Ein moralischer Kompass aus China für die internationale Ordnung

Die unter der Schirmherrschaft der Kommunistischen Partei Chinas erscheinende Global Times, eine der führenden englischsprachigen Zeitungen Chinas, veröffentlichte am gestrigen Montag einen Artikel von Liu Qingling von der renommierten Tsinghua Universität in Peking, der den Titel trägt: Die internationale Ordnung kann einen chinesischen moralischen Kompass bekommen.

Liu Qingling schreibt da, ein angesehener Wissenschaftler der Tsinghua Universität habe kürzlich kürzlich ein Wertesystem vorgeschlagen, dass auf den traditionellen chinesischen Klassikern Höflichkeit, Wohlwollen und Rechtschaffenheit basiert, und dazu angemerkt, dass diese Werte die auf den Säulen Freiheit, Gleichheit und Demokratie stehende westliche Kultur in den Schatten stellen. Eine auf diesen drei klassischen Werten basierende Kultur passe nicht nur zu China, sondern könnte auch für mehr Länder der internationalen Gemeinschaft akzeptabel sein. Tatsächlich könnte die chinesische Außenpolitik der friedlichen Koexistenz und des gegenseitigen Vorteils aus einem eben solchen kulturellen Ideal abgeleitet sein. China sollte mehr Maßnahmen ergreifen, um solche Werte, die Quelle von Glück und Identität der chinesischen Bevölkerung seien, im eigenen Land zu pflegen, und China sollte solche Werte auch international vorantreiben. Das sei zwar ein langer Weg und es mag jahrzehntelange Bemühungen erfordern, sei aber der Mühe wert. China sollte nicht vergessen, seinen wertvollen kulturellen Reichtümer mit der internationalen Gemeinschaft zu teilen, solle mehr als materiellen Reichtum zur Menschheit beitragen, möge mit einer von der Welt akzeptierten fortschrittlichen Kultur einen größeren Beitrag zu einer freundlicheren, gerechteren und wohlwollenderen internationalen Ordnung leisten, meint Liu Qingling.

Die chinesischen Gedanken, die die Global Times da veröffentlicht hat, sollten von den Menschen der Welt begrüßt werden.

Die seit Jahrhunderten von der nicht besonders schönen abendländischen Kultur dominierte Welt benötigt dringend einen neuen moralischen Kompass. Wie im Parteibuch vor mehr als einem Jahr ausgeführt wurde, ist die Kultur der westlichen Welt, die auf den Werten Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Marktwirtschaft, Kapitalismus, Individualismus und Demokratie basierende sogenannte westliche Wertegemeinschaft, für jederman offensichtlich bankrott:

All die feine Propaganda von der angeblichen Demokratie in der westlichen Welt unter Führung der USA hilft der kapitalistischen Ersatzkirche nun nicht mehr, denn wie auch immer das politische System der westlichen Wertegemeinschaft bezeichnet wird, es steckt in einer tiefen kulturellen Krise, nämlich der Krise, dass der die Hohepriester der kapitalistischen Kirche durch ihre ebenso massenmörderischen wie sinnlosen Angriffskriege – Somalia, Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Jemen, Elfenbeinküste, Libyen, Syrien, Iran und so weiter und so fort – soviel Kapital verbrannt haben, dass sie nun schon das kommunistische China um immer neue Kredite zur Finanzierung ihrer aus nackter Gier und pseudoreligiösem Zwang bis zum letzten Schuldschein geführten Angriffskriege anbetteln müssen.

Die Kultur der westlichen Welt scheint von innen heraus auch nicht mehr zu einer substanziellen Erneuerung ihrer selbst fähig zu sein.

So haben regimenahe Vordenker der USA, der ökonomischen und militärichen Führungsmacht der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft, zwar richtig erkannt, dass China einen enormen Machtzuwachs gegenüber der westlichen Welt zu verzeichnen hat und die westliche Weltordnung damit in wenigen Jahren zusammenbrechen könnte. Anstatt jedoch zu überlegen, was mit dem Wertesystem der Kultur der westlichen Welt nicht stimmt, und daraus Konsequenzen zu ziehen, beabsichtigen die Vordenker der westlichen Welt, ihr Wertesystem und die darauf basierende Weltordnung der US-Weltherrschaft gegen einen Aufstieg Chinas dadurch zu verteidigen, dass sie andere Staaten mit einer neokolonialen Einmischungspolitik gegen China aufzuhetzen trachten. Das läuft darauf hinaus, dass sie ihre Systemkrise nicht etwa durch eine Erneuerung der Kultur der westlichen Welt überwinden wollen, sondern sie dadurch zu bekämpfen trachten, dass sie fremden Staaten noch mehr ihrer aggressiven, intriganten und ungerechten Machtpolitik aufzwingen wollen, die ihr System der westlichen Wertegemeinschaft in die Krise geführt hat. China bewegt sich hingegen, wie der Artikel in der Global Times zeigt, in die Richtung, der auf Sekundärtugenden beruhenden westlichen Kultur von kapitalistischer Freiheit, formeller Demokratie und theoretischer Gleichheit eine auf Primärtugenden basierende Kultur für die internationale Ordnung entgegenzusetzen.

