Mo Yan beschämt blindwütige Ideologen und Eiferer

Es ist schwer nachzuvollziehen, warum der chinesische Schriftsteller Mo Yan einen Nobelpreis bekommen hat. Warum er?

Mo Yan sieht weder nach einem drohnenbombenden Massenmörder noch nach einer großdeutschen Eifererin aus. Nicht einmal wie jemand, der andere Menschen dazu aufhetzt, im Namen einer Ideologie ein großes Blutvergießen zu organisieren, wirkt der an der Kunstschule der Volksbefreiungsarmee und der Pädagogischen Universität in Peking ausgebildete Geschichtenerzähler. Freilich, anlässlich seines Werkes „Das rote Kornfeld“ hatte das Empire große Hoffnungen in Mo Yan gesetzt, dass er zu großem Blutvergießen in China beitragen könne, doch das ist schon 25 Jahre her, und seitdem scheint es so, als habe er die Hoffungen der antikommunistischen Eiferer des Empires der westlichen Wertegemeinschaft schwer enttäuscht.

Welche dunkle Seite schlummert in diesem stellvertretenden Vorsitzenden des staatlichen chinesischen Schriftstellerverbandes, dass das für seine notorische imperiale Blutrünstigkeit berüchtigte Nobelkomitee ausgerechnet ihm den Nobelpreis für Literatur verliehen hat? Das Komitee begründete seine Wahl damit, dass Mo Yan mit halluzinatorischem Realismus Volkssagen, Geschichte und Gegenwart zusammenführe. Sind seine Geschichten etwa eine besonders fiese Methode, das chinesische Volk mit Haluzinationen in den Wahnsinn zu treiben, etwa so wie die amerikanische CIA das mit ihrem LSD-Programm MKUltra in den USA erforscht hat? Auf den ersten Blick wirken Werke wie „Der Überdruss“ einfach nur wie fesselnde Geschichten mit Witz und Tiefgang.

Von den üblichen flachgeistigen Lakaien des anti-kommunistischen Empires wurde die Vergabe des Litaraturnobelpreises an Guan Moye, dessen Pseudonym Mo Yan „Sprich nicht!“ bedeutet, scharf kritisiert. Der Chinese Ai Weiwei hat gesagt, Mo Yan verteidige das bösartige System und solle sich schämen, meldet das deutsche Hetzblättchen „Focus“. Die volksdeutsche Schriftstellerin Herta Müller nannte die Vergabe des Preises an Mo Yan eine Katastrophe und ihr sei zum Weinen zumute gewesen, meldet die zionistische Springerpresse. Im Oktober noch hatte die deutsche Propaganda-Agentur DPA triumphierend vermeldet, Mo Yan wünsche dem der CIA-Nachfolgeorganisation NED nahestehenden Nobelpreisträger Liu Xiaobo die Freiheit, doch nun weint seine Frau Liu Xia wieder, derweil Mo Yan dpa zufolge erklärt, Zensur gebe es überall, er sich trotz großen Drucks weigert, einen Aufruf zur Freilassung von Liu Xiaobo zu unterschreiben, den bereits 134 andere Nobelpreisträger unterschrieben haben und der in Berlin lebende chinesische Autor Liao Yiwu Mo Yan einen Zyniker nennt.

Mo Yan sieht sich hingegen als Geschichtenerzähler. Als er nun, drei Tage vor der Entgegennahme seines Preises, in Schweden vor der königlichen Akademie einen Vortrag hielt, da erklärte er, in einem zeitlosen Mao-Anzug vor dem Publikum stehend, eigentlich habe er sich zu der Debatte nicht äußern wollen, doch da er dort sprechen muss, wolle er doch ein paar Sätze sagen, und weil er ein Geschichtenerzähler sei, erzähle er eine Geschichte.

