Die katastrophale Außenpolitik der Türkei begreifen – Teil 3

Der erste Teil der Parteibuch-Analyse der türkischen Außenpolitik zeigte anhand einer am 22.11.2011 gehaltenen Rede des türkischen Außenministers Ahmet Davutoglu bei der Invstementbank Goldman Sachs auf, dass die wesentliche Triebkraft der türkischen Außenpolitik nicht der Wunsch zum Frieden war, sondern die Zero-Problem-Außenpolitik lediglich als ein der Situation entsprechendes Mittel zur Gewinnung von „Hinterland“ für den Aufstieg der Türkei zur Weltmacht angesehen wurde. Der zweite Teil der Analyse zeigte auf, wie die türkische Regierung sich außenpolitisch in Bezug auf Syrien verkalkuliert hat. Der hier vorliegende dritte Teil der Analyse zeigt, wie die türkische Regierung anschließend die Beziehungen der Türkei zum Irak ruiniert hat, und immer weiter in den Strudel des geopolitischen Konfliktes in Syrien gerät, den sie selbst an führender Stelle mitangezettelt hat.

Nach der russischen Lieferung von Yakhont-Raketen an Syrien war ein auf der militärischen Überlegenheit der NATO basierender kurzfristiger Regime Change in Syrien nicht mehr in Sicht. Auch ein auf Wahlen basierender Regime Change im Sinne Israels, der GCC-Staaten und der NATO, einschließlich der Türkei, war nicht in Sicht. Zwar hatte die syrische Staatsführung Parteien- und Medienvielfalt in Syrien eingeführt, und eine demokratische Verfassung einschließlich der Wahl aller Organe der syrischen Staatsführung in für beliebige Parteien offenen demokratischen Wahlen auf den Weg gebracht und im Dezember 2011 auch bereits für jedermann offene Kommunalwahlen durchführen lassen, doch wie Telefonumfragen im Dezember 2011 ermittelten, befürwortete die Mehrheit der Bevölkerung Syriens, dass der syrische Präsident Bashar Al-Assad im Amt bleibt. Aufgrund der Mehrheitsverhältnisse und der aus unterschiedlichen Zielen herrührenden Unfähigkeit der Anti-Regierungskräfte, eine überzeugende alternative Führungspersönlichkeit als potentiellen Gegenkandidaten zu präsentieren, erschien ein Regime Change zur Installation einer Marionettenregierung durch Wahlen nicht möglich.

Die Türkei und ihre Partner beim Projekt Regime Change in Syrien lehnten und lehnen es deshalb ab, ihre Schützlinge in Syrien an Wahlen oder Verhandlungen, deren absehbares Ergebnis Wahlen unter Beteiligung aller politischen Kräfte wären, teilnehmen zu lassen und greifen stattdessen auf Destabilisierungsstrategien zum mittelfristigen Regime Change in Syrien zurück. Der NATO-Plan für Syrien wurde darauf ausgerichtet, wie in Libyen nach einer gewaltsamen Eroberung der Macht die politischen Kräfte der syrischen Regierung zu illegalisieren, sie von Wahlen auszuschließen, und so einen Wahlsieg der eigenen oppositionellen Schützlinge sicherzustellen. Ein wesentlicher Nachteil dieses Vorgehens für die Schützlinge der Türkei und ihrer NATO-Partner in Syrien war und ist jedoch, dass ihre Behauptung, für Demokratie in Syrien zu kämpfen, durch ihre Verweigerung der Teilnahme an Wahlen zugunsten des bewaffneten Kampfes in Syrien weiter an Glaubwürdigkeit verloren hat, was zu einer noch geringeren Unterstützung der syrischen Bevölkerung für die von Israel, NATO- und GCC-Staaten geführten Regime-Change-Kräfte führte.

Mittel zur mittlfristigen Destabilisierung Syriens waren zunächst ausländische Wirtschaftssanktionen, deren Wirkung durch innerhalb von Syrien von ihren Proxies begangene Sabotage-Akte gegen die wesentliche Infrastruktur zur Befriedigung der Grundbedürfnisse der syrischen Bevölkerung verstärkt werden sollte. Da Syrien für sie ein kleiner und unbedeutender Wirtschaftspartner ist, erschienen den USA, der EU und den GCC-Staaten Sabotage-Akte und Sanktionen „zur Strangulierung der syrischen Wirtschaft“ als preiswerte Druckmittel, die über kurz oder lang zum ökonomischen Kollaps Syriens und damit zum gewünschten Sturz der syrischen Regierung führen würden. Deshalb haben die USA, die EU und die GCC-Staaten ein umfassendes Handelsembargo gegen Syrien verhängt.