Es ist dabei nicht so, dass die historischen Vordenker der westlichen Kultur diese Primärtugenden nicht gekannt und geschätzt hätten. So berichtet die Wikipedia beispielsweise zum Begriff Wohlwollen, den der Artikel in der Global Times als einen klassischen chinesischen Wert hervorhebt:

Für Immanuel Kant ist Wohlwollen die einzige Primärtugend: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille“. Fehle dieser, können alle anderen Tugenden „auch äußerst böse und schädlich werden.“

An Primärtugenden wie Wohlwollen fehlt es den Führern der auf Freiheit, Demokratie und Gleichheit basierenden „westlichen Wertegemeinschaft“ jedoch beispielsweise ganz offensichtlich erheblich, wie ihre pausenlosen ebenso massenmörderischen wie verlogenen Raubzüge zur Unterwerfung und Ausbeutung des Rests der sich mit Grauen von ihnen abwendenden Menschheit beweisen. Die nicht auf Wohlwollen basierende Verhaltensmuster der Führer der westlichen Welt betreffen nicht nur den nicht in den Staaten der westlichen Wertegemeinschaft lebenden Teil der Menschheit, sondern, wie Tatsachen wie mutwillig herbeigeführte Finanzkrisen, Sozialkrisen und „Verfolgungsbetreung“ zeigen, auch die Menschen in den von ihnen direkt beherrschten entwickelten Staaten.

Wenn ein moralischer Kompass aus China dazu führt, dass die Führer der „westlichen Wertegemeinschaft“ dazu gezwungen werden, sich mehr auf Primärtugenden zu besinnen, dann muss das also nicht nur zum Vorteil der bisherigen Opfer der westlichen Wertegemeinschaft in der sich entwickelnden Welt sein, sondern das kann auch zu einem großem Gewinn für die Masse der in der westlichen Welt lebenden Menschen werden. Dass den bösartigen Führern der westlichen Welt die Aussicht darauf, sich zukünftig anständiger verhalten zu müssen, nicht gefällt, erklärt, warum sie nahezu pausenlos versuchen, China schlechtzureden.

7 Gedanken zu “Ein moralischer Kompass aus China für die internationale Ordnung

  1. China hat den USA bisher tausende Milliarden Staatsanleihe abgekauft, mit dem Erfolg, dass die amerik.Politik gegen China hetzt und versucht den Chinesen Prügel in den Weg zu legen.
    So wird es sein, dass China einen eigenständigen Weg seiner
    Wirtschart einschlagen wird und nicht mehr dem Dollar die Referenz erweisen wird, wie bisher.
    Der Dolar wird dann vom Wertpapier zur Makulatur.

  2. Natürlich können wir von den Chinesen etwas lernen und unseren Wertekanon erweitern. Aber darum geht es doch gar nicht.

    Das Problem ist doch nicht der Beitrag eines Wertekanons zum gesellschaftlichen Diskurs. Das Problem ist, dass die „Eliten“ meinen, sich nicht an diesen Wertekanon halten zu müssen.

    Wir erleben in Europa doch gerade den Niedergang unserer Werte, weil eben unsere Führer meinen, dass wir z. B. zu viel Freiheit und zu viel Demokratie hätten. Das mit der Gleichheit bekommen wir schon hin, indem wir Bildung, Freiheit und Demokratie für alle deutlich herunterfahren. Dann geht es fast allen gleich schlecht und das ist dann wenigstens „gerecht“.

    1. – Das Problem ist, dass die “Eliten” meinen, sich nicht an diesen Wertekanon halten zu müssen.

      Die „meinen“ nicht nur, sie wissen, dass sie sich nicht daran halten müssen. Jedenfalls die meiste Zeit und mit den entsprechenden Methoden – das ist Teil ihres Geschäftmodells: Sie gehen das Risiko ein, eines Tages vom Pöpel zum Teufel gejagt zu werden, aber bis es so weit ist, haben sie alle Zeit der Welt, ihr Geschäftmodell zu perfektionieren. Sie wissen es aus Erfahrung. Eine Erfahrung die lehrt, dass die Masse zwar gerne Sonntagsreden lauscht, diese aber sehr selten durchsetzt. Wenn also die Wahrscheinlichkeit (das Geschäftsrisiko) dermassen niedrig ist, dass die Masse aktiv wird, dann öffnet sich ein entsprechendes Zeitfenster, während dessen sich jene daran machen, auf dieser Welle der Passivität zu surfen: Die Eliten. Und was tut die Masse? Sie möchte auch Elite werden: Deutschland sucht den Superstar. Oder: Wer finanziert denn die ganze HofberichtBEstattung wenn nicht die Masse der Willigen?

