Welche Regeln gelten eigentlich in Deutschland für die Re-Hypothecation?

11. Dezember 2011

In einem Reuters-Blog ist anlässlich der Pleite des Brokers MF Global und in diesem Zusammenhang weggekommenen Kundengeldern kürzlich ein aufschlussreicher Artikel von Christopher Elias aufgetaucht, der die Outsidern wenig bekannte Praxis der Re-Hypothecation von Kundenwerten durch Broker und Banken ein wenig beleuchtet.

Hypothecation, also Verpfändung, meint in diesem Zusammenhang, dass Kunden eines Brokers oder einer Bank auch ohne Bargeldeinsatz auf Kredit spekulieren können, wenn sie dafür beim Broker Wertpapiere parken und diese als Pfand da sind, damit sichergestellt ist, dass die Spekulationspositionen im Verlustfalle ausgeglichen werden. Re-Hypothecation, zu deutsch etwa Wiederverpfändung, meint in diesem Zusammenhang die Praxis, dass der Broker die vom Kunden als Pfand geparkten Wertpapiere weiter verpfänden, um sich damit die Mittel zu organisieren, die ihre Kunden zum Spekulieren einsetzen.

Christopher Elias erklärt dazu, dass die Finanzregeln in den USA sind, dass Broker und Banken beschränkt sind, das Pfand der Kunden nur zu maximal 140% der Summe, die ihre Kunden für ihre Spkulation einsetzen, weiterverpänden zu dürfen. Wenn also ein Kunde mit 200 Dollar spekuliert und dafür Wertpapiere für 500 Dollar als Pfand beim Broker lässt, dann darf der Broker maximal 280 Dollar des Pfandes weiterverpfänden.

Am Finanzplatz London ist es hingegen Elias zufolge so, dass Banken und Brokern keine Grenzen gesetzt sind, wieviel eines Kundenpfandes sie weiterverpfänden. Da kann also eine Bank die kompletten 500 Dollar, die ein Kunde als Wertpapierpfand hinterlegt hat, weiterverpfänden, auch wenn ihr Kunde selbst mit viel weniger Geld spekuliert. Was im Fall von MF Global nun passiert sein soll, ist, dass MF Global eine Tochtergesellschaft in London aufgemacht hat, dann die Kundenpfänder über eine von den Kunden standardmäßig unterschriebene Generalklausel dahin verschoben hat, damit britisches Recht zur Anwendung gebracht hat und die in den USA gültige Begrenzung der Re-Hypothecation auf 140% ganz legal ausgehebelt hat. Die durch die umfangreiche Re-Hypothecation erreichte Liquidität scheint MF Global als Absicherung für den Kauf hochverzinslicher Wertpapiere – meist Staatsanleihen aus den europäischen PIGS – auf Kredit mit Rückkaufsvereinbarung zum Fälligkeitstermin in eigenem Namen eingesetzt zu haben.

So weit, so schlecht. Doch damit nicht genug. Da der Rückzahlungszeitpunkt des Kredites so gewählt wurde, dass er mit dem Fälligkeitszeitpunkt der Staatsanleihen zusammenfiel, konnte MF Global diese Positionen sofort als Verkauf verbuchen und brauchte seine eigene spekulative Wette darauf, dass die PIGS-Staaten nicht pleite gehen werden, nicht in der eigenen Bilanz auszuweisen. Für außenstehende gab es also im Prinzip keine Möglichkeit mehr, überhaupt festzustellen, dass MF Global diese Wette am Laufen hatte. Solche Geschäfte werden im englischen Off-Balance-Sheet Repos, also zu deutsch etwa außerbilanzielle Rückkaufvereinbarungen, genannt. Das Problem wird dadurch auch noch massiv verschärft, dass diejenige Bank, die ein Pfand von einer anderen Bank als Kundenpfand erhalten hat, dieses Pfand am Finanzplatz London nun wiederum für sich dazu einsetzen kann, es als Pfand einzusetzen, um weitere Mittel zu erlangen, und so weiter und so fort. Begrenzt wird die Pfand-Wiederverwertungskette praktisch nur durch die Gebühren und Transaktionskosten, die bei solchen Geschäften für die abwickelnde Bank anfallen.

MF Global ist dann wohl pleite gegangen, weil die Staatsanleihen der PIGS im Kurs gesunken sind, die Kreditgeber für die Wette von MF Global daraufhin mehr Sicherheit zur Unterfütterung der Wette verlangt haben, und gleichzeitig Kunden von MF Global aufgrund von Gerüchten Pfandgelder von MF Global abgezogen hatten, und damit die durch die Re-Hypothecation von MF Global gewonnen Mittel, die von MF Global als Sicherheit zur Unterfütterung der Wette einsetzbar waren, kleiner wurden.

