Ein islamisch-afrikanischer Krieg droht

In Libyen ist Krieg. Man mag das zwar formell anders nennen, aber wo Maschinengewehre rattern, Geschütze donnern und Menschen in großer Zahl zur Front eilen und viele davon sterben, da ist de facto Krieg. Anti-Gaddafi-Kräfte kämpfen bewaffnet gegen Pro-Gaddafi-Kämpfe und umgekehrt. Bewaffnete Anti-Gaddafi-Kräfte haben gestern die Städtchen Ras Lanuf im Osten zurückerobert und bewaffnete Pro-Gaddafi-Kräfte haben derweil das Städtchen Az Zawiyah im Westen zurückerobert. Dutzende Menschen sind allein gestern wieder gestorben.

Nachdem Mein Parteibuch vor etwas mehr einer Woche eine erste Analyse des Konfliktes in Libyen und der daran beteiligten Parteien geliefert hat, die den Schwerpunkt auf das erkennbare Anheizen des Aufstandes durch die USA und verbündete imperialistische Mächte folgt nun ein zweiter analytischer Blick, der die jüngere Entwicklung und weitere Erkenntnisse berücksichtigt und dabei die vorherige Einschätzung in wesentlichen Teilen korrigiert.

Es ist eine seltsame Situation, wenn die USA, die EU, der Iran, arabische Diktaturen wie Katar und Saudi-Arabien sowie arabische Befreiungsbewegungen wie die Hisbollah an einem Strang ziehen. Allen diesen Kräften gemeinsam ist die öffentlich vertretene Forderung, entweder direkt durch Regierungsvertreter oder indirekt durch von ihnen kontrollierte Medien indirekt geäußert, danach, dass der libysche Revolutionsführer Muamar Gaddafi weg muss. Friedensverhandlungen sind von dieser Seite nicht erwünscht, sofern Muamar Gaddafi in Tripolis an der Macht bleibt.

Diese seltsame Koalition lässt erahnen, dass hinter der Forderung nach der Entmachtung von Muamar Gaddafi trotz jeweils ähnlicher Rhetorik von Menschenrechten nicht überall deckungsgleiche Interessen, Erwartungen und Hoffnungen stehen. Es macht deshalb Sinn, sich die jeweils dahinterstehenden Interesssen und Hoffnungen genauer anzuschauen.

Daraus, dass sowohl die Kräfte der Regierung als auch die Aufständischen in den letzten Tagen ein vergleichbar miserables Verhältnis zu Menschenrechten offenbart haben, kann man getrost schließen, dass die unmittelbare Durchsetzung von Menschenrechten in diesem Konflikt, wenn überhaupt, dann jedenfalls keine besonders große Rolle spielt. Demonstranten wurden von Kräften der Regierung erschossen, gefangene Sicherheitskräfte von Aufständischen gelyncht und Menschen mit schwarzer Hautfarbe von beiden Seiten gejagt und ausgeraubt. Die Erkenntnis, dass Menschenrechte in kriegerischen Konflikten keine besonders große Rolle spielen, ist auch alles Andere als neu. Welchen Konflikt in der Vergangenheit man sich auch anschaut, so zeigt sich bedauerlicherweise immer wieder, dass Menschenrechte in der Geschichte bewaffnete Konflikte wenn überhaupt, dann allenfalls eine geringe Rolle gespielt haben.

Fidel Castro erkärte, er vermute, dass es den USA und ihren Verbündeten in Libyen nicht um Menschenrechte, sondern um Öl geht. Die Argumentation hat durchaus Überzeugungskraft. Libyen hat die größten nachgewiesenen Ölvorkommen Afrikas und die Kontrolle über Erdöl gehört zu den erklärten Zielen amerikanischer Politik. Es liegt nahe, dass es der Plan der USA war, in Libyen eine bunte CIA-Revolution zu versuchen, um dort einen Herrscher zu instalieren, der ihnen den Ölreichtum des Landes devot vor die Füße legt, anstatt den Ölreichtum einerseits durch Sozialprogramme für die Bevölkerung zu verschwenden und andererseits damit jede Menge Bewegungen zu unterstützen, die den USA missliebig sind. Fidel Castro erklärte in der letzten Woche, er vermute, dass die USA für den Fall, dass es zur Übernahme des libyschen Ölreichtums nicht gelingt, in Libyen durch eine mehr oder minder sanfte bunte Revolution eine US-Marionette als Herrscher zu installieren, die Besetzung Libyens durch die NATO beabsichtigen.

Angesichts dieser Perspektive erscheint es ausgesprochen seltsam, dass auch der Iran und seine islamischen Verbündeten den Aufstand mit massiver Propaganda in staatlichen iranischen Medien unterstützt. In iranischen Medien jagt eine Medung über die glorreichen Siege der islamischen Aufständischen gegen bösen unislamischen prowestlichen Diktator Muamar Gaddafi die andere. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad spricht von einem islamischen Erwachen.

Die Erwartungshaltung des Iran mag dabei ein Interview mit Mohsen Saleh verdeutlichen, den der staatliche iranische Sender Press TV kürzlich als politischen Analysten aus Beirut vorstellte und interviewte. Mohsen Saleh erklärte, die Muslime in Libyen wollen ein neues Regime aufbauen, nicht nach dem grünen Buch Gaddafis, nicht nach der Philosophie der Amerikaner oder des Westens, sondern gemäß den islamischen Doktrinen und den islamischen Lehren. Er erwarte keinen Bürgerkrieg, denn die Menschen stünden beisammen, gemeinsam gegen das Krebsgeschwür Gaddafi, das nun herausgeschnitten werde. Das sei auch der Grund dafür, dass Gaddafi Söldner aus dem Ausland anheuere.

