Gute Nachrichten von der libyschen Ostfront in deutschen Medien

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gab sich wieder mal selbstsicher. In aller Deutlichkeit forderte sie am gestrigen Freitag den libyschen Revolutionsführer Muamar Gaddafi definitiv zum Rücktritt auf. Unter Führung der Briten und Franzosen, die als die wichtigsten ehemaligen Kolonialmächte ein Gewohnheitsrecht haben, darüber zu bestimmen, wer in welchem Land Afrikas regieren darf und wer nicht, forderte der EU-Gipfel zu Libyen kurz darauf auch den Rücktritt von Muamar Gaddafi. Und auch US-Kriegsfürst Barack Obama, zu dessen Aufgaben als Regierungschef der einzigen Supermacht es natürlich gehört, überall in der Welt darüber zu bestimmen, wer wo regieren darf, und wer nicht, forderte gestern nochmals den sofortigen Rücktritt von Muamar Gaddafi, und fügte im Cowboy-Sprachstil von Bush-Junior hinzu, die „Schlinge der USA und der internationalen Gemeinschaft“ zöge sich mehr und mehr um Muamar Gaddafi zusammen.

Solche Forderungen mögen zwar prinziell ähnlich illegitim erscheinen, wie wenn die afrikanische Union und Raul Castro aus Kuba fordern würden, Bundeskanzlerin Merkel müsse sofort zurücktreten, aber Meldungen in der deutschen Presse, die auf die militärische Lage an der Front in Libyen eingingen, konnte der geneigte Leser zusätzlich entnehmen, dass die Kräfte von Muamar Gaddafi ohnehin nicht vorankommen bei ihrem Versuch, die Kontrolle über das ganze Land wiederzugewinnen.

So berichtete Spiegel Online gestern Nachmittag unter Berufung auf Agenturen: „Rebellen erobern Ölstadt Ras Lanuf zurück“. Ras Lanuf weit im Osten von der Hauptstadt Tripolis, das ist, nachdem die Regierungskräfte wieder die Kontrolle über die Stadt Zawiyah im Westen übernommen haben, die Front. Auch Springers Welt berichtete mit Uhrzeit 17:23h im Ticker unter Berufung auf einen „Aufständischen-Kämpfer“, der sich bei A Jazeera meldete: „Die Aufständischen in Libyen haben den Ölhafen Ras Lanuf im Osten des Landes nach eigenen Angaben wieder zurückerobert.“ Die Rheinische Post zeigte später, das sie deutsche Zeitungen lesen kann, und meldete am Samstagmorgen um 02:30h stolz: „Rebellen in Libyen haben gestern ihre Positionen im Ölhafen von Ras Lanuf gegen die Truppen von Machthaber Muammar al Gaddafi verteidigt.“ Wer sich die Mühe macht, und im gestrigen englischsprachigen Live-Blog des vielgerühmten Nachrichtensenders Al Jazeera aus der Golfdiktatur Katar nachschaut, was sich gestern in Libyen militärisch getan hat, der kann dort nachlesen, dass die Aufständischen in oder bei Ras Lanuf gestern heldenhaft kämpften, findet dort allerdings keine Aussage über das Ergebnis der Kämpfe.

So sahen die deutschsprachigen Nachrichten von den großen Schlachten und Siegen der Aufständischen in Libyen gestern aus. Wer das liest, der kann leicht auf den Gedanken kommen, dass Muamar Gaddafi und seine Anhänger den Krieg gegen die Aufständischen praktisch schon verloren haben. So schlecht, wie die Lage für Muamar Gaddafi und seine Anhänger demnach militärisch aussieht, kann er eigentlich nur noch flüchten. Recht haben sie demnach, die Angela Merkel und ihre Freunde.

Es scheint vielleicht so zu sein, doch die Wahrheit ist eine andere. Die guten Nachrichten von der libyschen Ostfront in deutschen Medien sind Lügen. Wer vorgestern etwas aufgepasst hat, der mag sich erinnern, dass der Chef der Geheimdienste der USA, James Clapper, trotz der vielen Nachrichten von den großen Siegen der Rebellen in westlichen Medien mit einem Sieg Gaddafis rechnet. Wie konnte er nur? Die Antwort ist einfach: James Clapper hat seine Informationen, die er als Basis seiner Einschätzung der Lage nicht aus deutschen Medien.

