Drei Theorien zum Anschlag in Alexandria

Für den Bombenanschlag vor einer koptischen Kirche in Alexandria, durch den wenige Minuten nach dem Jahreswechsel in Ägypten bisher offenbar 23 Menschen starben und mehr als 90 verletzt wurden, gibt es auch nunmehr drei Tage nach dem Anschlag offenbar weder eine glaubwürdige Bekennerbotschaft noch eine heiße Spur. Es gab nach der Tat zwar reichlich Medienberichte, doch Angaben zu möglichen Tatverdächtigen, zum vermutlichen Tatablauf und zum wahrscheinlichen Tatmotiv darin waren und sind ausgesprochen vage und widersprüchlich.

Zur Tat selbst gibt es vom Tatzeitpunkt aus dem Inneren der Al-Qiddissine-Kirche ein Video, welches beweist, dass es bei dem Anschlag genau einen Exposionsknall gab und diese Explosion vor der Tür der Kirche während des Gottesdienstes, und nicht, wie fälschlich von schlecht oder gar nicht recherchierenden Medien wie beispielsweise der deutschen Tagesschau behauptet wurde, kurz nach Ende des Gottesdienstes, stattfand. Per Handy aufgenommene Amateurvideos vom Tatort kurz nach der Tat zeigen einen auf dem Dach liegenden grünen PKW und einen lichterloh brennenden PKW einige Dutzend Meter weiter.

AFP berichtete vor wenigen Stunden, dass die ägyptische Polizei am heutigen Dienstag wie bereits am Samstag behauptet, ein Selbstmordattentäter habe vor der Kirche einen mit etwa 10 bis 15 Kilogramm Sprengstoff und Metallteilen befüllten Selbstmord-Gürtel gezündet, als die Gläubigen nach Mitternacht aus der Kirche kamen. Die Polizei vermute, ein abgetrennter Kopf gehöre zum Attentäter, ebenso wie ein abgetrennter Fuß, der über die gegenüberliegende Moschee hinüber geschleudert worden sei, berichtet AFP.

Unterschiedliche Darstellung gibt es über die Art des Terroranschlages. Al Jazeera berichtete am Sonntag, vor der Kirche sei in einem dort trotz Verbot abgestellten Fahrzeug eine Bombe ferngezündet worden. Die deutsche Springerpresse kennt die Täter offenbar persönlich und hetzte am Sonntag, „Islamisten“ hätten vor der der Kirche eine 100kg-Bombe gezündet.

Die Assyrian International News Agency AINA berichtete ebenfalls am Sonntag unter Berufung auf namentlich nicht genannte Zeugen, vor der Kirche sei kurz nach Mitternacht ein grüner Skoda geparkt worden, zwei Männer wären ausgestiegen, einer der Männer habe dann ein kurzes Mobiltelefongespräch geführt, dann seien die Männer weggegangen und unmittelbar darauf sei der grüne Skoda explodiert. Nach Angaben von AINA erkärte der ägyptische Anwalt Mamdouh Nakhla, Vorsitzender des Al-Kalema Human Rights Center, dass die 100 kg-Bombe nicht von einer Person transportiert worden sein könnte, wie der ägyptische Innenminister es der Öffentlichkeit glauben machen wolle. Er glaube, das Verbrechen sei ein lokales Verbrechen und die Täter seien wohlbekannt, berichtete AINA. Der ORF bemerkte die logischen Probleme offenbar auch, entschied sich für einen Mittelweg und berichtete am Sonntag, dass das Innenministerium in Kairo am Samstag mitteilte, die in einem Auto verborgene Sprengladung sei von einem Selbstmordattentäter gezündet worden, und habe, wie dpa „aus Sicherheitskreisen“ erfahren habe, ein Gewicht von etwa 100 Kilogramm gehabt. Dpa erklärte am Dienstag, dass die Polizei bislang drei Opfer noch nicht identifiziert habe, brachte Zweifel an der Theorie eines Selbstmordattentäters zum Ausdruck, verwies dabei auf Zeugenaussagen von „mehreren Gottesdienstbesuchern und Polizisten“, „die zum Zeitpunkt des Anschlages vor der Kirche gestanden hatten“ und schlussfolgerte, die ägyptische Polizei tappe weiter im Dunkeln.

