Märchenschau berichtet vom Grenzübergang Bab Al-Hawa in Syrien

Die staatliche deutsche Märchenschau berichtete gestern Abend in einer sehenswerten Satire-Sendung vom syrisch-türkischen Grenzübergang Bab Al-Hawa.

Bekanntlich beherrschen Reuters zufolge den Grenzübergang Bab Al-Hawa die als Farouk-Brigaden sowie die als Falken-Brigaden bekannten bewaffneten Banden.

Die Farouk-Brigaden haben in Syrien, wie der Spiegel letztes Jahr im Artikel „Der Henker von Bab Amr“ berichtete, unter anderem dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass sie Hunderten von Menschen, die sie nicht leiden konnten, Anhängern wie Gegnern der syrischen Staatsführung, den Hals durchschneiden ließen. Thaer al-Waqqas, Anführer der für Bab Al-Hawa zuständigen nördlichen Einheiten der Farouk-Brigaden, wurde vor ein paar Tagen erschossen, vermutlich von Mitgliedern der mit seiner Bande konkurrierenden bewaffneten Bande Nusra-Front, weil er vor einigen Monaten, Firas al-Absi, einen Anführer eben jener Bande ermordet hatte.

Die Falken-Brigaden, oder auf arabisch Suqour al-Sham, werden hingegen von einem Mann namens Ahmed Abu Issa geführt. Von diesem Bandenführer und seiner Bande wurde im letzten Jahr unter Andernem öffentlich bekannt, dass er von seiner Bande entführte Personen nicht nur foltern lässt, sondern sie auch dafür benutzt, unwissentlich Selbstmord-Bombenanschläge zu begehen. Im Zollhaus des Grenzüberganges Bab Al-Hawa, also in unmittelbarer Nähe zur Türkei, so dass die Bandenmitglieder schnell in die Türkei flüchten können, wenn die syrische Armee kommt, um sie zu verhaften, haben die Farouk-Bande und die Falken-Bande, seit sie den Grenzübergang von der Türkei aus kommend und mit tatkräftiger Mithilfe türkischer Kräfte gestürmt haben, ein Taliban-Gericht eingerichtet.

In ihrer gestrigen Sendung hat die Tagesschau eine Reportage aus eben jenem Taliban-Gericht im Zollhaus Bab Al-Hawa gesendet. In höchsten Tönen preist die Tagesschau das Taliban-Gericht der Mörderbanden an, in dem einer der Handlanger der Farouk- und Falken-Banden, ein studierter Theologe mit Namen oder Pseudonym Abdurrahman, im Namen des Koran Urteile fällt. Das Gericht verfüge auch über „eine bewaffnete Spezialtruppe“, um Strafen auch durchzusetzen, lobt die Tagesschau das Taliban-Gericht der Mörderbanden. Passend dazu präsentiert die Märchenschau dann auch noch einen „Polizisten“ Ahmad Latuff in einer alten „Uniform“ und weitere Taliban-Polizisten in zivil, die Einwohnern der wenige Kilometer entfernt vom Grenzübergang liegenden Kleinstadt Ad-Dana in Fällen von „Preiswucher“ mit „Geldstrafen“ oder einer Verschleppung zum „Scharia-Gericht“ am Grenzübergang zur Türkei drohen. Es wirkt beinahe so, als ob Preiswucher das drängende Kriminalitätsproblem in der Hochburg der von NATO-Staaten wie der Türkei und Deutschland sowie Saudi Arabien und Katar unterstützten Al-Kaida- und Taliban-Banden wäre. Bei all der strengen Rechtsstaatlichkeit der Türkei und des Taliban-Gerichtes im Grenzübergang Bab Al-Hawa wundert sich die Märchenschau bei einem Blick auf die Parkplätze der Kleinstadt nur ein ganz klein wenig, dass täglich „ganze Konvois von gestohlenen Luxuskarossen über die türkisch-syrische Grenze“ rollen, die über Osteuropa dorthin gekommen sind, und die Autoschieber mit dem Taliban-Gericht der Banditen gut auskommen. Tiefer als bis nach Ad-Dana direkt hinter der Grenze scheint sich die Märchenchau nicht nach Syrien hineingetraut zu haben, möglicherweise um nicht zu riskieren, von Gansterbanden zum Zweck der Lösegeldforderung – oder des Eintreibens einer „Geldstrafe“ des „Taliban-Gerichtes“ – entführt oder von der syrischen Polizei wegen Kollaboration mit Terroristen verhaftet zu werden.