Die deutschen Medien haben ihre Informationen hingegen etwas ausgehübscht von Agenturen abgeschrieben, die Agenturen haben sie etwas aufgehübscht von Al Jazeera abgeschrieben und Al Jazeera hat sie vom Hörensagen sowie anonymen Telefonanrufern und lässt dabei unangehme Fakten, die gegen die Siegchancen der Aufständischen sprechen, wo immer er geht einfach weg, um die Moral der Aufständischen nicht zu untergraben.

Wer die Wahrheit darüber wissen möchte, was gestern in Ras Lanuf passiert ist, wird zum Beispiel in der Globalpost fündig. „Gaddafis Kräfte drücken, wärend die Reihen der Aufständischen kleiner werden“, heißt der dort publizierte Artikel. Globalpost-Reporterin Nichole Sobecki war am gestrigen Freitag am Checkpoint rund fünf Kilometer östlich von Ras Lanuf, der gestern die Front der Aufständischen bildete, die derzeit den Osten Libyens beherrschen. Dass sie vor Ort war, belegte Nichole Sobecki mit elf Fotos, die nicht den Eindruck machen, als seien es die üblichen gestellten Propagandafotos vom heroischen Krieg. Gleich auf dem ersten Foto sind eine große Rauchsäule am Rande des Checkpoints und Männer, die panisch wegrennen, zu sehen. „Regierungskräfte führen am 11. März 2011 einen Luftangriff aus, der einen Checkpoint in der Nähe der Ölraffinerie von Ras Lanuf trifft, wobei zwei Rebellen getötet werden,“ steht darunter trocken. Auf einem anderen Foto sind einige GRAD-Raketen, die besten Artilleriewaffen der Aufständischen, zu sehen.

Im Artikel erklärt die Reporterin, dass durch den Bombenangriff ein Waffenlager in einer Ecke des Platzes getroffen worden sei. Hier sind einige Schlüsselstellen aus ihrem Artikel, übersetzt ins Deutsche:

Der Kampf begann während des Nachmittagsgebetes. Als die Rebellenkämpfer knieten, ihre Augen gen Mekka, begannen Explosionen von Raketen und Panzergranaten zum Ras Lanuf Checkpoint zu kommen. Regierungskräfte attackierten, die drückten nach Osten von ihren Positionen in der Stadt. Am Ende des Tages wür de die Position nahe der Ölraffinerie die Szene von einem chaotischen und schnellen Rückzug der Rebellen sein. … Dicker, schwarzer Rauch stieg aus einem Öltank in der Raffinerie von Ras Lanuf, die getroffen worden war. Er war gemixt mit von den Rebellen angezündeten brennenden Reifen, die damit versuchten, sich Deckung vor Luftangriffen zu verschaffen, und dem regelmäßigen Krachen von Granaten und Artilleriefeuer. … Als der Kampf sich zum Ende neigte, war die Anzahl der oppositionellen Kräfte verringert, sie fiel von etwa 1000 gestern auf einige Hundert heute.

Fehlende Sympathie für die Aufständischen kann man Nichole Sobecki sicher nicht nachsagen, doch ihr Bericht zeigt, dass sie nicht in der Lage sind, ihr Terrain in der Wüste zu halten, geschweige denn, wie vor Wochen angekündigt ins viele Hundert Kilometer entfernt liegende Tripolis zu vorzurücken.

Auch Jon Lee Anderson war am gestrigen Freitag am Checkpoint in Ras Lanuf. Er berichtet unter dem Titel: „Libyen: Furcht vor dem Zusammenbruch“ unter anderem folgendes:

Nach dem gestrigen Verlsut der Stadt Ras Lanuf an Gaddafi’s Militär wurde der Raffeneriekomplex der Stadt – etwa zehn Meilen östlich davon – zum neuen Fokus des Kampfes. In einem den Tag andauernden Gefecht zwischen einer um vieles verkleinerten Anzahl von Kämpfern, die sich um eine Anzahl von Gebäuden am Straßenrand und einer Moschee versammelten, kam der Angriff der Regierung langsam, methodisch und gnadenlos. Er bestand aus einer Reihe von Bombardements, Wellen von Artillerie- und Raketenfeuer, und endete, kurz vor Sonnenuntergang, in einer Flucht der Kämpfer Hals über Kopf unter dem Hagel von Raketenfeuer, als Gaddafis Truppen mit neuer Entschossenheit vorzurücken schienen.

