IWF-Daten weisen auf gravierende Probleme in den USA und Frankreich hin

Am Dienstag hat der IWF seine neuesten Einschätzungen zum Stand und zur Entwicklung der Weltwirtschaft bekanntgegeben. Insgesamt, so der vom IWF und darauf aufbauend westlichen Medien kolportierte Tenor, wird die Weltwirtschaft in diesem Jahr trotz eines belastend hohen Ölpreises mit erfreulichen 3,5% und im Jahr 2013 mit etwa 4,1% wachsen.

Schwellenländer in Asien, insbesondere China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit ihrem für 2012 erwarteten Wachstum von über 8%, seien dabei die Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft, die USA seien auf gutem Weg zu neuem Wachstum und wirtschaftlicher Erholung und Lateinamerika wachse auch recht prima. Europa, und da vor allem die Eurozone, bremsten die Entwicklung der Weltwirtschaft mit einer kleinen Rezession, die erst gegen Ende 2012 oder 2013 wieder in Wachstum drehen werde. Als Problemstaaten in Europa benennt der IWF, geführt von der französischen Ex-Finanzministerin Christine Lagarde, die allseits bekannten “PIGS” – mit I für Italien – der Eurozone, also Griechenland, Italien, Spanien und Portugal sowie außerhalb der Eurozone das britische Königreich. Zur erfolgreichen Bekämpfung der Staatsverschuldungskrise empfiehlt der französische IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard den PIGS der Eurozone laut Tageschau weitere Austeritätsmaßnahmen:

“Aus Gründen der Glaubwürdigkeit sind kurzfristige Anpassungen nötig. Sie können nicht mehr sagen: ‘Ich mache dies morgen’. Auch muss die Suche nach langfristig glaubwürdigen Maßnahmen fortgesetzt werden. Dies geht durch Ausgabenkürzungen und fiskalische Maßnahmen, die das Haushaltsdefizit schon bald reduzieren.”

Die Updates der Detailannahmen für alle Länder in der World Economic Outlook Database des IWF scheinen die Aussagen auf den ersten Blick zu bestätigen. Betrachtet man die Datenreihen der vom IWF prognostizierten Wachtumsraten der größten Volkswirtschaften der Welt sowie die der PIGS-Staaten, so fallen 2012 nur die PIGS-Staaten mit Negativem Wachstum, mithin einer Rezession auf, und im nächsten oder spätestens übernächsten Jahr wie im Fall von Italien dreht dann alles ins Positive.

Betrachtet man dazu jedoch die Entwicklung der Nettostaatsverschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, so ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Ein Blick
auf die Datenreihen des Anstieges der Nettostaatsverschuldung der größten Volkswirtschaften der Welt zeigt, dass das geringe, angeblich hoffnungsvolle, Wachstum der USA durch eine schnell wachsende Nettostaatsverschuldung erkauft wird, die bereits 80% vom BIP beträgt und deshalb in dem Maß wie in den letzten Jahren kaum weiter wachsen kann, ohne dass sie Probleme nach Art Griechenlands zur Folge hat, und neben Britannien, wo das Problem ansprochen wird, auch Frankreich, wenngleich nicht ganz so scharf, ein recht ähnliches Problem hat.

Eine Grafik der Entwicklung der Nettostaatsverschuldung in Bezug auf das BIP der G6-Staaten sowie zum Vergleich Brasilien, Griechenland und Spanien verdeutlicht das.

Nettostaatsverschuldung / BIP in % - IMF WEO April 2012

Nettostaatsverschuldung / BIP in % - IMF WEO 4/2012 (Fett: USA, F)

Zunächst einmal fällt dabei natürlich die seit einigen Jahren wieder rasant wachsende Verschuldung Japans, der, gemessen am BIP in US-Dollar zum Marktpreis, drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, auf gegenwärtig über 126% auf. Japan ist allerdings im Gegensatz zu anderen Staaten vornehmlich im Inland verschuldet, und das insbesondere bei sehr staatsnahen institutionellen Gläubigern, die weiter japanische Anleihen kaufen, auch wenn die japanische Staatsverschuldung exorbitant ist und die Schuldtitel dementsprechend aufgrund der hohen Staatsverschuldung eigentlich tendenziell risikoreich wären. Die Regierung kauft sich in Japan also die Schuldtitel quasi selbst ab. Solange Japan hohe strukturelle Exportüberschüsse erwirtschaftet, sind solche Schulden zwar ein Hemniss für eine wachstumsorientierte Geldpolitik, aber kein existentielles Problem. Wer es glauben mag, soll es glauben. Japan ist trotz der hohen Verschuldung bisher jedenfalls sogar in der Lage, fremde Staatsschuldtitel in großem Stil zu kaufen und hohe Einzahlungen in internationale Fonds wie den IWF zu machen. Andere Länder, insbesondere die USA und die der EU, haben jedoch nicht solche freundlichen staatsnahen Kreditoren und keine strukturellen Exportüberschüsse wie Japan, die den Wert der Währung trotz riesiger Staatsschulden stabilisieren.

