Ansatz einer ästhetischen Gesellschaftstheorie

Das Parteibuch beschäftigt sich oft mit schrecklichen Geschehnissen, von Irreführungen über Erpressungen bis hin zu Massenmorden. Nun soll es einmal an der Zeit sein, dass das Parteibuch sich mit der Schönheit beschäftigt.

Und weil das Parteibuch gesellschaftlich orientiert ist und im nachfolgenden Artikel positiv auf die Schönheit Bezug nimmt, wird das sogleich in einem Anflug von hässlichem Größenwahn zum Ansatz einer ästhetischen Gesellschaftstheorie verklärt. Wer hierin Selbstironie sehen will, muss nicht falsch liegen. Wer zu der Idee einer ästhetischen Gesellschaftstheorie im Rahmen eines Diskurses auf Gedanken von anderen Philosophen verweisen oder eigene Gedanken äußern möchte, ist natürlich auch willkommen.

Zunächst einmal sei „Mission Phoenix,“ der in einem Blogeintrag erklärt hat „Ich bin Humanist und Pazifist.“ und dazu im Titel gefragt hat: „Und wer bist Du?“, für die Anregung zu diesem Artikel gedankt. Um die Antwort auf die Frage „Und wer bist Du?“ vorwegzunehmen und die Beziehung zu diesem Artikel herzustellen: Ich fühle mich als Ästhetiker, als jemand, der Schönheit schätzt. Dabei betrachte ich den Begriff der Schönheit keinesfalls auf Äußerlichkeiten abzielend, sondern im Gegenteil: das, was mir wichtig ist, ist innere Schönheit. Innere Schönheit hat für mich mit inneren Eigenschaften wie ethischen Werten, Überzeugungskraft und Ausstrahlung zu tun. So finde ich beispielsweise, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann, den Journalisten Jody McIntyre schön, die Sängerin Jennifer Lopez hingegen nicht. Meiner Meinung nach kann man nicht nur einzelne Menschen, Dinge, Lebensformen und besondere natürliche Gegebenheiten, sondern auch eine oder mehrere menschliche Gesellschaften als Kollektiv und sogar die ganze Welt insgesamt, im Hinblick auf Schönheit betrachten.

Das mir als Ästhetiker zugrundeliegende Weltbild ist, dass der Menschheit zumindest zur Zeit nur ein so schöner und lebenswerter Planet wie die Erde bekannt ist. Seit einiger Zeit gibt es darauf Leben und Menschen. Im Laufe der nächsten Hundert oder Hundertmillionen oder mehr Jahre mag sich der Status der Erde als einziger dr Menschheit bekannter schöner und lebenswerter Planet zwar möglicherweise durch Raumfahrt oder einen Gotteseingriff ändern, aber bis dahin werden die Menschheit und die mit ihnen die Erde besiedelnden pflanzlichen, tierischen und sonstigen Lebewesen erst einmal mit dem wunderbaren Planeten Erde als einziger Lebensgrundlage der Welt auskommen müssen. Es könnte auch geschehen, dass heute oder in Hundertmillionen oder mehr Jahren, sei es durch eine Naturkatastrophe wie einen großen Vulkanausbruch, menschliches Handeln, einen Gotteseingriff oder sonst irgendetwas, einige oder sämtliche Lebensgrundlagen und alle Lebewesen auf der Erde vernichtet werden. Mir als Ästhetiker geht es vornehmlich um die Zeit dazwischen, also, etwas überspitzt ausgedrückt, darum, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass die Zeit zwischen heute und einer möglichen Erlösung oder einem möglichen Weltuntergang irgedwann in der Zukunft, schön gestaltet wird.

Zwischen den zwei Zeitpunkten Anfang und Ende hat die Menschheit die Möglichkeit, zu gestalten. Dabei ist gleich, wann diese Zeitpunkte waren und sein werden und ob sie überhaupt existieren, denn jedenfalls hat die Menschheit jetzt die Möglichkeit, zu gestalten. Jedes Kind, das einmal eine Sandburg gebaut oder bloß die Sandburg eines anderen Kindes gesehen hat, weiß das. Schönheit muss keinem höheren Zweck oder Ziel dienen. Sie existiert für sich selbst. Schönheit kann zwar aus menschlicher Gestaltung resultieren, sie muss es aber nicht. Ich kann mich sowohl an der Schönheit eines Regenbogens als auch an der Schönheit einer kindlichen Sandburg erfreuen. Wie eine kindliche Sandburg am Strand muss die Schönheit nicht die Ewigkeit überdauern. Meine Überzeugung als Ästhetiker ist dabei, dass die Welt und die Gestaltung der Welt durch die Menschheit insgesamt unter dem Aspekt der Schönheit betrachtet werden kann.

