Der menschliche Faktor

In der westlichen Wertegemeinschaft wurde das revolutionäre Ideal einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekanntlich nahezu bestmöglich realisiert. Wohltemperierte Propaganda lässt den mündigen Bürgern in wesentlichen Fragen wie der Gestaltung von Bahnhöfen und der steuerlichen Gleichstellung der Homosexuellenehe die Freude der Wahl, während in nebensächlichen Fragen wie Marktwirtschaft und NATO-Bündnis eine mediale Gleichschaltung unangenehme Überraschungen weitgehend verhindert.

Die auf die massenpsychologischen Erkenntnisse von Edward Bernays zurückgehende sanfte Steuerung der schönen demokratischen Welt funktioniert im Großen und Ganzen sehr zuverlässig, auch wenn in formaldemokratischen Staatsformen der menschliche Faktor auf Wählerseite natürlich durch die Machthaber nie gänzlich auszuschließen ist. Massenpsychologische Phänomene wie Unzufriedenheit und Stimmungsumschwünge lassen sich allerdings mit einer Kombination aus Meinungsumfragen und theoretischen Überlegungen in der Regel frühzeitig diagnostizieren, sodass rechtzeitig sanfte, aber wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen werden können. Robustere Maßnahmen wie Gladio oder eine direkte Machtübernahme durch Militärs müssen die Machthaber in der westlichen Wertegemeinschaft deshalb nur vergleichsweise spärlich einsetzen, um die Wähler dazu zu bringen, ihr Kreuz an einer der richtigen Stellen zu machen. Und so machen die Wähler regelmäßig in Massen brav ihr Kreuz bei den Politikern der etwa zwei bis fünf wählbaren Parteien und verleihen auserwählten Vertrauenspersonen der Machthaber der westlichen Wertegemeinschaft damit Legitimität.

Für mehr Unannehmlichkeiten sorgt der menschliche Faktor hingegen bei den auserwählten Vertrauenspersonen der Machthaber. Wer hätte schon ahnen können, dass ein vertrauenswürdiger General wie Gert Bastian urplötzlich zum Friedensaktivisten werden würde? Und wer hätte schon ahnen können, dass CIA-Boss Bill Colby im Alter einmal unter Redseligkeit leiden würde? Und wer hätte erst ahnen können, dass Aldo Moro, ein Politiker der christdemokratischen Mafia-Partei, sich auf einmal mir nichts dir nichts daran machen würde, die Kommunisten in die Regierung zu holen? Das hätte dazu führen können, dass Kommunisten wesentliche Geheimnisse der Machthaber der westlichen Wertegemeinschaft in die Hände gefallen wären. Dass der menschliche Faktor da den Machthabern einen größeren Schaden verursachte, konnte erst in letzter Minute gerade soeben noch verhindert werden. Die in solchen Notfällen reihenweise vorkommenden robusten Ereignisse wie tödliche Badeunfälle, tödliche Erkrankungen in jungen Jahren, Patsy-Morde und Suizide mit teilweise gleich zwei Kopfschüssen untergraben jedoch trotz der vorzüglichen Mediengleichschaltung das Vertrauen in die schöne neue Welt der sanften Steuerung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der westlichen Wertegemeinschaft.

Sanfte Maßnahmen werden dementsprechend ergriffen, damit durch den menschlichen Faktor von Vertrauenspersonen losgetretene demokratische Unfälle möglichst schon im Vorfeld erkannt werden, sodass rechtzeitig ebenso sanfte wie wirkungsvolle Gegenmaßnahmen ergriffen werden können. Ebenso wie es in der Bundesrepublik Deutschland eine umfangreiche Postkontrolle gab, die insbesondere den Postverkehr mit der DDR unter die Lupe nahm, um rechtzeitig Tendenzen des Glaubensabfalls vom Ideal der freiheitlich-demokratischen Grundordnung diagnostizieren und wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen zu können, so schneiden die Machthaber der westlichen Wertegemeinschaft selbstverständlich die Kommunikation von Vertrauenspersonen mit, um festzustellen, ob die Vertrauenspersonen auch wirklich vertrauenswürdig sind. So ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Machthaber im NATO-Hauptquartier in Brüssel beispielsweise die Kommunikation im Gebäude der Minister der EU-Staaten mitschneiden, um den menschlichen Faktor möglichst frühzeitig erkennen zu können.

