Krieg als Normalzustand

Seit 50 Tagen führen die NATO beziehungsweise NATO-Staaten zum Raub der libyschen Reserven und Ressourcen nun bereits offen Krieg gegen Libyen. Außer Leid, Tod und Hass ist dabei bisher nichts herausgekommen und ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Die Berichterstattung in den Massenmedien geht nun in die nächste Phase über.

Nachdem der Krieg gegen Libyen mit einem Dauerfeuer von unglaublichen Heldengeschichten über die Aufständischen und hasserfüllter Lügenpropaganda gegen die libysche Regierung erfolgreich gestartet wurde, verschwindet nun der hässliche Alltag des Krieges mehr und mehr aus den Schlagzeilen. Natürlich ist der Krieg nicht besser geworden, sondern genauso schreckich wie zuvor. Jeden Tag sterben in diesem Krieg Menschen. Jeden Tag bringen Aufständische Anhänger der Regierung um und umgekehrt. Jeden Tag bombardiert die NATO in Libyen weitere Menschen, um zu verhindern, dass es Frieden gibt, bevor ein Sieg nach dem Geschmack der NATO erreicht ist. Und trotzdem berichten die Medien immer seltener über den Krieg.

Die Medien verschweigen nicht mehr nur die Kriegspropaganda störende Fakten wie die Zusammenkunft von Stammesvertretern, die gerade in Tripolis stattfand, oder die erneute, gegen das UN-Waffenembargo verstoßende Lieferung von Waffen durch Katar, sondern auch die vormals heroisch beschriebenen Taten der Aufständischen und die vormals in jedem Detail genüsslich ausgebreiteten angeblichen Schandtaten der Anhänger der Regierung.

Nun, wo der Krieg erfolgreich ins Rollen gebracht wurde, ist der Krieg gegen Libyen nicht mehr wichtig genug für die permanenten Berichte an prominenter Stelle. Die Berichte werden seltener und kleiner und der Krieg wandert in den Medien genau wie die Kriege gegen Afghanistan und den Irak langsam aber sicher auf die hinteren Seiten, was nur durch immer seltenere Ausnahmen durchbrochen wird. Der Krieg ist zum Normalzustand geworden.

Seit einer Woche beherrscht ein anderes Thema die Schlagzeilen, nämlich die von der US-Regierung behauptete Ermordung eines seinerseits des Mordes verdächtigen Mannes durch Soldaten der USA in Pakistan. Genüsslich wird das, was da angeblich geschehen ist, in zahlreichen Schlagzeilen ausgebreitet, selbstverständich auch mit zahlreichen Kommentaren wichtiger Leute versehen, damit die Menschen unter verschiedenen Möglichkeiten auswählen können, was sie denken dürfen.

Das, was die Menschen nicht denken sollen, wird weggelassen. Daran, dass in den von NATO-Staaten entfachten Kriegen gegen Afghanistan, Irak und nun auch Libyen täglich Menschen sterben, sollen die Menschen ieber nicht denken. Die Frage, ob Krieg als Normalzustand sinnvoll ist, sollen sich die Menschen lieber nicht stellen.

Einige wenige Kommentatoren in nicht gleichgeschalteten kleinen Medien machen sich die Mühe, sich damit ernsthaft zu beschäftigen, was sie nciht denken sollen. Paul Craig Roberts zum Beispiel stellt die sinnvolle Frage, welche Agenda oder welche Ziele mit dem „Tod bin Ladens“ weiterbefördert werden? Richtigerweise macht er darauf aufmerksam, dass durch die Ermordung Bin Ladens Obamas Popularitätswerte steigen, da ihm dadurch nun mehr Amerikaner die positive Eigenschaft zuschreiben, ein ebenso fähiger wie eiskalter Killer zu sein. Richtigerweise erklärt er auch, dass damit, dass Osama bin Laden nun für Tod erklärt wurde, Barack Obama es leichter haben wird, US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen und dabei gleichzeitg den Sieg zu erklären. Und richtigerweise erklärt er auch, dass es nicht danach aussieht, als würden die USA deswegen nun ihr gigantisch aufgeblähtes Militärbudget ernsthaft reduzieren wollen.