Und wie mir bei einzelnen Menschen nicht die äußere, sondern die innere Schönheit wichtig ist, so finde ich bei der Gestaltung der Welt durch die Menschheit nicht Äußerlichkeiten wie das größte oder höchste Gebäude wichtig in Bezug auf die Schönheit der Welt, sondern die innere Schönheit, betrachte also etwa die harmonische Komposition, in der Menschen miteinander auf dem Planeten Erde leben, als schönes oder weniger schönes Gesamtkunstwerk. Wenn man die Gestaltung dessen betrachtet, wie Menschen miteinander auf dem Planeten Erde leben, dann kommt man zu einer geistigen Auseinandersetzung mit der Entstehung, Statik und Dynamik der gesellschaftlichen Formation, oder kurz, zur Wissenschaft der Gesellschaftstheorie.

Als allgemein akzeptiertes Ziel der Gestaltung von Gesellschaft gilt in der gegenwärtigen Epoche der Weltgeschichte das Ziel, die Ideale der humanistischen Gesellschaft zu verwirklichen oder die Ideale des Humanismus jedenfalls anzustreben. Humanismus ist im Kern eine Denkschule der abendländischen Philosophie, die einen Satz der von den Philospohen, die sie entwickelt haben, als „gut“ empfundenen Eigenschaften und Verhaltensweisen der Spezies Mensch als „Menschlichkeit“ zuschreibt, und andere historisch und kriminalistisch belegbare, aber von den Philosophen als „schlecht“ empfundene Eigenschaften der Spezies Mensch als „Unmenschlichkeit“ beschreibt. Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung ist es dieser Geellschaftstheorie folgend, Menschen und Gesellschaften zu entwickeln, die die „guten“ menschlichen Merkmale der sogenannten „Menschlichkeit“ aufweisen und die „schlechten“ Merkmale der Unmenschlichkeit möglichst nicht aufweisen.

Dazu, was die guten Eigenschaften der Spezies Mensch sind und was gutes menschliches Zusammenleben ist, gibt es zwar im Detail Meinungsverschiedenheiten unter Humanisten, aber in zentralen Punkten besteht auch unter unterschiedlichen humanistischen Denkschulen von Karl Marx bis Theodor Adorno durchaus eine gewisse Einigkeit. In der Wikipedia steht, die Weltanschauung des Humanismus orientiere sich an den Interessen, den Werten und der Würde des einzelnen Menschen, und als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens gelten Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit. Dazu, was Menschlichkeit ist, findet sich in der Wikipedia passend dazu eine „Sichtweise, die die dem Menschen innewohnende Fähigkeit beschreibt, mit allen Menschen dieser Erde in Freundschaft zusammen zu leben, ausgestattet mit natürlicher Nächstenliebe und dem Bedürfnis, gemeinsam ein glückliches Leben zu leben.“

Die gesellschaftliche Philosophie des Humanismus ist geschichtlich eng mit Grundsätzen der abrahamitischen Religionen verwoben. So ist von Rabbi Hillel beispielsweise überliefert, er habe vor über 2000 Jahren, also noch bevor es das Christentum gab, verkündet:

„Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung; geh und lerne sie.“

Es ist nicht schwer, darin humanistisches Gedankengut wie das Streben nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu erkennen. Über verschiedene Stationen in vornehmlichlich christlich geprägten Gesellschaften wie die amerikanische Revolution, die französische Revolution und die russische Revolution ist die Denkschule des Humanismus als Ziel der weltweiten gesellschaftlichen Entwicklung spätestens nach dem Ende des zweiten Weltkrieges zur vorherrschenden Ideologie der gegenwätigen Epoche der Weltgeschichte geworden.

