Versuch der massenmedialen Entfesselung eines Glaubenskrieges

Komplexe Konflikte lassen sich regelmäßig aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und beschreiben wie zum Beispiel Römer gegen Gallier, Deutsche gegen Tschechen, pro-amerikanische Kräfte gegen pro-sowjetische Kräfte, Badenser gegen Schwaben, Sozialisten gegen Neoliberale, Demokraten gegen Faschisten, Imperialisten gegen Anti-Imperialisten oder Kolonialisten gegen Nationalisten, um nur einige mögliche Perspektiven zu nennen. In jedem Konflikt sind regelmäßig mehrere Sichtweisen gleichzeitig mehr oder minder plausibel.

Als ganz besonders blutig und brutal haben sich in der Vergangenheit Konflikte erwiesen, die vornehmlich als rassistisch, ethnisch oder religiös dargestellt wurden. Genozide mit vielen Hunderttausend Toten waren bei solcherart portraitierten Konflikten in der Vergangenheit keine Seltenheit und oft waren es noch viel mehr.

Trotzdem gibt es immer wieder propagandistische Bemühungen, die politischen Hintergründe von Konflikten dadurch in den Hintergrund zu drängen, dass Konflikte durch rassistische, ethnische und religiöse Prismen wie zum Beispiel Tutsi gegen Hutu, Arier gegen Juden, Protestanten gegen Katholiken, Christen gegen Muslime oder Sunniten gegen Schiiten dargestellt.

Jeder Meinungsbildner, dem etwas daran liegt, schlimmste Massenmorde und Blutvergießen im großen Stil zu verhindern, wird sich hingegen bemühen, Konflikte nicht durch ein ethnisches, rassistisches oder religöses Prisma darzustellen, sondern die Beleuchtung eines Konfliktes auf die dahinterliegenden maßgeblichen politischen Konflikte zu konzentrieren.

In Bezug auf Syrien bemühen sich die NATO- und GCC-Staaten seit nunmehr einem Jahr, die dortige Regierung mit Terror und gezielt zusammengelogener Greuelpropaganda zu destabilisieren, auf diese Weise die guten syrisch-iranischen Beziehungen aufzubrechen und so indirekt Iran zu schwächen. Wie im Parteibuch bereits vor Monaten gezeigt wurden, versuchen saudische Fernsehkanäle seit Monaten offen, Salafisten zur Ermordung von Anhängern und Andersgläubigen der syrischen Regierung anzustacheln.

Die Propaganda gegen die syrische Regierung und ihre Unterstützer kostet längst nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb Syriens Menschenleben. Zuletzt starb der schiitische Imam Abdullah Dadou in seiner Brüsseler Moschee, die ein aufgehetzter Salafist angezündet hat.

Yavuz Özoguz macht
im „Muslim Markt“ unter dem Titel „Wie Imperialisten Sunniten gegen Schiiten aufhetzen und morden“ anlässlich dieses Mordes darauf aufmerksam, dass auch und gerade westliche Medien sich nach Kräften darum bemühen, in Syrien einen Glaubenskrieg zu entfesseln:

Die größte Unverschämtheit und Beleidigung des Islam und der Muslime besteht aber darin, solche Konflikte derart propagandistisch “auszuschmücken“, dass daraus ein Glaubenskrieg entstehen soll. Wer hat den westlichen Medien die Erlaubnis erteilt, die abtrünnigen Salafisten als “Sunniten“ zu bezeichnen? Welcher sunnitischen Rechtsschule gehören denn jene von den USA gezüchteten Fanatiker an?

Der Hintergrund der Portraitierung des Konfiktes in Syrien als Glaubenskrieg liegt auf der Hand. Da ein Großteil der Bevölkerung Syriens sich zum sunnitischen Zweig des islamischen Glaubens bekennt, der Präsident sich hingegen zum alawitischen Zweig des islamischen Glaubens zählt, bietet die Porträtierung des Konfiktes in Syrien als Glaubenskrieg den Befürwortern eines Regime Changes die Möglichkeit, ihre Seite als die Seite der Mehrheit darzustellen, die gerechterweise siegen wird. Wird der Konflikt in Syrien hingegen als Konflikt zwischen Anhängern Israels und Saudi Arabiens auf der einen Seite und Sympathisanten mit dem anti-kolonialen Widerstand auf der anderen Seite oder als Konflikt von Verfechtern des wahhabitischen islamischen Emirates gegen moderate Kräfte wahrgenommen, so befinden sich die Befürworter von Regime Change hingegen in der Minderheit.