Das dient nicht nur der Verhütung von demokratischen Unfällen, sondern letztlich auch ihrem eigenen Schutz. Wie schon der Fall Aldo Moro zeigt, sind insbesondere Vertrauenspersonen, die sich regelmäßig demokratischen Wahlen stellen müssen, eine Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung der westlichen Wertegemeinschaft. Aldo Moro ist beileibe kein Einzelfall. Man denke da zum Beispiel nur an den Fall Schröder. Zuverlässig sah er aus, der Genosse der Bosse. Wie geplant hat er für die Machthaber das nach dem gewonnenen Krieg gegen den Kommunismus überflüssig gewordene deutsche Sozialsystem abgebaut und die Deutschland AG zur Vorbereitung des Ausverkaufes entflochten. Und dann macht er auf einmal beim Angriffskrieg gegen Saddam Hussein nicht mit, und schlimmer noch, er plauderte die Pläne aus. Und das, nur um eine Wahl zu gewinnen, obwohl die Machthaber in Washington, London und Tel Aviv den Beschluss zum Angriffskrieg gegen Irak auf Basis von Vertraulichkeit gefasst hatten. Fast drei Jahre hat es gedauert, bis die Medienmaschine Schröder für diesen demokratischen Unfall sturmreif geschossen hatte. Und zu allem Überfluss kam danach Merkel, die die von den Machthabern beschlossenen Angriffskriege gegen Libyen und Syrien ablehnt und Schröders Gasverträge mit Russland erfüllt. Wie sollen auf so einer Grundlage Demokratie und Freiheit gedeihen?

Hätte es schon zu Zeiten Schröders so umfangreiche Überwachungsprogramme wie heute gegeben, so wären Schröders Tendenzen vielleicht rechtzeitig aufgefallen. Hatte er nicht schon immer eine leichte Abneigung gegen die Freunde freiheitlichen Lebens in Saudi Arabien und Katar, und gleichzeitig Sympathien für die russische Stamokap-Theorie? Und auch der Unfall Merkel hätte mit besserer Überwachung vielleicht verhindert werden können. War Merkel nicht mal eine Kommunistin in der FDJ? Mit etwas mehr Überwachung hätte vielleicht ihre Abneigung gegen Angriffskriege rechtzeitig entdeckt werden können, sodass die Machthaber sich nach Schröders Wahlsieg nicht von ihrer Bush-Soli-Tour nach Washington hätten blenden lassen. Und nun sitzen Wall Street und die City of London da und wissen nicht, wie sie Merkel je wieder loswerden können.

Um solche demokratischen Unfälle nach Möglichkeit verhindern zu können, wird in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung selbstverständlich jegliche Kommunikation mitgeschnitten, und natürlich insbesondere die des Führungspersonals. In Ladengeschäften lassen die Eigentümer ja schließlich auch nicht nur ihre Kunden mit Kameras überwachen, sondern auch ihre Angestellten, weil sie wissen, dass Vertrauen gut ist, Kontrolle aber besser. Was Edward Snowden mit seinen Folien aufgedeckt hat, ist also nur eine Selbstverständlichkeit, über die jeder, der nicht ganz weltfremd ist, schon ewig im Großen und Ganzen Bescheid weiß. Maßnahmen wie Prism und Tempora gehören zur Freiheitspolitik in der westlichen Wertegemeinschaft genauso wie die massenmörderischen Angriffskriege gegen Jugoslawien, Irak, Libyen und Syrien zur Friedenspolitik der westlichen Wertegemeinschaft gehören. Neu ist bloß, dass durch Bradley Manning und Edward Snowden die völlig ignoranten Kreuzchenmacher grundlegende Fakten dazu auf dem Tisch haben und sie nicht mehr plausibel leugnen können, dass Russland und China im Vergleich mit dem Westen Horte von Freiheit und Frieden sind. Die sich daraus ergebende kognitive Dissonanz stört die Ordnung der freiheitlich-demokratischen Wertegemeinschaft. Um potentielle Nachahmer abzuschrecken, es ihnen gleichzutun, wollen die Machthaber sie hängen sehen. Sie hoffen damit den menschlichen Faktor im ansonsten nahezu perfekten System der westlichen Wertegemeinschaft weiter ausmerzen zu können.

7 Gedanken zu “Der menschliche Faktor

  1. @g_h
    Danke für den Link. Ich hätte so ein Bericht von Herren Todenhöfer nicht erwartet. Der Ard Zdf Korrespondent Kamm mir immer unsympathisch (in den Interviews) vor. Scheint sich gebessert zu haben.

  2. Und wenn die Welt nur noch aus Lügen besteht, dann wird die Wahrheit das Einzige sein, was niemand mehr glaubt.

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