Sie wissen nicht was sie tun

27. Juni 2011

Wie inzwischen allgemein bekannt ist, ist es das Ziel der NATO im Krieg gegen Libyen, erst einmal Muammar Gaddafi zu ermorden. Weniger bekannt ist allerdings, was die NATO in Libyen zu tun beabsichtigt, wenn dieses Ziel erreicht sein sollte.

Reuters berichtete am 30. Mai, dass der Commander des Joint Operations Command in Neapel, U.S. Admiral Samuel Locklear, nicht kommentieren wollte, ob die NATO Bodentruppen einetzen würde, legte aber nahe, dass “eine kleine Streitmacht” notwendig sein könnte, um den Rebellen zu helfen, wenn die Herrschat von Gaddafi erst einmal zusammenbreche.

Im Klartext bedeutet das, dass die NATO nach der Ermordung von Muammar Gaddafi erst einmal Besatzungstruppen nach Libyen schicken möchte. Ob der zuständige NATO-Kommandeur aus Geheimhaltungsgründen nichts genaueres sagen wollte, oder ob die NATO einfach keine genaueren Pläne hat, erfuhren die Leser nicht. Die britische Boulevard-Zeitung Daily Mirror behauptet nun, sie sei von einem hohen Verantwortungsträger im britischen Kriegsministerium über den Stand der Planungen für die Zeit nach der noch zu erreichenden Entmachtung von Muammar Gaddafi informiert worden.

Der Mirror berichtet dazu, der hochrangige Insider im Kriegsministerium fürchte, Großbritannien werde Bodentruppen nach Libyen schicken müssen, nachdem Muammar Gaddafi entmachtet oder umgebracht worden sei. Die Planungen für das Nachspiel des Konfliktes in Libyen sind der angeblich hochrangigen Quelle zufolge ein blutiger Mist und es könnte sein, dass dem britischen Regierungschef David Cameron um einen vollen Bürgerkrieg zu verhindern keine andere Option bleibe als Bodentruppen einzusetzen.

Damit würde David Cameron allerdings riskieren, einen Aufstand zu befeuern und arabische Staaten zu verärgern, die die Aktionen gegen Muammar Gaddafi bisher im Großen und Ganzen unterstützt haben. Der Top-Insider habe dazu gesagt, er falle immer auf die Knie und bete zu Gott, dass keine nächtliche Bombe Gaddafi treffe, denn was zum Teufel würden sie danach tun. David Cameron und seine Minister hätten es wiederholt ausgeschlossen, Bodentruppen nach Libyen zu schicken.

Aber die Vereinten Nationen hätten den Ministern gesagt, es würde drei Monate dauern, um Libyen wieder hoch und ins Laufen zu bekommen, wenn Muammar Gaddafi erst einmal weg sei. Die Regierung sage, Kräft aus aabischen Ländern sollten die Lücke füllen, aber unterschiedliche Länder unterstützten unterschiedliche Fraktionen der Aufständischen. Und es gebe “kein Anzeichen” dafür, dass die Aufständischen gewillt zur Zusammenarbeit mit Offiziellen gewillt seien, die unter Gaddafi gedient hätten und die die alliierten Kräfte gern behalten möchten.

Die hochrangige Quelle im Kriegsministerium glaube, David Cameron werde nicht umhin kommen, fü eine begrenzte Zeit Bodentruppen nach Libyen zu schicken. Der Mirror berichtete, der Mann habe gesagt, sie könnten es einfach müssen, was auch immer die internationale Reaktion sein würde, aber sie hätten es glasklar zu machen, dass es einen festen Zeitpan gebe, also zum Beispiel sechs Wochen. Und er habe hinzugefügt, wenn sie klar sagen würden, das Ziel sei es, ein Blutbad zu verhindern, dann werden die Leute sie fragen, warum sie dann ihre Sachen packen und nach Hause gehen.

Die Warnung kommt dem Mirror zufolge nachdem Minister der Koalition zugaben, dass nur eine Handvoll von britsichen Offiziellen Vollzeit an den Vorbereitungen für die Zeit nach Gaddafi arbeite. Das Entwicklungshilfeministerium habe zwölf Leute Vollzeit an den Plänen sitzen, aber weder das Außenministerium noch das Kriegsministerium hätten irgendjemand dafür abgestellt. Kriegsminister Liam Fox habe gerade behauptet, dass niemand in der Regierung gesagt habe, die Kampagne gegen Gaddafi würde “kurz und scharf” sein, aber letzte Woche hab er eingestanden, dass die Kosten inzwischen über 250 Millionen Pfund lägen, obwohl Finanzminister George Osborne zu Beginn nur “Zigmillionen” vorausgesagt habe.