Nach dem Terroranschlag gab es in Ägypten wie auch in westlichen Ländern eine starke Medienreaktion. Das Verbrechen war im Gegensatz zum weitestgehend verschwiegenen tödlichen amerikanischen Neujahrsterror in Pakistan tagelang nicht nur auf den Titelseiten ägyptischer Medien, sondern auch auf Titelseiten nahezu aller westlichen Medien omnipräsent und erfuhr auch eine breite Berichterstattung in anderen Ländern. In westlichen Ländern wurde der Terroranschlag meist dazu benutzt, allgemein Muslime als Gefahr darzustellen und, so wie es etwa der katholische Papst Benedikt tat, mehr Schutz für Christen zu fordern.

Der Terroranschlag wurde in Ägypten und im Rest der Welt überall einhellig als abscheuliches Verbrechen verurteilt. Die oppositionelle ägyptische Muslimbruderschaft, der Groß-Imam der wichtigen ägyptischen Al-Azhar-Moschee und viele andere ägyptische Muslime erklärten sich umgehend solidarisch mit den Christen Ägyptens.

Das ägyptische Regime machte nach dem Anschlag umgehend einen Selbstmord-Attentäter mit Verbindungen ins Ausland für das Verbrechen verantwortlich und forderte alle Ägypter auf, als Volksgemeinschaft zusammenzustehen. Während in ägyptischen und westlichen Medien mit dem Finger auf „Al Kaida“ als die vermutlich für den Terroranschlag verantwortliche Organisation gezeigt wurde, ließen iranische Medien, Hisbollah und muslimische Palästinenser durchblicken, dass sie eher vermuten, israelische Kräfte seien für das Verbrechen verantwortlich. Der Chef des israelischen Regimes Benjamin Netanjahu rief den Chef des ägyptischen Regimes Husni Mubarak anlässlich des Anschlages dazu auf, die Sicherheitskooperation mit Israel zu intensivieren. Saudi Arabien verurteilte den Terroranschlag, hielt sich jedoch mit Verdächtigungen zurück. Unabhängige Blogger wie Angry Arab machen auf die Möglichkeit aufmerksam, dass das ägyptische Mubarak-Regime den Anschlag als False-Flag-Terror selbst ausgeführt haben könnte.

Insgesamt scheinen sich die verschiedenen Theorien bezüglich Tätern und Tatmotiven also in drei vollkommen unterschiedlcihe Gruppen einordnen zu lassen, die jeweils eine gewisse Plausibiltät haben.

Die erste Theorie geht davon aus, dass der oder die Täter verblendete und sich im Religionskrieg gegen das Christentum sehende radikale Muslime wie Salafiten oder Wahhabiten waren. Dies ist die Theorie, die unter dem Stichwort „Al Kaida“ von westlichen Medien sowie dem Apparat von Mubarak vertreten wird. Anhänger dieser Theorie verweisen darauf, dass salafitische Terroristen am 31. Oktober des letzten Jahres ein Massaker in einer Kathedrale in Bagdad verbrochen haben und als Motiv dabei neben der Befreiung von Mitkämpfern aus irakischen und ägyptischen Gefängnissen unter anderem angaben, zwei zum Islam übergetretene Frauen aus der Gewalt von koptischen Christen in Ägypten freipressen zu wollen. Das zionistische „SITE-Institut“ behauptete nach dem Massaker in der Kathedrale von Bagdad, diese Terroristen seien dem von den unterschiedlichsten Gruppen und Geheimdiensten genutzten Sammellabel Al Kaida zuzurechnen und führte als Beweis dafür an, anonyme Personen hätten dies auf einer Webseite erklärt.