Auch der Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, Mohammad-Ali Jafari, äußerte sich, während die Kämpfe in Libyen auf Hochtouren liefen, öffentlich zu den Aufständen in der Region. Laut Press TV sagte er, die Welt sehe gerade „die weiche Kraft des Islam“ und die Aufstände seien inspiriert durch die iranische Revolution und widersprach Berichten, dass die USA eine Rolle bei den gegenwärtigen Aufständen spielen würden. Er erklärte, die USA machten zwar große Bemühungen, diese Ereignisse zu kontrollieren und zu steuern, aber es sei unklar, zu welchem Grad ihnen das gelinge.

Das kann man in etwa so verstehen, dass die USA den Aufstand angezettelt haben mit dem Ziel, das Regime von Muamar Gaddafi gegen einen ihnen genehmeres prowestliches Regime auszutauschen, aber der Iran dagegen wettet, dass nach einem Sturz Gaddafis ein weniger prowestliches und mehr islamisches Regime die Macht in Libyen übernehmen wird, und den Aufstand deshalb auch unterstützt. Wer die Massen beim Freitagsgebet gestern in Bengasi über den Internetsender der Aufständischen gesehen hat, dem kann nicht entgangen sein, dass dort ein brüllender Imam die Gläubigen zur Revolution angepeitscht hat. Selbst ohne die gepredigten Worte zu verstehen, ist es angesichts der Intonation völlig klar, dass in Bengasi eine mächtige und radikale islamische Geistlichkeit den Ton angibt. Nach einer Herrschaft prowestlicher Kräfte sah das nicht aus. Man darf also mit einiger Berechtigung vermuten, dass die Analysten des Iran Recht haben und proamerikanische Kräfte in Libyen nicht die Oberhand behalten werden, wenn die Aufständischen gegen die Pro-Gaddafi-Kräfte siegen, sondern letztlich ausgesprochen antiwestliche islamische Kräfte die Macht übernehmen werden.

Das kann den USA eigentlich nicht entgangen sein. Demnach ist es wenig verwunderlich, dass der Iran den Aufstand medial unterstützt, sondern eher seltsam, dass die USA und ihre Verbündeten den Aufstand unterstützen. Dass das Szenario einer islamischen Machtübernahme in Libyen eintritt, setzt allerdings voraus, dass die Aufständischen gegen die Pro-Gaddafi-Kräfte siegen.

Und danach sieht es, wie die mehr oder minder unentschieden ausgegangenen Kämpfe gestern zeigen, trotz der von den Aufständischen verbreiteten Siegeszuversicht kurzfristig nicht aus. Auch längerfristig, wo Unterstützung aus dem Ausland bei bewaffenten Auseinandersetzungen eine entscheidende Rolle spielt, sieht es nicht unbedingt nach einem Sieg für die Aufständischen aus.

Es ist zwar richtig, dass Muamar Gaddafi die Unterstützung der USA und der EU verloren hat, die Aufständischen auch die Sympathie der gerade revolutionierten Nachbarländer Tunesien und Ägypten im Westen und im Osten haben, verbale Solidaritätsnoten aus Kuba, Venezuela und Nicaragua für Gaddafi den Konflikt nicht entscheiden und Gaddafi auch nicht von der arabischen Halbinsel und erst recht nicht dem Iran Unterstützung zu erwarten hat, doch bei dieser Betrachtung der Isolation Gaddafis wird eine wichtige Komponente des Konfliktes regelmäßig vergessen: die Südgrenze Libyens, der afrikanische Kontinent. Von dort darf Muamar Gaddafi jede Menge Unterstützung erwarten.

Da ist zunächst einmal der Tschad. Im Tschad hat gerade die Partei von Präsident Idriss Deby, einem alten anti-koloniaistischen Kampfgefährten von Gaddafi, wieder einmal die Wahlen gewonnen. Idriss Deby war 1990 durch einen von Muamar Gaddafi unterstützten gewaltsamen Staatsstreich an die Macht gekommen und sein Regime basiert noch heute zu einem guten Teil auf der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Unterstützung durch Libyen. Durch einen Regime Change in Libyen wäre seine eigene Macht gefährdet. Der Tschad ist mit Libyen geografisch im Süden durch eine kaum kontrollierbare viele Hundert Kilometer lange Wüstengrenze verbunden. Über diese Grenze könnte alles kommen, was Muamar Gaddafi und seine Getreuen zum Bestehen eines Bürgerkrieges brauchen: Kämpfer, Geld sowie Waffen und andere Embargogüter. Im Libyschen Hinterland zur Grenze mit dem Tschad ist zudem Gaddafis eigener Volksstamm ansässig, Gaddafi hätte dort also obendrein Heimvorteil. Die Beziehung Muamar Gaddafis zu anderen ändern in Afrika beschreibt Sky News derart, dass man praktisch jeden beliebeigen Konflikt in Afrika nennen kann, gleich ob Liberia, Sierra Leone, Uganda, Mali oder Zimbabwe, überall habe Muamar Gaddafi bei mindestens einer Rebellengruppe oder einem Despoten seine Finger im Spiel, mit Militärhilfe, Wirtschaftshilfe, Investitionen, humanitärer Hilfe, Friedenstruppen und so fort. Wie das libysche Staatsfernsehen laut Al Jazeera berichtete, haben die Regierungen von Mali und Guinea sich bereits offen solidarisch mit der Regierung von Muamar Gaddafi erklärt.