In der Grafik fällt sodann der Staat Italien auf, der vom Jahr 2000 bis 2007 seine Nettoverschuldung von 93% vom BIP auf etwa 89% gedrückt hat. Italiens Schulden sind mit der 2008 geplatzten weltweiten Finanzblase von 89% auf 97% gestiegen, und wurden mit einem brachialen Austeritätskurs, der die gegenwärtige heftige Rezession in Italien verursacht hat, bei etwa 100% stabilisiert. Damit liegt Italien nur knapp unter dem Verschuldugsniveau Griechenlands im Jahr 2007, und jedes weitere mittelgroße Problem könnte Italien wie Griechenland in eine Zinsspirale befördern, wo die Staatsschulden allein durch die gestiegene Last von Risikozinsen nicht mehr refinanziert werden können. Italien ist im Gegensatz zu Griechenland die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt und sollten “nur 10%” der italiensische Schuldtitel ausfallen, würde das von der Wirkung her in etwa einem Ausfall von 50% der griechischen Schulden gleichkommen. Die Bedeutung von Italien ist also nicht zu unterschätzen. Allerdings hat Italien seine Schulden und die Schuldenquote seit 2010 – so wie es bisher aussieht – erfolgreich stabilisiert und die duch die Austeritätsmaßnahmen verursachte Rezession ist in die Prognose bereits eingepreist. Anders liegen die Dinge im Fall von Britannien, die USA und Frankreich.

Britannien, die USA und Frankreich liegen mit gegenwärtig jeweils rund 80% Nettostaatsverschuldung in Bezug auf das BIP zwar etwa 20% unter der Quote Italiens, doch ist dort die Verschuldung in den letzten Jahren stark gestiegen und sie steigt auch weiter rasant. Im Königreich von Britannien, der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt, ist die Nettostaatsverschuldung von 2007 bis 2011 in Folge der Aufdeckung versteckter Kosten von teuren Kriegen gegen Afghanistan und Irak sowie der exzessiven Blasenokönomie von etwa 38% auf etwa 78% vom BIP gestiegen. Obwohl in den letzten beiden Jahren heftige und unpopuläre Austeritätsmaßnahmen auf nahezu allen Ebenen bis hin zum für die kriegslüsterne britische Elite sakrosankten Militär ergriffen wurden, und Britannien deshalb hart an einer Rezession steht, wird für 2012 mit einem weietren Anstieg der Nettoverschuldung auf 84% vom BIP gerechnet. Ob die britische Verschuldung dank der heftigen Austeritätsmaßnahmen tatsächlich in etwa zwei Jahren bei 88% ihren Höhepunkt finden und dann zurückgehen wird, oder ob noch weitere schwere Austeritätsmaaßnahmen nötig sein werden, die eine weitere Rezession auslösen, bleibt abzuwarten. Sollte die Verschuldung Britannien weiter mit sechs bis zehn Prozent pro Jahr wachsen, so wäre Britannien in etwa fünf Jahren etwa da, wo Griechenland pleite war. Im Unterschied zu Griechenland hätte Britannien in dem Fall, dass der Verschuldungsanstieg nicht in den Griff zu bekommen ist, aufgrund der eigenen Währung zwar die Möglichkeit, die offizielle Erklärung des Bankrotts zu vermeiden und das Land durch Gelddruckerei und Hyperinflation zu entschulden, doch auch dieses Vorgehen würde eine heftige reale Rezession zur Folge haben, und natürlich auch die Stellung des britischen Pfundes als Reservewährung schwächen und der britischen Volkswirtschaft nach der gezielten Deindustrialisierung der vergangenen Jahrzehnte eine weitere Einkommensquelle nehmen. Britannien hat die Verhinderung eines weiteren Verschuldungsanstieges allerdings, wie die unpoplären Austeritätsmaßnahmen zeigen, offenbar ernsthaft im Visier, und so stehen die Chancen nicht ganz schlecht, dass das auch funktionieren wird.

