Sowas kommt von sowas

Wie die Schlagzeilen sich ändern. Vor ein paar Tagen hat Deutschland die Öffentlichkeit und vermutlich auch einige andere Euro-Länder unmittelbar nach dem Euro-Kompromiss zur Vermeidung einer griechischen Staatspleite damit überrascht, dass es aufgrund eines “zufälligen Buchungsfehlers” in Höhe von sage und schreibe 55 Mrd Euro finanziell besser dasteht, als es das vorher kommuniziert hatte. Bei den harten und zähen Verhandlungen, bei denen der griechische Regierungschef Papandreou in einem Kompromiss im Zuge der Solidarität mit den Banken ach so klammer nordeuropäischer Länder wie Deutschland versprochen hatte, seine Bevölkerung mit brutalen Sparmaßnahmen zu traktieren, war es für Deutschland sicher nicht ungünstig, sich etwas ärmer zu stellen.

Ein Sprecher des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble erklärte, dem Finanzministerium sei der Buchungsfehler erst im Oktober bekannt geworden. Wie es sein kann, dass der Buchungsfehler bereits im September in einer Antwort des parlamentarischen Staatsekretärs Hartmut Koschyk auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Klaus Ernst bereits zahlenmäßig richtiggestellt, aber dem Finanzministerium trotzdem bis Oktober unbekannt war, erklärt die Behauptung von Schäubles Sprecher freilich nicht.

Die breite Kommunizierung des Buchungsfehlers Ende Oktober kam dann schließlich zu einem für die deutschen Banken sehr günstigen Zeitpunkt, denn der deutsche Benkenretter Klaus Regling war da gerade in China unterwegs, um die kommunistische Partei Chinas um Kredit anzubetteln und da macht es sich natürlich gut, wenn Deutschland nicht ganz so pleite aussieht.

Und nun, nachdem Deutschland die Griechen mit dem Auffinden von 55 Milliarden Euro überrascht hat, überraschte der griechische Regierungschef Papandreou Deutschland und andere “Retterstaaten” gestern damit, dass er über den historischen Euro-Kompromiss und den sie begeleitenden brutalen Sparmaßnahmen in Griechenland eine sogenannte “Volksbefragung” ansetzen lassen will, vermutlich Anfang nächsten Jahres, aber vielleicht auch erst im Frühjahr, und das obwohl ihm die deutsche Regierung davon in den letzten Monaten dringend abgeraten hatte.

Bis dahin müssen nun also deutsche und andere europäische Banken zittern, ob sie die Kohle aus dem gigantischen Bankenrettungspaket bekommen, dessen Erwartung ihre Börsenkurse in den letzten Tagen hochgetrieben hatte. Wenn die Griechen in der Volksabstimmung “Nein” sagen, und Griechenland die Staatspleite erklärt, dann müssen nordeuropäische Banken, die in den letzten Jahren ihr Eigenkapital als Boni und Dividende ausgeschüttet haben, sich mit undurchschaubaren Papieren im Casino verzockt haben und deshalb eigentlich genauso pleite wie der Staat Griechenland sind, sich einen anderem Grund ausdenken, wie sie zu neuem Spielgeld kommen – oder, wenn ihnen das nicht gelingt, eben auch ihre Pleite erklären. Für Grichenland könnte die mit der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit des Staates verbundene Einstellung des Schuldendienstes für nach Korruption stinkende Schulden hingegen den Weg zu einer wirtschaftlichen Erholung aufmachen, wie sie Argentinien genossen hat, nachdem dort die Staatspleite erklärt wurde.

Der deutsche Spiegel versuchte gestern Abend das Desaster für die deutschen Banken der deutschen Öffentlichkeit unter der Schlagzeile “Papandreou macht Griechen fassungslos” nahezubringen, ganz so, als sei die griechische Öffentlichkeit fassungslos darüber, dass sie per Volksabstimmung ihren Willen zum Ausdruck bringen darf. Für so blöd, das zu schucken, hält jemand beim Spiegel seine Leser offenbar, ganz so, als ginge als bei dem Euro-Kompromiss um eine Rettung Griechenlands und nicht um eine Rettung europäischer und unter anderem deutscher Banken. Dabei könnte jeder wissen, dass es in den letzten Monaten in Griechenland keine einzige Demonstration für eine deutsche Finanzdiktatur gegeben hat, wohl aber zahlreiche Demonstration, die eine deutsche Finanzdiktatur ablehnten.