Natürlich werden aus diesen Ländern keine Söldner nach Libyen kommen, aber wenn ihr großer Bruder, der sie jahrzehntelang im antikolonialistischen Befreiungskampf unterstützt hat, in Not ist, dann könnten die mit ihm befreundeten Regierungen es sicherlich kaum verhindern, dass antikolonialistische Befreiungskämpfer aus den mit Libyen befreundeten Ländern ihrem Bruder mit der Waffe in der Hand nun ihrerseits zu Hilfe eilen. Das würden die Menschen da natürlich nur aus idealistischen Motiven tun, und das Taschengeld, was die Regierung Libyens den zu Hilfe eilenden Freunden dank großer Reserven aus Öleinnahmen zahlen kann, ist natürlich nicht ausschlagend, sondern lediglich der Wille, ihrem Bruder im antikolonialistische Befreiungskampf beizustehen. Kurzum, Muamar Gaddafi kann sich, wenn er es nötig haben sollte, sicherlich auf sehr schagkräftige und bürgerkriegserprobte Unterstützung aus dem südlichen Ausland verlassen. Nicht wenige der potentiellen Kämpfer dürften im Rahmen von Militärhilfe von Libyern ausgebildet worden sein. Wenn Muamar Gaddafi sagt, Millionen stünden hinter ihm, dann sind das zumindest in Bezug auf seinen panafrikanischen Ansatz keine leeren Worte. Wer mit dem Gedanken spielt, Libyen zu besetzen, und dort ein Anti-Gaddafi-Regime zu errichten, der darf sich bei der gelegenheit auch schon mal Gedanken machen, wie er den Tschad, Niger, Mali, Mauretanien, Liberia, Guinea, Zambia, Zambabwe und eine Reihe weitere Gebiete in ganz Afrika besetzen will, um den für diesen Fall zu erwartenden Pro-Gaddafi-Rebellengruppen die Unterstützung abzuschneiden.

Wer diesen Hintergrund kennt, den verwundert es nicht, dass die USA und ihre Verbündeten trotz der kriegslüstern klingenden Rhetorik davor zurückschrecken, sich militärisch aktiv am Krieg zu beteiligen. Nicht einmal mit der Luftwaffe haben die USA und die NATO in die Kämpfe eingegriffen. US-Kriegsminister Robert Gates goss kaltes Wasser auf die Idee, Libyen mit der US-Luftwaffe anzugreifen. Das sei eine größere Operation und die US-Kriegsmaschine sei mit den Kriegen gegen Afghanistan und Irak ohnehin bereits überstrapaziert, hieß es aus dem Pentagon.

Die islamischen Aufständischen in Libyen könnten nun in der Zukunft versucht sein, ihren Mangel an erfahrenen Kämpfern nicht nur durch große Motivation zu kompensieren, sondern auch dadurch, dass sie islamische Kämpfer aus allen Teilen der Welt in ihre Reihen aufnehmen. So wäre es denkbar, dass Widerstandskämpfer aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan und anderen Gebieten, wo islamische Befreiungskämpfer sich gegen imperialistische Eindringlinge zur Wehr setzen, den Aufständischen in Libyen zu Hilfe kommen.

Sollte dieses Szenario eintreten, so wäre das so etwas wie ein Hauptgewinn für die USA. Islamische Anti-Imperialisten und afrikanische Anti-Kolonialisten ermorden sich dann gegenseitig und Europa braucht bloß ein paar Kriegsschiffe ins Mittelmeer zu schicken, die dafür sorgen, dass es von Libyen aus keine Flüchtlinge nach Europa rüberschaffen. Obendrein könnten die westlichen Mächte wie beim irakisch-iranischen Krieg beide Seiten heimlich immer mit soviel Waffen beliefern, dass keine Seite gewinnt, und so dafür sorgen, dass das Gemetzel möglichst lange andauert und möglichst viele Opfer fordert. Während islamische und afrikanische Kämpfer in Libyen gegeneinander Krieg führen, könnte der Westen seine Hände in Unschuld waschen und sich andere wichtige Gebiete in anderen Teilen der Welt untertan machen. Auch finanziell wäre das Szenario für den Westen erfolgversprechend. Zum einen verfügt Libyen über genug Öl, um damit auf Jahrzehnte hinaus westliche Waffen zu bezahlen, und zum anderen wurden in westlichen Ländern dank des gerade ergangenen UN-Sicherheitsratsbeschlusses Milliarden libyschen Volksvermögens eingefroren, an dem der Westen sich bei Bedarf sicherlich schadlos halten kann.

Alles, was der Westen dazu tun muss, um das zynische Szenario einer Neuauflage eines Bruderkrieges im Stile des irakisch-iranischen Krieges 1980 Wirklichkeit werden zu lassen, ist die libysche Bevökerung zum Befreiungskrieg gegen Gaddafi aufhetzen und dann Däumchen drehen

Ali Suleiman Aujali, der zu den Aufständischen übergelaufene und zwischenzeitlich durch einen Nachfolger ersetzte libysche Botschafter in den USA, versteht die Welt nicht. CNN zitierte ihn vorgestern mit den Worten:

Sie (die internationale Gemeinschaft, insbesondere die USA sind gemeint) müssen den Himmel dominieren, sie müssen den Marsch der Panzer nach Misrata und nach Tripolis stoppen. Sie müssen Maßnahmen ergreifen, um diese Massaker zu stoppen, die in meinem Land jetzt geschehen. Wenn ihr jetzt nicht handelln könnt, dann ermutigt uns nicht zu sterben.

Dabei ist es ganz einfach. Der Westen hat überhaupt kein Interesse daran, dass die islamische Aufstandsbewegung in Libyen siegreich ist. Es geht nciht darum, eine Partei siegen zu lassen, sondern im Gegenteil darum, den Krieg am Laufen zu halten. Geraten die Aufständischen zu sehr in die Defensive, dann werden die Aufständischen aus humanitären Gründen gegen den Diktator unterstützt. Sollten Muamar Gaddafi und seine Getreuen zu sehr in die Defensive geraten, dann kann der Westen ganz schnell auf Pro-Gaddafi-Kurs umschwenken und ihn „beim Kampf gegen Al Kaida“ unterstützen.

