Großer Volksaufstand gegen Putsch in Ägypten bleibt vorerst aus

Die wesentliche Nachricht vom heutigen Freitag, dem ersten nach dem Putsch am Mittwoch, aus Ägypten ist, was nicht passiert ist: es hat nach den heutigen Freitagsgebeten in Ägypten keine staatserschütternden Massenprotste gegeben. Es hat einige Demonstrationen mit Tausenden oder Zehntausenden Teilnehmern gegeben, aber der große Knall blieb aus.

Bei einigen Demonstrationen, zu denen die ägyptische Moslimbruderschaft und das türkische AKP-Regime aufgrufen hatten, ist es zu zum Teil tödlicher Gewalt gekommen, seitens der Sicherheitskräfte gegen Anhänger von Morsi, zwischen Morsi-Anhängern und Morsi-Gegnern und von Morsi-Anhängern gegen Sicherheitskräfte. Es hat einige Todesfälle, insbesondere unter Anhängern von Morsi, gegeben, aber insgesamt ist die Lage trotzdem deutlich ruhiger als bei den Massenprotsten der vergangenen Woche gegen Morsi. Man mag über die Ursachen unterschiedlicher Meinung sein, aber in der Konsequenz bedeutet das eindeutig, dass die Muslimbruderschaft gegenwärtig ihre Mobilisierungsfähigkeit verloren hat, die sie 2012 an die Macht beförderte. Der Putsch des Militärs gegen die demokratisch legitimierte Präsidentschaft der Moslimbruderschaft wird von der ägyptischen Bevölkerung, wenn er auch nicht überall begrüßt wird, so doch weitgehend akzeptiert.

Der Moment birgt die Versuchung, anzunehmen, dass die Muslimbruderschaft und die sunnitischen islamischen Bewegungen in Ägypten und in der Region ein für allemal auf Zwergengröße zurechtgestutzt sind. Der katarische Schutzherr der Muslimbruderschaft wurde ebenso entmachtet wie Mursi, Al Jazeera hat seine Glaubwürdigkeit verloren, das türkische AKP-Regime ist ebenso angeschlagen wie die palästinensische Hamas und das Regime der Moslimbruderschaft über Tunesien es sind und im Libanon sind die Takfiristen-Organisationen nach dem völlig fehlgschlagenen „Großangriff“ von Ahmed al-Assir und seinen Jüngern auf den libanesischen Staat total diskreditiert.

Angesichts dessen, dass diese Bewegungen beim massenmörderischen Terrorkrieg gegen Syrien und Andersgläubige an der Spitze stehen, ist die Versuchung verlockend, diese islamischen Bewegungen erleichtert für erledigt zu halten. Das könnte doch eine Fehlinterpretation der Geschichte sein. Religiöse Überzeugungen von Menschen sind äußerst langlebig. Die Situation könnte sich in ein bis zwei Jahren, etwa bis zur nächsten Wahl in Ägypten, falls denn das ägyptische Militär dann überhaupt eine Wahl abhalten lässt, gründlich geändert haben. Der Grund dafür ist, dass die säkularen Kräfte, die das ägyptische Militär nun mit der Staatsführung beauftragen wird, vor einem gigantischen Wirtschaftsproblem stehen.

Ägypten ist praktisch pleite, hat riesige Haushaltsdefizite, hat eine praktisch stagnierende Wirtschaft, zahlt hohe Beträge für Verschwendung beflügelnde Energiesubventionen, hat und ein schnelles Bevölkerungswachstum und ziemlich wenig Wasser für viele Menschen, das obendrein ungerecht verteilt wird und von dem ebenfalls viel verschwendet wird. Die Muslimbruderschaft hatte diese Probleme vom Mubarak-Regime geerbt, war aber aufgrund seiner Einmauerung durch Justiz und Militär politisch zu schwach, um die schmerzhaften Reformen anzugehen, die nötig sind, um daran etwas ändern zu können. Und so hat die Muslimbruderschaft mit einem Notkredit nach dem anderen aus mit der Bruderschaft befreundeten Staaten Löcher notdürftig und temporär gestopft und den Staat damit Monat für Monat gerade so eben einigermaßen am Laufen gehalten.