Nach diesem Versuch der Massenmedien muss man nicht lange suchen. Die staatliche deutsche Propaganda-Sendung „Tagesschau“ hat am heutigen Donnerstag beispielsweise einen Ulrich-Leidholdt-Beitrag veröffentlicht, der mit einer Karte „Ethnische Gruppen in Syrien“ bebildert ist, wo Syrien in Zonen von Alawiten, Sunniten und Kurden aufgeteilt ist. Die Minderheit der Alawiten ist die tragende Säule des Regimes, das lässt morden, dagegen kocht der sunnitische Volkszorn und deshalb wird in Syrien in den nächsten Monaten noch viel mehr Blut fließen, das ist die Botschaft des Hetzartikels zur Karte.

Um zu verstehen, was die deutsche Tagesschau da macht, muss man sich nur einmal vorstellen, die staatliche syrische Nachrichtensendung würde eine „ethnische Karte der USA“ veröffentlichen, die die USA in Zonen von Juden, Schwarzen und Christen einteilt, und würde dazu obendrein die Juden zu mörderischen Unterdrückern erklären. Jeder vernünftige Mensch würde das völlig zurecht als Anstachelung zu religiösem und rassistischem Hass verurteilen. Aber wenn die Tagesschau so etwas mit Alawiten, Sunniten und Kurden in Syrien macht, dann wird diese Anstachelung zu religiösem und rassistischem Hass als Journalismus akzeptiert. Den internationalen politischen Hintergrund, dass es Israel und den NATO- sowie GCC-Staaten darum geht, Iran durch Regime Changes in Syrien zu schwächen, verschweigen Ulrich Leidholdt und die Tagesschau hingegen.

Den Versuch der massenmedialen Entfesselung eines Glaubenskrieges durch die Porträtierung des Konfliktes als religiöse Auseinandersetzung findet man natürlich nicht nur in der staatlichen Tagesschau. Auch in privaten Massenmedien ist der Versuch von Spin-Doktoren allgegenwärtig, einen sunnitisch-schiitischen Glaubenskrieg zu konstruieren.

So publizierte beispielsweise der Holtzbrinck-Verlag zur Ermordung des Brüsseler Imams Abdullah Dadou gerade eine AFP-Meldung, in der unter anderem folgende Sätze stehen:

Bereits im Jahr 1989 war ein Imam Opfer eines Mordanschlags in der belgischen Hauptstadt geworden. Damals erschoss ein Unbekannter den Leiter der Großen Moschee, den saudiarabischen Geistlichen Abdullah Muhammad al-Ahdal, sowie dessen Stellvertreter. Den belgischen Ermittlern gelang es nicht, die Tat aufzuklären.

Eine pro-iranische libanesische Gruppierung bekannte sich damals zu dem Mord an dem Imam, dem sie eine zu gemäßigte Haltung und seine Verurteilung von Khomeinis Fatwa gegen den Autor der „Satanischen Verse“, Salman Rushdie, vorwarf.

Selbst die Ermordung des Brüsseler Imams Abdullah Dadou nutzt AFP, um Propaganda zur Entfachung eines Glaubenskrieges zu machen. Die Erklärund dafür, dass AFP die Lüge über den Mord von 1989 in die Meldung mitaufgenommen hat, liegt darin, dass AFP versuchen will, seinen Konsumenten den falschen Eindruck zu vermitteln, es gebe einen inter-islamischen Religionskrieg, in dem pro-iranische schiitische Gruppierungen Sunniten ermorden und umgekehrt. Mit dieser Lüge soll die Tatsache vertuscht werden, dass saudische und westliche Medien mit der Verbreitung von Lügen erfolgreich versuchen, Salafisten zur Ermordung von Schiiten aufzuhetzen.

Doch AFP ist damit beileibe nicht allein. Eine einfache Google-Suche fördert zu Tage, dass Tausende von der NATO oder dem GCC nahestehende Medien in den unterschiedlichsten Sprachen die Ermordung des Brüsseler Imams Abdullah Dadou dazu nutzen, um diesen Mord als Teil eines mörderischen Religionskrieges zwischen Schiiten und Sunniten darzustellen, dem 1989 in Brüssel bereits der saudische Imam Abdullah Muhammad al-Ahdal zum Opfer gefallen ist. So schreibt der britische Telegraph zur Ermordung von Abdullah Dadou beispielsweise:

The attack was the first killing of an imam in Belgium since the 1989 assassination of Abdullah Muhammad al-Ahdal, who was murdered inside his own mosque by an Iranian group.

Zu deutsch heißt das etwa: „Die Attacke war der erste Mord eines Imams seit der Ermordung von Abdullah Muhammad al-Ahdal 1989, der in seiner eigenen Moschee von einer iranischen Gruppe ermordet wurde.“ Wer genau aufgepasst hat, der bemerkt einen Unterschied zwischen der Lüge von AFP und der vom Telegraph.