Dieses Szenario durchbrechen können, da für keine Kriegspartei ein schneller Sieg absehbar ist, nur Friedensverhandungen, die möglichst schnell beginnen müssen und das Blutvergießen möglichst sofort beenden. Der venezualanische Präsident Huga Chavez hat solche Friedensverhandlungen vorgeschlagen. Aus Washington und Paris kam umgehend eine Absage: Friedensverhandungen darf es nicht geben, denn damit wäre der wunderbare Krieg ja schon beendet.

Muamar Gaddafi hat es akzeptiert, Friedensverhandlungen zu führen. Die Aufständischen haben Friedensverhandlungen abgelehnt. Gleichzeitig haben sie sich beklagt, dass der Westen sie zwar medial und dipomatisch aufhetzt, aber da, wo es entscheidend ist, nämlich beim Militär, nicht unterstützt. Diese Realitätslücke bei den Aufständischen gilt es seitens der Friedensbewegung dringend zu schließen. Die USA haben kein Interesse daran, dass der Krieg in Libyen beendet wird, im Gegenteil, sie profitieren umso mehr, je mehr der Krieg weitergeht. Gelingt es nicht, Frieden in Libyen zu stiften, droht ein langandauernder islamisch-afrikanischer Krieg, bei dem die Imperialisten der USA und der EU auf der Sonnenseite sitzen und profitieren, weil sie am Krieg nicht direkt beteiligt sind.

Advertisements

24 Gedanken zu “Ein islamisch-afrikanischer Krieg droht

  1. Sehr interessanter Beitrag!
    Seit geraumer Zeit bin ich häufiger bei „Mein Parteibuch“ als zb bei ASR von Freeman (wird einbissl naiv über Lybien berichtet!

  2. Hallo,
    diese Überlegungen werfen eine etwas anderes Licht auf die Situation. Was die Unterstützung durch afrikanische Länder angeht, stimme ich zu. Für viele, die in Libyen Arbeit gefunden hatten, war das Land fast wie ein Paradies.
    Die Haltung von USA und NATO sehe ich doch etwas anders. Nach wie vor glaube ich, daß die den Kuchen haben wollen. Und auch bekommen, diese Anti-Gaddafi-Kräfte haben sich zu sehr vom Westen feiern lassen. Das Freitagsgebet war auch in Ägypten ein Mobilisierungsmoment. Es ist, aus meiner unmaßgeblichen Sicht, eine Melange aus islamischem und prowestlichem Gepräge, der Iran träumt möglichweise, aber die Dominanz ist pro-NATO.
    Die Friedensinitiative wird ja jetzt von allen ALBA-Staaten unterstützt.
    Danke für Text, er gibt weiteren Stoff zum Nachdenken.
    Gruß
    marlenetiger

  3. Hallo liebe Interessenten dieses Blogs,

    genau aufgrund der hier niedergeschriebenen Analysen und der direkten Kriegsgefahr für Europa wurde gestern die Facebook-Gruppe „Europe against war – Europa gegen Krieg“ ins Leben gerufen. allerdings sind wir erst am Anfang und die Zeit drängt vielleicht.
    Link zur Gruppe: http://www.facebook.com/home.php?sk=group_180866951957443

    Bitte Anfrage auf Mitgliedschaft anklicken, der Autor des absolut wichtigen Blogs vielleicht auch. Hier sieht man doch bereits was wir z.B. sofort tun können, nämlich die Medienmacht der Medienmoguls brechen. Die haben zwar viel Knete, aber es ist eben so wie bei der bisher noch nicht beendeten Revolution in Ägypten, wenn viele Menschen sich kostenlos für etwas einsetzen, sind die Stinkreichen am Ende ihrer Macht.
    Auch der Sieg von Obama über Hillary beruhte auf den vielen, die unbezahlt gekämpft haben und sogar noch für Obama spendeten.
    Change -yes we can believe in! Aber so wie wir das wollen!

  4. AUS DEM SPIEGEL VOM 2005

    ■In der vierten Phase, zwischen 2010 und 2013, wird es al-Qaida Hussein zufolge darum gehen, den Sturz der verhassten arabischen Regierungen zu erreichen. „Der schleichende Machtverlust der Regime wird zu einem stetigen Zuwachs an Kraft bei al-Qaida führen“ – so lautet das Kalkül. Parallel sollen Angriffe gegen Ölförderanlagen durchgeführt, die US-Wirtschaft durch Cyberterrorismus ins Visier genommen werden.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,369328,00.html

  5. Die Analyse ist vom Schema her nicht so neu.

    Ähnlich verhielten sich die USA und England im zweiten Weltkrieg zu Deutschland und der Sowjetunion. Sie schritten erst sehr spät mit ihren Truppen in den Krieg ein. Vom Standpunkt der eigenen Interessen und den Interessen der Bevölkerung dieser Länder (USA, GB) zu verstehen.

    Friedensverhandlungen zwischen Hitler und Stalin waren als Alternative ausgeschlossen. Auch militärisch hätte man sie nicht dazu zwingen können. Das ist mein Wissensstand.

    Was in Libyen jetzt passiert, werden nur die zukünftigen Historiker richtig bewerten können.

    Wir sollten nur aufpassen, dass es Europa nicht auch erwischt wegen den wachsenden sozialen Spannungen. Die Europäer leben nicht in einem angeschotteten Raum und profitierten bis jetzt recht gut von der Armut und den sozialen Spannungen im Rest der Welt.

    Sprengstoff – produziert und verteilt in Europa – gibt es genug auf dem europäischen Boden.