Der Inhalt grundlegender Dokumente der gegenwätigen Epoche der Weltgeschichte, beispielsweise die 1945 beschlossene Charta der Vereinten Nationen, in deren Präambel Passagen stehen wie beispielsweise „Geißel des Krieges,“ „unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit“ „und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern“ sowie die 1948 beschlossene „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ die beginnt mit den Worten „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet,“ ist stark von der abendländischen Denkschule des Humanismus und ihre Begriffen geprägt. Diese Dokumente und die ihr zugrundeliegende Denkschule des Humanismus bildet bis heute die vorherrschende Ideologie auf der Welt.

Begriffe wie Glück und Harmonie, die beispielsweise Kernbestandsteile daoistischer und anderer asiatischer Denkschulen sind, fehlen hingegen sowohl in der „Charta der Vereinten Nationen“ als auch in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“ Teile der Welt, insbesondere solche, die auch nach der Verkündung der Charta und der Menschenrechte der UNO noch Opfer von hässlichen Phänomenen wie abendländischen Angriffskriegen und Neokolonialismus wurden, sind schon länger der Meinung, dass abendländischer Humanismus nicht die einzige mögliche Denkschule und das Ende der Philosophie ist, aber es hat bis zum Jahr 2012 gedauert, bis die UNO einmal einen Weltglücksbericht erstellt hat. Auch jegliche Zielsetzung, wie das Zusammenspiel der Menschheit mit dem Planeten Erde, die Gesellschaften der Anden verehren die Erde als Pachamama, organisiert werden soll, fehlten in den zielsetzenden humanistischen Dokumenten der gegenwätigen Epoche der Weltgeschichte zunächst völlig, und mussten dann Stück für Stück, als das Versäumnis unabersehbar wurde, als „Umwelt- und Naturschutz“ zur global vorherrschenden Denkschule des Humanismus hinzugefügt werden.

Auch innerhalb von sich selbst weist die abendländische Denkschule des Humanismus eine Reihe von unsicheren Annahmen und groben Widerpüchen auf. Theoretisch fraglich ist zum Beispiel im Fundament des Humanismus, ob die Annahme zutreffend ist, dass die Spezies Mensch „gut“ und mithin menschlich und human ist, so wie sich Humanisten das vorstellen, und ebenso fraglich ist es, ob Menschen zu einer Spezies umerzogen werden können, die gut und human ist, so wie die Denkschule des Humanismus sich das vorstellt. Vielleicht wäre die Spezies Mensch, überspitzt formuiert, zutreffender als ein fleischfressendes Wesen mit starken Instinkten und nur geringer Gehirnkapazität beschrieben, dessen Umerziehung zu friedliebenden und „grundgütigen“ Humanisten ungefähr so vielversprechend ist, wie die Umerziehung von Alligatoren zu handzahmen Vegetariern ist. Schaut man sich die bis heute anhaltenden Gemetzel in der menschlichen Geschichte an, so liegt dier Gedanke jedenfalls nicht ganz fern. Vielleicht fehlen bisher aber auch nur die richtigen Kenntnisse dazu, wie menschliche Instinkte und das spezies-spezifische Sozialverhalten so genutzt werden können, dass die humanitären Ziele mit massivem Einsatz von Massenbeeinflussungstechniken und „Social Engineering“ erreicht werden können, was allerdings eine Frage ähnlich der in der Dystopie „Schöne neue Welt“ gestellten Frage aufwerfen könnte, ob Humanismus unter diesem Gesichtspunkt überhaupt ein anzustrebendes Ideal sein sollte.

Auch die Verbreitung der Kultur des Humanismus wirft Fragen auf. So wurde die abendländische Kultur von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden beispielsweise mit zu ihren gegenwärtigen proklamierten humanistischen Werten überhaupt nicht passenden Mitteln wie Inquisition und Kanonenbooten in der Welt verbreitet. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Die Denkschule des Humanismus beansprucht Weltgeltung und damit Unfehlbarkeit, und sie ist durchaus aggressiv bei der Verbreitung ihrer Ideale.

Mit der „Responsibility to protect“ hat die humanistische Denkschule die Idee der globalen Kriegsführung zur weltweiten Durchsetzung von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden seit einigen Jahren sogar im internationalen Recht verankert, und, wie sich beispielsweise in der Elfenbeinküste und in Libyen gezeigt hat, wir das aggressive Konzept zur Durchsetzung von „Humanität“ auch praktisch angewandt. Dass damit weltweit Harmonie und Glück verbreitet werden, ist unterdessen fraglich. Die praktischen Ergebnisse des Wirkens der humanistischen Denkschule sehen insoweit durchaus eher nach hässlichem Chaos und Unglück aus.