AFP schrieb, „eine pro-iranische libanesische Gruppierung bekannte sich damals zu dem Mord an dem Imam.“ Der Telegraph schrieb hingegen, er sei „von einer iranischen Gruppe ermordet“ worden. Was ist die Wahrheit?

Im Jahr 2008 berichteten Medien in Belgien, dass die Polizei basierend auf den von der Waffe hinterlassenen Spuren davon ausgeht, dass das Motiv für die Ermordung des im Brüssel tätigen saudischen Imams 1989 eher Korruption gewesen sein könnte, und der Tatverdächtige ein langjähriger Informant des belgischen Sicherheitsdienstes sei. Islam in Europe fasste das damals so zusammen:

At least three of the six murders ascribed to the Belgian terror suspect Abdelkader Belliraj had been committed with the same weapon, according to the criminal investigation done already in 1989.

In the late 80s Belgian detectives suspected there was a connection between the murder of the Saudi imam Abdullah Al-Ahdal of the Brussels Mosque, his Tunisian librarian Salem El-Behir and the Saudi embassy driver Jah al-Rasul. They were killed in 1989 with a 7.65mm pistol, a handgun often used by hired killers.

The police also found a motive for the attack. The victims apparently witnessed extensive fraud committed by personnel of the Saudi embassy in Brussels. Belliraj was interrogated, but nothing could be proven about it.

Meanwhile, HLN claims that Belliraj had served for years as an informant of the Belgian Security Service.

Auch der radikale Zionist Daniel Pipes nahm 2008 von der Behauptung Abstand, eine pro-iranische Gruppierung habe 1989 Abdullah Muhammad al-Ahdal ermordet. Er benannte dabei auch die libanesische Gruppierung, die sich 1989 zu dem Mord bekannt haben soll:

Soldiers of God (Jund Allah), a pro-Iran Beirut organization, claimed responsibility for the assassination.

Die von Israel und den USA unterstützte Terrororganisation Jundallah aus Belutschistan, die 2002 gegründet wurde und in den letzten Jahren durch Terroranschläge gegen Iran in Erscheinung trat, ist damit offensichtlich nicht gemeint. in den 80er Jahren gab es keine iranische Gruppe Jundallah. In den 80er Jahren gab es aber im Libanon eine Organisation, die sich selbst als Jundallah bezeichnete. 1989 war das 15. Jahr des libaneischen Bürgerkrieges. Im Libanon fand damals wie heute in Syrien ein Proxy-Krieg zwischen den von Israel und den NATO-Staaten unterstützten Faschisten der Falange, von Saudi-Arabien unterstützten Salafisten und Sunniten auf der einen Seite und von Syrien und Iran unterstützten Schiiten wie Amal und Hisbollah auf der anderen Seite statt. Die Anzahl militanter und terroristischer Gruppierungen im Libanon war zu jener Zeit groß, doch es lässt sich nur eine als Jundallah bekannte Gruppe finden.

Der Middle East Monitor gibt einen brauchbaren Hinweis auf die libanesische Gruppe Jundallah:

After the outbreak of the 1975-1990 civil war and the intervention of Syrian military forces, Al-Jama’a began to splinter. Although most Sunni Islamists in Lebanon saw the intervention as a nefarious power play by the Alawite-dominated (and therefore heretical) Syrian regime to subvert Sunni influence, in most areas of the country they acquiesced to Syria’s grip. In and around Tripoli, however, a host of radical Al-Jama’a offshoots inspired by the 1979 Islamic Revolution in Iran sprouted up. [3] In 1982, these factions formed Harakat al-Tawhid al-Islami (the Islamic Unification Movement). Most notably Ismat Murad’s Harakat Lubnan al-Arabi (Arab Lebanon Movement), Kanaan Naji’s Jundullah (Soldiers of God), and Khalil Akkawi’s Al-Muqawama al-Shaabiyya (Popular Resistance).

Ein Mann namens Kanaan Naji wird dort als Schlüsselperson der libanesischen Gruppe Jundallah bezeichnet, und der gehörte mit seiner Jundallah zu einer anti-syrischen Allianz. Über den Namen findet man weiteres heraus. Die LA Times schrieb 1985 passend dazu, dass die libanesische Jundallah von Kanaan Naji eine fundamentalistische sunnitische Gruppierung. Die New York Times berichtete 1987, Kanaan Naji habe gesagt, er weite seine „Militäroperationen“ gegen Syrien aus.