Eine “kleine Streitmacht”, die “zum Beispiel sechs Wochen” in Libyen bleibt, das hört sich zwar wieder einmal nach gebrochenen Versprechen an, aber nichts, was wirklich arg schlimm ist. Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man in die Betrachtung mit einbezieht, wie viele Anhänger Muammar Gaddafi hat, und dass an praktisch alle Waffen ausgegeben wurden. Stephen Morgan, Ex-Mitglied des Politbüros der britischen Labour-Partei, hat gerade geschätzt, dass die zu Muammar Gaddafi loyale libysche Regierung noch etwa 3,5 Mio Menschen oder zwei Drittel der libyschen Bevölkerung regiert und davon vielleicht noch 30% loyal zu Muammar Gaddafi stehen.

Selbst wenn man diese niedrige Schätzung glaubt, obwohl angesichts der kürzlich abhaltenen riesigen Demonstration für Muammar Gaddafi in Tripolis vieles dafü spricht, dass die Unterstützug viel größer ist, so ergeben sich selbst daraus nach Adam Riese schon beachtliche Zahlen von bewaffneten Gegnern einer möglichen “kleinen Streimacht”, die für “zum Beispiel sechs Wochen” in Libyen bleiben soll. 30% von 3,5 Mio sind 1,05 Mio Menschen, und wenn davon Männer und Frauen im wehrfähigen Alter bewaffnet sind, dann könnte sich die “kleine Streimacht” der NATO durchaus 500.000 bewaffneten Anhängern von Muammar Gaddafi gegenüber stehen. Der Gedanke, dass die Anhänger Muammar Gaddafis nach der Ermordung des geliebten Bruders die Waffen niederlegen, dürfte abwegig sein, im Gegenteil, sollten NATO-Staaten die Besatzungstruppen wie geplant nach der Ermordung von Muammar Gaddafi nach Libyen schicken, werden von den Anhängern Muammar Gaddafis sicherlich viele nicht gut auf die Besatzer zu sprechen sein.

Es mag sich jeder selbst ausrechnen, wie viele Besatzugssoldaten es braucht, um 500.000 wütende und bewaffnete Männer und Frauen in Schach zu halten, die entschlossen sind, zu Hause ihre Heimat gegen Invasoren zu verteidigen. Um in die richtige Größenordnung zu kommen, mag die Information hilfreich sein, dass es der NATO in zehn Jahren Krieg mit derzeit deutlich mehr als 200.000 Besatzungssoldaten und Söldnern nicht gelungen ist, den entschlossenen Widerstand von 10.000 bis 50.000 bewaffneten Aufständischen in Afghanistan zu brechen. Um in Libyen herrschen und wie in Afghanistan eine Marionettenregierung installieren zu können, müsste die “kleine Streitmacht” vermutlich Hunderttausende von Soldaten umfassen. Die Idee, dass dieser Kampf gegen die einheimische Bevölkerung dann in sechs Wochen gewonnen ist, ist pures Wunschdenken.

Die Lage in Libyen erinnert sehr an die Lage 2003 im Irak. Der Krieg gegen den Irak sollte nur wenige Wochen dauern. Doch waren dort die führenden Staaten der NATO zwar innerhalb von wenigen Wochen und Monaten in der Lage, die Regierung zu stürzen und Staatschef Saddam Hussein zu ermorden, doch dann fing der Krieg für die Sieger erst richtig an. Trotz über acht Jahren Krieg mit heftigen Verlusten bei allen Kriegsparteien und unter der Zivilbevölkerung sowie über 800 Mrd US-Dollar direkten Kriegsausgaben durch die USA werden die Besatzer zum Ende dieses Jahres da nun wohl endgültig geschlagen und mit leeren Händen abziehen. Die USA haben im Irak nichts erreicht, außer Hass zu schüren, der sich in erster Linie gegen sie selbst richtet.

Ein markantes Kennzeichen des desaströsen Krieges gegen den Irak war, dass die Invasoren praktisch keine Planung hatten, was sie mit dem Irak machen, nachdem sie die regierung gestürzt hatten. Nach allem, was derzeit bekannt ist, sieht es so aus, als sei das nun in Libyen auch wieder der Fall. Die angreifenden Staaten haben keine Ahnung, was sie tun wollen, wenn es ihnen gelungen ist, die libysche Regierung zu stürzen.