  6. Hallo Marlenetiger,

    natürlich, davon, dass die USA und NATO etwas vom Kuchen, oder noch viel mehr den ganzen Kuchen, sprich das Öl, haben wollen, gehe ich auch aus.

    Und die USA haben auch den Aufstand in Libyen nachweißlich angeheizt und sie tun es noch. Ziel des Manövers seitens der USA dürfte gewesen sein, in Libyen genau wie in den Ländern nebenan eine pseudodemokratische Marionettenregime zu installieren.

    Da ist zumindest in Libyen heftig was daneben gegangen und die Lagebeurteilung ist auch innerhalb der US-Administration sehr unterschiedlich. Hillary Clinton hat als Außenministerin die sanften Regime Change Operationen in der Region angeführt und wollte, weil das in Libyen schief gegangen ist, Militär haben. Ich denke, Hillary Clinton ist fest davon überzeugt gewesen, dass pro-amerikanische Kräfte bei den Aufständischen tonangebend sind, und natürlich muss denen dann militärisch geholfen werden, damit der Regime Change gelingt.

    Und da kam Kriegsminister Robert Gates und hat gesagt, dass er da kein Militär reinschickt. Diese Meinungsverschiedenheit ist so heftig gewesen, dass sie sogar an die Öffentlichkeit durchgedrungen ist. Robert Gates hat sich durchgesetzt.

    Hintergrund der Meinungsverschiedenheit dürfte auch sein, wieviel Einfluss anti-amerikanische Kräfte unter den Aufständischen haben. Der Iran und anti-amerikanische Analysten in der arabischen Welt sind im Gegensatz zu Hillary Clinton fest davon überzeugt, dass die USA da nicht tonangebend sind. Ich vermute, der arabische Widerstand – Hisbollah, Hamas, Islamic Jihad, etc – hat bessere Informationen zur Stimmung in Ost-Libyen als die USA. Während die USA sich offenbar größtenteils auf Exil-Libyer, Twitter und jetzt auf Journalisten der großen Nachrichtensender verlassen, kennen viele vom arabischen Widerstand Libyen aus eigener Erfahrung und sprechen sie Sprache. Ich habe auch lange gedacht, die USA geben den Ton bei den Aufständischen an, aber das letzte Freitagsgebet in Bengasi hat mich überzeugt. Das Freitagsgebet in Bengasi war mit den aus Ägypten bekannten nicht zu vergleichen. Die Freitagsgebete waren sowohl in Kairo genau wie in Bengasi sehr groß, aber die Stimmung war in Bengasi ganz anders.

    In Ägypten habe ich beim Freitagsgebet besonnene und standfeste Menschen gesehen, in Bengasi eine von brüllenden Vorbetern eingepeitschte Menschenmenge, die zum heiligen Krieg rief. Die Menschenmenge war riesig, und sie war alles andere als pro-amerikanisch.

    Nun scheint auch Clinton plötzlich zu merken, dass der Iran eben doch eine wichtige Rolle bei den Aufständen spielt. Gerade rudert Clinton in Bezug auf fast alle kürzlich noch für einen „Regime Change“ vorgesehenen arabische Länder zurück und fordert nun „Regime alteration“, ein Euphemismus für warme Worte pro Demokratie.

    Nur bei Libyen drängen die USA noch auf „Regime Change“. Das macht Sinn, wenn die USA glauben, dass nach einer Entmachtung Gaddafis pro-amerikanische Kräfte an die Macht kommen würden. Sie glauben aber, wie das Eingeständnis von Hillary Clinton zeigt, dass der Iran bei den Aufständen in der Region eine Schlüsselrolle spielt, selbst nicht mehr daran.

    Mit der Zurückweisung von Friedensgesprächen zwischen des Regimes von Tripolis und den Aufständischen in Bengasi fordern die USA die Aufständischen zum Krieg gegen Gaddafi auf. Und da könnte dann eben das Szenario eintreten, dass die USA durch sellektive Unterstützung ma der einen und mal der anderen Kriegspartei einen langen Krieg managen können.

    Das war vermutlich so von den USA nicht von Anfang an geplant. Aber nun sind sie sehr dicht an einen solchen Hebel herangekommen. Das ist die Position, in der Brzezisky die USA immer schon gern gesehen hat: nicht selber Krieg führen, sondern verfeindete Kräfte gegeneinander Krieg führen lassen und dann den Bruderkrieg durch Waffenlieferungen und Unterstützungen für beide Seiten managen.

    Von einem islamisch-afrikanischen Krieg könnten die USA enorm profitieren. Politisch und militärisch sind zersplitterte Gegner extrem nützlich. Und wirtschaftlich können die USA so das ganze Öl Libyens bekommen und brauchen im gegenzug bloß Waffen liefern, mit denen die Menschen sich umbringen. Waffen, um davon welche im Tausch für Öl abzugeben, haben die USA genug, es ist nahezu das einzige, wovon die USA genug haben.

    Die Gefahr ist nun, dass die USA es genau darauf anlegen, dass ein solcher langandauernder krieg wie hier beschrieben, entsteht, gerade weil die USA davon profitieren.

    Und noch was soll dabei nicht vergessen werden: auch der Iran und die Golfstaaten profitieren, denn Erdöl wird durch Krieg in Libyen teurer. Iran beispielsweise plant bei seinem Staatshaushalt mit einem Ölpreis von 60 USD. Dank Krieg in Libyen steht der Ölpreis nun bei über 100 USD. Bleibt der Preis so hoch, kann der Iran rund 60% außerplanmäßige Staatseinnahmen verbuchen.

