppen ist die Hauptursache für das Erstarken von ISIS, zunächst in Syrien, und nun auch in Irak. Zunächst hat die Türkei ISIS, wenn sie sie nicht heimlich auch direkt unterstützt hat, zumindest durch die Unterstützung von mit ISIS kollaborierenden Gruppen und die Nicht-Einstufung von ISIS und anderen Al-Kaida-Gruppen als Terrororganisation stark gemacht, und dann hat die türksiche Regierung ISIS gegen die Türkei aufgebracht, indem sie von der Türkei unterstützte Gruppierungen ISIS mit dem Ziel der Vernichtung angreifen ließ. Der Angriff von ISIS auf türkische Interessen in Mossul ist insofern also geradewegs eine logische Folge der aggressiven türkischen Politik gegen Syrien. Dass die Türkei nun auch im Irak wenig Freunde hat, die ihr zuhilfe kommen, dürfte auch etwa mit der arroganten und geradezu kolonialen neo-osmanischen Politik der Türkei gegen Bagdad zu tun haben.

Der türkischen Regierung kann man anlässlich der ISIS-Attacke auf türkische Interessen in Mossul also nur sagen: selbst Schuld. Es bleibt nur zu hoffen, dass durch das von der Türkei in den Staaten südlich ihrer Grenzen, deren Souveränität die türkische Regierung in arroganter Weise missachtet, angerichtete Desaster hoffentlich nicht noch viel mehr Menschen ums Leben kommen, und dass die Bevölkerung von Mossul des ISIS-Regimes bald überdrüssig wird und so die Machtübernahme der irakischen Regierung in Mossul möglich macht. Und, obgleich diese Hoffnung in der Vergangenheit schon so oft vergeblich war, mag man auch hoffen, dass das türkische Regime nun endlich aus seinen aus Arroganz entstandenen desaströsen Fehlern lernt, und die Türkei zukünftig die Souveränität fremder Staaten sowie das Eigentum dieser Staaten an den dort unter der Erde liegenden Energieressourcen respektieren wird.

12 Gedanken zu “Eroberung von Mossul durch ISIS ein „direkter Angriff auf die Türkei“

  1. Sehr aufschlussreicher Artikel, vielen Dank für die Klarstellung.
    Hoffentlich sieht die Türkei wegen der Besetzung ihres Konsulats in Mussul, dies nicht als Anlass, offen militärisch im Nordirak einzuschreiten und dann ISIS direkt auch in Syrien zu bekämpfen und im Anschluss in eine militärische Konfrontation mit Syrien hineinzurutschen. Ich denke aus dieser Situation ließe sich ein Plot entwickeln, welcher der Nato ermöglich auch in Syrien offen Krieg zu führen, obwohl Syrien dafür nichts kann…
    Was ist von einer iranschen/amerikanischen Unterstützung der Maliki Regierung zu halten?

    1. Quirek

      Meiner Meinung nach ist keine ausländische Armee in der Lage, die Millionenstadt Mossul zu besetzen und so von ISIS zu „befreien.“ Die vermutlich stärkste Armee der Welt, die US-Armee hat das in den letzten Jahren ja probiert und nichts erreicht. Sie wurde aufgerieben von Guerillas. Einer türkischen oder iranischen Armee würde es genauso gehen.

      Was reguläre fremde Armeen in Mossul tun könnten, wären Luft- und Drohnenangriffe, Hit-and-Run-Einsätze von Kill- & Capture-Todesschwadronen wie JSOC, oder auch, wie die reguläre türkische Armee das gegen die PKK im Nordirak schon öfter gemacht hat, kurze, wenige Tage oder Wochen dauernde Invasionen, im Prinzip Strafoperationen, zur Vernichtung gegnerischer Stellungen und Strukturen durchzuführen. Das Alles könnten reguläre auslädische Armeen zwar tun, nur es würde an der Situation grundsätzlich nichts ändern, wäre also sinnlos, und würde eher den Zorn der Bevölkerung gegen die für solche Strafoperationen verantwortlichen Staaten anstacheln.