Irakische Experten sehen hinter den im Irak häufigen Terrorangriffen von Wahhabiten jedoch nicht „Al Kaida“, sondern in erster Linie verdeckte Operationen des Staates Saudi-Arabien. Als Indiz dafür, dass Al Kaida hinter dem Terrorangriff auf die koptische Kirche in Ägypten steckt, führen der „westlichen Wertegemeinschaft“ zugehörige Medien wie Al Jazeera und die Tagesschau sowie die „staatsnahe“ ägyptische Propaganda weiterhin an, auf der Al-Kaida zuzurechnenden Seite „Glorie des Islam“ oder arabisch „Shemoukh Al-Islam“ sei vor dem Terrorakt deutlich gemacht worden, dass die Al-Qiddissine-Kirche in Alexandria angegriffen werde und nun würden weitere Attacken auf koptische Kirchen in Ägypten und insbesondere nochmals auf die Al-Qiddissine-Kirche dort angekündigt.

Eine einfache Google-Recherche nach dieser angeblichen Al-Kaida-Webseite zeigt, das mit der Seite „Glorie des Islam“ offenbar die unter http://www.shamikh1.net erreichbare Webseite gemeint ist. Dort ist ein arabischsprachiges Forum gehostet, dass nur mit einer Anmeldung einsehbar ist. Die tradierte französische Zeitung Le Monde berichtete im September letzten Jahres, auf shamikh1.net sei ein Bild von entführten Franzosen aufgetaucht, dass von einer Gruppe stammen müsen, die sich selbst als Al Kaida im islamischen Maghreb bezeichne. Das staatsnahe pakistische Medienunternehmen Dawn berichtete im Oktober letzten Jahres, shamikh1.net sei ein Fund für angehende Jihadisten, und hätte stets die neuesten Videos, die Osama Bin Laden verherrlichten.

Während Al Kaida nirgendwo eine Adresse hat und deshalb, weil Al Kaida gerade deswegen nicht gefunden wird, vom US-Militär nicht besiegt werden kann, hat der unter shamikh1.net erreichbare Server selbstverständlich eine IP-Adresse, nämlich 202.149.72.130, und er steht in einem Staat, denn sonst wäre die Webseite nicht erreichbar. Nun lässt sich herausfinden, welcher die Webseite von Al Kaida unterstützt und beherrbergt. Die IP von shamikh1.net, 202.149.72.130, gehört laut Whois der Firma „Deltanet Networks“ aus Jakarta (Adresse: Jl. Raya Perjuangan No. 88 Gedung Graha Kencana Lt M – J) im seit Jahrzehnten eng mit den USA kooperienden Indonesien. Es ist anzunehmen, dass ein einfacher Anruf eines mittleren US-Regierungsangestelten in Indonesien ausreichen würde, und die Seite wäre in weniger als einer halben Stunde verschwunden. Doch sie ist da, und das schon seit Monaten. Um den Zugang zur Al-Qaeda-Webseite zu erschweren oder zu erfahren, auf wen die Webseite registriert ist, bräuchte die US-Regierung nicht einmal bis nach Indonesien zu telefonieren, denn die Domain und Nameservice werden, wie simple Whois-Abfragen zeigen, von einer Godaddy nahestehenden US-Firma in Arizona für die angeblich Al-Kaida-nahe Webeite bereitgestellt. Wenn die Webseite shamikh1.net eine so gefährliche Al-Kaida-Webseite ist, wie von Medien behauptet wird, und auf der seit Wochen zur Ermordung von Christen aufgerufen wird, so fragt es sich, wieso es der US-Regierung es augenscheinllich nicht stört, dass eine große US-Internetfirma wie die ansonsten für radikale Zensur bekannte Firma Godaddy diese Webseite als Kunden hat, anstelle einen solchen Druck auf die die Nameserver stellende US-Firma wie im Fall von Wikileaks zu machen, und so dafür zu sorgen, dass die angebliche Al-Kaida-Webseite ähnliche Hosting-Probleme wie Wikileaks bekommt.