    Andere Ölstaaten wie Saudi Arabien profitieren auch von einem höheren Ölpreis. Auch wenn das sicher nicht die Motivation des Iran ist, die Aufständischen beim Kampf anzufeuern, so sollte man den Aspekt der Wirkung auf den Ölpreis nicht aus den Augen verlieren.

  7. sicher ist, daß hier immer die wahrscheinlichsten und objektivsten einschätzungen der lage in lybien zu finden sind. danke dafür.
    die dargestellte analyse ist sehr überzeugend, auch wenn, wegen der unübersichtlichen lage, das eine oder andere sich noch als anders herausstellen könnte.
    ich meine aber auch, daß die usa nach dem scheitern der „blumenrevolution“ ihre felle in lybien davonschwimmen sahen und nun auf teufel komm raus alles daran setzen den lybischen staat auf jahre oder jahrzehnte hin als funktionierendes staatswesen zu somaliasieren.
    dies wäre dann die beste gelegenheit eine art natoprotektorat einzuführen. nicht die beste lösung für die usa, aber z zt die einzig machbare und mit erfolg ja auch in wk I und II angewandt.
    und der iran – ein sieg der islamisten aus dem westen lybiens wäre ein gelungener erster schritt zu einem islamisch dominierten und vom westen unabhängigen polit- und wirtschaftsraum von westafrika bis zum hindukusch – in dem der iran ein gewaltiges gewicht hätte.

  8. Eigentlich müssten die USA die Rebellen b ebschiessen. Wer hat denn den Ölhahn abgedreht und nutzt dieses als Druckmittel? Wenn ich Demonstranten pro Gaddafi in Tripoli sehe, dann sehe ich bunte Fahnen und lachende Menschen. Wenn ich Gegner Gaddafis sehe, dann sehe ich Allahu Akbar rufende Paramilitärs, deren höchstes Lebensglück offensichtlich im Morden liegt. Die abertausenden vertriebenen, warum hat denn Gaddafi kein Geld mehr, die Löhne zu bezahlen. Das hat doch der Westen verbockt. Sie haben zu schnell auf die Embargo Karte gesetzt ohne die Entwicklung abzuwarten. Jetzt sind sie in einer Zwickmühle, die sich nur so lösen läßt wie Sie es hier schreiben. Besser wäre es gewesen, die Einheit des Landes zu fördern. Der Sohn Gaddafis sagte im TV „Ich bitte Sie um Ruhe, es geht um 200 Mrd Dollar Investitionen in unserem Land“ die sind jetzt erst mal weg, wenn der Westen die strategischen Reserven aufgebraucht hat, dann wirds kompliziert mit dem Öl….

  9. Wenn die USA eine „somalische Lösung“ ins Auge fassen, werden die libyschen Öl-/Erdgaslieferungen unsicher oder fallen aus. Das wäre im Interesse der übrigen Öllieferanten. Aber ist das im Interesse der USA und der westeuropäischen Staaten ?

    Anderer Gedanke: Italien, das am meisten von der Versorgung durch Libyen abhängt, heult zwar mit der Meute, aber sehr leise. Frankreich etwas lauter. Die grössten Heuler in Westeuropa – Deutschland und Grossbritannien, beide auch schon mit Spezialkommandos in Libyen. – Mit der Entstehung des Konflikts werden die unterschiedlichen „Zungenschläge“ nichts zu tun haben, aber ein Nebeneffekt scheint mir zu sein, dass Libyen für eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses zwischen den imperialistsichen Staaten steht – mit Italien als erstem Verliererkandidaten.

    Gestern haben mih die Bilder von den beiden Massenkundgebungen der Regierungsanhänger in Ripols beeindruckt. Wie schon angesprochen ein ganz anderer Eindruck als von der in Bengasi mit dem eifernden Pfaffen.Auch in der sozialen Zusammensetzung anders, so weit man das in solchen Bildern erkennen kann – nicht arbeitslose Studenten und religiös Verzückte, sondern eher das „gewöhnliche Volk“. Jedenfalls sheint Gaddafi, ganz anders als die Regimes in Tunesien und Ägypten, eine Menge Anhänger zu haben.

  10. @ MausIgel ich muss dich korrigieren. Zu „…Wenn ich Demonstranten pro Gaddafi in Tripoli sehe, dann sehe ich bunte Fahnen und lachende Menschen…“ in Szene gesetzte Propagandafilme. die dich augenscheinlich manipuliert haben, auf der Gegenseite „…sehe ich Allahu Akbar rufende Paramilitärs, deren höchstes Lebensglück offensichtlich im Morden liegt…“ auch eine fehlerhaft Einschätzung, sie Kämpfen um der Freiheit willen und motivieren sich um die Angst zu verlieren gegen eine organisierte, gut bewaffnete, mit Panzern, Kampfflugzeugen und -hubschraubern bewaffneten Armee zu marschieren.

    Abgesehen davon wird das Gaddafi vermögen auf 80 – 100mrd € geschätzte (1)
    Die 200mrd. die der Sohn Gaddafis anspricht sind sehr warscheinlich sein eigenes(Familien)vermögen welches in begriff ist den Besitzer zu wechseln. (also Erlich da währ ich auch angepisst).
    Gaddafi wurde von der Macht korrumpiert und hat allen anscheinen nach seine Objektivität verloren.

    (1)vgl. http://www.zeit.de/news-022011/25/iptc-bdt-20110225-585-28937992xml )

  11. Auch wenn es zugegebenermaßen schwierig ist sich einen Reim auf die plötzliche Anti-Gaddafi Euphorie führender Kreise zu machen, sollte man nicht vergessen dass mit Gaddafi bereits ein pro-westliches Regime die Macht innehatte. Die antiimperialistische Rhetorik Gaddafis sollte nicht den Blick darauf verschleiern.