Inzwischen, gegen 13:00h am heutigen Dienstag, liegt der deutsche Aktienindex Dax nach der Ankündigung einer Volksabstimmung in Griechenland gestern Abend bei rund 5% im Minus, wobei die deutschen Banken mit über acht Prozent Kursverlust zur Spitze der Verlieren gehören. Beim Spiegel änderte sich die Schagzeile des gestrigen Artikels “Papandreou macht Griechen fassungslos” zwischenzeitlich auf wundersame Weise und lautet nun “Papandreou irritiert Griechen mit Abstimmungsplan”. Dazu gibt es nun einen neuen Artikel, und dessen Titel ist: “Griechischer Premier entsetzt Europa”. Des Spiegels Europa, die Ackermänner und die Schäubles, die sind also entsetzt. Na sowas. Sie sind vermutlich überrascht, dass Vertrauen in Europa genauso auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruht wie überall sonst auf der Welt, und wenn das Prinzip es Vertrauens von einer Seite durch Überraschungen durchbrochen wird, auch mit Überraschungen auf der anderen Seite zu rechnen ist.

Der aus dem europäischen Ausland stammdende Journalist Rob Savelberg hat der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ein paar Monaten mal eine ausgezeichnete Frage gestellt, in der es um Vertrauen, Finanzen und Wolfgang “Cleverle” Schäuble ging.

Sowas kommt von sowas. Es ist eine Frage des Charakters. Nur steht das natürlich nicht im Spiegel.

Nachtrag: Nach regelrecht wütenden Reaktionen auf die Ankündigung des Referendums durch zweitrangige deutsche und nordeuropäische Politiker, die Demokratie in Griechenland für eine ganz gefährliche Sache halten, sind die Reaktionen der politischen Führung Deutschlands und Frankreichs butterweich. Deutschland und Frankreich unterstützen das Referendum, ist der Tenor aus Richtung Merkel und Sarkozy. Auch die staatliche deutsche Propaganda-Institution schlägt am Nachmittag butterweiche Töne an. “Darin könnte aber auch eine Chance liegen – für andere Krisenstaaten und für die Glaubwürdigkeit der Politik,” heißt es da nun im auf der Spitzenposition erklärten Artikel. Hintergrund düfte folgender sein: was und wo Griechenland im Gegenzug für den “freiwilligen” Schuldenschnitt konkret sparen soll, soll erst bis Ende des Jahres ausverhandelt werden. Vor diesem Hintergrund ist der Schachzug von Papandreou recht geschickt. Ohne Referendum würde Papandreou zerissen werden, egal, was er da verhandelt, die Opposition würde ihn zerreißen. Wenn es in Griechenland aber ein Referendum gibt, und Deutschland und Frankreich nicht wollen, dass ihre eigenen Banken in eine noch heftigere Schieflage kommen, als sie es ohnehin schon sind, dann müssen sie Papandreou stärken und den Griechen bis Ende des Jahres einen Deal anbieten, der so gut ist, dass Papandreou damit nächstes Jahr das Referendum gewinnt. Sollte Papandreou das Referendum verlieren, dann ist nicht nur seine Karriere erstmal beendet, sondern auch die deutschen und französischen Banken stecken in dicken Problemen. Das Bezeichnen von Papandreou’s Überraschung in der staatlichen deutschen Propaganda als “Chance” deutet daraufhin, dass Merkel und Sarkozy sich entschieden haben, dass es einfacher ist, Papandreou zu stützen und ihrer eigenen Bevölkerung – also der eutschen und französischen – einen sehr guten Deal für die Griechen zu verkaufen als eine andere Lösung dafür zu finden, um deutschen und französischen Banken mit Abermilliarden Euro aus der Klemme zu verhelfen, oder sie pleite gehen zu lassen.

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3 Kommentare

  1. Ich habe mir das Gespräch mit Nicola Sarkozy am Tag der Entscheidung über das Hilfpaket angeschaut.

    Es ist unglaublich, was auf die Französen zukommt. Unglaublich ist es nicht. Denn das haben wir erlebt und gespürt seit Madame in Deutschland an der Macht ist. Es sieht so aus als, ob die deutsche Arbeitsmarkt-politik auch für Frankreich eingesetzt wird.
    Das heisst die Arbeitswochenstunden von 35 auf 40
    Rentenalter erhört und die Mehrwertsteuer erhört. Überrall im offöntlichen Dienst wird gesparrt, Sprich beamten Entlassung und kein neue Eistellung. Das hat er aber ganz unklar und undeutlich vermittelt . Da braut sich was in Frankreich. Die werden es nicht so einfach hinnehmen.

  2. […] setzen, Griechenland würde aus der Euozone rausfliegen, wenn die Einwohner Griechenlands nicht per Referendum massiven Ausgabekürzungen zustimmen […]

  3. […] Regierungschef Griechenlands, Giorgos Papandreou, hat bekannt geben lassen, dass seine Ankündigung eines Referendums darüber, ob Griechenland sich dem Diktat der Finanz-Inquisition aus Brüssel, Berlin und Paris […]


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