Zum Anspruch der globalen Allgültigkeit der humanistischen Denkschule passt es überhaupt nicht, dass nach der Entmachtung des von der humanistischen Denkschule geleiteten Schah von Persien und den Ersatz der humanistischen Denkschule durch islamische Denkschulen, die beispielsweise vom Motiv der Errichtung einer blühenden islamischen Gesellschaft geleitet werden, nach nur wenigen Jahren im Irandas verbreitete Analphabetentum beendet und das Bevölkerungswachstum auf wünschenswerte Größenordnungen gesenkt werden konnte, während das in manch vergleichbaren Gesellschaften, die von humanistischen Denkschulen geleitet wurden und werden, bis heute nicht gelang. Unsichere Annahmen und Widerpüche bedeuten keineswegs, dass die humanistische Denkschule keinen Wert hat, aber sie legen es nahe, aufgeschlossen den Blick über den Tellerrand der in der gegenwärtigen Epoche der Weltgeschichte vorherrschenden humanistischen Gesellschaftstheorie zu erheben.

Der „ästhetischen Theorie“ des Vordenkers der kritischen Theorie Theodor Adorno, seinem nicht mehr ganz vollendeten letzten Werk, ist zu entnehmen, dass Adorno die Widersprüche und Unzulänglichkeiten seine eigenen Denkrichtung in Bezug auf die Kunst durchaus bewusst war. Adorno hat sich in seiner ästhetischen Theorie in erster Linie mit Kunst und damit zusammen hängend dem von Natur aus Schönen beschäftigt. Natürlich kamen da auch gesellschaftliche Aspekte vor, doch sie blieben darin letztlich doch eher am Rande. Ich meine hingegen, Ästhetik sollte nicht nur im Hinblick auf Kunst diskutiert werden, sondern in den Mittelpunkt einer umfassenden Gesellschaftstheorie gestellt werden und damit wirklich eine ästhetische Gesellschaftstheorie geschaffen werden.

Folgt man einer ästhetische Gesellschaftstheorie, so kann ich die verschiedenen Gesellschaften der vergangenen Epochen der Weltgeschichte genau wie unterschiedliche Gesellschaften der gegenwärtigen Epoche wie Kunstwerke unter dem Aspekt der Schönheit betrachten. Ich kann mich beim Betrachten unterschiedlicher Gesellschaften und ihren Eigenheiten und Errungenschaften genauso an Gestaltung, Glück, Harmonie und anderen Eigenschaften erfreuen, wie ich mich über eine kindliche Sandburg oder einen Regenbogen freuen kann. Natürlich liegt das, was Schönheit ist, im Auge des Betrachters. Etwas schön, nicht so schön oder hässlich zu finden, ist geradezu der klassische Fall einer Meinung. Die Meinungen dazu, was schön ist, sind obendrein zu einem erheblichen Teil vom Zeitgeist abhängig. Dass es im Rahmen einer ästhetischen Gesellschaftstheorie keine starren und festen Regeln zur Bewertung von Gesellschaften gibt, sondern von vornherein klar ist, dass es um Meinungen geht, halte ich nicht für eine Schwäche einer ästhetischen Gesellschaftstheorie, sondern für eine besondere Stärke.

Ein Beispiel aus dem Bereich von Gesellschaften vergangener Zeiten mag das verdeutlichen. Bezogen auf die Zeit der Tausende Jahre zurückliegenden Menschheitsgeschichte finde ich beispielsweise die Gesellschaften der Aborigines und der Tschukschen ziemlich schön, wie sie wohl recht frei und glücklich über die Zeiten hinweg in Einklang mit der Natur gelebt und dabei ihre Sprache, Religion und Kultur entwickelt haben. Wenn ich hingegen die hohe Kultur der Schriftentwickler in Ägpten im Hinblick auf Schönheit betrachte, dann sehe ich dabei nicht nur die Schönheit der Hieroglyphen, sondern denke an die vielen zum Pyramidenbau gezwungenen Menschen und frage mich, welche Folgen der Pyramidenbau wohl für die Harmonie von Mensch und Natur gehabt haben mag. Und so kann ich diese Kultur hässlich finden und die Pyramiden als riesige Mahnmale ansehen, die die Menschheit an Größenwahn und Sklaverei erinnern.