    In Anbetracht dieser Tatsache macht es wenig Sinn den USA die Verantwortung für die Revolution zuzuschreiben.

    Dasselbe trifft auf die Erwägung zu, ein „islamisch-afrikanischer“ Krieg in dem sich Antiimperialisten vor den Augen des lachenden Westens zerfleischen, stünde bevor. Welcher von all den afrikanischen Verbündeten Gaddafis ist denn antiimperialistisch? Die meisten afrikanischen Staaten sind doch willens die imperialistische US-Politik zu unterstützen ( siehe Somalia). Da unterscheiden sie sich wenig von den Regimen in Nahost.

  12. Es ist eine Sache, den Charakter des Gaddafi-Regimes einzuschätzen und dabei zu einer positiven oder negativen Beurteilung zu kommen – pro- oder antiimperialistisch oder was auch immer. Eine ANDERE Sache ist, sich zur Einmischung der USA und ihrer Kumpane, z. B. Deutschlands zu positionieren. Hier steht bloss zur Wahl: UN-Charta oder (inzwischen auch in diversen UN-Dokumenten mehr oder weniger „abgesegneten“) Einmischungs“recht“, vorzugsweise unter dem Vorwand der Menschenrechte, wie das von den NATO-Staaten nicht nur gegenüber Libyen, sondern allen in irgendeiner Weise missliebigen Staaten betrieben wird. Diese Positionierung davon abhängig zu machen, ob man Gaddafi für „gut“ oder „böse“ hält, bedeutet bereits, sich auf der Aktionslinie der Imperialisten zu bewegen.

  13. @dergruenepunkt
    Dass Gaddafi in gewisser Weise prowestlich ist, stimmt schon, in letzter Zeit hat er, gerade was Europa und den islamischen Widerstand angeht, recht eng mit dem Westen kollaboriert. Allerdings war er keine Marionette wie Ben Ali oder Mubarak, sondern hat Libyens Unabhängigkeit bewahrt. Politisch zeigte sich das vor allem an Libyens Afrika-Politik, der letzte prominente Fall, wo er da mit dem Westen aneinandergerasselt ist, war Mauretanien. Da at er die eher anti-westliche und anti-israelische Coup-Rgierung von Abdel Aziz erfolgreich unterstützt. Ähnliches gilt beispielsweise für den Tschad und Zimbabwe. Der von Gaddafi gestützte Herrscher Robert Mugabe ist alles andere als ein sympatischer Herrscher, aber der Liebling des Westens ist Mugabe nicht – im Gegenteil. Ähnliches gilt für zahlreiche andere Länder Afrikas. Gaddafi spuckt da dem Westen sehr oft und sehr erfolgreich in die Suppe. Insgesamt hast du zwar recht damit, dass die anti-kolonialistische Ausrichtung von Gaddafi und seinen Partnern in Afrika fragwürdig ist, weil sie oft mit dem Westen gegen ihre eigenen Bevölkerungen konspiriert haben, aber im Kriegsfall können die ganz schnell wieder ihre anti-kolonialistischen Kredenzien auspacken und sich als Befreiungsbewegungen gerieren.

    Ganz ähnlich sieht das mit den islamischen Anti-Gaddafi-Kräften in Libyen aus. Da sind sicher jede Menge anti-westliche islamische Befreiungskämpfer dabei, aber da sind auch die von der CIA über Jahrzehnte genährte NFSL und das nun in London ansässige frühere libysche Königshaus, die Libyen ihren westlichen Partnern nur allzugern auf dem Silbertablett servieren würden. Sehr unglaubwürdig ist es für anti-imperiaistische Befreiungskämpfer auch, die Bombardierung Libyens durch US-Kampfbomber einzufordern, sich also den Weg zur islamischen anti-imperialistischen Revolution von den USA freibomben lassen zu wollen – aber genau das macht der Rat der Aufständischen gerade. Ähnliches gilt für die britischen Eliteterroristen, die gerade schwer bewaffnet hinter den feindlichen Linien abgesetzt wurden: echte anti-imperialistische Befreiungskämpfer hätten diese Soldaten es Imperiums inhaftiert – so wie Gaddafi die niederländischen Soldaten inhaftiert hat, die unerlaubt in Sirte gelandet waren. Kurzum, auch die anti-imperialistischen Kredenzien der islamischen Befreiungskämpfer im Osten Libyens sind sehr fragwürdig und intensive durch Kollaboration mit dem Imperium schwer beschädigt.

    Und dass von mit hier angesprochene Szenario eines großen islamisch-afrikanischen Krieges rückt derweil immer näher: die USA denken jetzt laut darüber nach, die Aufständischen über Dritte mit Waffen zu versorgen und sie aus dem in den USA festgesezten Volksvermögen Libyens zu finanzieren.

    Dass eine Seite den Krieg in absehbarer Zeit gewinnen wird, ist dabei nicht ersichtlich. Die Eroberung von Tripolis durch die Aufständischen scheint bei nüchternen Betrachtung entgegen ihrer eigenen Zuversicht völlig außer Reichweite zu sein. Um das Kräfteverhältnis in Tripolis physisch zu ändern, fehlt es ihnen an Transportmöglichkeiten und Waffen, und dafür, dassdas Regime in Tripolis von innen heraus geändert wird, hat Gaddafi da einfach zu viele bewaffnete Anhänger.

    So gab es auch gestern und heute zwar wieder viele Tote, aber nur kleinste Frontverschiebungen. Wenn es keinen Frieden gibt, dann läuft es auf immer mehr Krieg hinaus, bei dem beide Seiten, um den Krieg zu gewinnen, sich immer mehr kompromittieren werden und die USA die lachenden Dritten sind.