Da diese Wetten nicht in der Bilanz auftauchen, oder allenfalls in einem wenig aussagekräftigen Statement im Bilanzanhang, gibt es kaum eine Möglichkeit, von außen abzuschätzen, wie groß die Gefahr ist, dass es zu Pleiten bei Brokern und Banken kommt, wenn eine größere, durch Re-Hypothecation finanzierte Repo-Wette schiefgeht. Und wenn ein Akteur in der Pfandverwertungskette pleite geht, dann stellt sich die Frage, ob andere Akteure der Pfandverwertungskette damit auch pleite gehen würden, und es eine Kettenreaktion geben würde, wo alle an der Pfandverwertungskette via London beteiligten Banken und Broker praktisch von heute auf morgen pleite gehen würden.

Christopher Elias meint, Probleme seien in dem Fall recht ahrscheinlich, weil praktisch alle Banken und Broker Geschäfte mit Re-Hypothecation über London machen. Christopher Elias hat sich die Statements zu den Bilanzen einiger meist amerikanischer Banken und Broker mal genauer angeschaut, und dabei festgestellt, dass da ganz ordentliche Summen hinterstecken, die das Zeug haben, das ganze Bankensystem zu crashen. Bei JP Morgan nennt er diesbezüglich beispielsweise die hübsche Zahl von 546,2 Mrd USD und für Morgan Stanley nette 410 Mrd USD. Bei der Credit Suisse hat er eine Zahl von 332 Milliarden Franken gefunden. Bei anderen Banken und Brokern hat er weniger gefunden, aber immer noch geht es um riesige Milliardenbeträge. Die Summe geht schnell in den Billionenbereich.

Bemerkenswerterweise wurde über den Bericht von Christopher Elias mit Ausnahme eines Artikels von Rainer Sommer bei Telepolis in Deutschland kaum diskutiert, und das, obwohl es gerade eine dicke Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und dem Rest der EU unter Führung Deutschlands gibt, was die Regulierung von Finanzmarktgeschäften angeht. So wie es aussieht, will David Cameron eine stärkere Regulierung des Finanzplatzes London unbedingt vermeiden, und die Regeln zur Re-Hypothecation könnten dabei ein wichtiges Thema sein. Dass die City of London mit den Geschäften gern so weitermachen würde wie bisher, wundert dabei wenig, denn schließlich werden die Gebühren für die in anderen Ländern in der Art verbotene Re-Hypothecation vornehmlich in London verdient.

Dabei gäbe es da doch auch für Deutschland zwei naheliegende Fragen: Welche Regeln gelten eigentlich in Deutschland für die Re-Hypothecation? Und mal angenommen, es sieht in Deutschland mit dem beliebten Banksterspiel “Geld für nichts” nicht viel anders aus als in den USA, dann schließt sich daran eine weitere Frage an: In welchem Umfang spekulieren deutsche Broker und Banken ganz legal mit Kundengeldern im Rahmen von Konstrukten wie Re-Hypothecation?

Mit Billionen von Dollars, die über große Hebel in fragile Haftungsketten eingebunden sind, sieht das so aus, dass sich international opeierende Bankster bei diesem Money-for-nothing-Spiel mal wieder perfekte Konditionen für viele Milliarden schwere “alternativlose” Bailouts aus der Staatskasse geschaffen haben, wenn das Zocken schief geht.

Eine Antwort auf “Welche Regeln gelten eigentlich in Deutschland für die Re-Hypothecation?”

  1. kosh Sagt:

    Streng verkürzt nach den Regeln des Supply Chain Management:

    Regel Nr. 1
    Die Masse wird gemolken.

    Regel Nr. 2
    Die Masse nickt es ab …

    … spätestens mit den nächsten Wahlen.

    aus http://de.wikipedia.org/wiki/Supply_Chain_Management
    - Der Ausdruck Supply-Chain-Management (SCM) bzw. Lieferkettenmanagement, deutsch auch Wertschöpfungslehre, bezeichnet die Planung und das Management aller Aufgaben bei Lieferantenwahl, Beschaffung und Umwandlung sowie aller Aufgaben der Logistik. Insbesondere enthält es die Koordinierung und Zusammenarbeit der beteiligten Partner (Lieferanten, Händler, Logistikdienstleister, Kunden). SCM integriert Management innerhalb der Grenzen eines Unternehmens und über Unternehmensgrenzen hinweg.[2] Wesentliches Paradigma hierbei ist es, dass nicht mehr Einzelunternehmen, sondern stattdessen vernetzte Lieferketten miteinander konkurrieren, wodurch eine Integration und Koordination der Mitglieder des Systems „Lieferkette“ nötig wird. Diese Aufgabe übernimmt das SCM.

    Wesentliches Paradigma ist es nach meinem Dafürhalten, dass SCM am Kunden gemäss Stammtischgeschwafel überhaupt nicht funktionieren dürfte.

    Und sie dreht sich doch :-)

    Die Amis auf Kurs
    Grüsse
    kosh

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