Ganz anders sieht es in den USA, der immer noch größten Volkswirtschaft der Welt, aus, und das, obwohl die Lage da ganz ähnlich wie die in Britannien ist. In den USA stieg den neuen IWF-Daten zufolge die Nettostaatsverschuldung im Verhältnis zum BIP von 2007 bis 2011 aus ähnlichen Gründen wie Britannien von etwa 48% auf rund 80%. Besonders bemerkenswert daran ist, dass die
IWF-Daten im letzten September für 2011 in Bezug auf die USA noch einen Nettoverschuldungsgrad von lediglich 72% ausgewiesen hatten, und nun still und leise diesbezüglich die ganze Datenreihe der letzten Jahre nach oben korrigiert wurde, mit dem Ergebnis, dass die Nettostaatsverschuldung der USA nun den IWF-offiziell im Jahr 2011 satte 8% vom BIP höher liegt als zuvor publiziert wurde. Den aktuellen IWF-Daten zufolge soll die Nettostaatsverschuldungsquote der USA wie in Britannien in etwa drei Jahren bei 88% vom BIP stabilisiert werden, um danach, unterstützt durch ein saftiges Wirtschaftswachstum, langsam zurückzugehen.

Das Problem dabei ist im Fall der USA jedoch, dass das Wirtschaftswachstum in den USA bisher zumindest zu einem guten Teil ein statistisches Märchen ist, und bisher ergriffene Maßnahmen, um den Verschuldungsanstieg zu bremsen, die Annahme nicht rechtfertigen können, dass die Verschuldung in den USA bei 88% stabilisiert werden kann. Das vom IWF erfreut erwähnte gegenwärtige “Wirtschaftswachstum” in den USA basiert vor allem darauf, dass zwischen der April-Prognose des IWF im letzten Jahr (man vergleiche die BIP-Angaben zu den USA für das Jahr 2010 von April 2011 mit den aktuellen Angaben für 2010) und der letzten IWF-September-Prognose die Datenreihen von US-BIP-Werten der Vergangenheit sanft nach unten “korrigiert” wurden, und gleichzeitig die BIP-Werte der Gegenwart des Jahres 2011 so gut es geht, nach oben gerechnet werden. Basierend auf dem so rechnersich erzeugten “Wirtschaftswachstum” wurde nun die Annahme getroffen, dass die US-Wirtschaft langsam “in Schwung” komme, deshalb in den USA bald mit einem weiteren Aufschwung zu rechnen sei und es wurden die Prognosewerte für die zukünftigen BIP-Werte für die USA im Vergleich zu September 2011 recht kräftig nach oben korrigiert, sodass der Verschuldungsanstieg der USA sich quasi auswachsen werde.

Nachdem die Nettostaatsveschuldung der USA in den letzten drei Jahren jeweils um mehr als sieben Prozent pro Jahr in Bezug zum BIP stieg, gehen die aktuellen IWF-Daten davon aus, dass die Nettostaatsveschuldung der USA 2012 um lediglich etwa 3,4%, auf dann 83,68% steigen wird. Das würde bei einem BIP von run 15 Billionen Dollar einem auf das Gesamtjahr 2012 bezogenen US-Haushaltsdefizit von rund 500 Mrd Dollar entsprechen. Aber es sind überhaupt keine Haushaltsmaßnahmen erkennbar, die die Annahme rechtfertigen würden, dass sich das Haushaltsdefizit in den USA 2012 mehr als halbieren würde. Dass das reines Wunschdenken und Schönrechnerei für das Wahljahr ist, lässt sich auch daran erkennen, dass schon allein das US-Haushaltsdefizit für Februar 2012 über 230 Mrd Dollar betrug. US-Präsident Barack Obama selbst projektiert offiziell ein US-Budgetdefizit von einer Billion Dollar jährlich bis zum Ende der Dekade. Auch für die Zukunft ist kaum Besserung in Sicht. Die bisher vereinbarten Austeritätsmaßnahmen im Umfang von 1,2 Billionen Dollar über 10 Jahre wären selbst bei einer ausgesprochen positiven BIP-Entwicklung kaum mehr als ein Drittel dessen, was notwendig wäre, um das Schulden/BIP-Verhältnis zu stabilisieren. Was statt einer sich durch Wachstum entspannenden Verschuldungssituation nach den US-Wahlen Ende 2012 tatsächlich zu erwarten ist, ist die harte Entscheidung zwischen Weitermachen wie bisher, heftiger Inflation und einem damit möglicherweise einhergehenden Ende des Dollars als Leitwährung, und heftigen Austeritätsmaßnahmen wie in Britannien. In beiden Fällen ist ab 2013 nicht, wie vom IWF prognostiziert, mit einer “weiteren” wirtschaftlichen Erholung, sondern aufgrund der ausufernden Staatsverschuldung mit stark gebremsten Wachstumskräften in den USA, vermutlich sogar einer heftigen US-Rezession, zu rechnen.