Die vom ägyptischen Anwalt Mamdouh Nakhla geäußerte abgewandelte These, lokale Salfiten aus Alexandria könnten für den Anschlag verantwortlich sein, bringt hingegen ein neues Problem mit sich: wie kann es sein, dass die allwissenden ägyptischen Geheimdienste davon nichts wissen? Die müssten ihre Kandidaten, die gegen Christen hetzen und demonstrieren, eigentich recht gut kennen und die entsprechenden lokalen Gruppen mehr als ausreichend infiltriert haben, als dass so ein Anschlag möglich sein könnte. Lokale Salafiten könnten den Anschlag kaum begangen haben, ohne dass die ägyptischen geheimdienste den Anschlag entweder zugelassen haben oder praktisch unmittelbar nach der Tat aufkären können.

Neben der Propaganda auf der von den USA unterstützten Webseite shamikh1.net und die eher beiläufigen Forderungen der Terroristen von Bagdad gibt es also bisher kein Indiz dafür, dass salafitische Jihadisten ohne Rückendeckung eines in- oder ausländischen Geheimdienstes für den Terrorakt verantwortlich waren. Von der Tatausführung her wäre ein Selbstmordanschlag aufgrund der geringeren notwendigen technischen und logistischen Fähigkeiten ein Indiz für eine von Salafiten begangene Tat, doch auch diese Behauptung der ägyptischen Regierung ist, wie dpa anhand der für einen Sprengstoffgürtel unglaublich starken Explosion zurecht meldet, zweifelhaft. Wären Salafiten die Täter, die mit dem Attentat Propaganda machen wollten wie dass sie ihre vermeintlichen Glaubensbrüder aufrütteln oder ein Zeichen setzen, wäre zudem zu erwarten, dass ein glaubwürdiges Bekenntnis zur Tat auftauchen würde. as gilt umso mehr, wenn ein Selbstmordattentäter dafür verantwortlich sein sollte. Doch nichts dergleichen gibt es.

Die zweite Theorie geht davon aus, dass Israel für den Anschlag verantwortlich ist. Diese Theorie beruht auf der Beobachtung, dass Israel und die zionistische Israel-Lobby schon seit geraumer Zeit versuchen, Christen und Muslime gegeneinander aufzuhetzen. Israel hat sich in der ferneren Vergangenheit bereits bei Bombenanschlägen auf amerikanische Einrichtungen in Ägypten erwischen lassen, die dem Zweck dienten, sie Muslimen in die Schuhe zu schieben. In der jüngeren Vergangenheit hat Israel durch Bombenanschläge im Ausland bewiesen, dass Israel vor Terror nicht zurückschreckt, und die israelischen Massaker im Libanon und in Gaza haben zur Genüge bewiesen, dass es Israel egal ist, wenn israelischen Operation Zivilisten zum Opfer fallen. Ziel bei den israelischen Aktionen unter falsche Flagge ist es, Unterstützung für Israel in westlichen Ländern zu verstärken und vom Kolonialisierungsprozess des Westjordanandes abzulenken. Die rechtsradikale Israel-Lobby in den USA hat es im letzten Jahr auch bereits geschafft, koptische Christen in den USA anlässlich eines geplanten Baus einer Moschee in New York zum öffentich bekundeten Hass gegen den Islam aufzustacheln. Technisch würde für einen israelischen Anschlag eher sprechen, wenn das Attentat durch eine technisch aufwendige Autobombe und nicht durch einen Selbstmordattentäter verübt worden ist.