    Droht eine Partei zu obsiegen, können die USA einfach die Seite wechseln, und so dafür sorgen, dass der Krieg weitergeht. Dieses Szenario ist nur durch ein möglichst schnelles Ende des Blutvergießens zu stoppen.

    Für die Aufständischen würde ein Waffenstillstand zwar bedeuten, sich eingestehen zu müssen, dass sie derzeit nicht die Macht haben, Gaddafi in Tripolis von der Macht zu verteiben, aber sie könnten im Osten ein autonomes Gebiet aufbauen und dann auf die weiche Überzeugungskraft des Islam und guter Regierungsführung setzen. Gelänge es ihnen, im Osten ein Regierungs- und Gesellschaftssystem aufzubauen, dass attraktiver als das von Tripolis ist, dann würde das Regime von Gaddafi dort über kurz oder lang vermutlich doch fallen, weil die Unterstützung für Gaddafi dort dann vollends wegbröckeln würde.

    Die Alternative, nun Krieg bis zum Sieg führen zu wollen, führt sie hingegen mangels schneller Siegchancen erkenntbar in die blutige Sackgasse eines langandauernden Krieges ohne wirklichen Sieger, die ich hier gezeigt habe. Dabei besteht für die Aufständischen sogar das Risiko, dass sie alles verlieren – nämlich falls es Gaddafi gelingt, den Aufstand im Osten blutig niederzuschlagen – was angesichts der besseren Bewaffnung von Gaddafis Leuten gar nicht so ganz unwahrscheinlich ist.

  14. @2urash
    Klar wird in Tripolis eine Menge für das TV inszeniert, um Unterstützung für Gaddafi zu zeigen. Aber es machen ganz schön viele Menschen bei der Inszenierung willig und manchmal geradezu Begeisterung zeigend mit.

    Ähnliches haben wir allerdings auch in Bengasi gesehen, wo dort letzte Woche eine Rede von Gaddafi übertragen wurde, war Al Jazeera erkennbar damit beschäftigt, Proteste dagegen zu inszenieren. Aber das heißt natürlich noch lange nicht, dass es da nicht viele Menschen gibt, die nicht gegen Gaddafi sind.

    Gleiches gilt aber auch für Tripolis. Wenn du glaubst, alle Pro-Gaddafi-Proteste in Tripolis seien inszeniert, dann schau dir mal diese „Inszenierung“ von gestern morgen an:

    Tripoli Street Sunday Morning.

    Ich habe wenig Zweifel daran, dass die dort zu sehenden Leute für Gaddafi kämpfen werden.

    1. @einparteibuch so muss doch die frage gestellt werden Warum gibt es Pro /contra Gaddafianhänger?
      die Verstädterung verschleiert einwenig die tatsache, dass die bevölkerung in Lybien hauptsächlich aus Stämme bzw Clans bestehen.

      der grösste clan lybiens maschiert momentan gegen gaddafi und in der haupstadt
      wird zu gößten teil clanmitglieder von gaddafi zu finden sein.
      die restlichen Stammesgruppierungen werden sich neutral verhalten oder partei ergreifen.

      somit wird klar warum die jeweiligen anhänger euphorisch handeln.

  15. @einparteibuch:

    Versteh mich nicht falsch, ich behaupte nicht dass die Aufständischen lupenreine Antiimperialisten sind ( wer ist das schon?).

    Es stimmt dass Gaddafi kein absoluter Vasall wie Mubarak ist und dass er bei Gelegenheit auch dem Westen unangenehme Politik betreibt. Dennoch ist er alles andere als ein dem Westen unzumutbarer Partner. In Anbetracht dessen bezweifele ich dass die USA es wagen würden einen Aufstand in Lybien loszutreten. Gemessen an dem Risiko ( namentlich eines demokratischen oder auch eines undemokratisch „islamischen“ Staates) ist der Nutzen ( Tausch eines tauglichen Verbündeten gegen einen Vasallen) zu gering.

    Ansonsten stimme ich deiner Analyse zu, wenn du sagst dass der Konflikt wahrscheinlich länger währen wird und dass die USA gut und gerne den Konflikt in die Länge ziehen könnten.

  16. Bin konfus nach lektüre. haben jetzt die usa den lybischen Aufstand initiiert oder gesponsert oder die al kaida bzw. islamisten? oder sind die usa heimliche islamisten ? wohl kaum? oder doch? wann hat es denn freie wahlen in tschad gegeben bei denen dieser führer da gewählt wurde? und ist der gaddafi jetzt der gute oder doch der böse? oder sind sie alle böse da unten? oder alle gut? wohl kaum? wer klärt mich auf?

  17. @ahnungslos
    „haben jetzt die usa den lybischen Aufstand initiiert oder gesponsert oder die al kaida bzw. islamisten?“
    Sowohl die USA als auch islamische Kräfte heizen den Aufstand an.

    „wann hat es denn freie wahlen in tschad gegeben bei denen dieser führer da gewählt wurde?“
    Im Februar 2011 hat es im Tschad Wahlen gegeben, die die Partei von Gaddafis altem Kampfgefährten gewonnen hat. Darüber, wie frei die Wahlen waren, wird zwar gestritten, aber es gab Wahlen.

    „und ist der gaddafi jetzt der gute oder doch der böse? oder sind sie alle böse da unten?“
    Gut und böse sind unpassende Begriffe, alle beteiligten Konfliktparteien haben da ihre Stärken und Schwächen.

    Der Punkt ist, dass da gerade vom Westen und islamischen Kräften ein riesiger Krieg angeheizt wird, unter dem nachher vermutlich alle, vielleicht bis auf die USA, leiden.

    Verhandlungen und Gespräche wären der Weg, um das zu vermeiden, aber der Westen setzt darauf, den Krieg anzuheizen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.