Was Frankreich, die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt und die nach Deutschland zweitgrößte Volkswirtschaft der EU, angeht, so liegen die Dinge ähnlich wie in den USA. Auch in Frankeich ist 2012 ein Wahljahr, also ein Jahr, wo Regierungen generell gern gute Stimmung verbreiten und sich von ernsthaften Austeritätsmaßnahmen nach Möglichkeit fernhalten. Auch in Frankreich steht der Nettoschuldenzähler 2011 bei 80% vom BIP. Im Vergleich zu den USA geht der Verschuldungsanstieg in Frankreich aber nicht ganz so rasant von statten, von 62% im Jahr 2008 bis zu 80% im Jahr 2011 waren es in Frankreich in den letzten drei Jahren durchschnittlich nur sechs Prozent, um die die Nettoverschuldung stieg, und vom Jahr 2010 zum Jahr 2011 stieg die Nettoverschuldung Frankreichs “nur” um etwa 3,8%. Im Prinzip ähnlich, wenngleich nicht ganz so deutlich, wie für UK und die USA weisen die aktuellen IWF-Plandaten auch für Frankreich zunächst einen weiteren Anstieg der Verschuldung bis auf 84% im Jahr 2013 und danach ein sanftes Abschmelzen der Verschuldungsquote aus. In Frankreich hat es einige Austeritätsmaßnahmen wie ein späteres Renteneintrittsalter gegeben, doch ob das reicht, um den Verschuldungsanstieg zu stoppen, erscheint fraglich. Betrachtet man die für Frankreich vom IWF projektierten Wachstumsdaten in der Zukunft und vergleicht sie mit den für andere europäische Länder projektierten IWF-Daten, so weisen sie einen ähnlich schwer begründbaren Optimismus aus wie die für die USA projektierten Daten. Gegenwärtig sei das Wachstum eher nicht so toll, weniger als ein halbes Prozent werden für Frankreich 2012 den IWF-Daten zufolge erwartet, doch dann wird es schnell aufwärts gehen und ab dem Jahr 2014 wird die französische Wirtschaft den IWF-Prognosedaten zufolge etwa eineinhalb mal so schnell wie die deutsche Wirtschaft wachsen, wodurch sich dann die hohe französische Nettostaatsverschuldung im Verhältnis zum BIP durch Wachstum relativiere. Wer etwas mehr Realismus an den Tag legt, der darf hingegen erwarten, dass es nach der Wahl in Frankreich, egal ob Sarkozy gewinnt oder nicht, weitere Austeritätsmaßnahmen in Frankreich zur Begrenzung des französischen Staatsschuldenanstieges geben wird, und das Wachstum in Frankreich schon deshalb noch eine ganze Weile ziemlich flach ausfallen wird.

Besser als in Britannien, den USA und Frankreich sieht die Lage bezüglich der Staatsverschuldung hingegen beispielsweise in Brasilien aus, das mit etwa 36% vom BIP nettoverschuldet ist, im mit rund 56% nettoverschuldeten Deutschland und sogar in Spanien, das bisher ebenfalls mit “nur” 56% vom BIP nettoverschuldet ist, wo jedoch das Problem besteht, dass die jährliche Nettoschuldenzunahme mit über 7% vom BIP ähnlich groß wie in den USA ist. Die aufstrebenden und schnellwachsenden BRIC-Staaten China und Russland haben hingegen keine Nettostaatsverschuldung, sondern anstelle von Schulden ein positives Nettostaatsvermögen und gewaltige Finanzreserven.