Die vom Iran und iran-freundlichen Kräften öffentlich vertretene These, dass Israel hinter diesem Terroranschlag steckt, hat jedoch deutliche Schwächen. Zum Einen gibt es bisher keinerlei handfeste kriminalistische Spur, die in Richtung Israel führt, und zum Anderen wäre Israel mit dieser Aktion ein außergewöhnlich hohes Risko eingegangen ohne allzuviel gewinnen zu können. Sollte ähnlich wie in Dubai herauskommen, dass Israel für dieen Terrorakt verantwortlich ist, wären die negativen Konsequenzen für Israel enorm. Israel müsste, wenn es sich bei einem solchen Terrorakt erwischen ließe, damit rechnen, die Unterstützung vieler Christen in der westlichen Welt einschließlich der Mehrheit der Christen in den USA zu verlieren, und oebndrein würde Israel sich damit 80 Millionen Ägypter einschließlich des bisher ausgesprochen israel-freundlichen Regimes zum Feind machen.

Die dritte Theorie geht davon aus, dass der ägyptische Diktator Husni Mubarak und sein Sicherheitsapparat den Anschlag begangen haben. Beinahe 30 Jahre, nachdem Husni Mubarak die Herrschaft in Ägypten durch einen blutigen Staatsstreich übernommen hat und Ägypten seitdem im Ausnahmezustand regiert, sieht seine Regierungbilanz geradezu katastrophal aus. Das jahrzehntelang praktizierte neoliberale Wirtschaftsprogramm, mit der der Diktator sämtliche sozialen Spuren von Nasser im einst als vorbildlich geltenden Ägypten beseitigt hat, hat außer seinem Sohn Gamal, der steinreich geworden ist, kaum jemandem genutzt, aber viele zu Armut verdammt. Der Spegel berichtete im Jahr 2009 über das mit dem Westen eng verbündete Ägypten unter anderem, dass dort die Analphabetenrate fast 30% betrage, die Korruption blühe und die Zustände in den Krankenhäusern miserabel sind. Und selbst das ist wohl noch geschönt, denn in einem Reisebericht bei GEO wird die Analphabetenrate 2009 mit fast 40% angegeben. Die politische Macht sichert Mubarak seinem Clan dadurch, dass er Mitglieder der Opposition, die es wagen, seinen Machtapparat bei Wahlen demokratisch herauszufordern, zu Tausenden einsperren lässt.

Die Opposition, das ist in erster Linie die Muslimbruderschaft. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Widerstandskampf gegen die europäische Kolonialisation entstandene Muslimbruderschaft genießt in Ägypten große Popularität. Ihre derzeitigen Führer gelten im Gegensatz zu den Repräsentanten von Mubaraks Polizeistaat als verantwortungsvoll handelnde Intellektuelle. Ihre Mitglieder erbringen freiwillig einige der sozialen Leistungen, die der Mubarak-Staat der Bevölkerung vorenthält. Die US-Botschaft in Cairo bezeichnete die Mulimbruderschaft, die trotz Betätigungsverbots und der Inhaftierung von Tauenden ihrer Mitglieder weiter politisch oppositionel tätig ist, im gerade geleakten Cable #07CAIRO2871 2007 als einzige politische Bedrohung für Mubarak. Der tunesische Diktator Ben Ali erklärte den USA 2009 seine Überzeugung, wie Cable #08TUNIS193 zeigt, dass früher oder später die Muslimbruderschaft die Macht in Ägypten übernehmen wird. Die Aufrechterhaltung der Macht des Mubarak-Regimes wird zusätzlich dadurch erschwert, dass Mubarak alt und schwach ist, und die Machtübergabe an seinen Sohn einerseits ein weiterer öffentlicher Beweis für die undemokratischen Verhältnisse in Ägypten wäre, und andererseits mögllicherweise auch zu Spannungen unter hohen Funktionären des Regimes führen könnte, die lieber jemand anderes als Mubaraks Sohn als Nachfolger des Diktators sehen würden.