Heutzutage mögen mir bei dieser Meinung vielleicht nicht wenige Menschen zustimmen. Vor wenigen Jahrzehnten war der Zeitgeist hingegen wohl eher so, dass die ganz überwiegene Menschen der Meinung waren, die hohe Kultur der ägyptischen Schriftentwickler und Pyramidenbauer sei besonders schön. Darüber kann man diskutieren. Über Meinungen kann man generell gut diskutieren. Ich hate das für eine Stärke einer ästhetischen Gesellschaftstheorie, weil Menschen im Rahmen eines Diskurses unterschiedliche Meinungen vergleichen und Erkenntnisfortschritte erzielen können. Damit verneint eine ästhetische Gesellschaftstheorie nicht die in unterschiedlichen Diskurstheorien aufgezeigten Vorteile von Diskurs, sondern unterstützt sie dadurch, dass sie explizit davon ausgeht, dass es sich bei den im Rahmen einer ästhetischen Gesellschaftstheorie geäußerten Gedanken um Meinungen handelt.

Dem Weltbild anstelle einer humanistischen eine ästhetische Gesellschaftstheorie zugrundezulegen, soll nicht bedeuten, sich von den Werten des Humanismus zu verabschieden oder die Widersprüche der eigenen Gesellschaft nicht mehr zu kritisieren, sondern es sollte bedeuten, fremde Gesellschaften und Kulturen mit offeneren Augen und aufgeschlosseneren Gefühlen zu betrachten. Gleichzeitig sollte es dazu führen, den gesellschaftlichen Errungenschaften fremder Gesellschaften Respekt wie einem filigranen Kunstwerk entgegenzubringen und sich ein Verlangen zu sparen, ungebeten im Kunstwerk eines fremden Künstlers herumpfuschen zu wollen.

Selbstverständlich kann man im Rahmen eines Diskurses zur Schönheit von Gesellschaftsformen weiterhin humanistisch argumentieren. Selbstverständlich kann man Menschenrechte, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie und andere verwirklichte humanistische Ideen in einer Gesellschaft und zwischen Gesellschaften als schön betrachten. Man darf im Rahmen von Diskusionen zur Schönheit von Gesellschaften mit Vorstellungen des marxistischen Humanismus genauso argumentieren wie mit Ansichten der kritischen Theorie, mit Erkenntnissen der Glücksforschung, mit Weisheiten des Konfuzianismus, mit religiösem Gedankengängen der hinduistischen Trimurti oder der christlichen Philosophie und Befreiungstheologie und mit anderem Gedankengut. Wenn man Schönheit diskutiert, dann darf man seine Meinung natürlich auf unterschiedliche Philosophien und Denkschulen stützen.

Ästhetik bedeutet allerdings nicht Beliebigkeit. Die Menschheit kann sehr wohl einen großen Konsens haben, was schön ist und was nicht. Sie benötigt dazu aber nicht unbedingt Humanismus. Ich glaube, der ganz überwiegende Teil der Menschheit stimmt schönen Sozialverhaltensformen wie Liebe, Geborgenheit, Wahrheit Bescheidenheit, Toleranz, Freundschaft mit- und Hilfsbereitschaft untereinander gefühlsmäßig zu und lehnt Hässlichkeiten wie Krieg, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Hungersnöte, Krankheit, Armut und Gier instinktiv ab, und das ist auch bei Menschen so, die von der humanistischen Theorie wenig verstehen. Das eigentliche Problem, solche Hässlichkeiten zu vermeiden, beginnt da, wo es daran geht, Menschen und Gesellschaft praktisch so zu gestalten, dass Schönheiten erreicht und Hässlichkeiten vermieden werden. Da gibt es unterschiedliche Ideen und Konzepte für, deren Angemessenheit unter Anderem von den jeweiligen Kulturen und gesellschaftlichen Verhältnissen abhängt.

Eine ästhetische Gesellschaftstheorie nimmt solche Unterschiede mit Freude wahr, möchte andere Gesellschaften nicht missionieren und sieht nach unterschiedlichen Denkschulen entwickelte Gesellschaften wie unterschiedliche Blumen, die insgesamt in Harmonie miteinander einen schönen Strauß glücklicher Gesellschaften auf und im Einklang mit der Erde bilden könnten.