Auf die naheliegende und bereits mehrfach öffentlich postulierte Agenda, die von den USA nun, nachdem Osama bin Laden für erschossen erklärt wurde, aller Voraussicht nach weiterverfolgt werden wird, ist Paul Craig Roberts leider nicht gekommen. Aber immerhin erklärte Paul Craig Roberts, die Menschen mögen aufmerksam sein, und im Kopf zu haben, dass das meiste von dem, was man in den Massenmedien hört, dem Zweck dient, diese Agenden weiter zu treiben.

Ryan Lizza war bezüglich der Agenda in seinem kürzlich im New Yorker erschienen Artikel, mit dem er Obamas Angriffskrieg gegen Libyen verherrlichen wollte, der eine weitere Abweichung von dem ist, was die USA außenpolitisch wollen, recht offen.

Hier sind einige Aussagen direkt aus der Administration von Obama in dem Artikel:

Eine der vorrangigen Überzeugungen Donilons, die Obama sich zu eigen gemacht hat, war, dass Amerika seine Reputation wiederaufbauen, sich aus dem Nahen Osten und Afghanistan herauswinden, und seine Aufmerksamkeit auf Asien und den ungehiderten Einfluss Chinas in der Region richten muss. Amerika sei „übergewichtet“ in ersterem und „untergewichtet“ in der zweiten, sagte Donilon. „Wir sind ein wenig auf einem Umweg im mittleren Osten gewesen im Verlauf der letzten zehn Jahre“, sagte Kurt Campbell, der stellvertretende Staatssekretär für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten. „Und unsere Zukunft wird völlig und grundsätzlich von Entwicklungen in Asien und im pazifischen Raum bestimmt werden.“

In einem weiteren Zitat ist die Außen- und Millitärpolitik Obamas nochmal in Kurzform erläutert:

„Das Projekt der ersten beiden Jahren war, effektiv mit den geerbten Altlasten umzugehen, insbesondere dem Irak-Krieg, dem Afghanistan-Krieg und dem Krieg gegen Al Qaida, während wir uns gleichzeitig mit der Neuausrichtung unserer Ressourcen und unserem Ansehen in der Welt befassen,“ sagte Benjamin Rhodos, einer von Obamas stellvertretenden Beratern für nationale Sicherheit. „Wenn Sie das auf einen Autoaufkleber herunterführen wollen, ist es: ‚Die beiden Kriege herunterfahren, amerikanisches Ansehen und Führung in der Welt wiederherstellen, und sich konzentrieren auf eine breitere Gruppe von Prioritäten, von Asien über die globale Wirtschaft bis zu einem nuklearen Nichtverbreitungsregime.“

Richard Nathan Haass, der Chef vom einflussreichen Council on Foreign Relations, macht das Ziel, und die Kritik in den USA, dass das, was zur Erreichung des Ziels zu tun ist – nämlich raus aus Afghanistan und die US-Kräfte auf den Asien-Pazifik-Raum und dort insbesondere China zu konzentrieren -, in einem weiteren Zitat nochmal deutlich:

„Die USA haben sich auf einer größeren Umweg im Mittleren Osten begeben, größtenteils durch einen Krieg der Wahl im Irak und, was im Jahr 2009 ein Krieg der Wahl wurde, in Afghanistan“, sagte Haass. „Afghanistan ist völlig unvereinbar mit der Fokussierung von Zeit und Ressourcen auf Asien. Wenn es Ihr Ziel ist, sich neu ausrichten, die US-Politik zu refokussieren oder neu zu verteilen, so ist das Bemühen der Regierung dabei im Moment mehr ein Rhetorisches als ein Tatsächliches.“