Das praktisch Einzige, was das Mubarak und sein Regime für sich als Erfolg reklamieren können, ist, dass in Ägypten n den letzten Jahrzehnten kein offener Bürgerkrieg und auch kein größerer Krieg mit den Nachbarstaaten ausgebrochen ist. Die Abwesenheit von Bürgerkrieg ist in einem Land, in dem es – nicht zuletzt dank der schlechten Bildungsniveaus – zahlreiche ungebildete Hitzköpfe aller religiösen und politischen Variationen gibt, und in dem zuvor Staatsstreiche und politische Morde keine Seltenheit waren, duchaus eine vorzeigbare Leistung, und ebenso die Abwesenheit von Krieg in einer Nachbarschaft, wo nahezu sämtliche Nachbarstaaten in den letzten Jahrzehnten, wo in Ägypten Mubarak herrschte, irgendwann einmal in offene zwischenstaatliche kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren.

Stabilität und Sicherheit nennt das Mubarak-Regime dieses politische Kapital, und nutzt es dazu, um dem Mubarak-Polizeistaat zumindest eine gewisse Rechtfertigung zu geben. Das Mubarak-Regime portraitiert sich als die einzige Kraft, die die Sicherheit dafür beitet, dass Zig-Millionen radikale Muslime in Ägypten nicht über Millionen radikale Christen herfalllen und umgekehrt. Um sich mit dieser „Sicherheitsleistung“ Popularität zu verschaffen, bedarf es natürlich eines gewissen Maßes an religiöser Spannung. Und so lässt Mubarak in Ägypten beispielsweise radikale Salafiten gewähren, die gegen koptische Christen hetzen. Wenn religiöse Minderheiten wie Kopten sich von Muslimen bedroht fühlen, dann sollen sie nach Mubarak rufen und Sicherheit verlangen und Mubarak ist dann der Retter und Beschützer, der diese Sicherheit gewährt, und mit seinem Polizeistaat dafür sorgt, dass aufwiegelnden Worten keine Gewalttaten folgen. Ganz nebenbei lässt sich mit diesem Kontext rechtfertigen, oppositionelle Muslimbrüder zu Tausenden einzusperren.

In den letzten Jahren hat dies immer schlechter funktioniert. Die Muslimbruderschaft ist in den letzten Jahren erfolgreich auf die koptischen Christen zugegangen und hat sich mit ihnen zu einem guten Teil verbrüdert. Gleichzeitig hat die Muslimbruderschaft sich scharf von radikalen Salafiten und Terroristen wie denen, die unter der Dachmarke Al-Qaeda operieren, distanziert.

Die Logik hinter dem Terroranschlag in Alexandria könnte also darin bestehen, dass Mubarak die Anschläge selbst organisiert hat, um religiöse Spannungen zwischen Christen und Muslimen anzuheizen und die Christen dazu zu bringen, sich wieder stärker hinter Mubarak zu stellen und Sicherheit von ihm vor der Bedrohung durch Muslime zu verlangen. Dagegen spricht, dass es, eine riskante Machterhaltungsstrategie wäre, denn wenn Mubarak selbst für den Terroranschlag verantwortlich ist, und das auffliegen würde, dann hätte Mubarak damit schlagartig sein gesamtes verbliebenes politisches Kapital, nämlich das der Sicherheit, verspielt. Doch diese Gefahr ist Fale-Flag-Attacken immanent, und die Geschichte zeigt, dass False-Flag-Attacken trotzdem durchgeführt wurden. Im Falle von Mubarak spricht allerdings auch dagegen, dass Mubarak damit rechnen muss, auch für das Versagen seines ausufernden Sicherheitsapparates politisch verantwortlich gemacht zu werden und bereits dadurch politisches Kapital als Sicherheitsbringer verspielen könnte, dass es seinem Sicherheitsapparat ihm nicht gelungen ist, den Anschlag zu verhindern. Technisch gesehen dürfte eher eine ferngezündete Bombe als ein Selbstmordattentäter für die These sprechen, dass das Mubarak-Regime den Anschlag selbst begangen hat, denn sicher niemand von Mubaraks Anhängern würde sein Leben dafür opfern, Mubaraks Diktatur per Selbstmordanschlag retten zu wollen.