Ganz anders irreal sind die IWF-Prognosedaten hingegen zur zukünftigen Entwicklung des chinesischen BIP in US-Dollar zu Marktpreisen. Während der IWF en Ist-Wert für 2011 im Vergleich zu allen früheren Prognosen wieder einma kräftig nach oben korrigiert hat, wurden die Erwartungswerte für die Zukunft wieder einmal völlig unrealistisch nach unten abgeändert. Satte 7,298 Billionen US-Dollar hat der IWF für das chinesische BIP 2011 nun ausgewiesen, was einer BIP-Steigerung von 1,368 Billionen US-Dollar im Vergleich zu 2010 entspricht und das größte Wirtschaftswachstum aller Länder und aller Zeiten IWF-offiziell macht. Im April 2011 hatte der IWF noch eine Steigerung von nur 637 Mrd US-Dollar prognostiziert und diese Prognose im September 2011 durch eine Erhöhung um 1,1 Billionen US-Dollar ersetzt. Und nun ist es eine Steigerung von 1,368 Billionen US-Dollar geworden.

Trotzdem wurden die Prognosewerte für das zukünftige chinesische BIP nicht erhöht, sondern gesenkt. Durch die völlig unrealistische Absenkung der ohnehin unrealistisch niedrigen Prognosewerte für die Zukunft landet der IWF nun für das Jahr 2017 bei einem chinesischen BIP-Wert von rund 12,7 Billionen US-Dollar, womit das chinesische BIP weit unter dem für 2017 für die USA prognostizierten Wert von 19,7 Billionen US-Dollar liegen würde. Um auf eine Zahlenreihe mit einem solch niedrigen chinesischen Endwert zu kommen, wurde wieder – wie in den vergangen Jahren auch schon – ein kräftiger Knick in die Zahlenreihe eingebaut, der just zum Zeitpunkt der Prognoseerstellung stattfindet. So geht die IWF-Prognose davon aus, dass das chinesische BIP in US-Dollar zum Marktpreis im Jahr 2012 bei lediglich 7,99 Billionen US-Dollar liegen werde, also 2012 um gerade einmal 700 Miliarden US-Dollar steigen wird. Um tatsächlich auf solch niedrigen Wert zu kommen, müsste die Summe aus Wirtschaftswachstum, Inflation und prozentualer Wechselkursänderung für China 2012 etwa 9% ergeben. Tatsächlich realistisch dürften für China 2012 im Vergleich zu 2011 eher acht Prozent Wirtschaftswachstum, vier Prozent Inflation und drei Prozent Yuan-Aufwertung sein, was in der Summe 15% machen würde und für 2012 ein chinesisches BIP in US-Dollar zum Marktpreis von etwa 8,4 Billionen US-Dollar erwarten ließe. Für die Folgejahre gilt vermutlich ähnliches: Chinas Wirtschaft wächst gemessen in US-Dollar zum Marktkurs wie in der Vergangenheit etwa doppelt so schnell wie vom IWF prognostiziert und wird aller Voraussicht nach irgendwann zwischen 2016 und 2020 die USA offiziell überholt haben.

Es ist aufgrund der Unterschätzung von China und den vom IWF verschwiegenen gravierenden Problemen in den USA und Frankreich also zu erwarten, dass sich die weltwirtschaftliche Macht deutlich schneller verschiebt als vom IWF verkündet. Aber sowohl die US-Regierung als auch China haben jedoch ein Interesse, diese Prognose nicht zu treffen. Abgesehen von der anstehenden Wahl bewirbt die US-Regierung die USA ständig als leistungsfähigstes, stärkstes und damit einzigartig hervorragendes Land der Welt, und China ist bedacht darauf, in den USA keine psychologisch bedingten, irrationalen Abwehrmaßnahmen gegen den Überholvorgang – beispielsweise einen offenen Wirtschaftskrieg oder verstärkte militärische US-Bemühungen – auszulösen. Es wird so also weiterhin – das Parteibuch berichtete – vom IWF aus politischen Gründen gezielt versucht, den falschen Eindruck zu erzeugen, die USA seien noch für sehr viele Jahre die bei Weitem größte Volkswirtschaft der Welt, zumindest was das BIP zu Marktpreisen angeht.