Für die Nachbarstaaten Syriens, deren eigene Wirtschaft nennenswerte Verflechtungen mit der syrischen Wirtschaft aufweist, bedeuten harte Wirtschaftssanktionen gegen Syrien jedoch auch, dass ihre eigene Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wird. Deshalb lehnt es beispielsweise der zu den absolutistischen Monarchien gehörende relativ kleine und wirtschaftsschwache Staat Jordanien, obwohl er außenpolitisch der NATO/GCC-Achse nahesteht, ab, Sanktionen gegen Syrien zu verhängen. Die türkische Staatsführung konnte oder wollte sich dem Mittel der Wirtschaftssanktionen jedoch angesichts dessen, dass sie besonders lautstark zum Sturz der syrischen Regierung aufgerufen hatte, nicht verschließen, und so beschloss auch die türkische Regierung ein Einfrieren der Guthaben des syrischen Staates in der Türkei und andere Finanzsanktionen. Schon zu diesem Anlass betonte der türkische Außenminister Davutoglu jedoch, dass die türkischen Elektrizitätsexporte nach Syrien von den Sanktionen nicht betroffen seien. Seine Behauptung, dass die türkischen Elektrizitätsexporte nch Syrien weitergingen, um die syrische Bevölkerung nicht zu verärgern, war leicht als vorgeschoben zu durchschauen, denn schließlich konnte gleichzeitig jeder in amerikanischen Zeitungen nachlesen, dass das Ziel der Sanktionen gegen Syrien insgesamt gerade darin besteht, die syrische Bevölkerung durch das Versuchen wirtschaftlicher Schäden und den damit verbundenen Härten gegen ihre Regierung aufzubringen. Viel bedeutender aus türkischer Sicht dürfte die Erwägung gewesen sein, die türkische Elektrizitätswirtschaft mit den Sanktionen nicht von ihrem südlichen Absatzmarkt abzuschneiden.

Schon in dieser türkischen Entscheidung deutete es sich an, dass die Türkei wirtschaftlich nicht stark genug ist, um ihre Nachbarstaaten durch Sanktionen in die Knie zu zwingen. Die syrische Staatsführung ihrereits reagierte auf die türkische Entscheidung, Syrien mit Sanktionen zu belegen, dadurch, dass sie das syrisch-türkische Freihandelsabkommen aussetzte. Das von Davutoglu in seinem Vortrag bei Golman Sachs angepriesene syrische „Hinterland“, dessen engere Anbindung an die Türkei das Ziel der türkischen Bemühungen zum Regime Change in Syrien ist, war damit für die türkische Wirtschaft einstweilen weg. Die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua kommentierte die Entwicklung süffisant mit der Schlagzeile, Sanktionen gegen Syrien seien ein zweiseitiges Schwert, und verwies darauf, dass die Türkei mit ihrer exportorientierten Industrie vom reibungslosen Handel mit Syrien mehr profitiert habe als die auf Selbstversorgung ausgelegte syrische Industrie, und erklärte, dass viele syrische Unternehmer sich fortan freuen würden, den syrischen Markt frei von türkischer Konkurrenz bedienen zu können.

Es bedurfte keiner hellseherischen Fähigkeiten, um sich auszumalen, welche regionale Wirtschatsmacht in erster Linie versuchen würde, die Lücken zu füllen, die die durch Sanktionen zerstörten Handelsbeziehungen Syriens zur EU, den GCC-Staaten und der Türkei hinterlassen würden: der Syrien engstens verbundene Iran natürlich, und tatsächlich wurde ein syrisch-iranisches Freihandelsabkommen bereits etwa zwei Wochen nach der Suspendierung des syrisch-türkischen Freihandelsabkommens unterzeichnet.