5 Gedanken zu “Ansatz einer ästhetischen Gesellschaftstheorie

  1. Hi,

    Brecht nannte sie verächtlich FRANKURTISTEN, sie können auch als ADORNIETEN verballhornt werden;-)

    1. @Tarian
      Brecht hätte die Frankfurter wohl zutreffender als Washingtonisten verballhornen können, deren aus den USA vorgegebene Aufgabe darin bestand, sich irgendwas auszudenken, um westliche Kommunisten und Humanisten dazu zu bringen, Kapitalismus, Westbindung und NATO zu akzeptieren. Und dementsprechende, aus der Zielstellung herrührende, Mängel an Flexibilität hat auch die kritische Theorie. Brecht hat das wohl im Großen und Ganzen so zutreffend gesehen. Die Menschen bekommen diese Widersprüche und Mängel gegenwärtig als Krise der Kultur der westlichen Welt sehr deutlich zu spüren aber die Philosophen und Vordenker der herrschenden Denkschule des abendländischen Humanismus haben keine Antworten darauf.

      Das ändert bloß nichts daran, dass auch die humantistische Gesellschaftstheorie der Marxisten in Ost-Berlin und Moskau auch fundamentale Mängel und Widersprüche hatte. Die Mängel waren so gravierend, dass sie zusammen mit externem Druck vor rund 20 Jahren zum Staatszusammenbruch geführt haben, und wie es scheint, waren die marxistischen Philosophen, Vordenker und Lenker in der DDR und in Moskau gedanklich nicht flexibel genug, um ihre marxistische Theorie des Humanismus der real existierenden Gesellschaft in dem Maße anzupassen, dass es zu einer größeren Akzeptanz durch die Bevölkerung, wie sie zum Staatserhalt notwendig gewesen wäre, gekommen wäre. Wie groß der Mangel an geistiger Flexibilität der marxistischen Philosphen wurde, ihre Theorien an die zeitgenössische Gesellschaft anzupassen, zeigt, das auch heute, trotz einer existentiellen Krise der westlichen, kapitalistischen Welt, die meisten Menschen in Ostberlin und Moskau das prominente Gegenkonzept Kommunismus ablehnen.

      Was ich hiermit also kritisiere, ist Mangel an gedanklicher Flexibilität bei Vordenkern der humanistischen Gesellschaftstheorie über die Zeit, und zwar sowohl bei den auf Moskau zurückgehenden Marxisten als auch bei den Vertretern des Humanismus in der westlichen Welt.

      PS: Besser als die Moskauer Marxisten scheinen mir es die marxistischen Denker in Peking zu machen. Nachdem der Staatszusammenbruch in China 1989 knapp verhindert werden konnte, scheint es da mehr geistige Flexibilität zu geben.

      Der in Ruhm und Ehre verabschiedete Generalekretär der chinesischen KP Hu Jintao sagte gerade:

      Der vom Parteitag bestätigte Bericht des XVII. Zentralkomitees hält das große Banner des Sozialismus chinesischer Prägung hoch und lässt sich von dem Marxismus-Leninismus, den Mao-Zedong-Ideen, der Deng-Xiaoping-Theorie, den wichtigen Ideen des „Dreifachen Vertretens“ und dem wissenschaftlichen Entwicklungskonzept leiten, analysiert die Entwicklung und Veränderung der internationalen und inländischen Lage, fasst die Arbeit in den vergangenen fünf Jahren, den Prozess des Kampfes und die erzielten historischen Errungenschaften seit dem XVI. Parteitag in einem Rückblick zusammen, etabliert die historische Position des wissenschaftlichen Entwicklungskonzepts und stellt die grundlegenden Forderungen für neue Siege für den Sozialismus chinesischer Prägung, die fest erfasst werden müssen.