Es sieht so aus, dass das temporäre Stopfen der ägytischen Finanzlöcher mit Freundschaftskrediten nicht mehr lange möglich ist. Wer auch immer nun die Regierung übernimmt, wird schon sehr bald für die Bevölkerung sehr schmerzhafte Reformen wie unter anderem die Abschaffung von Energiesubventionen durchführen müssen, oder er wird einen Staatsbankrott erleiden, der für die Bevölkerung durch unkontrollierte Preissteigerungen etwa für subventionierte Grundnahrungsmittel erst recht schmerzhaft werden würde. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass erzwungene Kürzungen begleitet von einer unvermeidlichen Abwertung der Währung schon bald zu einer Rezession führen werden, die der nun von den Putschisten eingesetzten säkularen Regierung wie ein Mühlstein am Hals hängen wird, während positive Auswirkungen der Reformen erst in Jahren spürbar werden.

Gibt es in einer solchen Situation wie gegenwärtig geplant etwa in eineinhalb Jahren in Ägypten Wahlen, so ist nicht auszuschließen, dass die islamische Bewegung diese erneut gewinnt, insbesondere dann, wenn sie glaubhaft machen kann, dass sie ihre schlimmsten Fehler wie die Verfolgung Andersgläubiger und -denkender und eine aggressive Außenpolitik gegen arabische und afrikanische Nachbarstaaten bei gleichzeitiger Anbiederung an die USA und Israel nicht wiederholen wird.

8 Gedanken zu “Großer Volksaufstand gegen Putsch in Ägypten bleibt vorerst aus

  1. Auch das viele Geld aus fremden Ländern, insbesondere Katar, hat nichts geholfen. Die Menschen wollen diese Form der Staatsführung nicht. Es ist ein Schritt nach vorn.

  2. Die Moslembruderschaft ist voll diskreditiert nicht wegen den internen Themen, sondern weil sie sich als eine billige Prostituierte Qatars und der USA gezeigt haben. Der Auftritt mit dem qatarischen Hassprediger hat ihm meiner Meinung nach das Genick gebrochen.

    Ich hoffe dass das Volk doch etwas mehr erreichen wird als alle annehmen, ich glaube die werden irgendwann alle drei Parteien zum Teufel jagen. Also die Bruderschaft (Qatar), die alte Mubarak Clique (Saudis/UAE) und Baradei und co. (USA/UK). Wobei die letzteren eh die anderen zwei auch an der Macht halten, aber der „interne“ Machtkampf von der Halbinsel ist nicht zu ignorieren.

    Vorhin kam eine Saudi Prinzessin auf RT im Interview, die hat es erstaunlich kritisch und offen erzählt, kann ich empfehlen – rotiert gerade.

  3. Religionserfindung, sind doch eben nur Phantasien, welche ihre Gläubiger dazu aufhetzen, andere Menschen zu berauben.
    Religion ist Parasitentum!

    1. deine religionshetze kannst du ruhig bei dir behalten, schoen das du alle menschen in einen topf wirfst und ihre religion dazu noch beleidigst.vllt ist atheismus ein parasitentum… krass wie manch menschen sind

      1. L. Feuerbach behauptete sogar einen religiösen Atheismus und meinte, der Mensch müsse die Projizierungen auf einen Gott zurücknehmen, weil das Göttliche das eigentlich Menschliche sei bzw. sich von der Entfremdung befreien.

        Der Atheismus als eine Anklage und Kritik hat seine volle Berechtigung gegen eine dogmatische und machtorientierte Religion mit all ihren Grausamkeiten im Verbund. Sobald jedoch der Atheismus sich selber machtorientiert generiert, verliert er nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern wird ebenso falsch und grausam.

        Es geht also immer darum, von welchem Gott die Menschen reden, welchen Gott der Atheismus verwirft. So bieten z.B. die Quellen des Christentums letztlich sehr wohl die Möglichkeit eines Aufeinanderzugehens (schöpferische Toleranz) von Atheisten und Gläubigen: wenn die Menschen jeweils auf einen echten und geläuterten Humanismus reflektieren würden.