Etwa zu jener Zeit führte das den Regime Change in Syrien unterstützende israelische Regime eine absurde Theaternummer auf, wo hochrangige Mitglieder des zionistischen Regimes plötzlich wiederholt kundtaten, Israel würde unter dem Pretext potentieller Abweichungen des iranischen Atomprogrammes einen Krieg gegen den Iran beginnen, wenn von dritten Staaten nicht umgehend entschiedene Maßnahmen gegen Iran ergriffen würden. Dass das lediglich Theaterdonner war, der dem israelischen Regime verschiedene innen- und außenpolitische Zwecke erfüllte, aber nicht realistisch war, weil Israel zu politisch und militärisch schwach für einen Angriffskrieg gegen den Iran ist, ist leicht zu erkennen. Eines der wesentlichen Ziele des israelischen Theaterdonners dürfte darin bestanden haben, die günstige Gelegenheit, dass führende NATO-Staaten nach weiteren Möglichkeiten zur Schwächung Syriens suchten, zu nutzen, und de von Israel langgehegten Wunsch wahr werden zu lassen, Syrien und Iran durch Sanktionen zu schwächen. Und so erklärten die Führer Israels auch bald nach ihren Angriffskriegsankündigungen, scharfe Wirtschaftssanktionen gegen den Iran würden erst mal reichen, um Israel so zu besänftigen, dass Israel sich nicht umgehend selbst durch einen Angriffskrieg gegen den Iran ruinieren würde.

Nicht zuletzt um mehr Druck auf Syrien zu machen, kam das israelische Sanktionsverlangen gegen den Iran den Führungen der USA und der EU ganz recht, und so beschlossen sie und weitere Staaten in Rekordzeit Sanktionen gegen die iranische Ölindustrie und die iranische Schifffahrt und schnitten den iranischen Banksektor vom internationalen Zahlungsverkehr ab. Für die EU waren die Sanktionen gegen den Iran auch selbst durchaus schmerzhaft, unter anderem weil einige der südeuropäischen Krisenstaaten iranisches Erdöl verarbeiteten und mit der Lieferantenumstellung neben der schweren Rezession neue Kosten auf die dortige Industrie zukamen. Auch für die krisengeplagte französische Automobil-Industrie sind die Sanktionen gegen den Iran Gift, da der Iran eine Kooperation mit dem französischen Autobauer Peugeot hat, wodurch der Wegfall des Iran-Geschäftes Fabrikschließungen in Frankreich beschleunigt. Die EU insgesamt ist jedoch groß genug, als dass das Geschäft mit dem Iran nicht entscheidend ins Gewicht fällt, und die EU kann die ihrer Demut gegenüber der Israel-Lobby und den USA geschuldete Eigenlast der anti-iranischen Sanktionen tragen.

Die Türkei jedoch schloss sich den Sanktionen gegen den Energie- und Finanzsanktionen gegen den Iran, die dritte Staaten unter anderem mit dem Hintergedanken beschlossen hatten, um die von der Türkei geführten Bemühungen zum Regime Change in Syrien zu unterstützen, im Großen und Ganzen nicht an. Im Gegenteil, die Türkei bezieht sowohl Öl und Gas als auch Elektrizität aus dem Iran, und türkische Unternehmen exportieren viel und immer mehr in den Iran. im Jahr 2012 wurde der Iran zum nach Deutschland zweitwichtigsten Exportmarkt der Türkei, und auch die Importe aus dem Iran stiege weiter. Gehen der Türkei die Wirtschaftsverbindungen zum Iran verloren, drohen der Türkei Energieknappheit und Rezession, besonders nachdem die Türkei sich die Beziehungen zu ihrem Nachbarstaat Syrien bereits mit Sanktionen ruiniert hat. Sollte eine Rezession in der Türkei heftig und lang werden und als Ursache die feindselige Politik der türkischen Regierung gegen ihre Nachbarstaaten ausgemacht werden, dann könnte der Versuch der türkischen Staatsführung, in Syrien einen Regime Change herbeizuführen, über kurz oder lang zu Regime Change in der Türkei, nämlich zu einer Abwahl der türkischen Regierung führen. Die türkische Staatsführung versucht ihre schwache wirtschaftliche Poition, die in starkem Kontrast zu den großspurigen Tönen der türkischen Staatsführung steht, dadurch zu überspielen, dass sie, während sie die Achse Iran-Syrien in Syrien aktiv attackiert, der Bevölkerung ansonsten Freundschaft mit dem Iran vorspielt.