      Der einzige Weg, dern ich sehe, dass Mossul frei von ISIS wird, ist, dass die Bevölkerung von Mossul sich gegen ISIS wendet, und eigene Milizen zum Schutz von Mossul vor ISIS und anderen fremden Kräften aufstellt, die den Rückhalt der Bevölkerung haben, und die dann entweder allein, oder in Kooperation mit der irakischen Armee, für die SIcherheit von Mossul sorgen. Ähnliches gilt für die anderen, kleineren, von ISIS beherrschten Großstädte in Nordirak, wenn auch in abgeschwächter Form, eben weil diese Städte kleiner sind, und von außen kommende Militäroperationen dadurch eher erfolgreich sein können. Die Schwierigkeiten der US-Armee, die vergleichsweise kleinen Großstadt Falludja zu besetzen und zu halten, zeigen, dass ein militärischer Sieg selbst in kleinen Großstädten nahezu unmöglich sein kann, wenn die Bevölkerung sich gegen die Besatzung wehrt. Und so etwas kann nach hinten losgehen. Die Annahme liegt nicht fern, dass die US-Operationen gegen Falludja erst den geistigen Nährboden geschaffen haben, der die heutige Herrschaft von ISIS über Falludja und Mossul möglich macht.

      Da es also keine erfolgverprechenden militärischen Optionen gibt, ist auch eine potenzielle Kooperation von den USA und dem Iram diesbezüglich leeres Geschwätz. Iran hat auch gesagt, er werde mit den USA nicht über Irak verhandeln, sondern stattdessen, wenn die irakische Regierung Iran darum bittet, mit der irakischen Regierung im Anti-Terror-Kampf zusammenarbeiten. Dabei kann es natürlich sein, dass die irakische Regierung auch die USA mit an den gleichen Gesprächstisch einlädt. Der Anti-Terror-Kampf wird jedoch unzweifelhaft von der irakischen Regierung selbst geführt werden müssen. Die irakische Regirung bestimmt ganz allein, wen sie wie um Hilfe bittet.

      Iran kann Irak allerdings sicherlich beim Ausheben und Ausbilden von Milizen beraten, die gegen ISIS kämpfen werden, wenn die Bevölkerung die Nase voll von ISIS hat. Iran hat auf diesem entscheidenen militärischen Fachgebiet große Expertise.

      Erfolgversprechende Gespräche zwischen Iran und den USA zum Irak, auf Einladung der irkaischen Regierung versteht sich, kann es allerdings zu der Frage geben, welche politischen Bedingungen in der Region für den Anti-Terror-Kampf gegen ISIS vorteilhaft sind. Dabei könnte Iran den USA beispielsweise erklären, dass die Unterstützung von gegen die syrische Armee kämpfenden Milizen durch die USA und ihre Partner, Kapazitäten der syrischen Armee bindet, was wiederum Freiräume für ISIS in Syrien öffnet. Wenn die USA und ihre Partner, allen voran die Türkei, also einen positiven Beitrag zur Bekämpfung von ISIS im Irak leisten möchten, dann könnte der Beitrag etwa in der Form erfolgen, dass sie sämtliche Unterstützung für Regierungsgegner in Syrien einstellen, um so Kapazitäten der syrischen Armee für den Kampf gegen ISIS freizumachen. Ebenfalls könnten die USA dem Irak beim Kampf gegen ISIS sicherlich helfen, indem sie ihre schändliche Propaganda gegen den irakischen Regierungschef Maliki als angeblichen Unterdrücker von Sunniten, und die Versuche, einen schiitisch-sunnitischen Krieg durch die ständige Betonung religiöser Spannungen regelrecht herbeizureden, einstellt, und das auch ihren Propagandapartnern, von Erdogan bis König Abdullah, von der deutschen Tagesschau bis zu Al Arabiya, eindringlich deutlich macht.

      1. Alles klar. Es ist immer spannend deine Kommentare zu lesen, da ich, obwohl ich die NAchrichtenlage verfolge, diese nicht so gut einzuordnen verstehe wie du!

      2. Die Einnahme von Mossul war nur mit dem Rückhalt der lokalen Stämme vor Ort möglich. Die irakische Armee war unbeliebt und genoss keinen Rückhalt. Deshalb machte sich die IA (irakische Armee) auch aus dem Staub als der „weisse Ritter“ mit Bart und schwarzer Flagge (ISIS) in Mossul aufkreuzte.