  4. Die Ägypter sind nicht zu beneiden. Möge das Land eines Tages wieder zur Ruhe kommen – auch, wenn dies vermutlich noch lange dauert und sicher stark von der Entwicklung der gesamten (Mid-East-) Region abhängen wird. Leider haben zu viele „Fremdkörper“ Interessen da unten – und eben besonders in Ägypten, als wohl mächtigstem Staat Nordafrikas. Man darf auch gespannt sein, wie die Grenzsicherung am Sinai funktionieren wird, wenn die betrogenen Muslimbrüder (und vor allem die extremeren Islamisten) ihrem (durchaus berechtigten – oder wenigstens verständlichen) Zorn Luft machen …

    Zur Diskussion Theismus/Religion vs. Atheismus:
    Menschen tendieren dazu, sich genötigt zu fühlen, sich strikt entweder FÜR oder GEGEN Religion zu entscheiden. Dass sowohl unter selbsternannten Atheisten, als auch unter selbsternannten Gläubigen leicht fanatische Weltanschauungen erwachsen, deutet vielleicht darauf hin, dass jedes Extrem Gefahren birgt.
    Wo Dogma als völlig unhinterfragbar propagiert wird, ist in aller Regel egomanische Machtgier im Spiel – oder schlicht Aberglaube.
    Aber: mMn gibt es einen Unterschied zwischen Aberglaube und „Dennoch-Glaube“; Aberglaube ist demnach jede Überzeugung, dass es unumstößliche Wenn-Dann-Beziehungen gibt zwischen Handlungen/Gedanken/Worten und den (vermeintlichen) Effekten dieser Handlungen/Gedanken/Worte. Dennoch-Glaube hingegen versteht jede derartige Wenn-Dann-Beziehung als „bloße“ Konvention, die durchaus ihren Wert haben kann, wenn man sich ihrer Modifizierbarkeit bewusst bleibt. Auf diese Weise lässt sich (fast) alles „Religiöse“/“Spirituelle“ als psychischen Mechanismus erklären – ohne es durch diese „Verwissenschaftlichung“ abzuwerten, wohlgemerkt. Man unterschätze schlicht niemals die Macht des Symbolischen (dessen höchste Potenz vielleicht im (religiösen, oft „althergebrachten“) Ritual liegt)!
    Jedem militanten (Mono-)Theisten und genauso jedem militanten Atheisten empfehle ich gern einen Dialog von Schopenhauer (Paralipomena; § 174): http://home.rhein-zeitung.de/~ahipler/kritik/religio1.htm
    … Schopenhauer sah sich ja selbst eindeutig als „Atheisten“ – aber im Gegensatz zu heutigen Atheisten wandte er sich im Grunde „nur“ gegen konfessionalisierte Religion, wenn diese zu Machtzwecken missbraucht wird; individuelle Spiritualität, bzw. ein persönliches metaphysisches Weltbild propagierte er dagegen sehr ambitioniert.

  5. Hallo,

    Also es war ein Putsch angestachelt von dem städtischen Mittelstand und der Jugend und ausgeführt von dem Milietär.
    Die Mehrheit der Bevölkerung war das aber nicht.
    2/3 der dortigen Bevölkerung lebt auf dem Lande und nicht in den Städten und diese ist mehrheitlich für die Moslembrüder bisher gewesen.
    Der dortige Mittelstand verarmt da die Tuoristen, die Einnahmequelle schlechthin sogut wie nicht mehr vorhanden ist ob das durch die Dummheit der Muslimbrüder oder durch die alten Machthaber vorciert wurde sei mal dahingestellt. Jedenfalls hatte das weitreichende Folgen.
    Und was haben nun die sogenannten Stadtrevoluzer erreicht ?
    Nichts, nada !!
    Die alten Machthaber und Profteure unter Mubarak sind immer noch und wieder da und auf ihren Posten samt Milietär. All jene Richter, Polizisten und Milietär’s die Sie ( Demonstranten ) eingekerten, folterten und auch töteten ( während und nach Mubarak ) sind immer noch in Lohn und Brot.
    Wenn man eine solche Herrschaft loswerden will braucht man auch die Macht dazu diese alte Herrschaft loszuwerden.
    Beides wurde Mursi verweigert samt Unterstützung der ehemaligen und jetzigen Demonstranten.
    Dazu kommen nahtürlich die Fehler und die törichten Dummheiten sowie die Unerfahrenheit der Moslembrüder und Mursi selbst aber das war auch zu erwarten.
    Was sollte also daraus werden als der jetzige Zustand ?
    Sie können nur hoffen das der IST Zustand wie unter Mubarak ( Wirtschaftlich ) sich einstellt.
    Was ist aber wenn die Moslembrüder wieder als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgeht ?
    Will man sie dann verbieten ? Obwohl ich glaube das es diese Bestrebungen jetzt schon gibt.

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