Heute wird in Deutschland niemand mehr wegen Wehrkraftzersetzung belangt

Der humanistische Pressedienst hpd machte am 20. April in einer Meldung auf die Anti-Kriegs-Ausstellung „teilen statt kriegen“ in München von Wolfgang P. Kastner aufmerksam.

Der hpd berichtet dazu unter anderem:

Einige der Fotos, die von außen durch ein Schaufenster sichtbar waren, stammen aus dem 1924 erschienenen Buch von Ernst Friedrich („Krieg dem Kriege“), die im Berliner Antikriegsmuseum 1924 bis 1933 gezeigt wurden. Diese Fotos können durchaus starke Emotionen hervorrufen und Kinder und Jugendliche davon abhalten, Kriege als harmlose Geschehen zu verstehen, mit Waffen zu spielen oder Soldat zu werden (Beispiel-Bild als pdf). 1924 gab es keine Probleme mit der Polizei – die SA schlug allerdings mehrfach die Scheiben des Antikriegsmuseums ein.

Einige Jahre später wäre man dafür in Deutschland sicherlich wegen Wehrkraftzersetzung belangt worden.

Der hpd berichtet weiter über die Münchener Ausstellung von Wolfgang P. Kastner:

Nachtrag, Do. 21.4.2011:

Die Polizeiinspektion 43 München ermittelt gegen den Künstler Wolfram P, Kastner wegen seiner Ausstellung „teilen statt kriegen“, in der er drei Tage lange Kunst gegen Krieg zeigte.

Sie wirft ihm vor, „folgende Ordnungswidrigkeit(en) begangen zu haben: OWiG – sonstige Art (Par. 112 -130 OWiG) (Belästigung der Allgemeinheit)“.

„Durch die öffentliche Zuschaustellung der Kriegsbilder haben sie gem.3 118 OWiG die Allgemeinheit belästigt.“ (unverändertes Zitat aus dem Schreiben des POM Götz BY8543-005025-11/5).

Heute wird in Deutschland niemand mehr wegen Wehrkraftzersetzung belangt. Was in Deutschland heute Kunst ist, bestimmen die Gerichte.

5 Gedanken zu “Heute wird in Deutschland niemand mehr wegen Wehrkraftzersetzung belangt

  1. Schon eigenartig – wie soll denn die Kunst jemanden belästigen in einer Galerie? Können ahnungslose Besucher sich erschrecken?
    Also ich gehe mal davon aus, dass man weiß was man sich anschauen will und bei dem Thema auf einiges gefaßt ist.
    Ist ja fast wie bei Erdogans Armenierdenkmalabriß. Wobei der Tayyip ja sonst mein Schatz ist.

    Liebe Grüße, Meryem

    1. Die Verlautbarungen aus dem Umfeld Kastners ignorieren leider völlig, dass es sich eben NICHT um eine Kunstgalerie oder Ähnliches handelt, sondern um einen von außen gut einsehbaren Raum („SchauRaum“) in einem Wohnquartier, an dem auch kleinere Kinder auf dem Weg zum Spielplatz vorbeikommen – durchaus auch alleine, weil es sich trotz der Innenstadtlage um ein sehr ruhiges und sicheres Wohnquartier handelt, in dem auch kleinere Kinder häufig alleine unterwegs sind. Konkret war es offenbar so, dass mindestens ein Kind zufällig auf die Bilder stieß und völlig verstört nach Hause kam; das ist aus einem Text zu schließen, den die empörten Eltern am Schauraum hinterlassen haben.
      Kastner war nicht bereit, sich auf brauchbare Änderungen in der Art der Bilderpräsentation einzulassen. In der nachfolgenden Diskussion mit verschiedenen Beteiligten und Anwohnern war er ebenfalls in keinster Weise bereit, sich auf sachliche Argumente einzulassen; stattdessen hat er die Kritiker eher als lachhafte Hysteriker dargestellt. Selbst wenn er sonst gute Aktionen machen mag, disqualifiziert ihn dieser Umgang mit – sachlich begründeter – Kritik an seiner Arbeit.

      Eine Anwohnerin

      1. Oh, ja, so ist das. Die Raktion der Anwohner zeigt deutlich, wohin sich Deutschland inzwischen entwickelt hat. Nicht Krieg ist das Problem, sondern dass Deutsche sich durch das Sichtbarmachen des Kriegs gestört fühlen. Deutschland ist schon wieder viel weiter auf dem Weg in eine kriegerische faschistische Gesellschaft als in den 20er Jahren.

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