Auch Jon Lee Anderson kann man einen Mangel an Sympathie für die Aufständischen sicher nicht vorwerfen. Auch Charles Levinson vom Wall Street Jounal war gestern an der Front in Ras Lanuf. In seinem Bericht, der unter dem Titel „Flüchten vor Gaddafis Kräften in Ras Lanuf“ veröffentlicht wurde, schreibt er zwar, dass einige Tausend Kämpfer die Autobahn verstopften, aber ansonsten zeugt auch sein Bericht davon, dass die Aufständischen gestern Hals über Kopf gefüchtet sind. Ansonsten legt er Wert darauf zu zeigen, wie es um die militärischen Fähigkeiten der Aufständischen bestellt ist.

Die Quintessenz ist etwa folgende: Einige Kämpfer gehen nach Hause, weil sie keine Lust haben, für Öl zu sterben, andere fahren die Straße entlang und gehen dann irgendwo in Position, wo sie es für richtig halten, Ärzte berichten, dass viele Kämpfer verletzt werden, weil sie bei hektischen Fluchtaktionen zusammenstoßen oder sich sonstwie verletzten, ein anderer Kämpfer kommt auf der Straße vorbei, und fragt Umherstehende nach einer RPG, wobei überhaupt nicht klar ist, wozu er die RPG braucht und ein weiterer Mann, der mit einem Funkgerät ausgestattet ist, gibt vorbeikommenden Anweisungen, um die sich kaum jemand kümmert und ein weiterer Mann erklärt, dass die Kinder keine Erfahrung mit den schweren Waffen hätten. Jon Lee Anderson beendet seinen Bericht, in dem er dem kommentarlos die Selbsteinschätzung der Rebellen gegenüberstellt: „Das Problem sind die Flugzeuge, man kann sie nicht sehen, man kann sie nicht bekämpfen,“ habe Mohammed al-Hodery, 35 gesagt.

Es wäre dringend an der Zeit, dass mal jemand den Aufständischen die Wahrheit darüber sagt, was ihre militärischen Chancen angeht. Vielleicht lässt sich immer noch ein Waffenstillstand und ein höherer Grad an Autonomie für den Nordosten Libyens aushandeln. Damit, den Aufständischen zuviel Hoffnung auf einen Sieg zu machen, tut ihnen niemand einen Gefallen. Im Gegenteil, Illusionen vom großen Sieg zu schüren, führt zu weiterem ebenso bitteren wie vergeblichen Blutvergießen.

Nachtrag 07:00h: dpa hat inzwischen auch mitbekommen, was gestern in militärischer Hinsicht in Libyen passiert ist und meldet: „Elitetruppen erobern weitere Städte zurück“

3 Gedanken zu “Gute Nachrichten von der libyschen Ostfront in deutschen Medien

  1. Betrugs-Nachrichten über Libyen auf Yahoo-new und AFP

    Die kriegstreibenden Nachrichtenfälscher Yahoo-news und AFP verbreiten wieder mal Falschnachrichten in ihren Überschriften wie
    Kadhafi hat einen Selbstzerstörungsplan für die Hauptstadt – gemäß russischem Gesandten
    siehe http://news.yahoo.com/kadhafi-suicide-plan-capital-russia-envoy-073025509.html

    Diesmal läßt sich das aber durch den Artikeltext selbst widerlegen – denn:

    Entgegen diesem *Fakt* in der Überschrift, steht im Artikel selbst aber nur „Ich kann mir *vorstellen* (!), dass das Gaddafi-Regime so einen Plan hat“ – genug Raketen haben sie.

    So einen offensichtlichen , leicht nachweisbaren Betrug möchte ich Euch nicht vorenthalten und bitte um Weiterverbreitung!

    Cheap and dirty war mongering news fraud from Yahoo and AFP:
    They turn imaginations of a russian into facts about Kadhafi intentions and are circulation this fraud in their headlines.

    The title says:Kadhafi has \’suicide plan\‘ for capital: Russia envoy says. But in the article he just says \“I imagine that the Kadhafi regime does have such a suicidal plan,\“ without any mentionned reason for his imagination, except that he has enough rockets.

    http://news.yahoo.com/kadhafi-suicide-plan-capital-russia-envoy-073025509.html

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