        Die IA verfügte in Mossul über zwei Infaterie- Divisionen (ca. 30`000 Mann) und war somit eigentlich gut vertreten doch der Kampfwert ist gering. Deshalb auch die vielen gefangen genommenen Soldaten.

        Es muss auch ewähnt sein dass in der Wüste der Kampf sehr dynamisch geführt wird weil natürliche Hindernisse wie Berge, Seen, Sümpfe, Frost und Eis und so weiter fehlen. Da legt man schnell mal 100 Km bis 200 Km pro Tag zurück.

        Siehe Rommel in Afrika, 6- Tage Krieg 1967 oder Lybienkrieg 2011.

        Deshalb sehe ich die Erfolge der ISIS nicht so dramatisch. Das Blatt kann sich innerhalb kurzer Zeit wieder wenden und dann geht es sehr schnell wieder in die andere Richtung.

        Wichtiger wird sein wie die Regierung die Herzen der Leute vor Ort gewinnt.

  2. @ einparteibuch

    Ich vermochte zumal all die interessanten Details in dieser aufschlussreichen, sehr logisch geführten Aufstellung noch nicht zu überprüfen, habe aber durchaus das Gefühl, endlich deutlich mehr Durchblick zur Sache gewonnen zu haben, dieser nun wirklich mehr als nur verworrenen Sache.
    Daher mein herzlicher Dank für diesen Artikel.
    Heute las ich auf faz.net, dass die ISIS – eher etwas angstgeschwängert denn frech, so kam es rüber – den kurdischen Peschmerga, die ja nun Kirkuk wiederhaben und schon erklärt haben sollen, das Gebiet (Öl!) nie wieder herauszugeben, einen Nichtangriffspakt angeboten hätten.
    Das wunderte mich nun gar nicht.
    Es soll eine robuste, patriotische Truppe sein, gut ausgebildet, entschlossen, 190 000 Mann unter Waffen. Und, so wie es aussieht, man las nur wie immer hier nicht viel davon, haben die Peschmerga eben auch schon an die ISIS ausgeteilt und deren Kämpfern an verschiedenen Stellen klargemacht, wo Ende ist in der Hütte.
    Wenn Sie speziell dazu noch etwas ausführlicher werden könnten, den Perspektiven wegen Kirkuk, der Rolle der Kurden auch in Syrien, vielleicht gar Ihre Einschätzung der Haltung Israels zu dieser groben kriegerischen Wirrsal vor der eigenen Haustür darlegten, so wäre ich ihnen sehr verbunden.

    1. Magnus

      Die kurdische Autonomieregierung im nordirakischen Erbil wird unterstützt unter anderem von den USA, der Türkei und auch von Israel. Das ist in den Medien auch ganz deutlich zu lesen, etwa bei Tom Friedman, der regelmäßig die Meinung des US-Establishments verbreitet, und der reichlich israelfreundlich ist:

      http://www.nytimes.com/2014/06/15/opinion/sunday/thomas-friedman-5-principles-for-iraq.html

      Die USA, die Türkei und Israel sehen die kurdische Autonomieregierung alle als Vehikel, um sowohl die mit Iran eng zusammenarbeitende Regierung von Maliki als auch inderekt Iran zu schwächen. Die Türkei ist, wie es hier schon erwähnt wurde, durch gegenseitige wirtschaftliche Interessen eng mit der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak verbinden: die Kurden lassen die Türkei das dortige Öl ausbeuten und bekommen dafür waren aus der Türkei.

      Gegenwärtig sieht es so aus, als dass die kurdische Autonmieregierung aufgrund der Übernahme von Kirkuk durch ihre Peshmerga deutlich gestärkt wurde. Auch hat ISIS nicht etwa zum Sturm auf Kirkuk aufgerufen, sondern zieht Richtung Bagdad. Für die Türkei bedeutet die Machtübernahme der Peshmerga in Kirkuk die Stärkung türkischen EInflussess dort und damit so etwas wie eine Art kleinen wirtschaftlichen Ausgleich für die Verluste, die die Türkei in Mossul durch ISIS hinnehmen musste.