Unter „Militäroperationen“ einer kleinen Gruppe darf man im Kontext des libanesischen Bürgerkrieges getrost auch Terroranschläge subsummieren. Man mag das im Einzelfall abstreiten können, doch in Bezug auf ein Faktum sind die Berichte sehr schlüssig, stimmig und eindeutig: diese libanesische Gruppe Jundallah und ihr Chef Sheikh Kanaan Naji waren nicht pro-iranisch, sondern erbitterte Gegner der syrisch-iranischen Achse.

Wenn sich diese Gruppe Jundallah 1989 angeblich zur Ermordung des saudischen Imams in Brüssel bekannt hat, dann deutet, selbst wenn di Selbstbezichtigung wahr wäre, nichts daraufhin, dass es sich dabei irgendwie um eine pro-iranische Gruppe handelt.

Doch die Wahrheit interessiert die Massenmedien von NATO und GCC im Jahr 2012 nicht die Spur. Den in die Fußstapfen von Julius Streicher tretenden Verbrechern geht darum, Sunniten gegen Schiiten aufzuhetzen und so in Syrien einen mörderischen Glaubenskrieg zu entfesseln, und so schrecken zu diesem Zweck vor keiner noch so dreckigen Lüge zurück.

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5 Gedanken zu “Versuch der massenmedialen Entfesselung eines Glaubenskrieges

  1. Klasse Artikel, danke! (Nicht nur, weil ihr den meines Mannes erwähnt habt).

    Dieser vom Westen initiierte und von den wahabitischen Brandbeschleunigern befeuerte angebliche „Glaubenskrieg“, wie man uns weismachen will, tobt in Irak, Afghanistan, Pakistan schon seit Jahren, wie jetzt auch in Syrien. Besonders „beliebt“ sind hohe schiitische Gedenktage, um Massaker an Pilgern anzurichten, um möglichst viele Menschen zu treffen und Racheakte zu provozieren. Ayatollah Sistani hat aber Gott sei Dank seine Schiiten gut im Griff und verbietet Vergeltungsschläge.
    Danke auch für die Aufklärung über die angebliche „pro-iranische“ Jundullah. Ich wusste doch gleich, dass da was nicht stimmen kann. Warum sonst sollte man nach geschlagenen 23 Jahren diesen Anschlag wieder rausholen? Das muss man sich erst mal vor Augen halten:
    Da wird ein Imam getötet, und in den Medien heißt es unterschwellig „selbst Schuld“, und die Islamhasserszene freut sich diebisch. dass die „Musels“ sich – vermeintlich – gegenseitig umbringen. Und die gleichen Medien heulen Krokodilstränen, weil im Falle der von einer ominösen „NSU“ ermordeten Dönerbudenbesitzer erst mal Türken selbst verdächtigt wurden von wegen Schutzgelderpressung. Wird hier denn etwas anderes gemacht? Auch hier wird so getan, als handele es sich um eine Art „innerislamische Fehde“.

  2. Desinformation, Lüge, Suggestion, Propaganda pur, ein weiterer zusammengestümperter übler Wackelvideo- Bubenstreich der ARD Tagesschau 14 Uhr, Jahrestag Syrien, ab 9: 11 min.. Falls ich mich nicht täusche geht die „Explosion“ zu Anfang vom Dach ausgehend ( Zoom ! ) senkrecht nach oben und nicht wie bei einem Angriff zu erwarten wäre, von oben oder von scräg nach unten. Das gesamte zusammengeschnittene Machwerk, inklusive unterlegte Geräuschkulissen, könnte man problemlos auseinander nehmen. Die Verantwortlichen für derartige Hassbeiträge müssen ermittelt und zur Verantwortung gezogen werden

  3. „Die Einordnung von Fakten für den Zuschauer
    bzw. Online-Nutzer ist ein wichtiger Bestandteil der Berichterstattung“

    (Die Antwort der ARD 2010 auf meine Bitte um seriöse Berichterstattung.)

    Oder anders gesagt die Macher der Tagesschau nehmen sich heraus, nicht etwa objektiv Fakten darzubieten sondern auch die eigene Meinung mit diesen zu verweben:

    Die Tageschau hatte anlässlich der Flutkatastrophe in Pakistan in inzwischen bekannter Art und Weise, mit flammendem Blick und bebender Stimme über „islamistische Hilfsorganisationen“ berichtet die jetzt die Situation ausnutzten und den Opfern zu Hilfe eilen würden um das Land zu radikalisieren.

    Es ist erschreckend wie sehr sich die deutsche Berichterstattung in den letzten 20 Jahren auf die emotionale Ebene verlagert hat. Man merkt es wohl erst, wenn man im Ausland lebt wo alternative auch konträre Sichtweisen von den Medien nicht vollständig unterdrückt sondern diskutiert werden.

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