      Bedenke:

      Ohne Geführte keine Führer.
      Ohne Masse keine „Eliten“.
      Ohne Demos kein Kratia.

      Der Begriff Demokratie erklärt alles, man sollte halt anfangen, ihn ernster zu nehmen als zum feierlichen Gebrauch in Sonntagsreden: Die Ursache der Herrschaft ist im Volk.

      Analog Medizin: Eliten sind Symptome, nicht Ursachen der Krankheit. Phänomenal: Das System Homo sapiens sorgt sich mit Vorliebe um Symptombehandlungen, der Suche nach Sündenböcken für das eigene Versagen.

      Die Amis auf Kurs
      Grüsse
      kosh

  3. @Bruder Johannes
    Vielleicht liegt die Ursache des Problems, dass die Eliten der westlichen Wertegemeinschaft meinen, sich nicht an den Wertekanon der westlichen Wertegemeinschaft halten zu müssen, bereits in diesem Wertekanon begründet?

    Anders ausgedrückt: möglicherweise führt der auf Freiheit, Individualismus und Demokratie basierende Wertekanon der westlichen Wertegemeinschaft unter den real gesellschaftlich gegebenen Bedingungen geradezu zwangsläufig dazu, dass Eliten an die Macht kommen, die arrogant aggressiv, missgünstig und gierig sowie skrupellos egoistisch sind, und sich nicht an den offiziell vertretenen westlichen Wertekanon halten.

    Wenn das so ist, dass der westliche Wertekanon seine eigene Perversion verursacht, dann gibt es durchaus ein Problem mit dem Wertekanon selbst.

    Die Perversion kann jeder real beobachten, freiheitlich-demokratische Missionierungen fremder Länder mit kriegerischen und massenmörderischen Mitteln, Knast, Totalüberwachung und Mediengleichschaltung statt Freiheit, schamlose leistungslose Abzocke der Elite, systematische Ausplünderung der schaffend tätigen, soziale Herzlosigkeit und so weiter und so fort. Was auch jeder beobachten kann, ist, dass niemand in den Staaten der westlichen Wertegemeinschaft in der Lage ist, die Perversion der westlichen Werte duch die Führer der westlichen Wertegemeinschaft zu beenden oder auch nur zu verringern.

    So liegt der Verdacht nicht fern, dass die Werte, die in der real existierenden Welt so katastrophale Ergebnisse hervorbringen, wie das zu beobachten ist, selbst ein Problem sind. Ein moralischer Kompass aus China könnte dabei helfen, die westlichen Werte zu ergänzen, neu zu ordnen, und dieses Problem so zu lösen.

    Vieleicht erleben wir in Europa ggenwärtig nicht den Niedergang der westlichen Werte, sondern nur das Platzen von Illusionen bezüglich dieser Werte.

    Zum Niedergang würde gehören, dass es früher mal besser funktioniert hat. Aber wann soll das gewesen sein? Als Napoleon „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – die Werte der französischen Revolution – mit einem großen Feldzug nach Moskau exportieren wollte? Oder bei den Jakobinern und ihren Guillotinen?

    Beim bürgerlichen deutschen Freiheitskampf von 1848, der auf beinahe direktem Weg zu Weltkrieg I und Weltkrieg II geführt hat?

    Im aggressiven Anti-Kommunismus, mit dem in der westlichen Welt anschließend die Basis für den kalten Krieg, damit einhergehend Proxy-Kriegen und nuklearem Wettrüsten gelegt wurde, was innenpolitisch von McCarthy, KPD-Verbot ud Radikalenerlass begleitet wurde?

    Mit den Ideologien Kommunismus und Sozialismus, deren real existierende Führer nicht in der Lage waren, ihre Gesellschaften so zu organisieren, dass die Bevölkerungen 1989 Osteuropas in Begeisterung für Kommunismus und Sozialismus massenhaft auf die Straße gegangen wären?

    Ich finde, da gibt es eine ganze Menge Anhaltspunkte dafür, dass die vergangenen Erfolge des Wertekanons der westlichen Wertegemeinschaft zu einem wesentlichen Teil auf Illusionen beruhen. Das einzige, was dieser Wertekanon unzweifelhaft geschafft hat, ist einen leistungsfähigen Militärapparat zu kreieren. Nur sehe ich die NATO eher als Teil des Problems der westlichen Wertegemeinschaft denn als Teil der Lösung.

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