      Quelle:

      http://german.china.org.cn/china/archive/cpc18/2012-11/16/content_27138542.htm

      Es findet da seit Mao offenbar eine pragmatische Weiterentwicklung des marxistischen Humanismus statt:

      – Einführung einer chinesischer Prägung, das heißt Integration chinesischer Kulturelemente, wie Traditionen, Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus, in den real existierenden chinesischen Marxismus
      – Einführung der Deng-Xiaoping-Theorie
      – Kommunikationsvereinfachung in der Breite durch „Dreifaches Vertreten“
      – Einführung des Prinzips der wissenschaftlichen Gesellschaftsentwicklung, also einer Gesellschaftstheorie, die auf Entwicklung nach wissenschaftlich geprüften und getesteten Maßnahmen und Methoden setzt.

      Wie es aussieht, funktioniert das. Irrtümer werden aufgegeben, neue Gesellschaftsideen entwickelt. Das meine ich mit geistiger Flexibilität.

      Ich meine, von geistiger Flexibilität gibt es gegenwärtig meist zuwenig, gerade auch in den Denkschulen des Humanismus, in Deutschland, in der westlichen Welt und überhaupt. Man lese nur den belanglosen Quark es gegenwärtigen Oberhauptes der Frankfurter Schule, um zu sehen, was ich mit mangelnder geistiger Flexibilität meine. Bei vielen Marxisten und Sozialisten ist es aber kaum besser bestelt um die geistige Fllexibilität.

      Eine ästhetische Gesellschaftstheorie könnte helfen, das zu ändern.

  2. @nocheinparteibuch

    „Und so kann ich diese Kultur hässlich finden und die Pyramiden als riesige Mahnmale ansehen, die die Menschheit an Größenwahn und Sklaverei erinnern.“

    Achtung, achtung! Die Konstruktion der Pyramiden als kollossale Grabmäler diente der Schaffung eines gemeinschaftlichen Werkes, zur Bildung und Pflege der gesellschaftlichen Einheit.

    Es ist nicht in Ordnung, sich die antike Welt in den Denkmustern eines stalinistischen Gulag-Systems oder römisch-katholisch gesegneten Leibeigenschaftssystems vorzustellen.

    Kurz Abschweifend bitte ich Dich die Etymologie des Wortes „Sklaverei“.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei#Etymologie
    Die Agonie der Slaven beginnt insbesondere mit der Zerstörung des Avaren-Reiches durch Karl „dem Großen“ im Jahre 800 – 925. Die Slaven werden durch die fränkischen Raubritter bewusst nicht „christianisiert“, um ungestraft ihre Ernte und Menschen rauben und Menschen nach belieben töten zu dürfen.

  3. @Nebularis
    „Achtung, achtung! Die Konstruktion der Pyramiden als kollossale Grabmäler diente der Schaffung eines gemeinschaftlichen Werkes, zur Bildung und Pflege der gesellschaftlichen Einheit.“

    Sehr schön. Genau das ist die Idee meiner ästhetischen Gesellschaftstheorie. Man kann die Schönheit von früheren und heutigen Gesellschaften aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, unterschiedliches Verständnis und Vorstellungen dazu haben, darüber unterschiedlicher Meinung sein und diskutieren.

    „Es ist nicht in Ordnung, sich die antike Welt in den Denkmustern eines stalinistischen Gulag-Systems oder römisch-katholisch gesegneten Leibeigenschaftssystems vorzustellen.“

    In meiner begrenzten Welt wurde nicht nur mein Verstand, sondern auch mein Geschmack, meine Gefühle und sogar mein Verständnis von Schönheit vom humanistischen Gedankengefängnis geprägt. Insofern kann ich nicht aus meiner Haut der Denkmuster eines stalinistischen Gulag-Systems oder römisch-katholisch gesegneten Leibeigenschaftssystems heraus, und in vielerlei Hinsicht will ich es wohl auch gar nicht.

    Und deshalb, weil mein humanistisches Gedankengefängnis und mein begrenzte Wissen um gesellschaftliche und menschliche Zusammenhänge mich so sehr einzwängt, kann doch kann ich selbst die ägyptischen Pyramiden kaum noch wie die Sandburgen eines Kindes oder einen Regenbogen im Hinblick auf die Schönheit betrachten.

    Und so mache ich mir trotz meines humanistisch limitierten Verstandes beim Betrachten von mir fremden Gesellschaften bedauerlicherweise zunächst rationale und humanistische Gedanken um Zweck und Ziel anstatt bei der Schönheit einer mir fremden gesellschaftlichen Harmonie zunächst das Glück des Betrachtens einer schönen Blume empfinden zu können.

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