Wirtschaftlich noch wichtiger als der Iran ist Russland für die Türkei. Russland ist der wichtigste Erdgaslieferant der Türkei und türkische Unternehmen exportieren auch eine Menge Produkte nach Russland. Während die NATO-Staaten insgesamt wirtschaftlich vergleichsweise stark gegenüber Russland sind, würde die Türkei bei einem Wirtschaftskrieg der NATO gegen Russland wie zu den Zeiten des kalten Krieges zu den großen Verlierern gehören. Das türkische Ziel des Wirtschaftswachtums würde so völlig konterkariert werden. Doch genau um dieses Ziel, nämlich syrisches „Hinterland“ für den Aufstieg der Türkei zur Weltmacht zu gewinnen und die Türkei dadurch bis 2023 eine der zehn größten Wirtschaftsnationen der Welt werden zu lassen, geht es der Türkei bei ihrem Versuch, in Syrien ein türkisches Marionettenregime zu installieren. Deshalb versucht die Türkei in Bezug auf Russland, die Meinungsverschiedenheit zu Syrien diplomatisch von den türkischen Wirtschaftsbeziehungen mit Russland zu entkoppeln, ähnlich wie die Türkei das mit Iran versucht. So ist zu erklären, dass die Türkei Ende Dezember 2011 Russland die Transitrechte für die South Strem Pipeline durch die exklusive ökonomische Zone der Türkei im schwarzen Meer im Austausch für preiswerte russische Gaslieferungen in Türkei gewährt hat. Damit hat die Türkei dem Pipeline-Projekt Nabucco einen schweren, vielleicht sogar den entscheidenden, Schlag versetzt.

Nabucco war insbesondere von pro-israelischen Kräften in den USA und pro-amerikanischen Kräften in der EU, also den wesentlichen Partnern der Türkei beim Versuch des Regime Changes in Syrien, zur Umgehung Russlands projektiert worden. Die türkische Entscheidung zur Genehmigung von South Stream steht völlig im Einklang mit dem großtükischen Bestreben, die Türkei schnell zu einer großen und starken Industriemacht zu machen, denn dafür ist preiswerte Energie essentiell, aber gleichzeitig steht sie wie der ansteigende türkische Handel mit dem Iran in groben Widerspruch mit dem Bestreben der NATO/GCC/G7-Achse, Druck auf die Unterstützer Syriens zu machen, um zu einem pro-türkischen Regime Change in Syrien zu kommen. Die dahinter stehende Einstellung der türkischen Regierung ist, dass die Türkei stark, groß und wichtig ist, die türkischen NATO- und GCC-Partnerstaaten sich damit abfinden müssen, dass die Türkei sich im Stil einer Weltmacht so entschieden hat, und sie selbstverständlich die Pflicht haben, die Türkei weiter bei all ihren Bemühungen zum Regime Change in Syrien zu unterstützen. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass diese türkische Politik schon in der Anlage ein hohes Potenzial für Spannungen nicht nur mit Iran und Russland, sondern auch für Spannungen der Türkei mit den übrigen NATO-Staaten mit sich bringt. Das gilt erst recht angesichts dessen, dass die Türkei seit dem israelischen Überfall auf die Mavi Marmara auch Spannungen mit Israel hat, und damit die Israel-Lobby in den NATO-Staaten für Distanz von der Türkei sorgt. Doch zunächst ist es der Türkei gelungen, diese Spannungen so zu entkoppeln, dass sie keine negativen Auwirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen der Türkei haben.

In den türkisch-irakischen Beziehungen hat die diplomatische Entkoppelung hingegen nicht funktioniert, obwohl der Irak neben Deutschland und dem Iran zu den drei wichtigsten Absatzmärkten der Türkei gehört. Wie Abdullah Bozkurt, ein prominenter Kolumnist der regierungsnahen türkischen Zeitung „Today’s Zaman“, kürzlich mitteilte, war die türkische Außenpolitik der Türkei gegenüber dem Irak in den ersten Januarwochen 2012 davon geprägt, dass der türkische Regierungchef Erdogan Wut auf den irakischen Regierungschef hatte, weil der es gewagt hatte, den irakischen Spitzenpolitiker Tariq al-Hashemi wegen Terrorismusverdacht juristisch verfolgen zu lassen.