Aber auch nach den prognostizierten Daten des IWF verschieben sich die geopolitischen Gewichte in der Welt mit beachtlichem Tempo. Ein einfaches Beispiel dafür ist beispielsweise der Vergleich zwischen den G7-Staaten, also die sieben Staaten der US-geführten “westlichen Wertegemeinschaft”, die 1990 auch die führenden sieben Volkswirtschaften der Welt waren, und den vier BRIC-Staaten bezüglich des Anteils volkswirtschaftlichen Outputs in der Welt gemessen in kaufkraftbereinigtem BIP (GDP-PPP). Zusammen hatten die G7- und BRIC-Staaten im Jahr 2000 einen Anteil von 65,27% am Weltoutput, im Jahr 2011 waren es 64,37% und im Jahr 2017 sollen es den neuen IWF-Daten zufolge 65,14% sein. Zusammengenommen hat sich der Anteil der elf Staaten an der Weltwirtschaftsleistung also praktisch überhaupt nicht verändert, 65% der Weltwirtschaftsleistung nach GDP-PPP fanden im Jahr 2000 in diesen elf Staaten statt, derzeit sind es immer noch fast genau 65% und im Jahr 2017 werden das immer noch 65% sein. Aber unter diesen elf wirtschaftlich besonders starken Staaten haben sich die Gewichte kräftig verschoben. Im Jahr 2000 betrug der Output der BRIC-Staaten etwa 34% des Outputs der G7-Staaten, der Output der BRIC-Staaten bretrug 2010 rund 64% – und 2011 rund 67% – des Outputs der G7-Staaten und 2017 wird der Output der BRIC-Staaten den neuen IWF-Daten zufolge rund 90% des Outputs der G7-Staaten betragen. Wenn das so weiter geht, dann haben die vier BRIC-Staaten 2020 zusammen mehr wirtschaftlichen Output als die sieben G7-Staaten.

Auch wenn man meinen mag, dass die rund 180 Staaten, die nicht zu den 65% des Weltwirtschafts-Outputs leistenden G7- oder BRIC-Staaten gehören und sich die verbliebenen 35% des Weltwirtschafts-Outputs teilen, in ihrer nach Wirtschaftskraft gewichteten Mehrheit politisch eher zu den US-geführten G7-Staaten tendieren, so ist eine kontinuierliche Verschiebung des weltwirtschaftlichen Kräfteverhältnisses in gigantische Ausmaß unverkenbar.

Die Zeit des Endes der wirtschaftlichen Dominanz der USA und ihres geopolitischen Blocks kommt mit Riesenschritten näher – glücklicherweise. Den USA ist diese geopolitische Machtverschiebung überhaupt nicht recht, denn sie ändert für die USA alles. Wenn es soweit ist, dann werden die USA sich nicht mehr den größten Militärapparat der Welt leisten können, sie werden der Welt ihren Willen nicht mehr durch die Gewährung von Handelsprivilegien oder die Verhängung von Sanktionen aufzwingen können und ihr “exorbitantes Privileg” der Ausgabe der Weltreservewährung wird verschwinden. Nichts, was derzeit in der Welt an Aufständen, bunten Revolutionen und Kriegen vonstatten geht, lässt sich ohne die Berücksichtigung dieses Hintergrundes zutreffend analysieren.

5 Kommentare

  1. Ich glaube, wenn ich im Kaffeesatz lese sind meine Prognosen ganu so zutreffend wie die, dieser dieser sogenannten Experten.
    Das ist doch alles reines, Interessen gesteuertes Wunschdenken, in denen kriminelle Luftbuchung bis zum geht nicht mehr strapaziert werden.

    Letztendlich wird sich herausstellen, dass alles Geld
    nichts anderes, als die Asche unserer ausgebeuteten ökologischen und sozialen Mitwelt ist.
    Sie wurde dem Gott des Wohlstands auf dem Altar des
    Wachstums geopfert, dessen alles verzehrende Flamme der Gier, durch den Orkan des Zinseszins-Turboladers und der Spekulationen des zügellosen Kapitalmarktes, gespeist wurde.
    Ihr Geld ist die Asche unserer (zerstörten, verbrannten Umwelt) Mitwelt. (BoKa)

  2. […] auf etwa 43% voraus, den BRICS hingegen mit diesem Maßstab gemessen einen Anstieg auf 24%. Dabei spricht Alles dafür, dass die G7-Staaten schwächer wachsen, der wichtige BRICS-Staat China schneller wächst als vom […]

  3. […] die Prognosewerte des IWF vom April 2012 für die Jahre 2012 bis 2017 setzen, wie im Parteibuch bereits erläutert wurde, die chinesischen Werte in Bezug auf das BIP zu Marktpreisen wieder einmal viel zu niedrig an […]

  4. […] spanische Nettostaatsverschuldung liegt, wie im April vom Parteibuch anhand der letzten IWF-Daten berichtet wurde, unter dem EU-Durchschnitt und wird auch nach der Aufnahme der neuen […]

  5. […] um die anderen G7-Staaten zu “retten”, muss sich die Große Vorsitzende nicht. Stürzen beispielsweise die USA und Frankreich wirtschaftlich ab, dann ist das für die Exporte der deutschen Industrie nicht besonders tragisch, […]


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