Sollte das so sein, dass Mubarak für den Anschlag verantwortlich ist, so wird die Öffentlichkeit bei der Aufklärung der Anschläge sehen, dass die Behörden von Mubarak zwar einen großen Aktionismus entwickeln, aber tatsächlich alles daran setzen, die Öffentlichkeit auf falsche Fährten zu lenken und danach trachten, eine gaubwürdige und transparente Aufklärung des Anschlages zu sabotieren und zu verhindern. Schließlich wird sich kein Regime nach einem False-Flag-Anschlag selbst verurteilen.

Abschließend betrachtet, ist es viel zu früh, um definitiv sagen zu können, ob eine der drei Theorien, und falls ja, welche davon, zutreffend ist. Denkbar sind auch Kombinationen verschiedener Theorien, also beispielsweise, dass fanatische Salafiten, die nicht wussten, wer ihr wahrer Meister ist, vom Mossad oder Mubarak oder gar beiden gemeinsam zu einem Selbstmordanschlag instrumentalisiert wurden, oder dass Mubarak von dem Anschlag zwar vorab Kenntnis hatte, ihn aber für politisch nützlich hielt, und deshalb geschehen ließ.

Entscheidend bei der Aufklärung wird letztlich nur die Kriminalistik sein können. Kriminalistische Fragen müssen beantwortet werden: Ist es angesichts des enormen Schadens plausibel, dass ein etwa 15 kg schwerer Sprengstoffgürtel expodiert ist, oder deutet die Wucht der Exposion und das Schadensbild am grünen PKW eher darauf hin, dass eine viel größere Bombe expodiert ist, die in dem Auto war? Wie viele Menschen haben sich zum Tatzeitpunkt vor der Kriche wie dicht versammelt gehabt? Wer sind die Toten? Ist dabei eine Person, die vom sozialen Profil her als Sebstmordattentäter in Frage kommt? Wem gehörte das grüne Auto? Wer hat es wann an den Anschlagsort gefahren? Wurde, wie Zeugen offenbar beschrieben haben, von Männern, die mit dem grünen Auto gekommen sind, telefoniert, und wenn ja, wer waren die Gesprächsteilnehmer? Wie konnte es sein, dass vor der Kirche überhaupt Autos geparkt waren, wo doch wegen Terrorgefahr dort Halteverbot war. Stimmt, dass Sicherheitskräfte vor dem Anschlag abgezogen wurden?

Es darf von Mubaraks riesiegem Sicherheitsapparat erwartet werden, dass solche einfachen kriminalistischen Fragen zügig und plausibel beantwortet werden können, wenn das Mubarak-Regime Sicherheit als sein politisches Kapital sieht. Versuche des Regimes, einerseits zu klären, sie hätten keine Ahnung, wer die Täter sind, andererseits sei es jedoch ganz sicher Al Kaida gewesen, deuten eher darauf hin, dass Mubaraks Sicherheitsapparat entweder aus einem Haufen unfähiger Dilletanten besteht oder Mubarak selbst etwas mit dem Anschlag zu tun hat. Die Öffentlichkeit sollte nun genau beobachten, welche kriminalistischen Argumente und Beweise das Mubarak-Regime vorlegt und mit welcher Täter-Theorie sie verknüpft werden.

Als weiteres bleibt der Öffentlichkeit in Ägypten und weltweit, sich durch den Terror Unbekannter nicht zu religiösem Hass aufstacheln zu lassen, sondern sich zu verbrüdern, und die Agenda derjenigen, die diesen Teroranschlag zum Schüren von religiösem Hass nutzen wollen, damit wirkungsvoll zu durchkreuzen.

(Dieser Artikel erschien zuerst im Blog Mein Parteibuch und wurde hier gespiegelt, da Mein Parteibuch wegen anhaltender DDoS-Angriffe nach wie vor manchmal nur schwer erreichbar ist.)