Was Abdullah Bozkurt da beschreibt, wie die türkisch-irakischen Beziehungen zerbrochen sind, ist mehr als nur bemerkenswert. Zunächst erklärt Abdullah Bozkurt, der türkische Regierungschef habe sich in die inneren Angelegenheiten des Irak eingemischt, indem er bei den Wahlen 2010 den wichtigsten Gegenkandidat des irakischen Regierungchefs unterstützt hat. Nach dessen Wahlniederlage, der von der türkischen Regierung als Sieg empfunden wurde, weil seine Partei relativ gesehen die meisten Stimmen bekommen hat, habe der türkische Regierungschef es jedoch in einem ganzen Großmut zähneknirschend akzeptiert, dass die demokratisch gewählte Mehrheit des irakischen Parlamentes den irakischen Regierungschef Maliki im Amt bestätigt hat.

Als die irakischen Justizbehörden gegen Tariq al-Hashemi, den irakischen Anführer einer ebenfalls von der türkischen Regierung unterstützten wahhabitisch-sunnitischen irakischen Splitterpartei, wegen des begründeten Verdachtes, er sei für Terroranschläge gegen die irakische Regierung und Bevölkerung im Irak verantwortlich, vorgegangen sind, ist der türkische Regierungschef Erdogan wütend auf den irakischen Regierungschef geworden. Erdogan hatte es dem Regierungschef des Irak nicht gestattet, die irakische Justiz im Irak gegen von der Türkei untertützte irakische Terroristen im Irak vorgehen zu lassen. Nach Meinung der türkischen Regierung bedarf es offenbar einer türkischen Erlaubnis, wenn die irakische Justiz im Irak gegen irakische Drahtzieher von Terrorismus im Irak vorgehen will. Die türkische Regierung fühlt sich bezüglich des Irak offensichtlich genau wie in Bezug auf Syrien als Kolonialmacht, die über der Regierung steht.

Die Vermutung liegt nahe, dass das daran liegt, dass sowohl das Staatsgebiet Syriens als auch das Staatgebiet des Irak bis vor 100 Jahren zum osmanischen Reich gehörten, und die türkische Regierung daraus in ihren Vorstellungen Beherrschungsrechte ableitet. Mit der Regierung von Staaten, deren Staatsgebiet früher nicht zum osmanischen Reich gehörte und die keinen historischen Bezug zum Türkentum haben, geht die türksiche Regierung respektvoller um.

Nachdem die irakische Justiz gegen den irakischen Terrorverdächtigen Tariq al-Hashemi vorgegangen ist, hat der Sunnit Erdogan dem Sunniten Hashemi Asyl gewährt und Maliki und Erdogan haben telefoniert. Dabei hat Erdogan den irakischen Regierungschef Maliki Abdullah Bozkurt zufolge angebrüllt, nach Strich und Faden beschimpft und beleidigt und ihm angedroht, es werde einen sektiererischen Terrorkrieg im Irak geben, wenn die irakische Justiz weiterhin gegen sunnitisch-wahhabitische Terroristen vorgehe, die von der Türkei unterstützt werden. Der prominente regierugsnahe türkische Kolumnist Abdullah Bozkurt schrieb in einem Artikel in der Today’s Zaman:

Erdogan und Maliki hatten eine sehr spannungsgeladene Konversation an dem Abend mit andauerndem Geschrei beider Seiten. Erogan wurde wütend als Maliki ihn wegen Einmischung in innere irakische Angelegenheiten kritisierte, warf den Hörer im Gesprach mit Maliki auf die Gabel, und klagte Maliki an, Yazid, der Erste, zu sein, den Kaliphen der Umayyaden, der für die Ermordung der Unterstützer und Verwandten des Enkels des Propheten Muhammad Husain ibn Ali in einer Schlacht im Raum des heutigen Irak im Jahr 680 verantwortlich war. … Erdogan benutzte die Gelegenheit, um Maliki mitzuteilen, dass die Türkei es nicht akzeptieren würde, was er mit den Koalitionpartnern in seiner Regierung mache. … er (Erdogan) warnte, dass der Irak in einen sektiererischen Bürgerkrieg fallen könne, in dem, was er einen „irreversiblen chaotischen Weg“ nannte.

Den Einwand des irakischen Regierungschefs, dass der Irak ein souveräner Staat ist, ließ Erdogan nicht gelten, auch dann nicht, als der Iran einen Vermittlungsversuch startete, um die Beziehungen zwischen dem Irak und der Türkei zu retten. Anstatt dem Iran dafür zu danken, dass der Iran versuchte, die Beziehungen der Türkei zur Regierung ihres zweitwichtigsten Absatzmarktes Irak zu retten, beschuldigte Erdogan den Irak, mit dem Iran zu konspierien, um den türkischen Versuch eines gewaltsamen Regime Changes in Syrien zu vereiteln. Dass der irakische Regierungschef Maliki aus seiner eigenen Biografie heraus seit Jahrzehnten über engste und herzlichste Beziehungen zur syrischen Regierung verfügt, wollte Erdogan nicht sehen.