12 Antworten auf “Sie wissen nicht was sie tun”

  1. Norbert Sagt:

    Hallo und guten Morgen,

    ein guter Bericht. Bedeutet für mich die Menschen in den Regierungen sind nicht klüger als der Durchschnitt.
    Wenn Aldi keine Milch mehr verkauft, klauen wir dem Bauern eine Kuh. Wir wissen zwar nicht wie sie gemolken wird, aber wir besitzen schon mal die Kuh. Nach wenigen Tagen ist das arme Tier tot. Ach ja füttern, haben wir auch vergessen.

    Gruß aus Baden


  2. Herzlichen Dank für den guten Artikel.

    Sie wissen nicht, was sie tun. Sie wissen auch nicht, wer sie sind: erbärmliche, fehlentwickelte, lächerliche, triebgesteuerte Fehlentwicklungen ihrer Spezies. Allesamt ohne Ausnahme sind sie krank und verfault bis in die letzte Wurzelzelle.

    Und wir stehen zum soundsovielten Male davor und konnten sie nicht aufhalten.
    Ich will hier keineswegs rosa Wölkchen malen, aber die Libyer haben eine spirituelle Energie auf ihrer Seite, die schon sehr aussergewöhnlich ist und zu starker Hoffnung Anlass gibt.

    Ich habe da mal eine Frage: in aller Herrgottsfrühe las ich bei mathaba einen Artikel über die Demo am Alexanderplatz vom vorletzten Samstag und (mein oft nicht messbarer Blutdruck fand es gut) erfuhr, daß die grüne Flagge am People-Office der Libyer gegen die Terror-Fahne der ehemaligen korrupten Senussi-Diktatur ausgetauscht worden ist. Kann mir das bitte jemand erklären????????????????????????????????????
    Wie ist das möglich ?????????????????????????????????
    Mit welchem Recht bitte? Weil einige korrupte Länder den Terroristen-Rat “anerkannt” haben? Das nehm ich doch nicht für voll.

    Herzliche Grüsse an alle .


    • habe eben bei bild.de einen ratlosen polizeiwagen gefunden.
      die fahne soll seit dem 26.06. dort hängen. keiner weiss was.
      Wo ist el Barraq? was soll das? Das ist ja wohl das letzte..


  3. [...] Sie werden zu Unterdrückern im Auftrag imperialistischer Intressen. Verräter an Libyen. Was für eine Freiheit soll ihr Freedommm sein? [...]

  4. lupo Sagt:

    Geiselhaft, von 2 Schweizer Geschäftsleute, vor 2 Jahren, dürfte wohl der Schlüssel zu den heutigen Problemen sein. Damit hat Gaffafi, eines der übelsten Verbrechen begangen und ist dafür verantwortlich.


    • Seh ich völlig anders. das hat keinen zusammenhang.

      Aber eines der übelsten Verbrechen an gleich dutzenden von menschen hat genau heute seinen 31. Jahrestag.
      Die USA wollten am 27.06.1980 mal wieder gaddafi umbringen. statt sein Flugzeug zu treffen, hat man eine passagiermaschine, in deren windschatten seine maschine flog, vom himmel geschossen.
      Das wurde später zur Affäre USTICA, in deren verlauf sämtliche zeugen auf höchst mysteriöse weise ums leben kamen.

      Eine rettung von eventuell überlebenden passagieren der dc30 hat erst gar nicht stattgefunden.

      Das nenne ich verbrechen an der menschlichkeit, nur leider sehe ich nicht, das die usa in schutt und asche gebombt werden.

  5. einparteibuch Sagt:

    @lupo
    Also mal abgesehen davon, ob das stimmt, dass Gaddafi für die vorübergehende Inhaftierung von zwei unschuldigen schweizer Geschäftsleuten in Libyen verantwortlich ist, so wäre die Rachereaktion der Ermordung von Muammar Gaddafi und mehreren Tausend weiteren Libyern unzweifelhaft als unverhältnismäßig mörderisch und deshalb verbrecherisch anzusehen.

    Aber wie dem auch sei, die NATO schaufelt sich in Libyen gerade ein Grab, locker in der Größenordnung wie die USA es sich im Irak geschaufelt haben. Um die NATO ist es nicht schade.