Um genauer zu sein, es sind drei Geschichten. Die drei Geschichten, die Mo Yan der königlichen Akademie dann erzählt hat, ist der Übersetzung des Nobelkomitees zufolge folgende:

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als ich in die dritte Klasse der Grundschule ging, muβten wir uns einmal eine Ausstellung über das Leid unseres Volkes ansehen. Um den Erwartungen des Lehrers zu entsprechen, brachen wir alle in ein großes Geheule aus. Damit der Lehrer sich von meinem Entsetzen überzeugen konnte, wischte ich mir die Tränen nicht aus dem Gesicht. Ich sah, wie einige Mitschüler sich heimlich Speichel über das Gesicht schmierten, damit es aussah, als ob sie weinten. Ein einziger Schüler trug inmitten all der echten und falschen Tränen ein tränenloses Gesicht zur Schau, er gab keinen Ton von sich und barg auch das Gesicht nicht in den Händen. Er starrte uns mit großen Augen erstaunt, vielleicht auch ungläubig, an. Hinterher schwärzte ich ihn bei unserem Lehrer an und der Schüler bekam eine Disziplinarstrafe. Als ich viele Jahre später jenem Lehrer gestand, daβ ich mein Verhalten von damals bereue, erzählte er mir, daβ ich an jenem Tag nicht der einzige gewesen sei, der den Mitschüler angeschwärzt hatte. Dieser Mitschüler ist bereits einige Jahre tot, aber jedes Mal, wenn ich mich an ihn erinnere, bin ich tief beschämt. Dieser Vorfall hat mir eines begreiflich gemacht: Wenn alle weinen, dann sollte es einen geben, der nicht weint. Und wenn das Geheule zudem nur zur Schau gestellt ist, dann ist es umso wichtiger, daβ einer sich dem Weinen verweigert.

Und ich möchte noch eine Geschichte erzählen: Vor dreißig Jahren arbeitete ich noch beim Militär. Eines Abends saß ich lesend in meinem Büro, als ein älterer Kommandeur zur Tür hereinkam, auf den Platz mir gegenüber starrte, und wie zu sich selbst sagte: Wie, keiner da? Ich stand auf und sagte mit lauter Stimme: „Bin ich etwa niemand?“ Der Kommandeur wurde rot und zog sich beschämt wieder zurück. Lange Zeit war ich stolz auf diesen Vorfall und wähnte mich einen mutigen Soldaten, später jedoch machte ich mir deswegen eher Vorwürfe.

Bitte erlauben Sie mir, daβ ich Ihnen noch eine weitere Geschichte erzähle. Sie stammt von meinem Großvater. Es waren einmal acht Maurer, die vor einem Unwetter in einer Klosterruine Schutz suchten. Draußen grollte lautstark der Donner und ein Feuerball nach dem anderen schien von außen gegen das Klostertor anzurollen, die Luft schien erfüllt von furchtbarem Drachengebrüll. Die Männer waren starr vor Angst und kreidebleich. Einer von ihnen sagte: Einer von uns acht muβ etwas angestellt haben, das den Himmel erzürnt hat. Wer immer das war, soll gefälligst vor die Tür gehen und sich seine Strafe abholen, anstatt Unschuldige mit hineinzuziehen.“ Natürlich wollte keiner hinausgehen. Dann meinte ein anderer: „Da keiner von uns hinausgehen will, schlage ich vor, daβ wir alle unsere Strohhüte nach draußen werfen. Wessen Hut zum Tor hinausgeweht wird, der ist der Übeltäter und muβ hinausgehen und sich seiner Strafe stellen.“ So warfen also alle ihre Strohhüte in Richtung Tür. Sieben der Hüte wurden zurück in das Kloster geweht und nur einen trug der Wind nach draußen. Die anderen drängten ihren Kameraden hinauszugehen und seine Strafe zu empfangen. Als er sich weigerte, stießen ihn die Männer mit vereinten Kräften zur Tür hinaus. Ich nehme an, daβ Sie erraten können, wie die Geschichte ausgeht – in dem Moment, als der Mann zur Tür hinausflog, stürzte die Klosterruine in sich zusammen.

Vielleicht hat das Nobelkomitee sich einfach nur gedacht, es sei schlecht für die Handelsbilanz von Schweden, ständig im Auftrag des US-Empires zu versuchen, in China Blutbäder anzuzetteln, und durch die Preisvergabe an Mo Yan könne sich Schweden China einschmeicheln, für den Fall, dass demnächst das US-Empire zusammenbricht und China die größte Macht der Erde werden wird. Vielleicht ist der Posten für das Nobelkomitee den Budget-Kürzungen bei der CIA zum Opfer gefallen. Wer weiß das schon. Es macht auch keinen Unterschied.

Mo Yan ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und seine halluzinatorisch realistischen Geschichten haben soviel Witz und Tiefgang, dass sie weit aus der Flachgeistigkeit blindwütiger Ideologen und Eiferer herausragen.

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