      Der ganze Tisch könnte sich aber drehen, wenn ISIS Kirkuk angreift. Das Öl von Kirkuk ist für ISIS natürlich sehr begehrenswert. Es könnte dauerhaft umfangreiche Kriegsoperationen und Maßnahmen zum Staatsaufbau von ISIS finanzieren. ISIS hat in Syrien auch imemr wieder bewiesen, dass ISIS trotz der ganzen wahhabistischen Ideologie ausgesprochen kommerziell denkt und handelt. Ein Angriff von ISIS auf die Peshmerga mit dem Ziel, das Öl der Region von Kirkuk – und möglicherweise sogar Erbil – unter Kontrolle zu bekommen, halte ich für durchaus denkbar. Mit der Kontrolle über Mossul hat ISIS eine geradezu ideale Ausgangsposition für solch einen Feldzug.

      Die Gretchenfrage ist, ob ISIS stark genug dafür ist. Ich weiß es nicht. Sowohl ISIS als auch die kurdischen Peshmerga sind starke nichtstaatliche bewaffnete Gruppen. Beide dürften in Kirkuk einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung haben, aber ebenso auch viele Gegner haben. Sollte ISIS die Ölfelder der Peshmerga angreifen, können die Peshmerga vermutlich nicht auf Hilfe aus Bagdad zählen, oder nur zu dem Preis, dass Bagdad anschließend die Kontrolle über die Ölfelder bekommt, was natürlich genau das ist, was die kurdische Autonomieregierung und ihre Peshmerga auf keinen Fall wollen. Andererseits: verlieren die Peshmerga ihr Öl an ISIS, dann hat sich der Traum vom eigenständigen Staat Kurdistan im Nordirak erstmal erledigt.

      In der Region Kirkuk könnte es also demnächst erbitterte Kämpfe um das Öl geben, und mit jeder Menge seltsam anmutender Deals der Konfliktparteien hinter den Kulissen ist auch zu rechnen. Es geht bei Kirkuk um so viel Macht, Geld und die zukünftige geopolitische Struktur der Region, dass plötzliche Seitenwechsel aller Art und die seltsamsten Konstellationen, die von der Ideologie her völlig undenkbar erscheinen, zum Ausbooten der jeweiligen Gegner denkbar werden. Meiner Meinung nach ist da noch viel im Fluss, und es ist gegenwärtig schwer vorhersehbar, wer da zukünftig mit wem einen Deal hinter den Kulissen zum Ausbooten von Wem abschließen wird, und wer künftig ganz überraschend in Feindschaft geraten wird.

      Das Thema Kirkuk und Kurdische Autonomiegebiete im Nordirak sollte also genau im Auge behalten werden.

      1. Ich bin wiederum beeindruckt und dankbar für die Fülle wie die ebenso klare wie skeptische erweiterte Darlegung und Antwort, gerade dahingehend, dass es dort – volkstümlich ausgedrückt – noch auf die irrsten Dinge hinauslaufen mag. Das ist ein einziger Hexenkessel, Brauausgang unbekannt.
        Herzlichen Dank für die umfässliche Antwort und beste Wünsche.

  3. Und, tut mir leid, dass ich das in der Halbviertelsweltmeisterschaftsnacht gerade vergaß: Ich bin auch beeindruckt von Deiner Geschwindigkeit. Meine Hochachtung dafür vergaß ich gerade fahrlässigerweise noch auszudrücken.

  4. Die Erdogan nahestehende Daily Sabah hat gerade einen Artikel zum kurdisch-irakischen Öl und Kirkuk veröffentlicht, in dem die Meinungen ziemlich ähnlich sind wie sie hier im Parteibuch geäußert wurde. Im Moment scheint es so zu sein, dass die kurdische Autonomieregierung mehr Kontrolle über mehr Öl hat und gegenüber Bagdad gestärkt ist, aber sie könnte sich dabei leicht übernehmen und verzocken, und dann könnte die Reise für die nordirakischen Kurden aufgrund eines Rückschlagseffektes unter sunnitischen Arabern in Kirkuk leicht in die gegenteilige Richtung gehen.

    http://www.dailysabah.com/energy/2014/06/17/iraqs-isis-crisis-might-lead-to-a-kurdish-oil-boom

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