Das Video der Tagesschau ist wirklich sehenswert. Das Einzige, was auf unerfahrende Zuschauer etwas verstörend wirken könnte, ist, dass die Märchenschau ihre Satire in einem seriösen Tonfall darbietet und auch vergessen hat, ihre Videoreportage vom Grenzübergang Bab Al-Hawa, wo sich die leuchtende Herrschaft der Kräfte der westlichen Wertegemeinschaft über Syrien nun in einem Taliban-Gericht manifestiert, deutlich als Satire zu kennnzeichnen.

PS: Urs1798wies gerade per Kommentar daauf hin, dass „Richter“ Abdurrahman, der, wie im Tagesschau-Artikel gezeigt, Urteile über FSA-Kommandeure fällt, bis vor kurzem noch als Sprecher der „Syrian Islamic Front“ mit Pseudonym „Abu Yusuf Abdurrahman Al-Suri“ (Vater von Josef Abdulrahman der Syrer) aufgetreten ist. Hier ist ein Interview mit „Abu Yusuf Abdurrahman Al-Suri“:

مقابلة لعلاء الدين اليوسف مع أبو عبد الرحمن السوري

Hier ist ein Wikipedia-Artikel zur „Syrian Islamic Front“:

http://en.wikipedia.org/wiki/Syrian_Islamic_Front

Demzufolge gehört die „Syrian Islamic Front“ nicht zur FSA, sondern verstehen als ein Dachverband von wahhabitischen Jihadisten, die anders als von der Märchenschau dargestellt gerade nicht zur FSA gehören.

Die Hasbaristen von MEMRI haben einen Teil der von Sprecher „Abu ‚Abd Al-Rahman Al-Suri“, wie er sich da nannte, per Video verlesenen Erklärung zur Gründung der Islamischen Front Syriens auf englisch übersetzt:

http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/6893.htm

Diese Gruppierung versteht sich als Dachverband wahhabitischer Jihadisten, die nicht zur FSA gehören, und keine weltliche Regierung für Syrien wollen, sondern ein islamisches Emirat wie die Taliban in Afghanistan eines hatten wollen. Der von MEMRI übersetzten Erklärung zufolge gehören zur Islamic Front (in Englisch): „the Ahrar Al-Sham Brigades in all the Syrian provinces; the Al-Haqq Brigade in Homs; the Islamic Al-Fajr movement in the Aleppo province; Jama’at Al-Tali’a Al-Islamiyya in the rural areas of Idlib [province]; the Ansar Al-Sham Brigades in the Latakiya province; the Mus’ab bin ‚Umayr Brigade in the rural areas of Aleppo [province]; Jaysh Al-Tawhid in Deir Al-Zor; the Suqour Al-Islam Brigade; the Al-Iman Fighting Brigades; the Special Operations Brigades; and the Hamza bin ‚Abd Al-Mutalib Brigade in the Damascus province.“

Nachtrag 2014: Inzwischen wurden der Propaganda-Artikel und das dazugehörige Video von der Märchenschau turnusmäßig depubliziert. Bei Archive.org findet sich eine Kopie des Artikels. Das darin einbettetete Video findet sich im Archiv der Tagesthemen: Sendung vom 16.01.2013 ab Minute 19:17 oder über „Etwas verpasst.“