Die USA wollen ihre militärischen Kapazitäten in den Asien-Pazifik-Raum umgruppieren, weil die wirtschaftliche Stärke der dortigen Länder enorm zugenommen hat und es absehbar ist, dass sie weiter zunehmen wird. Auf die dort aufkommenden neuartigen Bedrohungen Cybersicherheit, Klimawandel und Terrorismus reagieren die USA einem Vortrag der zuständigen Staatssekretärin zufolge mit Programmen für Langstreckenraketen, Raketenabwehrsystemen sowie Aufklärungsflugzeugen mit großer Reichweite. Die Staatssekretärin erklärte zwar, zu einem Krieg der USA gegen China werde es nicht zwangsläufig kommen, aber das hängt eben maßgeblich davon ab, ob China die USA als alleinigen Herrscher über den wichtigen Asien-Pazifik-Raum anerkennen. Und genau deshalb, um China mit militärischer Stärke, Proxykriegen und möglciherweise auch direkten US-amerikanischen Aggressionen gegen China in die Unterwerfung zu zwingen, wollen die USA ihr Militär aus den vergleichsweise unbedeutenden Ländern Afghanistan und dem Irak in den Asien-Pazifik-Raum umgruppieren. Nach der Zerstörung Afghanistans und des Iraks planen die USA bereits die nächsten Kriege, und die sollen diesmal im Asien-Pazifik-Raum stattfinden.

Ständig neue Kriege vom Zaun zu brechen ist die Agenda, denn außer Terror, Krieg und Militär haben die USA nichts, was ihnen ihre bisherige Stellung in der Welt noch eine Weile sichern könnte. Die Öffentlichkeit im NATO-Raum darf sich bereits jetzt darauf einstellen, demnächst mit Meldungen von heldenhaften „Rebellen“ und grausamen „Diktatoren“ im ostasiatischen Raum geflutet zu werden, aufgrund derer eine US-geführte NATO-Koalition unterstützt von einigen regionalen Lakaien aus Gewissensgründen nicht anders kann, als dort militärisch zu intervenieren.

Selbst wenn die Geschichten über den dringenden Kriegsbedarf in Ostasien in den westlichen Medien ähnlich absurd sein werden, wie die Geschichten, mit denen diese Medien vor den Kriegen gegen Afghanistan, Irak und Libyen die Gehirne der Menschen zugematscht haben, wird kaum jemand in der westlichen Welt gegen diese kommenden Stellvertreterkriege gegen China aufbegehren, denn Krieg an sich ist schon jetzt Normalzustand, nichts besonders Verwerfliches mehr, und das gilt natürlich um so mehr für Kriege, die für einen guten Zweck geführt werden.

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4 Gedanken zu “Krieg als Normalzustand

  1. Liebe Redaktion,
    Heute, am Tag der Befreiung bzw. Tag des Sieges wünsche ich mir zusammen mit vielen Russen einen Tages des Sieges für Tripolis. Dies klingt sehr unwahrscheinlich, dennoch stirbt die Hoffnung nicht. Von den Russen ist ein Brief an Muammar al Gaddafi initiiert worden, den Menschen aus vielen Ländern unterschrieben haben, die internationale Solidarität wächst, auch wenn es aus meiner Sicht hätte schneller gehen müssen . . . Die Redaktion dieses Blogs hat mit ihren Texten sehr viel dazu beigetragen, daß eine andere Sicht der Dinge im deutschsprachigen Raum aufgezeigt wird. Dafür meinen Dank. Wir dürfen nicht die Hoffnung verlieren, die Libyer kämpfen so tapfer und intelligent, obwohl die Übermacht so groß ist.
    Herzliche Grüße
    Marlene Tiger

  2. @Marlene Tiger
    Die hier aufgezeigte Analyse bietet sogar einen kleinen Hoffnungsschimmer für Libyen. Weil die US-Bestie nach Asien weiterziehen will, könnte sie von Libyen ablassen. Das gilt allerdings leider nicht für die Bestien UK und Frankreich, die wollen Libyen mit aller Macht wieder kolonialisieren, um Libyen auszurauben.

  3. Warum sollte eigentlich Gaddafi nicht eine Partei gründen und sich in demokratischen Wahlen zur Wahl stellen dürfen? Nein, die Libyen Kontaktgruppe sagt „Gaddafi mus weg“, klingt für mich nicht sehr demokratisch. Das allerdings ist das Grundprinzip des Empire: Beende jeden Konflikt so, dass im Kern bereits der nächste sichergestellt ist.

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