Nachdem Erdogan mit Beleidigungen und Drohungen gegen den irakischen Regierungschef nicht weitergekommen ist, hat er dann zur Krönung seiner von großtürkischem Wahn geprägten Politik Abdullah Bozkurt zufolge US-Präsident Barack Obama angerufen, um von den USA Unterstützung bei seinem Versuch des Eingriffes in die irakische Souveränität zu bekommen. Dass der Irak sich gerade höchst mühevoll und unter Erbringung größter Opfer von der US-amerikanischen Besatzung befreit hat, und er mit seinem Anruf in Washington nochmals das irakische Kerninteresse der irakischen Staatssouveränität in besonders schwerer Weise mit Füßen getreten hat, hat Erdogan dabei offenbar nicht einmal bemerkt.

Nur Wochen nachdem die türkische Regierung die Beziehungen der Türkei zu ihrem aufgrund der lange gemeinsamen Grenze sicherheitstechnisch und als Absatzmarkt und Transitland fü die Türkei wichtigem Nachbarstaat Syrien ruiniert hat, hatte sie damit auch die Beziehungen zum Irak ruiniert. Atmberaubend ist dabei nicht nur der größtürkische und sektiererische Wahn der türkischen Regierung, der sie antreibt, sondern auch der Mangel an Professionalität, den die türkische Regierungsführung in Bezug auf den Irak, ihren zweitbesten Exportkunden und ihre einzige verbliebene Landverbindung in die arabische Welt, an den Tag gelegt hat. Das war völlig überflüssig, geschuldet nichts anderem als Arroganz, Unbeherrschtheit, US-gestütztem Größenwahn und sunnitischem Sektierertum seitens der türkischen Regierung.

Zwar funktionieren die wirtschaftlichen Beziehungen der Türkei zum Irak noch, doch es ist abzusehen, dass der Irak sich als Konsequenz aus dem feindlichen politischen Verhalten der Türkei um den Ersatz türkischer Importe durch Importe aus ihm freundlicher gesinnteren Staaten wie Iran, Syrien, Pakistan, Indien und China bemüht und dem Ruin der politischen Beziehungen eine Abkühlung der türkisch-irakischen Wirtschaftsbeziehungen bald folgt, wenn es in der Türkei keinen Politikwechsel gibt.

Sollte die türkische Regierung im Amt bleiben und weiter einen scharfen Kurs in Richtung einer geopolitscshen Blockkonfrontation zwischen den NATO/GCC/G7-Staaten und Syrien/Iran/Irak/BRICS steuern, kann die Türkei, deren Regierug sie zwar für eine starke Weltmacht hält, obwohl sie tatsächlich wirtschaftlich in einer sehr prekären Position ist, dabei wirtschaftlich zerrieben werden. Erste Anzeichen dieses Zerrieben-Werdens ist das jüngst von der EU beschlossene Importverbot von iranischen Gas, das, da die Türkei das einzige Transitland von iranischem Gas in die EU ist, in Wirklichkeit eine Sanktionierung der türkisch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen, also eine EU-Sanktion gegen die Türkei, ist. Genau an diesem Punkt zeigt sich, wie schwach und verletzlich die Türkei ist. Die Türkei hat keine Möglichkeit, den Druck der EU dadurch zu beantworten, dass sie ihrerseits schmerzhaften wirtschaftlichen Druck gegen die EU erzeugt. Forcieren Israel, die EU und die USA die Politik der gezielten Entfremdung der Türkei von ihrem drittwichtigsten Handelspartner Iran zukünftig weiter, muss die Türkei sich dem beugen, da ihre wirtschaftlichen Beziehungen zur EU für sie von allergrößter Bedeutung sind, und darf die wirtschaftlichen Konsequenzen dabei allein ausbaden. Ein potentielles Gegengewicht gegen Druck von USA und EU wären für die Türkei ihre südlich und östlichen wirtschaftlichen Beziehungen, also vor allem die Beziehungen zu Syrien, Irak, Iran und Russland, aber genau diese Beziehungen ruiniert die Türkei seit Monaten.

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