  6. Jörg Sagt:

    @lupo
    Kommen sie doch nicht mit so einer Propagandaschote! Diese beiden Personen hatten gegen die libyschen Aufenthaltsbestimmungen verstoßen. Sie durften sich im Lande Libyen frei bewegen, durften es aber nur nicht bis zur richterlichen Klärung nicht verlassen . Und “Geiseln” waren es auch nicht. So weit ich weiß, kennt das libysche Recht den Begriff “Geisel” sowenig wie das Deutsche.

    Lächerlich machen Sie sich, lupo, sich wenn sie ausführen: “Geiselhaft, von 2 Schweizer Geschäftsleute … Damit hat Gaddafi, eines der übelsten Verbrechen begangen und ist dafür verantwortlich”
    Die Verhaftung (die es in Libyen ja nicht gab, da nur Ausreiseverbot!) von schweizer Geschäftleuten ist nicht “eines der übelsten Verbrechen”, sonder im Gegenteil sehr löblich und sollte zum Standardrepertoire einer jeden demokratischen Justiz gehören. Dies würde unsere Welt deutlich bewohnbarer und glücklicher machen. WANN KOMMT DIESER ACKERMANN ENDLICH IN DEN KNAST??!!

    Zu dem Unrechts- und Skandalland SCHWEIZ – und insbesondere zu dem schweizer Verbrechen, begangen an Gaddafis Sohn und dessen hochschwangeren Frau – siehe hier: http://www.meinpolitikblog.de/2009/10/26/der-faule-schweizer-apfel.

    Dieses Verbrechen, bei dem die schwangere Frau durch den schwiezer Söldnerterror beinahe ihr Kind verloren hätte, verschweigen Sie, lupo, in unaufrichtiger Absicht einfach!
    Nach Ihrer Logik sollte man jetzt die Schweiz bombardieren. Ich wäre allemal dafür!!

  7. Jörg Sagt:

    @ lupo
    Schlußbemerkung: Die Wahrheit ist, daß nicht nur die Nato-Länder für das Massaker und das großen Leiden, das der libyschen Bevölkerung jetzt zugefügt, die Verantwortung trägt, sondern die SCHWEIZ ganz genauso. Denn die jeder Rechtstaatlichkeit Hohn sprechende Einkerkerung von Hannibal Gaddafi und insbesondere seiner hochschwangeren Frau, gehörte mit zur Vorbereitung des Massakers, das wir jetzt erleben.

  8. Jörg Sagt:

    Und welche SCHWEIZER FALSCHHEIT !!
    Auf http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Stell-dir-vor-es-ist-Krieg-und-keiner-will-zahlen/story/20672902
    Sehen wir ein Bild, das betextet wurde mit: “Schweizer Organisation räumt in Libyen auf
    Swiss Foundation for Mine Action räumt in Libyen gefährliches Kriegsmaterial zur Seite. Die Organisation handelt im Auftrag der USA.”

    Soso: Da werden Minenfelder, die die libysche Regierung anlegen mußte, um dem Einmarsch der Nato-Terroristen wenigstens etwas entgegenzustellen. Und die Schweiz beteiligt sich als Kriegspartei (“handelt im Auftrag der USA”) und vernichtet libysche Verteidigungsanlagen.
    Kein Ausländer hat zu diesem Zeitpunkt irgend etwas in Libyen verloren!

    Und dann dieses schweizerisch-verlogen Betexten mit: “Schweizer Organisation räumt in Libyen auf”. Ja, ja ‘aufräumen’ im Verständnis eines A. Hitler, würde ich mal sagen. Der sprach ja auch vom “aufräumen”. Eines A. Hitler, dem zumindest die Deutschschweizer sehr zugetan waren.


  9. [...] nun auch Waffenhilfe zum Führen des Angriffskrieges zugesagt, dessen einstweiliges Ziel aus der Ermordung des libyschen Revolutionsführers Muammar Gaddafi und anderer Bürger des souveränen Staates Libyen und der Verhinderung von freien Wahlen [...]


  10. [...] auch Waffenhilfe zum Führen des Angriffskrieges zugesagt, dessen einstweiliges Ziel aus der Ermordung des libyschen Revolutionsführers Muammar Gaddafi und anderer Bürger des souveränen Staates Libyen und der Verhinderung von freien Wahlen [...]

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